Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit
dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt
hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so
unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke:
Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh,
es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich
siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht,
es hat einen abscheulichen Namen.
In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans
Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die
traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß
dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres
schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später
saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.
Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie
tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man
hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische
Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren
stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch
schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber
ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das
ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders!
Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die
Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht,
nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. --
Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir
entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach
Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im
Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als
ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu
grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen
bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die
Felsen des Karstes, hinab ...
Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt
sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen
sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine
andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf,
öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch,
und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.
Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«,
antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer
und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend
geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte
es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die
Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen
aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war
lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht?
Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein
Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher
See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub
darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als
wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.
Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher
See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der
Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt
er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend,
sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind
dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert
kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer
bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter.
Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden
Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das
ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht
draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen
Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn
einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose
Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer,
und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja.
Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von
Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen
hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter
aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch
zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. --
Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst
mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn
der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich
fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer
und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und
traurig sein könne.
Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt
von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen
Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und
noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn
das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und
Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt
es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen
zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der
Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament
hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten
bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten.
Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und
Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht
den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man
sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig
wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen
Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern
und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das
winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu
haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer
als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses
Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle
Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült?
-- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen!
In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen
den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde
hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne
Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein.
Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg
davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein,
ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne,
Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen
Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel,
wie wohl tut der Sturm!
Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb
tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in
Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem
Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend
auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in
sich zusammen und verschwanden.
Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht:
Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's
recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch
recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen,
bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist
Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches
Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut,
die Stürme sind mein Atem. --