Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von

Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in

unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes

Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu

dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man

immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die

heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die

Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog

Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen

ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies

hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr

aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst

du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres

Hauses dafür.) -- Kannst du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? -- Sie

bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell

die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er

die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton

von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck

in die Bohnen fiel.

Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares

zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von

Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal

die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner

immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die

Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft

unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte.

Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen,

an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder

wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in

der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte

er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte

Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der

vierjährige Erwin fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine

Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen;

das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren

lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde

er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter

und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen

Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen

und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach

und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung,

daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was

sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir

älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren

markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch

schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter

ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus,

wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen

Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen

stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren

Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes

vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in

der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen

mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond

verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.

In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden

Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm

dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in

der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene

philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen

Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der

ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt.

Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den

Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten,

ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung

eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag

sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands.

Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um

Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in

die Betrachtung eines großen erhabenen Seins zu versenken. Natürlich

nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten,

nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht.

Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon

von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige

Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten

brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug

ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr

gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein

die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes

Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und

im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer

würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem

Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob

wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich

verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf

dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns

einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen

unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu

erzählen habe; unserer Josephine dürften wir nichts davon sagen,

weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur

Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber

mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte

einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen

Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und

der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug.

Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. -- Warum,

warum ließ er sich das alles gefallen? -- Geohrfeigt, gepeitscht! Ein

Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen

empörte sich unser Gefühl.

Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des

Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter

Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser

Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem

Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte,

geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte.

Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die

arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich

machen wollte. Sie schalt, wir schalten wieder, und es entspann sich

eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage

unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter

sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt

die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft

ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich

ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den

gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu

jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde

sie über das alles mit mir reden.

Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage

nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige

Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt

absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner

Zeitgenossen kennt. Aber _ein_ Gutes war doch dabei: daß mir später die

unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt

von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die

frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.

Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages

rückte die ländliche Jugend mit Stecken und Steinen bewaffnet vor

unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen

von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen

waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen.

Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen

aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die

Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür

vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel

Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein

Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit

einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer

los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe

kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die

gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit

Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus

zurück.

Tante Berta und die Schwabenstreiche.

In jenen Tagen gingen auch die guten Holden noch leibhaft auf

Erden. Ich meine jenes jetzt untergegangene Geschlecht freiwilliger

Helferinnen, das, als man von organisierter sozialer Arbeit noch nichts

wußte, mit seiner Fürsorge jeden kinderreichen Haushalt umschwebte.

Es waren einsame, vom Glück vergessene Frauen, die ihr Muttergefühl

antrieb, fremde Kinder zu betreuen und in der Anhänglichkeit an fremde

Familien Ersatz für die versagte eigene zu suchen. In Obereßlingen

saßen ihrer gleich mehrere beisammen. Sie kamen, wenn eine Krankheit im

Hause war, und pflegten; sie stellten sich bei der großen Monatwäsche

ein und machten, indem sie sich der Kinder annahmen, häusliche

Kräfte frei, sie halfen in den Weihnachtstagen beim Backen und beim

„Dockeln“ (Puppenkleidernähen). Die Welt wäre ein gut Teil unwohnlicher

gewesen ohne ihre Nähe. Sie begehrten und erhielten auch wie die

richtigen Feen keinen Dank, als daß sie das nächste Mal wiederkommen

durften. Wir nannten sie Tanten und verehrten durch ihre häufig etwas

fragwürdige Leiblichkeit hindurch die innere Feennatur.

