Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch

handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche

Übermittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich

später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments

entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A

bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu

wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm

wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das

gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan

das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem

etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine

Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen

Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie

in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt

gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe

nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen

Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn

anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter,

daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf

unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar

kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf

Jahren. Allein er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das

Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen

brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie

von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen

Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten

Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so

sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.

Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte

ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine

Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich

die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir

von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein

eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte,

an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb

zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich

eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich

gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem

Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt

war. Da ergab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn

auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile

der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück

in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein

neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern

entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte

ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio

begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was

von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich

zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“

aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als

Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde.

Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort,

indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher

Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles

still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen,

bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am

Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren

Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß ich

die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn

bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die

Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt,

Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen

in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet

wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.

Ein Fluchtversuch.

Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem

Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich

war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf

das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten

Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten

Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch

das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung

eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber

der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für

ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine

Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger

Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es

wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert,

wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im

Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte

die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel

des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen

Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam,

soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.

Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches

ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis

zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt[2], und in meiner

Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis

zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen

bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig

erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen,

so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus

der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine,

trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine

frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat,

die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen

Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach

dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher

Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien

alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber

mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren

und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn

er einmal seine Hörner abgelaufen hat.

Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen

Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den

weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde

er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in

tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen

ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:

N. N. möcht’ ich gar nicht heißen,

N. N. ist ein wüster Name,

N. N. hat sich küssen lassen

Von den Mädeln auf der Gassen.

Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte

sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich

die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen dumpfen Groll

zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich

mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis,

mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt

nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu

besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich

liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel,

vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes

der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem

Wintertage jedoch -- es war in meinem zehnten Jahre -- geschah

etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit

irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner

Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen

zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals,

zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt,

bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten

Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem

Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen

überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war

mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß bestäubt, und

nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß.

Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat,

als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen,

sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So

mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den

Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen

Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer,

daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über

den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu

vermeiden -- es gab deren genug ohne mein Zutun --, aber es wollte

mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich

war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit

umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch

noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen

Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater

anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen

Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben.

Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung

an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in

seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das

Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich

schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich

geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich

gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde

stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr

Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft.

Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen

mich versteifte.

Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war

vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa

meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf

seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn

ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben,

suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen.

Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen

Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in

inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten

die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo

sich alle gemeinsam gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner

Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des

Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein

Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging

ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor,

so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie

sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere

Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen

durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei

sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich

mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst

recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck

wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn

ringsum die gleiche Gesinnung hegen.

Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein

unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern.

Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen

Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle,

auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem

hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein empfangenes

Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte.

Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß

wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten

(der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder

Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare

Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide

besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von

Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen

Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte

und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien

uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt

zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen

und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An

einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem

siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann

wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll

schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die

kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich

fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel, und

der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück

von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen

das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es

aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo

wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten

flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten

Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon

oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich

ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann

dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir

waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein

warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine

große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte,

erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie

unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst,

sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert

sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf,

aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als

am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Vergessen war mit

einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen

weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die

Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der

Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die

Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir

machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten,

den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als

wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden

Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster

ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der

Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den

toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich,

denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht

werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie

wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar

war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und

auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich

dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings

regte sich aber der künftige Anatom in ihm, und er begann nun auch

zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden.

Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich

fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und

ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen,

wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen

harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus

und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend

im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar

nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders

seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber

ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich

nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem

Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche

Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein

umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich

den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein

Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster

so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte

Sebastiansweiler aber habe ich während meines ganzen Tübinger

Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte

der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor

meiner Seele steht.

[2] Florentinische Erinnerungen

Von Ihr.

Nachklänge des „tollen“ Jahres.

Das rote Album.

Bevor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene

Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf

ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig

aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden

könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein

Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre

Züge, so urpersönlich -- ein einziger zu stark gezogener Strich, eine

vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann

zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet,

muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es

auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für

das nur einmal Vorhandene keinen Platz in seiner Vorstellung. Es gab

Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als

ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und

keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten,

ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen.

Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit

mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie

sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der

an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die

vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger

Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die

Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine

ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden

konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten

beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage

bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen

Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war,

weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie

wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen und ihr

Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war,

denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen

Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften

„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß

keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein

Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher

Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien

ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und

Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang

nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848

mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu

treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt.

Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu

einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß

man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung

umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer

verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler

Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom

Ich, was doch der Natur des Trieblebens zu widersprechen scheint!

Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose

Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als

Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie

vergleichen könnte, so finde ich nur _eine_ Gestalt, die ihr ähnelt,

den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers

lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein

Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen

können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr

ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um

beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und

Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das

Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war

ihr in oft erschreckendem Maße eigen.

Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen

zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte,

Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins

Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen

eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn

das Schlachten der Tiere gehörte zu den Dingen, die ihr die schöne

Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur

von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung

befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf

Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit

hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es

gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren

todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte,

Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere

Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot

im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer

häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden

mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings

unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit

und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können;

waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie

rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum

als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom

Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit

widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein fuhr sie aus dem

Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf

dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre

Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich.

Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben

herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht

wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden.

Aus meinem Jugendland · 第 5 / 19 段