»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«
Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: »Dieses Schiff geht
nach Neuyork.«
»Was sagen Sie?«
»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«
»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief Herbert mit
wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem Dampfer, der nach Brest geht!
Man hat mir's doch gesagt. Das ist doch der Dampfer Brest.«
»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht nach Neuyork. Der
nach Brest läuft -- sehen Sie! -- der schwarze Punkt dort an der Küste,
die alte Neuyork, die geht nach Brest.«
»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre ja nach Brest! Ich muß
nach Brest!« schrie Herbert grell auf. »Ich muß -- ich +muß+!«
»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän gelassen und nannte
den Preis.
Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte in seinem
wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer umkehre. Darauf schaute ihn der
Kapitän mit kühlem Blick neuerdings an und zuckte die Achseln.
Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und flehte und bat den
Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, auf einem der Rettungsbote
nach Lissabon zurückbringen zu lassen oder irgendwie das bereits
entschwindende Brester Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.
Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich gewann der Hamburger
doch so viel Vernunft, um einzusehen, daß hier alles Rasen nichts
helfe. Der Dampfer schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans
dem Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen Ballen und
starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn mit Teilnahme beobachteten,
konnten sehen, wie Tränen über seine Wangen liefen.
Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner blauer Streifen und
allmählich verschwand sie ganz. So fuhr er nun von Europa davon und
zwar zu einer Zeit, wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am
notwendigsten war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen wurde in
einer großen Not. -- Daß man einmal so durch die weite leere Luft
würde telegraphieren können wie heute? Damals gab's keinen Gedanken
daran. -- Wenn er nur eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein
verhängnisvoller Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau Susanna
erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige Wochen zuvor den
Scharlach überstanden hatte? Oder gar jemand plötzlich gestorben? O
heiliger Gott, wie das qualvoll ist! Und mit jedem Augenblick entführt
das Schiff ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht
auf ihn warten. -- Sollte bei der Berliner Firma Schwippe & Sohn, bei
der er stark engagiert war, etwas los sein? Nein, hatte ihm doch sein
Bureaudirektor Maischuster erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo
die hundertachtzigtausend Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre
ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster ist der
vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager auf der Eisenkasse
zu nehmen, um sie zu bewachen Ein öffentliches Unglück müßte man ja
in den Blättern gelesen haben. Also was ist geschehen? -- Ringsum
war nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, und
der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« trug, schnitt seine
schnurgerade Straße nach Westen.
Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der auf der »Neuyork«
nordwärts der fernen französischen Küste zufuhr, ohne Gepäck,
vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse hinein. Wie mochte dem zumute
sein, der seine Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht
eintreffen zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und kann ihr keine
Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund Herbert, ja der wird dem
Schiffe entsteigen, mit dem Luise den Bräutigam erwartet, aber sie
erkennen sich nicht, gehen fremd aneinander vorüber.
Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch die Adresse der
Familie Luisens, und zu ihr soll auch der erste und wohl auch einzige
Weg sein in Neuyork. Hat er doch Richards Koffer, der auf diesem
Schiffe ist, dort abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach
Hamburg! Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste Tag wollte
kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage vergehen, ohne daß er vor
Ungeduld stirbt? -- Auf ein aus dem Westen entgegenkommendes Schiff
hatte Herbert noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen
konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen war kein
Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage kam von Norden her ein großer
englischer Dampfer, ein Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden,
unendlichen Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat
gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute der »Brest«
bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten auf das, was das
Schicksal über ihn verhängt haben mochte. So saß er denn auf dem Deck,
stets allein, und brütete. Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein
paar Deutsche darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; er
ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem Gedanken: Immer
weiter fort, immer noch weiter fort! Wäre er auf irgendeiner Stelle der
Erde festgehalten für die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter
fort, immer noch weiter der Heimat entrückt werden -- es war nicht zu
ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert nahm sich vor, wenn er
seine Lieben wiedersehen sollte, so wird er sie nicht mehr verlassen,
nicht auf zwei Tage lang. Aber -- er wird sie ja nicht wiedersehen,
sicher nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken zu
Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, Totenbahren,
gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.
Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon
er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf
wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen
Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse.
Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende
Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde
bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu
trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen
Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat
alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch
nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte
ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte
Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im
scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise
manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist
bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe
auf dem Hafen zu Lissabon. Aber -- wer weiß es?! Gott allein, dem er
nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will
er's anheimgeben. -- Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei
ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich
nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er
herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so
verschieben ließe? -- Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall«
ja Gott anheimgestellt.
Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im
Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen
in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um
sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick
sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und
ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister
Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal
sein! Er war völlig berauscht. -- Den Koffer seines Freundes bekam er
nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde
ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen
konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen
Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude
sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer
nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu
Hause. -- Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen
gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den
Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen
Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig;
ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu.
Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser
aber tat einen Schrei.
»Maischuster!«
Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick
glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten
Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich
vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe.
Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber
stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft:
»Maischuster, was ist das?«
Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus
Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die
Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute.
Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas
zuschulden kommen lassen, Maischuster!«
»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte
der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es
ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur -- -- Lassen Sie mich bloß
los. Lassen Sie mich los, oder -- --« Er suchte mit einer Hand in
die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und
Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels
welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte.
Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und
Papieren eine Summe von 230000 Mark. -- Und nun wußte er's. Nun glaubte
er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete.
Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen.
Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht
sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher
für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige
Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen.
Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver
abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden.
Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene Vermögen
wohlverwahrt hatte, ging er daran, das Haus der Braut seines Freundes
aufzusuchen. -- O wie war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork
jetzt schön! Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn
anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch kommt, um zu
sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes Schiff gestiegen und könne
kaum vor einer Woche eintreffen. Im Wildpark, dem Lärme ein wenig
entrückt, stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit
den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig die Giebel
und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten die Vögel. Herbert drückte
mit Beklemmung am Taster, das Tor öffnete sich und vor ihm stand --
Richard. Er war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer
Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes Schiff gekreuzt, hatte
ihn aufgenommen und hierher gebracht. Laut lachend fielen sich die
beiden Freunde in die Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten
lustig, daß er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork
schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, gleich im
Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt -- ein frisches, rund- und
schwarzäugiges Mädchen, das ohne viel Förmlichkeit dem Freunde ihres
Richard derb die Hand schüttelte.
Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche aus Hamburg
mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall bestehe darin, daß der
Bureaudirektor eine große Defraudation verübt habe, flüchtig geworden
sei und bis zur Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann
hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«
»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. -- Und nun wirst du
bei unserer Hochzeit sein!«
»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie zu berichten, daß wir
ihn haben.«
Mein Vetter, der Türke.
Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der Hauptstadt Persiens,
folgendes Telegramm:
»Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre verwickelt,
die mir den Kopf kostet, wenn Intervention der österreichischen
Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die Post Näheres bringt,
vielleicht zu spät. Lebe wohl.