Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem
ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein
Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines
Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie
wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen,
bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem
Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich
hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und
dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom.
-- Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren,
brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub
zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel
zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in
kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über
schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern
zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken
fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger
wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen
Größe.
Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren
sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See
das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche
Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der
Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.
Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich
hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder
und Büßer gewesen -- als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das
adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig
enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu
welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung
gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten,
düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben,
eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der
Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich
kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das
hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz,
dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale
sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage
und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und
ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu
wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die
Götter oder macht ihnen Spaß, und +freiwillig+ gibt die See das Schiff
zurück.
Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in
Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der
Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint.
Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja
in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert
sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des
Glockners, ich zur Küste von Miramare.
Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von
den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene
mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast
wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir
gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen
herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen,
kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen
entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine
geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen
Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit
erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und
den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen
Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe
in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche.
In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer
Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise
die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden
und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der
Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter
in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer
Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran,
den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche
Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die
Zähmung der Bora.
Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die
Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage.
Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich
die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren
auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt
plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort
und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe
ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können.
Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in
bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten
Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende.
Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig
lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen,
der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine
Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge
-- die Träne am Meere.
Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf
am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch
hinausschaut auf das Meer. -- Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der
gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm
niedersinkt in die Flut. --
Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet,
liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest.
Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast
erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit
ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor
ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will
die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme
hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald
müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen
Charakters betäubt sie. -- Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da
verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina
tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein
Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter
den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht
der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut,
ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den
Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird
er und hat eine graue Kruste -- vom Salz des Meeres. Das alles macht
der Landratte unendlich viel Spaß.
Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der
Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der
Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im
Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem
Meere löst sich auch der große, nationale auf -- das Herz weitet sich
kosmopolitisch, befreit sich.
Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der
an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen
einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere
herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam
und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde
vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen
in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.
Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete
mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt.
Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als
mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert
hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest
vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich
nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf
italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm
erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau
dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch
spricht! ... »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde
allgemein verständlich.
Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über
dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte.
Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen
Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr
zurück. -- Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde
einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. --
Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen
Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten
sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite
schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte
Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die
Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen
beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom
braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen
nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die
tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir
die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr
stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.
Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in
unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte.
Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie
eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und
fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen
frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf
dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da
unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die
unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches,
die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen
der Oberfläche den Neuling gefangen.
Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen
Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd
wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel
allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer
Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in
einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die
weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei
stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist
scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel.
Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte
Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige
Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe
Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung
ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche,
die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide
ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich
die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es
uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen
Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde
Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die
Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue
Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe
oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.
Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles
da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten,
von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder
untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts
von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen
tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit
millionenfach über die Meere -- sie müßten Jauche geworden sein. -- Das
Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche
Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist
auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker
dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.
Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es
bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung
darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein
helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie
sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte
matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch
erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser
glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am
Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen
hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist
schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser
Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man
der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits
an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da -- man könnte
meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde
Punkt verzuckt -- dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es
ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen
der Wellen ist ein Wiegen geworden. --
Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das
drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich
taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten
und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser
spiegelnden Laternen des Molo.
Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr possierlich nach
einem solchen Versunkensein in der großen Natur. Und noch possierlicher
ist es, daß man sich alsbald auch selber wieder hineinmischt, mit einer
Wichtigtuerei, als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen
Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem Kampf ums Dasein;
wenn das Dasein doch nur mehr solche Momente hätte, als ich erlebt da
draußen auf See in der sanften Gewalt Gottes.