Die edelste unter ihnen war die Besitzerin eines benachbarten

Kramlädchens, unsere geliebte „Tante Berta“, der ich schon in der

Lebensgeschichte meines Vaters ein kleines Gedächtnismal gesetzt

habe. Sie ist aus meinen Jugenderinnerungen schlechterdings nicht

wegzudenken. Wie oft kam sie und holte uns Kinder zu langen

Spaziergängen ab, um unsere getreue Josephine zu entlasten und meinem

von ihr still verehrten Vater ein paar Stunden völliger Ungestörtheit

zu verschaffen. Sie strickte von früh bis spät, im Stehen und Gehen,

denn jeden Abend mußte ein Paar Strümpfe fertig sein, womit sie ihren

ganzen Bekanntenkreis beglückte. Sie sprach ein gebildetes, aber stark

dialektisch gefärbtes Hochdeutsch, in dem sich viele altertümliche

Wörter und Wendungen umtrieben, deren ich verschiedene später mit

großem Vergnügen in Grimmelshausens Simplizissimus wiederfand. Für

Stecknadeln gebrauchte sie stets das schöne, ausdrucksvolle Wort

„Glufen“, das ich ihr zwar nicht nachsagte, weil es mir seltsam

veraltet und zugleich erniedrigt klang, das ich aber ungemein gerne

hörte. Ich dachte dabei immer an eine schöne altertümliche Fibula,

obwohl das Wort jede Art von Stecknadeln bezeichnete.

Auf unseren Spaziergängen erzählte uns Tante Berta uralte Geschichten

und Anekdoten, die von Geschlecht zu Geschlecht gingen und vielleicht

niemals aufgezeichnet worden sind. So von der Bauersfrau, die im

Sterben lag, aber gern noch abgewartet hätte, wie der „Gockeler“

(Turmhahn), der ausgebessert werden sollte, glücklich von dem hohen

Kirchturm heruntergebracht würde. Als es gar zu lange dauerte, faßte

sie sich in Ergebung und sagte nur noch: Deant mir’s au nom verbiada

(laßt mich’s hinüber wissen), wenn wieder ebber (jemand) stirbt,

wia’s vollends gangen ischt. Oder von dem Gastwirt, der seine in den

letzten Zügen liegende Frau pflegte, und als er durch das Klingeln

der Gäste abgerufen wurde, ihr gemütlich die Hand gab mit den Worten:

So, jetzt komm halt vollends gut ’nüber! Ferner von der Witwe des

Musikanten, die der Leiche ihres Gatten folgte und plötzlich unter dem

Wirtshaus, das der Schauplatz seiner künstlerischen Leistungen gewesen,

in den lauten Klagegesang ausbrach: O, wie oft hast du da drinnen:

Dideldum, dideldum, dideldum! (Dabei ging der Gesang in die Gebärde des

Fiedelstreichens und Hüpfens über.)

In jener älteren Zeit, aus der ihre Geschichten stammten, scheint

im Schwabenvolk überhaupt noch ein Nachklang der alten Totenklage

erhalten gewesen zu sein, denn sie erzählte auch von einer Mutter,

die ihrem Sohne ins Grab die fast homerische Klage nachrief: O du mei

liebs Knechtle (für Kind), du Zuckerstengel, du siebenhemmeticher (der

sieben Hemden besitzt), drei hosch g’het und viere hätt i dir no mache

lau. Mit Vorliebe spielten ihre Geschichten auf dem Gottesacker, und

sie liebte es, ihnen, auch wenn sie noch so schnurrig waren, etwas

Schauriges beizumischen. Außerdem wußte sie aber auch eine Reihe

richtiger Schwabenstreiche, von denen ich hier einige möglichst mit

ihren Worten dingfest machen will, weil sie mir nirgends noch gedruckt

begegnet sind:

Wie’s gemacht wird.

Herzog Karl von Württemberg war ein großer Jagdfreund, wie auch in

„Schillers Heimatjahren“ zu lesen ist, und das Landvolk litt unter

seiner Regierung schwer vom Wildschaden, gegen den es sich nicht

wehren durfte, denn es war streng verboten, Wild abzuschießen. Ein

Bäuerlein aber, dem wiederholt seine Rüben- und Krautäcker abgefressen

wurden, wußte sich zu helfen und legte in seinem Hof eine Hasenfalle

an, die so kunstreich mit einer Glockenschnur verbunden war, daß, so

oft einer vom Geschlecht Lampe sich fing, die Glocke von selbst das

Zeichen gab. Dann ging das Bäuerlein hinaus und holte sich einen fetten

Braten für die Küche. Der Mann aber hatte Feinde, und die verrieten dem

Revierförster seine schöne Einrichtung.

