Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes
Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem
immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu
meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.
Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue
salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere:
ich bade im Meer mein Herz.
Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B.
hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16--17 Graden Celsius, das
Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen
heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also
um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso
verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat
etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb
Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot
bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte
einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das
merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches
Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten
Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast
absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt,
als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer
unten herrscht absolute Finsternis.
Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der
Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend,
hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den
südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache
wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?
Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die
See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand-
und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit,
ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande.
Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel
gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen
Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der
simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde
Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem
Wasser geradezu in Berührung zu kommen -- weil seine Lippen einen
salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen
bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken
Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen
Salzkrusten überziehen.
Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den
Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus
dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob
solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber
auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel
von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was
existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen
Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die
Laien.
Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da
kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht.
Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf
einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast
vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte
kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren
heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.
Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem
Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn
glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die
Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger
die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land
ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und
Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es
mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die
eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte
immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine
gleichmäßigere ist als in den Tälern.
Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern
auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie
sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe
und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen
begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo
die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug
als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung
anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus,
doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines
Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames
Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen
sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und
Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung,
und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel.
Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die
Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne
gemacht.