Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld
solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens
fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der
Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?
Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der
Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo
den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch
Orientalisches.
Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles
möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen
die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders,
des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn
stets liebgehabt.
Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in
wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft
bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die
Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.
Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger
nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen
Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß,
daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe
zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich
war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein
Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im
Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein
Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor
Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich
von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt
hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion.
Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß
er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine
Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei,
daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht
habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge,
ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als
Großwesir die Majestät begleite! -- Wenn die orientalischen Fürsten
Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon
möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge
beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und
einer Nacht« ist alles möglich -- das Großwesirwerden so gut, wie das
Geköpftwerden.
Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was
blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich
hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes,
als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht
nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn
noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in
die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und
Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen
zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit
gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei
Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs
schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz,
dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen
Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das
Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der
mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine
Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung
war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb
mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb
das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis
führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit
der europäischen Kultur aus; man ist in Asien -- und das besagt alles.
Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das
Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf
Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern
gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten
eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen
Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's
überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.
Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst
rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen
zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter,
sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd -- anfangs machte es
mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft
kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender
Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten,
daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich
mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle
Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken
so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den
orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die
Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene
um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig
Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt.
Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck,
den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen-
und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken
zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige
Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen,
aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt.
Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß
bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere
Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des
Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal
vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische
Gesandtschaft.
Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder
die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich
mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo
nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch
nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut
steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung.
Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf
meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und
die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?«
Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am
Leben wäre er zwar noch ...
Ob Hoffnung vorhanden?
Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine
Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf
dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon
wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen
Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir
dann Mitteilungen. -- Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und
mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein
Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer
Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand
müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.
Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des
Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und
untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger
machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin
an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam
gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler
Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war
ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat
seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr,
als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes
mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht
aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar.
»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines
Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.
Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten.
»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung
begangen?«
»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei
gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt,
gegen die Tafeln des Kalifen. -- Hören Sie denn, wie es sich zugetragen
hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich
anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits
eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend
Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren
Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!«
Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in
feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in
Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre
heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der
Teufel --« er zuckte ab.
»Ich bitte Sie, meine Spannung!«
»... ~recte~ das Weib dazwischen gekommen wäre.«
»Ein Einbruch in den Harem?«
»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat weder eine Frau des
Schah noch die eines anderen Mannes auch nur mit einem Blick entweiht.
Der junge Meister aus der königlichen Münze war bescheiden genug;
der Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter den
Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen
gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts Schöneres auf Erden! Mit
ihrem Vater war sie erst vor kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die
Leutchen liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann auch
das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr auf, denn er starb
auf einer Handelsreise nach Armenien an der Pest. Nun waren die jungen
Leute sich selbst überlassen und wohnten in einem reizenden Häuschen
des europäischen Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; von
Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters eine Rotte
in sein Haus, warf ein Tuch über das Haupt des Mädchens, schleppte es
davon, um es auf öffentlichem Platze hinzurichten.«
»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn da?« rief ich
aufspringend aus.
»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des Kalifen: Wenn eine
Anhängerin der Rechtgläubigen -- des Mohammedanismus -- sich mit
einem Ungläubigen paart, so soll sie getötet werden. -- Dem ist aber
vorzubeugen, wenn der Mann sich zum Islam bekennt und sie zu seinem
rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische Konsulat griff sofort
ein. Ich begab mich zum trostlosen Münzmeister, um ihn zum formellen
Bekenntnisse des Islams zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der
Werkstätte. Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen
gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, der ihm den
Eintritt verwehren wollte, so heftig an die Marmorbrüstung, daß der
zusammenstürzte und für alle Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die
fanatische Menge nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der
Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut vergießt,
dessen Blut soll auch vergossen werden. -- Die Gesandtschaft machte
alle erdenklichen Anstrengungen, ihn zu retten: er selbst gab alle
Hoffnung auf, nur Muselman wollte er vor seinem Tod noch werden, um die
Braut zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen sagt:
Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, kann nimmer des Islams
sein.«
»Also beide verloren?«
»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften gewendet in
dieser Sache, allein die Tafel des Kalifen sagt: Der Islam steht über
allen Gesetzen. -- Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht.
In einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah -- Allah
segne ihn! -- bisweilen unterworfen ist, hat er seinen Münzmeister
begnadigt --«
»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.
»-- zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten im
Elbrusgebirge.«
Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen Trauer sagte.
Ich wußte noch nicht, was es heißt, zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien.
Keiner überdauert sie, es ist eine langsame Hinrichtung.
»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter fort, »fand der
Schah, der sich für den Fall persönlich interessierte, die Deutung
des Kalifen, nach welcher die Sünderin durch eine Wallfahrt nach der
heiligen Stadt Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist
aber nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen
ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine Strafe sofort
angetreten hatte.«
»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.
»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete der Konsul.
»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« rief ich, von meinem
Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht nach meinem unglücklichen
Verwandten verzehrte mich.
»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr mit blinzelnden
Augen. Da hatte ich genug.
»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«
»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, Ihre Liebe zum
Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. Unser neuer Großwesir ist
nicht so schlimm wie sein Name. Wäre er vor zwei Monaten schon in
seiner Würde gestanden, wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt.
Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie zu ihm.«
Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich auf; ich
fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes Rückgrat; es soll
sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton gilt. Mein Gastherr klingelte
seinem Burschen, einem flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt,
wir ritten zum Großwesir.
Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung in mir hinterlassen,
ich habe sicherlich nichts gesehen und nichts gehört, so erfüllt war
ich von dem Schicksale meines Anton und meiner Mission. An der Pforte
des Palastes sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch,
als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir gelangten in eine
dämmernde Halle mit schwarzen Wänden und schneeweißen Marmorsäulen. Das
ganze Licht dieses Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich
sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, waren
noch märchenhafter; aber mich entzückte keine Pracht, mich erschreckte
sie nur, es war ja doch nichts als das Hohnlachen des Despoten.
Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein wohliger, betäubender,
völlig fremdartiger Geruch. Mein Konsul legte mir die Hand auf die
Achsel: »Nur Fassung!«
»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.
»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? Wir sind im Orient!«
Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. Was jetzt geschah
-- man wird mir's nicht glauben können. -- Aus einem Nebengemach
schritt der Würdenträger, in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf
mich zu und fiel mir lachend um den Hals.
Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. -- War er's? War er's
selber? -- »Das -- das ist zu dumm!« schrie ich entrüstet über diese
beispiellose Riesenfopperei. -- Der Anton stand vor mir, mein Toni,
meines Vaters Bruders Sohn!
»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum Großwesir, daß ich
ihm danke auf den Knien.«
»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen Schritt zurück,
kreuzte die Arme über der Brust und stand in seinem reichen Gewande mit
vergoldetem Krummsäbel da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie
Scheherazades.
»Komödiant!« kreischte ich.
»W--a--a--s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht kürzen lasse!«
Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit schrecklich
gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«
Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. Die Überraschung
war den Herren zu gut gelungen. Bald darauf saß ich in einem der
innersten Gemächer ganz blöde da. Der Vetter war hinausgegangen,
der Konsul redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die
Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel des Kalifen,
wo es heißt:
Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du lügst, dann tue es so
dick, daß man dir nicht glaubt. -- »Was Sie da sehen, das +werden+ Sie
aber glauben,« fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von
dem Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, von seiner
Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist wahr. Erst vor wenigen
Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie am Elbrus zurückgekehrt
nach der Residenz, um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach
Österreich berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«
»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, »wenn ich nur
auch wüßte, wie der Mensch aus einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein --
ein so großes Tier wird.«
»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet dem Schah das
Leben. Der Schah macht nämlich mit mäßigem Gefolge einen Jagdausflug
ins Gebirge und wird in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen
Räubern überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt von einem
jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor und schlägt die Räuber
in die Flucht.«
»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das ist ein tolles Märchen!«
Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! -- Hören Sie weiter. Einige
Tage vor dem Ereignis im Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus
der persischen Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so
wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. Das ist dem Schah
nicht recht, er läßt den Herrn abtun und setzt an seine Stelle den
jungen Münzmeister.«
Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.
Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne Gewand hatte
er abgelegt. Doch sah er mit seinem an beiden Seiten niederhängenden
Schnurrbart, mit der breiten, maikäferbraunen Leibbinde, in der
scharlachroten Pumphose und den gelbseidenen Sandalen immer noch
türkisch genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische
Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja mit ihm reden.
»Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, »du bist nit bös, daß ich
den Spaß gemacht hab'. Für die ausgestandene Angst müssen wir doch auch
ein Pläsier haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin
erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, da kam wieder die
Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr nach der Frau seines Gastherrn
hat, der soll mit dem Tode bestraft werden.
»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann der nächste Zug nach
Europa abgeht? Den Karawanenzug meine ich.«
Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, und bald fand ich,
daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind und Gast des
Großwesirs von Persien zu sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt:
der war sehr leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern,
die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich besonders
nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus im Prater, und was die
Volkssänger Schrammeln machten. Dann schneuzte er sich mit den Fingern
und trippelte davon.
Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, die schöne
Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir auch die Fenster des Harems.
Diese waren sehr unzugänglich, und ich erwog, ob es den Herrn Vetter
arg verdrießen würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln
versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. In
Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's aber unterlassen.
Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward mir der persische
Boden endlich heiß unter den Füßen; mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und
einem krummen Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt
über das Befinden meines lieben Vetters Anton.
Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich daheim zu
besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser Briefwechsel blieb
ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark rauchen den feinsten
türkischen Tabak. Im Jahre 1887 hat er seinen Abschied genommen und
sich in Unteritalien bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im
vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen und zuverläßlich
auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, lehnte er ab und kam
wieder mit seiner verdammten Tafel des Kalifen.
Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön zum Beispiel ist der
Satz: Wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt.
Reisebilder aus jungen Jahren.
Die sächsische Schweiz.
1870.
Wenn es einmal Riesen gegeben hat, -- und daran zweifle ich nicht,
denn meine Großmutter hat es oft gesagt -- und wenn diese Riesen auch
geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische
Schweiz erklären.
Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land
an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das
Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus,
da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die
großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -- Wäret
ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und
wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen
und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und
legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und
Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit
Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten.
Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und
an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter
denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen
in die Unterwelt.
Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht,
wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die
Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit
ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses
Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für
sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der
Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine
ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den
Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht
unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb
nicht unzugänglich. -- Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu
schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand
der Riesen gebaut worden ist.
Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten
des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal
allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt
dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen
führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche
und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden
Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes -- -- nüchterner
und vernünftiger.
Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch
Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine
Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer,
schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem
Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon
längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten
Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost
und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande
gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich
zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und
aus denselben überall der kräftige Wald.
Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu
befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände,
so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner
Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine
Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die
normale Höhe.
Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh
aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte
gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen
angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen
hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme
hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang
haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und
Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen
kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und
Leben ist.
Und sie kommen.
Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche
und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; -- und solche, die
schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine
Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen
wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den
Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt
schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor
den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande
wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt
der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen,
reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der
zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf
meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht
zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den
Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt
zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall
sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler
begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich
als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch
entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie,
daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich
habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man
den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und
ziehen ihrer Wege.
Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe
geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus
deutschen Klassikern.
Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
Aus der heiligen Stadt.
1870.
In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von
fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts
des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes
liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die
Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist
ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht
man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine
goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort
ruhen Schiller und Goethe.
Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige
Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser
stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen
rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als
ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den
großen Männern, die seine Bürger waren.
Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer
betritt sie mit Ehrfurcht.
Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an
dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers
Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller
gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch
und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem
er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb.
Der Sessel steht auch noch am Tisch -- man meint, der Professor müsse
den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig
schreiben.
[1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius +Grosse+, der im
Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken
Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er
gestorben.«
Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee
trank, und mit dem Medizinfläschchen.
Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich
hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch,
diese Saiten mögen ruhen und trauern.
Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt
gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer
gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der
Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands
Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des
betreffenden Dichters bezeichnet.
Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt
worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden,
Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler
stehen.
Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der
goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs
Karl August von Weimar und seiner Freunde.
Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten
Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich
fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen,
aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
»Aus der Steiermark.«
Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja
schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen
Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der
Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und
führte mich in die Gruft.
Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit
Lorbeerkränzen geschmückt -- hier ruhen sie.
Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller
stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes
der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann
von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür
zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem
schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer
Dichter gewesen ist.
So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt
hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe,
verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
Am Abend -- dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar
funkelten in der untergehenden Sonne -- machte ich einen Spaziergang
durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn
ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.
Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.
1870.
Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch
Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal
aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser
umgürtet -- die zehnthronige Stadt Jaromars.
Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da
kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum
dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie
sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da
kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt
zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht
an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer
Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner
besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber
der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende
Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen,
Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht
von seiner blutigen Geschichte.
Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern
und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer
mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen
sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich
das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich
geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen)
fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht
über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg,
der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen
Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden
und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.
Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne
unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile
klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch
Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere,
gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte -- einsam wallende
Segelschiffe.
Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende
Bergen herüber.
Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. -- Rügen! du meer- und
lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur,
du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von
den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der
Naturforscher, du Waldesruh der Poeten -- ehrwürdige Warte im Norden:
sei mir gegrüßt!
»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster,
der mich auf den Turm begleitet hatte.
»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte
ich.
Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung,
über die ich lachte.
Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick
rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle,
möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging
er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort
Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung
lag über Land und Meer.
Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als
ich endlich an das Hinabsteigen dachte.
Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts.
Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen
fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt
hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte
es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen.
Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem
Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick
verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber
ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen
hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die
Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte
ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr
weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in
die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem
meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. -- Ich war
schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die
rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des
Turmes um Hilfe zu rufen.
Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich
auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt
und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht
weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt
und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere
Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch
die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall
undurchdringliche Finsternis.
Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein --
aber das Bild war ja so schön gewesen!
Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das
Weitere ja doch wohl finden.
Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer
mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen.
Aber ich war zu erregt. -- So hilflos und verlassen hier, hoch über den
Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. --
Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann
sich in dieser ~camera obscura~ das abendliche Bild der Aussicht von
oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland -- ich sah
Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -- ich
sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen
sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah
lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den
stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden,
und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg -- ich sah
mein geliebtes Alpenland. -- ... Da schwand das Traumbild und ich war
wach.
Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel
mir in die Augen.
Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten
Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen,
sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den
Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei.
Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen
abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe
gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber
zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke
vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und
wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.
Dort stand ich still und blickte rings um mich.
Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und
Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das
Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu
Stralsund.
Auf dem Rigi.
1870.
Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern
läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst
um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief,
nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, -- endlich
auf eigenen Füßen!
Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte
Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter
Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich
wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur
des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so
lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft
voll Harzduft, voll Waldesrauschen -- mein Element. Ich kam mir vor
wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See
entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen
stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt,
Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.
Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das
Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen
glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame
Segelschiffchen Poesie über den See -- mehr konnte ich nicht erkennen.
Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten,
grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten
Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.
Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der
dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand
auf Felswand -- hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen
Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern
kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.
Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein
milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.
Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den
Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?
Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er
nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. --
So stürze dich hinein! -- Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem
Herzen nagt. -- Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du
finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue,
daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich
von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.
Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer,
teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer
abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten
Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und
morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da
sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar
keine Herberge.
Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des
Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und
Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber
ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht
mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend,
wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden,
aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß
es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu
besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.
So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne.
Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen
Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam
ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war
fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb
stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das
Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu
deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«
»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten
sich um meinen Leib.
Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor
meinen Augen funkelte.
»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«
»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de
stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der
bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann
reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.
»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de
z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch
lang und chüel. Verstöhnt der mi?«
»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste
Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg
auf den Rigi so kurz als möglich machen.«
Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast
possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle
bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir
her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die
wir schritten, aufmerksam.
Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein
Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen,
aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.
Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der
Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß
es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?«
»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das
Männlein und rieb sich die Hände.
Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich
führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und
in welcher eine Petroleumlampe brannte.
