Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels.
Wo liegt dieses Abbazia?
Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich
einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof
ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich
bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und --
Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus
den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf!
-- Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah!
Hesperien im Morgensonnenschein!
Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station
Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge
ab und unten liegt blauend das Meer.
Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem
Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten
bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande
entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See.
Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und
spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten
Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons
versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen,
frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre
Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und
Palmenhaine an der Küste.
Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit
Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger
zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit
jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der
Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke,
Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus
Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die
terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind.
So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer
Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie
für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher
davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach
einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als
bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man
wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt.
Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber
nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren
großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder
erfrischen wollen.
Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska.
Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt
an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den
Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren
geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße
nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der
Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich
steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden
Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden
mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum
für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von
Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem
entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs
die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem
ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände
und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten
sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze,
glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln
zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo
wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden
Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende
siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert
bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und
ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird,
dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter
Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie
die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.
Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen.
Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein
Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa
zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht
einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie
grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber
eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend
bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig
emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und
ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am
sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen
Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder
hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte
Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen
Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von
höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von
den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten
Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich
schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im
südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens
hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee
gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die
Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!
Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte,
kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise
anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden,
daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts
nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.
Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den
nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen
muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in
einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen
Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er
dort Christfest halten.