V.

Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die

Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im

neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt.

Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr

Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es

geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann

die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen.

Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin

denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar

Menschen.

Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht

um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden

Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war

auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff.

Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist

noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten

und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.

Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer

wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich

hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden.

Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich

nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler

und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für

sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an

die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts

zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf

sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten,

ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach

Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die

nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler

aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu

sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht,

verletzt er sich daran zu Tode.

Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.

Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im

süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder

drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer

mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine

Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen

Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine

Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben

-- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher,

als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch

und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder

General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht

man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist

und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an

sich selbst zu erinnern.

Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein

Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der

Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit

(für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja

gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer

amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die

Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen

ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden

Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach

dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am

Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und

dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß

die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.

Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender

Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als

solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und

die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine

besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an

leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends

köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist

bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung

ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt

angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit.

-- Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über

Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut,

das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen

Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu

viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen

schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff

setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade

enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen

Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne

jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch.

Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des

Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das

hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit

seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er

sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber

gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien

der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des

Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus,

wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während

die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer

die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den

aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber

das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. --

Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man

sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr

Mode geworden sind.

Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin.

Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen

See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich

gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die

Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588

Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt

zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und

nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst,

soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird

geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein

gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche

Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden

brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite

zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein

steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd

an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann

geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt

die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes

rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den

Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung

ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze

versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni

ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den

lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre

Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.

Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte

gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die

Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen,

sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt

bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein

einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und

dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und

die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den

Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von

Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß

anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt,

ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen,

mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit

Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen.

Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der

fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen

Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden

hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen

Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin,

aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger,

in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen

stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher

Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse

herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht

aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten

Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in

solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!

Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den

Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit

hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein

paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das

herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll

italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt

und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife

sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger

kann man schon nicht mehr sein.

Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen

zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche

des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande,

St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso.

Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang

hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern?

Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen

Schneefeldern.

Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht

Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo

entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen

wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer

Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die

blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger

Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort

draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das

Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die

Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,

daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich

an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle

warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß

von oben bis unten. So -- nun gehe hin und erörtere es mit deinen

Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.

Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem

Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich

doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande

ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch.

Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen

auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund

ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe

hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am

Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -- das ist die große

wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar

eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze

von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun

mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu

verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien

nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um

etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten

nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch

Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber

von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine

Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne

sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber

leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den

Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das

galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk

wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das

Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur

Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute

rauben wollten, wurden verurteilt, die -- Schwiegermütter zu heiraten,

mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin

zu entführen. -- Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch

eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand

auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und

froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen

Strafgerichts.

Inhalt.

Fremde Straßen · 第 56 / 89 题