»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich.
Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein
Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie
nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon
einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie
zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.«
Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube
stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür
gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und
dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.
Da setzte ich mich zum Tisch und aß.
Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der
Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen
herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der
anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.
»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen
Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen.
Ist das ein Fremdenführer?«
»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter
von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der
Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne
klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er
niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit
erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.«
»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und
Honig!«
»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein
Studiosus? -- Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der
Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß
morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel!
Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo;
hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie
heut' wohl gleich ins Bett gehe. -- Sepheli!« rief er hernach in ein
Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig?
Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!«
»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«.
»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!«
»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer
über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich
Ihnen eine ruhsame Nacht!«
»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus
seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht.
Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas
steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß
als in dieser Bauernstube.
»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der
Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der
Decke.
Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist,
wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines
Sonnaufganges wegen?
»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's
git e gueti Tag!«
Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. -- Ich
erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen
Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war
sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen
Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da
wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein
konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich
wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch
nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli:
»'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!«
»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen.
»Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den
deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!«
»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und
ging bergab.
Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.
Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem
Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach.
Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten
vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin.
Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich
blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch
Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die
Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern
lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.
Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi,
am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen
geleuchtet.
Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende
Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden;
das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt
im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als
Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem
Rigi finden!« --
Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem
sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für
fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein
kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge.
Aber welche Berge!
Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem
ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und
langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das
Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über
das ganze wunderbare Hochland!
Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in
der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser
unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. --
Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein
Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts.
Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr
sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar
einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein
Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei
Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges
Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen
zum gastlichen Hospiz.
Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen
Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees
liegt.
Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen
Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein
sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande
des Friedli.
-- Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!
Aus dem Ungarlande.
1871.
Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur
und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die
Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt
des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis
aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten
Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist
der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der
Magyaren.
Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein
großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um
eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag
über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne
niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so
innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont
hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten
Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.
Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta
und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße
ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu
denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier
ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich
wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und
Wagen.
Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der
Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf,
geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann.
Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt,
welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen -- die Sonne
soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen
des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen,
gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen
Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber
hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden
und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben -- man
kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse,
Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung
genießen.
Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein
Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der
Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals -- ich ging
aber bald zur Ruhe.
In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der
Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern
nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie
setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und
beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie
wieder -- im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man
will.
Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren
weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen
oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und
gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus
den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser.
Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den
bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine
bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und
die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.
Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren
Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch
nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das
Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert
Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links
standen üppige Buchen- und Eichenwälder; -- mein geliebter Baum, die
Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine
Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten
lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin,
und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland
der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen
der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein
mattgraues Band -- die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in
der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das
Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.
Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche,
die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch.
Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener
alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten
Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche
waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in
die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das
Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken
der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die
Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der
Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das
sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt,
denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll?
Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches
Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da
ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die
Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles
in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die
Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn
die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in
der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild
Gottes und doch kein Bild -- ein wahres Gotteshaus.
Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte
mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es
war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei;
und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und
diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen
Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute
Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit
den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht
in Ehren, sie wird gut gewesen sein.
Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich
die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen
folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert
waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und
verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen
Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen
sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann
die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann
erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun
saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und
sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der
Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus.
Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem
Opfertisch vorüber in das Freie.
Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in
der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit
den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie
entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich
säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der
gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch
schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht
werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen
Kalviner nicht zu nehmen.
Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen
Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes
ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben
Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig
eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel
von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar,
daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen
Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten,
daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich
in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben
Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine
weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag
von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn
doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur
stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen
Zeigefinger an die Büchse -- das gab noch immer einen schauerlichen
Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen,
der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend
des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte,
daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich
in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps
verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte
nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die
Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen
solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ
der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin -- ja sind denn
diese Bauern Ludersleute? -- fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen
Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und
Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.
Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den
Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem
Nachmittag geschehen.
Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß
in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann
und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück
durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das
Wasser steckte.
Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann
begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie
herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den
Nationaltanz.
