Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen,

insbesondere Dialektausdrücke, wurden nicht verändert. Passagen in

Kursivschrift wurden mit _Unterstrichen_ hervorgehoben.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.

####################################################################

[Illustration]

AUS MEINEM JUGENDLAND

AUS

MEINEM JUGENDLAND

ISOLDE KURZ

Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins)

Tübingen

Printed in Germany. Druck von H. Laupp jr in Tübingen.

Copyright 1918 by Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart

Dem Lebensfreund

und Teilhaber meiner Jugenderinnerungen

Ernst von Mohl

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort. 7

Lebensmorgen. 9

Tante Berta und die Schwabenstreiche. 51

Umzug nach Kirchheim. 62

Das alte Tübingen. 74

Die Heidenkinder. 96

Ein Fluchtversuch. 107

Von Ihr. Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album. 119

1866. 147

Die Geburt der Tragödie. 157

Vorfrühling. 173

Ein Nothelfer. Russische Freunde. 200

Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien. 228

1870. 245

Rigi Regina. 256

Besuch in Frankreich. 268

Bedrängnisse. 287

Der Brand und die Flamme. Hat der Mann ein Seelenleben? 302

Der 10. Oktober. 311

Wieder bei den Griechen. 326

Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte. 336

München. 351

Letzte Tage in der Heimat. 375

Vorwort.

Das vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und

Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu

den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder

meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der

Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal

die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge

vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt

sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses

gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht,

sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist,

aneinanderknüpft.

Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe,

kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg

gekreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die

Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß

auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von

der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt,

wo unsere Lebenswege sich schneiden.

Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes

und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und

kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen

alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild

durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen,

seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand

blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen

kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder

aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung

auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe

der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt

ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden.

Isolde Kurz.

Lebensmorgen.

Es hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen

nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die

ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen

umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung,

in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck

zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht

Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt

als mit uns im Gegensatz befindlich geben.

Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste

Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat

eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes

Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich

hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich

schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung

war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad

war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang

war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der

Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es

müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen

sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins

hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein

auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens

herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen -- die

Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen -- und ich setzte

durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie

trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien

und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie

war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein

Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte

auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad

Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten.

Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war,

mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich

einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes

Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und

hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört

hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen,

daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und

sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar

einer der Schwarzen -- es war, wie ich später erfuhr, der Vater des

Mädchens -- sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im

ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter

straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir

das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut

verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im

ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst

sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber

wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich

nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein

wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem

meine größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon

entwickelterer Verstand.

Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in

den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker

ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere

Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte

mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der

sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen

Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In

einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief

sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich

immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses

starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes

Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne,

wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte

sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe

für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein

fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub,

während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause

führte, wo erst der lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir

den Frieden wiedergab.

Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige

Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie

mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in

einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit

Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes

Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines

Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man

ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr

schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele

kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu

befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein

Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen

verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende,

daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der

Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren

Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele

reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will

noch mehr.

In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem

Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte

und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es

verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle

tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen

Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue

Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so

zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte

während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen,

mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte

er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir

waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama,

die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und

andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also

politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte

ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt

gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der

abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen

durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte mit

mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang

entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er

den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für

einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und

in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes

und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder

geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch

wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß

ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere,

die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den

Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt,

der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine

Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges

Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt

den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den

Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen

die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu

erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das

Ding benamsen, da mir das widerwärtige Wort, das ich ganz leicht

hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete

also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte

„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen

Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar

giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man

mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte

Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt,

um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich

besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? -- Es war rund

und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun

endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das

war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun.

Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die

Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen

Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich

seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie

vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste

Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.

Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine

Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil

meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum

noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten

war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er

war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und

fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen

Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und

Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das

ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie

bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der

Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich

auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen

einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt.

Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich

immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so

oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen

Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen

war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen.

Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur,

aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen.

Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen

in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige

Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen

große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe

geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit

Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem

Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir

natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im

Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete,

da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran

ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht

entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den

Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb

sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt

hatten.

Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon

nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes

Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings

hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur

Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in

die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ

mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben

und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem

vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche

Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“,

die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und

verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches

Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor,

daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen

zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“

nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die

mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist

auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die

vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.

Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in

unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie

sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die

unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie

ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur

von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein

allmählich zum Menschen ward.

Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe -- o daß

sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken.

Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug

einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei

auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war,

wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste

Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen

Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit

mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb

eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte

ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen

durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch

Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal

durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen.

Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie

vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund

schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches

Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als

ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten,

entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen

Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn

das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte,

erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die

um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein

Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem

größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren

eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das

Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so

zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem

Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er

nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich

mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern

hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger

Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich

hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle

Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir

geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht

die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn

daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit

zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung

verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß

inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des

Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig,

um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der

ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf

Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft,

wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher

Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur

Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch

wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von

jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein

ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies,

kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe

erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.

Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit

Riesenschritten vor sich ging -- Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins,

die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber

zu --, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange

nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr

und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer

Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher

von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft

erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder

unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu

füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns

eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten

unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein,

von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu,

aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch.

sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war

ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß

wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in

diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.

Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das

Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es

war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um

unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch

beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch.

und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant

gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte

nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war

es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn

die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt,

wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd

in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich,

wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe

hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten

zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte,

war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen

und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben

meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren

auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell

einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig

beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich

diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das

ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos

gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die

Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III.

zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik

nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast

ebenso leichtgläubig. -- Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet

sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß

du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi

fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.

Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde

jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei

Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche.

Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein

zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging

auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort

war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich

wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur

geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei

verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt

waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch

unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war,

Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre

Dienste hinterlassen.

Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus

unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte -- auch die Furcht, eines

meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch

nichts wußte --, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen

wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen

Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen

Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine

Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem

Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich

jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie

gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich

aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche

Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in

festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht

im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der

Schornsteinfahrt zu überführen.

Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen

pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche

Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben

aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war

der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde

an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon

viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen

Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer

irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen

mußte -- vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht,

daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten --, das herrlichste

Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit

den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit

befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten

Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein

goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen

Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu

künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die

Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem

Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn

wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach?

Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte,

während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu

springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten!

-- Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des

Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen

Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten

seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So

herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der

Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie

jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem

Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.

An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister

mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll

Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur

nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände

ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen

dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte

Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit

goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und

was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit

vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind

aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. -- Wenn ich meine

seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus

jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst

ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel

über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen

war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches

Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte

dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die

dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah

anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und

seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel-

und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das

Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch

all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten,

mit denen ich in Beziehung trat.

Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir

zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt

erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten

mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir

bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr

aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an

diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit

des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald

zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der

Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein

erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt

kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im

Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst

keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen

Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche

Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend.

Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen

Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten

sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine

Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte,

sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze

Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete

ihm auch gerne meine Zeit.

Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich

zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in

Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel

eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten.

Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall

war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte

in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt.

Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten

Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz

nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht,

das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich

rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine

Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern

muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben!

-- Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor

mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben

auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern

hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns

noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit

nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte

oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß

ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare

Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen

Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im

unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den

Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.

In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich

sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer

vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen,

der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich

peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem

im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die

Leute auf den Kirchhof gingen. -- Was ist eine Leiche? fragte ich mit

Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang

mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch.

Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte

gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und

solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken

bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter:

Ist es wahr, daß Menschen sterben? -- Wer hat dir das gesagt? -- Die

Christine. -- Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten

hatte. -- Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange

nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die

Menschen sterben. -- Aber doch nicht alle, Mama? -- Ja, Kind, alle. --

Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war

aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. -- Aber doch du nicht,

Mama? -- Ich auch, Kind. Alle. -- Aber der Papa doch nicht? -- Auch der

Papa. -- Also vielleicht auch ich? -- Auch du, aber erst in langer,

langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. -- Und man kann gar nichts

dagegen tun? Es muß kommen? -- Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber

jetzt noch lange nicht.

Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach,

war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer

Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen

mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein

plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie

dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht

eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich

zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft

über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten

erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder

Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das

Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich

sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand

kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber --

dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen,

engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des

Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich

aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam,

Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde

trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor,

und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten

im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem -- es wird doch

einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber

eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich

Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von

Verwesung an.

Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir

die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und

überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste

Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin

gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem

Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und

Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die

Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen.

Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die

Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja

auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen

Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten,

damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.

Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu

stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug

vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu

geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt,

ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit

dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich

sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn

entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade

im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule

fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die

ich zuerst eine gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter

unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb.

Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren

leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische

ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese

Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie

sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr

natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und

verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht

und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins

Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge

des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der

Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten

sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen

beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:

Was man nicht deklinieren kann,

Das sieht man als ein Neutrum an, usw.

So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir

übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine

Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar gereimte

Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen

Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf

hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den

Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln

halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen

Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und

Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden,

an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln,

in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter

Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um

dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche

Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders

stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo

ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl.

In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein

beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder

eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und

wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen.

Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das

ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden

bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte

sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern

schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau,

daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war.

Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin

wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem

befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut

hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich

war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken,

in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen

kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.

In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen.

Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen

Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag

die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer

genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über

nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten

mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen

frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und

hoheitsvoll über den Hintergrund.

O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die

reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um

die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen.

Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den

Schillerschen Versen:

Windet zum Kranze die goldenen Ähren,

Flechtet auch blaue Zyanen hinein --

an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot

der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen

Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die

Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch

eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an.

Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die

Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor

allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger

Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt

bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht wie

„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig

geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich

noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches

Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es

nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein

unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete

mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte

nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen

labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem

mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte

ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis

hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als

sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in

die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen

Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor

allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis

seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine

so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise

mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöpfer, sondern nur ihr

Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir

aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig

lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände

gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich

blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit

allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber

übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen

gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir

die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose

Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen.

Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die

Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm

und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem

Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn

er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig

brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber

Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite

Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen; nach

einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende

Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem

Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die

unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie

nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken

konnte.

Aus meinem Jugendland · 第 1 / 19 段