Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die
Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im
neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt.
Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr
Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es
geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann
die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen.
Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin
denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar
Menschen.
Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht
um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden
Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war
auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff.
Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist
noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten
und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer
wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich
hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden.
Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich
nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler
und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für
sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an
die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts
zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf
sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten,
ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach
Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die
nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler
aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu
sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht,
verletzt er sich daran zu Tode.
Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im
süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder
drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer
mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine
Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen
Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine
Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben
-- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher,
als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch
und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder
General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht
man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist
und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an
sich selbst zu erinnern.
Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein
Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der
Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit
(für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja
gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer
amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die
Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen
ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden
Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach
dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am
Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und
dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß
die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.
Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender
Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als
solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und
die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine
besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an
leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends
köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist
bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung
ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt
angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit.
-- Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über
Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut,
das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen
Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu
viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen
schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff
setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade
enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen
Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne
jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch.
Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des
Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das
hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit
seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er
sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber
gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien
der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des
Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus,
wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während
die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer
die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den
aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber
das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. --
Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man
sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr
Mode geworden sind.
Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin.
Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen
See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich
gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die
Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588
Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt
zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und
nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst,
soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird
geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein
gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche
Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden
brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite
zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein
steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd
an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann
geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt
die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes
rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den
Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung
ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze
versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni
ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den
lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre
Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.
Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte
gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die
Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen,
sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt
bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein
einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und
dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und
die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den
Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von
Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß
anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt,
ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen,
mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit
Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen.
Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der
fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen
Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden
hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen
Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin,
aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger,
in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen
stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher
Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse
herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht
aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten
Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in
solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!
Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den
Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit
hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein
paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das
herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll
italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt
und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife
sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger
kann man schon nicht mehr sein.
Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen
zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche
des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande,
St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso.
Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang
hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern?
Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen
Schneefeldern.
Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht
Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo
entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen
wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer
Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die
blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger
Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort
draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das
Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die
Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint,
daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich
an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle
warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß
von oben bis unten. So -- nun gehe hin und erörtere es mit deinen
Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.
Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem
Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich
doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande
ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch.
Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen
auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund
ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe
hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am
Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet -- das ist die große
wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar
eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze
von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun
mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu
verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien
nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um
etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten
nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch
Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber
von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine
Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne
sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber
leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den
Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das
galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk
wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das
Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur
Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute
rauben wollten, wurden verurteilt, die -- Schwiegermütter zu heiraten,
mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin
zu entführen. -- Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch
eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand
auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und
froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen
Strafgerichts.
Inhalt.