An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur
zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf
seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu
hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das
Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel,
der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar
nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes
von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott,
wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute
der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern
verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der
Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein,
und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten
katholische Prügel.
An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es
gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die
Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender?
Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll
er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr
Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner
benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in
seinem Lied von der Glocke vergessen.
Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim.
Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht
hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es
fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas
aufgeregt.
Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an
der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es.
Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein,
und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen
Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein
Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen.
Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf
dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört
das zum kalvinischen Kult? -- Das muß ich doch sehen!
Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ
das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge
behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte.
Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein
Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein
kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche
Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch
nicht recht erbauen.
Zu Mailand auf dem Dome.
1872.
+Mailand!+
Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt.
Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai!
Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige,
klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand
die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen
Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen
Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen
mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und
das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden
erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und
aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das
Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die
reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend
schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur
Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.
Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen
Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt
des Nordens erblicken.
Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und
Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine
Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.
Der Dom von Mailand!
Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und
vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch
nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von
Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind
es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die
nordischen Bergzacken gemahnen.
So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut,
in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll -- ein Gebirge aus
Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen
Italien geziemt.
Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern --
er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen
worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in
Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele
Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des
Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem
Dome zu Mailand.
Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der
Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an
denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des
Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst
zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen
lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den
Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich,
schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im
Mondenscheine.
Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will
ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen -- dazu findet sich
gelegentlich sicher ein besserer Führer -- emporsteigen wollen wir zu
jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.
Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg.
Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen
hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich
aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet,
wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder
Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie
dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige
Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über
die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und
sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig
herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder
emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten
Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen
Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des
höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen,
um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und
dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre
Huldigung darzubringen.
Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und
sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die
Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder
empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu
fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf
dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten
des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes
Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen;
endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und
nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen
ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, -- und das
Kirchendach brach darob nicht zusammen.
Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer
Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze
von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den
Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem
schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu
entführen scheint.
Da liegt die große Stadt -- die höchsten Türme sind tief unten --
im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes
sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den
Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des
neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre
1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche
St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles«
von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die
Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt
hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die
südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem
ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.
Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den
wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im
fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm
nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig
nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis.
Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard
und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige
Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild,
durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen
kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau,
alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet
vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da
unten ausbreitet. -- Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der
Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne
emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die
östliche Aussicht verdecken.
Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie
das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste
Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen
flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt:
ein italischer Himmel.
Von der Kirche des heiligen Petrus.
1872.
Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd
ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin -- da
horchen sie alle auf.
Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei
Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in
denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese
Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer,
sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine
hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so
viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das
ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf -- weil die Säulen just mitten
auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche,
die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß
Roß und Wagen darauf kann fahren, -- und so lang, daß, steht an einem
Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen.
-- Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so
groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer
den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus
nach -- Rom kann sehen? -- nein, nach Jerusalem hinein kann schauen.
Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben
Hochzeitspaare können tanzen!
So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich
die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur
gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät'
führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße«
verstünden zu wandern -- sie würden ja so enttäuscht sein.
Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges
Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und
zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel -- wie wenig die Menschen im
Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr
widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio
gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs
neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird
der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender
Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just
wegen Raummangels gerauft werden müßte.
Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle,
schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann
nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst
eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu
beschützt von den Engeln«.
Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich
und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde -- auf der
Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da
sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen
die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und
mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem
eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein
Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. -- Dann die prächtigen
Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den
Platz umschließt -- die ganze Welt umschließen möchte.
Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit
und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau -- der größte
Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. -- Von der Kuppel sieht
man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau
herüberragen.
Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat
einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen
Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die
an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den
Säulen der Fassade -- zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein
paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich
schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei
Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste
Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des
romanischen Stiles -- alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel
prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe
der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster,
Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir
täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr
der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die
ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten
ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der
Bodenfläche herumglitten!
Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß
zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem
nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des
heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt
haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die
katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas,
das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi
und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien
werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt;
näher besehen dürfen sie nur Priester. -- Ich kam zu der Säule, an
welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah
ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -- Ich kam zu der
Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit
den Händen spielend schaukeln. -- Ich kam an Grabmäler der Päpste, an
Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der
Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit
-- zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen
hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein
Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben
durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen
brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem
goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete
oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche
der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der
Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein
Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der
Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die
Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen
Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt
deinen Teil die Katz'!«
Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien
Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren
Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie
nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den
Segen nicht. -- Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der
Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf
die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange
schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern.
