IV.

Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit

dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt

hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so

unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke:

Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh,

es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich

siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht,

es hat einen abscheulichen Namen.

In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans

Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die

traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß

dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres

schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später

saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.

Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie

tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man

hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische

Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren

stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch

schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber

ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das

ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders!

Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die

Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht,

nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. --

Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir

entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach

Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im

Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als

ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu

grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen

bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die

Felsen des Karstes, hinab ...

Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt

sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen

sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine

andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf,

öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch,

und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.

Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«,

antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer

und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend

geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte

es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die

Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen

aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war

lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht?

Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein

Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher

See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub

darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als

wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.

Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher

See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der

Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt

er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend,

sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind

dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert

kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer

bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter.

Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden

Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das

ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht

draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen

Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn

einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose

Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer,

und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja.

Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von

Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen

hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter

aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch

zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. --

Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst

mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn

der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich

fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer

und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und

traurig sein könne.

Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt

von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen

Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und

noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn

das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und

Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt

es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.

An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen

zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der

Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament

hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten

bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten.

Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und

Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht

den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man

sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig

wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen

Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern

und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das

winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu

haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer

als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses

Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle

Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült?

-- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen!

In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen

den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde

hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne

Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein.

Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg

davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein,

ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne,

Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen

Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel,

wie wohl tut der Sturm!

Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb

tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in

Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem

Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend

auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in

sich zusammen und verschwanden.

Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht:

Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's

recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch

recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen,

bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist

Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches

Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut,

die Stürme sind mein Atem. --

Fremde Straßen · 第 55 / 89 题