Begibt sich der Revierförster zu dem Übeltäter: Hanspeter, ich habe

gehört, daß du dir eine Hasenfalle angelegt hast. -- Jawohl, Herr

Revierförster, antwortet der Bauer treuherzig. -- Ja, weißt du nicht,

daß du einen Diebstahl an unserem Herrn Herzog begehst und daß du

in Strafe verfallen bist? -- Ha, sell wär’! sagt der Hanspeter und

versichert, daß er von keiner einschlägigen Verordnung wisse. Das

scheint dem Förster sehr unglaubhaft und er setzt dem Erstaunten

auseinander, daß Unkenntnis des Gesetzes auch gar nicht vor Strafe

schütze. Während sie noch reden, klingelt es vom Hofe her und beide

schauen auf.

Hören Sie’s, Herr Revierförster? sagt der Hanspeter mit seinem

dummschlausten Gesicht. Da sitzt schon wieder einer und zeigt sich

an. Jetzt kommen Sie nur mit, dann sehen Sie gleich selber, wie’s

gemacht wird. Der Förster lacht sich ins Fäustchen, daß er nun beide

zugleich in der Falle hat, den Hasen und den Bauern. Er folgt dem

Mann in den Hof, verwundert über ein solches Maß von Dummheit. Dort

zieht der Bauer Herrn Lampe bei den Löffeln aus der Falle, hält ihn

vor sich und überschüttet ihn mit Schimpfreden: Meinst du, ich pflanz’

meine Krautköpf’ und meine Rüben für dich, du elender S..hund! Wart,

ich will dir Respekt einbläuen, daß du das Wiederkommen vergißt! Dies

sagend, gerbt er dem Hasen das Fell, schüttelt ihn dann noch einmal an

den Löffeln und sagt: So, jetzt lauf heim, sag’s dei’m Weib und deiner

Freundschaft, was es da zu schmarotzen gibt. Damit läßt er ihn los, und

mit einem Sprung ist der Hase verschwunden.

Sehen Sie, Herr Revierförster, sagt jetzt der Hanspeter profitlich, so

wirds gemacht. Der kommt nimmer und er sagt’s auch den andern. Und der

Herr Revierförster mußte mit langer Nase abziehen.

Herzog Ulrichs Löffel.

Ein andermal führte sie uns noch tiefer in Württembergs Vergangenheit

zurück.

Als der vertriebene Herzog Ulrich flüchtig und unerkannt sein Land

durchirrte, hielt er sich eine Zeitlang in der Nähe seiner guten

Stadt Tübingen auf. Dort geriet er einmal um die Mittagszeit in einen

Weinberg, wo eben ein Tübinger Wingerter (Weingärtner) mit seinen

Leuten sich eine Schüssel voll Erbsenbrei schmecken ließ. Der Herr, der

sehr hungrig war, trat bescheiden hinzu und grüßte den Mann in gutem

Gôgendeutsch (Gôg, Spitzname der Tübinger Weingärtner). Der gab ihm

den Gruß zurück und fragte leutselig: Witt mithalten?, was der Herzog

dankend annahm. Na, so lang zu. -- Aber der Herzog sah sich fragend um:

die beiden hatten Löffel, er hatte keinen. Da lacht ihn der Weingärtner

aus, daß er nicht weiß, wie man einen Löffel macht, und sagt: Wart, i

mach d’r ein! Schneidet also das „Knäusle“ (Anschnitt) vom Brotlaib ab,

höhlt es aus und gibt’s dem Herzog: So, dô hoscht en Löffel. Der Herzog

taucht den Löffel, der gut ausgibt, in die gemeinsame Schüssel und

sättigt sich, ißt danach auch den Löffel auf. Währenddessen fragt und

erfährt er allerlei, unter anderem auch den Namen seines Gastgebers und

daß er z’ Dibenga (Tübingen) in der Froschgass’ wohnt.

