II.

Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels.

Wo liegt dieses Abbazia?

Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich

einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof

ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich

bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und --

Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus

den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf!

-- Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah!

Hesperien im Morgensonnenschein!

Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station

Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge

ab und unten liegt blauend das Meer.

Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem

Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten

bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande

entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See.

Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und

spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten

Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons

versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen,

frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre

Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und

Palmenhaine an der Küste.

Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit

Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger

zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit

jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der

Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke,

Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus

Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die

terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind.

So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer

Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie

für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher

davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach

einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als

bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man

wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt.

Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber

nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren

großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder

erfrischen wollen.

Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska.

Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt

an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den

Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren

geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße

nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der

Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich

steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden

Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden

mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum

für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von

Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem

entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs

die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem

ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände

und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten

sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze,

glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln

zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo

wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden

Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende

siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert

bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und

ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird,

dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter

Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie

die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.

Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen.

Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein

Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa

zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht

einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie

grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber

eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend

bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig

emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und

ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am

sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen

Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder

hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte

Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen

Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von

höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von

den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten

Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich

schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im

südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens

hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee

gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die

Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!

Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte,

kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise

anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden,

daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts

nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.

Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den

nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen

muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in

einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen

Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er

dort Christfest halten.

Fremde Straßen · 第 53 / 89 题