-- Und heute -- kann ich an dieser Stätte nicht beten ...
Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und
Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar.
Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige,
die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem
Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen
ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie
wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend,
durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den
Lichterkranz des Hauptaltars und -- weinen.
Und wieder andere -- wohl Laien im Chorrock -- huschen geschäftig hin
und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar
zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke
verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über
all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier
bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und
zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen
arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende
Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen
und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und
ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie
überall auch in der Natur.
Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer
Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung
des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den
Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die
Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe
in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings
der Kuppel: ~Tu es Petrus etc.~
Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und
wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs
Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen
mit Springbrunnen sogar -- und besteige den gewaltigen Koloß der großen
Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und
Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und
mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich
sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« --
Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die
Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen
ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte
durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in
dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke
gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen
Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern -- der Atem
Gottes bläst sie aus.
Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche
und fühlte die Nähe des Herrn.
In den Ruinen von Pompeji.
1872.
Eine große Vorwelt ist versunken -- hat nichts zurückgelassen, als
hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes
Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt,
durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die
Wahrheit! -- Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als
daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir
kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie
und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter.
Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine
Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt
war.
Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin
ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt,
aufzubewahren.
Pompeji und Herkulanum -- ich wüßte nicht, daß sie die latinischen
Sodom und Gomorrha waren -- und doch kam Feuer und Schwefel von oben.
Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die
Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag
und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der
Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte
begrub.
Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es
mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen
Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die
Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen
glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für
die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern
stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten
Apostel Petrus und Paulus.
Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre
79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst --
und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte.
Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben;
Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht
so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.
Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch
da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum?
Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und
Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf,
und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der
kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es
ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte
dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang -- und Pompeji
und Herkulanum waren vergessen.
Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht
herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten
Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie
herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder
in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie.
Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht
wichtiger, wie manch' anderes.
Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln
Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben
die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste
und klarste Bild der Stadt -- getreu bis auf das Nachtlämplein und
das Stückchen Mosaik -- bis auf die Knochen der Bewohner -- vor uns
daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe,
das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.
Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den
unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor.
Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen
Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an
denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter
und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen
und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in
den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt
ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr
hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien
allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus
ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen,
bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen
Berges niederschießt.
Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig
abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen,
wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt,
daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das
ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein
sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an
ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.
Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt.
Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde
gegangenen Stadt.
Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles
bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier --
alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt -- tretet leise
auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!
An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum,
an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung
vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige,
unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder
zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo
aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf
Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner
taten's ja wohl auch -- es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf
dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden,
ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes.
Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte,
Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind
leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz
Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den
Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier
sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes
der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen
der Kaiserpaläste in Rom -- ein stilles Willkommen rufen sie uns zu
und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.
Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut
erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor
zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären
finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die
Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den
Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen
haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt.
Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß,
wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht
gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das
Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat.
Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte
Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und
Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen
Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten
sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv
hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.
Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein,
sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den
Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen
von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden
vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden
und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach
langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. -- Wie ehedem leuchtet wieder
die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie
einst -- die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren,
gestorben -- aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet
sich vor für künftige Jahrtausende.
Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte
in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich
damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war.
Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen
rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude.
Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke
vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber,
aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?
Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in
dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein
braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf
in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur
Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.
Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich
war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan,
der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf
einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern
Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. -- Mir war Welt und
Menschheit wie ein Fragezeichen.
Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das
Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über
dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg;
in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte
nieder ...
So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt
gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über
deren Forum das Eidechschen schleicht. --
Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne
Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen
Heimat zu.
Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über
das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden
Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv,
auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des
Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes
Schifflein.
Da -- ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, -- war ein
schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes.
Endlich versank die Leuchte langsam -- nur noch ein Spitzchen, nur noch
ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten.
Das Segelschiff aber trieb -- Gott schütze seinen Lauf! -- in tiefer
Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen.
Auf den Wassern.