Als nun später Ulrich in seine Herrschaft wieder eingesetzt war, da

geschah es eines Abends, als er sich zu Tische begab, daß ihm der

Löffel fehlte. Was der Mundschenk für einen Rüffel bekam, weiß ich

nicht. Aber dem Herzog fiel plötzlich jener lange vergessene Mittag

in dem Weinberg bei Tübingen ein, wo ihm gleichfalls der Löffel

gefehlt hatte, und zugleich auch wieder Name und Wohnung des braven

Weingärtners. Und er schickte des andern Tags einen Boten nach Tübingen

in die Froschgass’ mit dem Befehl, ihm den Mann herzubringen, wie er

stehe und gehe. Als der fürstliche Wagen in der schmutzigen Froschgasse

erschien, gab es dort einen mächtigen Schrecken, und die Frau des

Weingärtners, als sie hörte, ihr Mann müsse zum Herzog, unverzüglich,

wie er stehe und gehe, da rang sie die Hände und jammerte: O Ma’, was

hoscht du don? Zum Herzich muescht -- ’s gôht um dein Kopf.

Der Mann beteuerte, daß er von gar nichts wisse, und bat, man möchte

ihm wenigstens Zeit lassen, daß er sein besseres Häs (Gewand) anziehe,

aber er wurde ohne weiteres in den Wagen gesetzt und rollte in heißer

Angst gen Stuttgart. Dort führte man ihn gleich vor den Herzog, der an

der Tafel saß und der ihn auf dem leeren Stuhl an seiner Seite Platz

nehmen und zugreifen hieß. Jener zauderte: alle waren mit Löffeln

versehen, nur er nicht. Warum ißt du nicht? fragte der Herzog streng.

Der Mann bekannte, was ihm fehlte.

Weißt du nicht, wie man einen Löffel macht? herrschte der Herzog den

Erschrockenen an und machte dazu ganz besondere Augen. So will ich

dir’s zeigen.

Bricht das Knäuschen vom Brot, höhlt es aus und reicht’s ihm: So, jetzt

lang zu und iß.

Der Mann konnte nichts sagen als: Oh, Herr Herzich, send Ihr’s g’wä?

Er wurde fürstlich mit Speise und Trank bewirtet und dann in Gnaden zu

seiner Frau entlassen, nachdem der Herzog zuvor noch ihm und seinen

Nachkommen Steuerfreiheit zugesagt hatte für alle Zeiten.

*

Unerschöpflichen Stoff boten ihr die schwäbischen Landpfarrer, unter

denen damals noch die Sonderlinge in Menge gediehen. Einem, der ein

grundgelehrter Theologe und ein stiller Weiser, dabei aber sehr

unpraktisch war, wurde jede Nacht von seinen selbstgezogenen Gurken

und Rettichen im Pfarrgarten gestohlen. Er fragte einen Kollegen, was

er an seiner Stelle tun würde. Entweder die Diebe verklagen oder eine

Falle aufstellen, meinte dieser. Der Pfarrer antwortete nach einigem

Besinnen: Ich will sie lieber mit geistigen Waffen schlagen. Und er

legte ein Blättchen zu den Gurken ins Beet:

Wer Rettich stiehlt und Gurken,

Den rechn’ ich zu den Schurken.

Weil seine Frau ihn jedoch erinnerte, daß die Diebstähle des Nachts

stattfänden und das Blättchen somit seinen Zweck verfehlen müßte,

stellte der treffliche Mann im Vertrauen auf die Macht der Dichtkunst

eine Laterne dazu, die hernach den Dieben das Geschäft erleichterte.

Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch

Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe

zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in

Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe

ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann

erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das

Zauberrad -- es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit

sich führen -- in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb

laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit

beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen

wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er

oben -- nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab,

bis er im Tälchen war. -- Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen

Steg hat -- das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu

treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. -- Jetzt ist er

schon in der Stadt -- eben kommt er die Straße heruntergerannt -- da

ist er am Haus! -- Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen

stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und

brachte den außen abgeworfenen Gegenstand.

Umzug nach Kirchheim.

In unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen

unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen

Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes

und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir

Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem

etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen

Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen

hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig

oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden

war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des

Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer,

der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten

Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung

vom Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese

Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war

verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten

auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta

und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten.

Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob

er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter

irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten

Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der

düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine

Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte

wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen

hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger

Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in

dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche

Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar

äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte

heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur

ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und

auch die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich

mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten

tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal

ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem

langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat,

der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein

seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute

gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich

zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.

Aus meinem Jugendland · 第 2 / 19 段