deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen
mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die
Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise
Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was
er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen
Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim
Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen.
In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen
grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte
zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der
Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise:
»Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so
nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses
Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den
Dieb bestrafen.«
Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er
dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben
Augenblicke krähte ein Hahn.
»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen
Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er
herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine
Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem
Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht
hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte
er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen
ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte
das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei,
führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle
stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus -- gerettet.
Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte
los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse
des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner
sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken
des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie
nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das
dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt
heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch
die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende
Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem
Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das
war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das
Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers
nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder,
er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht
die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte
tiefer und tiefer hinab -- noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers,
dann war der Verfolger verschwunden.
Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu
dem Leben wieder geschenkt.
Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward
und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht
auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon
hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen
wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart
voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr -- der
Haß war erloschen mit dem Leben.
Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den
anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der
wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz
nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen
steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz
und der lieben Liebe zu Liebe.
Das Weihnachtsfeuilleton.
»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr
des feurigen Sonnenrades -- angelsächsisch: ~hveol~, altnordisch:
~hiol~ oder ~jule~ -- das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25.
Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in
den nordischen --«
»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und
Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.
»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt
haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit
darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten
präzise wie immer einstellen würden.«
»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt
zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen
können. -- Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding
abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit
dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«
»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den
Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines
reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei.
»Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen
schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern,
von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem --«
»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein
Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.
»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder
in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht
eines alten Junggesellen, der --«
»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern
gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging
mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht
ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches,
Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches -- irgend
ein Festglockenläuten.«
Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee
gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«
Der andere lachte auf.
»Gibt es denn da etwas zu lachen?«
»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben.
Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat
und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag
im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das +zwei+ Tage dauern
würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben
und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die
Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«
»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte
Chef launig.
»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin
noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das
Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst
den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an
welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere
Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses
Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -- und so
ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der
sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die
Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen
einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel
bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit
dem Flitter?«
Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend,
halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit
Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor!
Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei
einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene
Rede halten hörte!«
»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja,
solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit,
Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche
Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden
armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß
und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in
den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher
Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz.
Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein
Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist
der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das
aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln.
Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk;
in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im
Parlament wird's besiegelt.«
»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie
nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne
nicht untergeht.«
»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in
diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als
am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers
rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle
Andersglaubenden.«
»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank,
Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld!
Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung
nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich
auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. --«
»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner
sicher wären.«
Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die
Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner
Stirne angelaufen waren.
»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen
etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«
Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn
verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte,
dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem
kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge
war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer
jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern
auch etwas zu sagen wissen -- und zu sagen haben. Die Zeitung, der er
gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen,
damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis
und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.
»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte
nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein
Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest
nicht liebe, nicht empfinde -- weil mir dazu das wichtigste Ingrediens
fehlt -- die Familie!«
»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.
»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der
Doktor.
»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.
»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um
einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen.
Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des
Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall
entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr
wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an
einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte,
da haben Sie einen Konflikt, --«
»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton
muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis
aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten,
lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben.
Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein
Inhalt ist -- wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen
übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges
Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und
dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie
Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben
werde. -- Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich
noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals
in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch
nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir
jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie
es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie
ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während
sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und
ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still,
aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte,
und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des
Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr
verdorben, +weil sie mich nicht beschenken+ konnte. Und das ist der
Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich
selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben
ignoriert.« So der Doktor.
»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so
spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste
Herz in lauter Egoismus auf. -- Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt
habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die
Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des
Mannes, um ihn zu beschenken.«
»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.
»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine
Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn
dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden.
Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit
Leben und Spannung in die Sache.«
»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern
einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der
Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude
machen konnte. Nichts sonst. -- Das wirkt.«
»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!«
sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen,
schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im
innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie
mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«
»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit.
»Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann,
der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der,
welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«
»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem
er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine
Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum
Kaffee muß vorlesen können.«
»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von
seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was
anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit
und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob
ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher
achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das
redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein
Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes
Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten
Torheiten einer zerfahrenen Welt. -- Hier!« Er warf die Bücher auf dem
Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter
dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr
gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter
Grimm -- wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine
Photographie empor: »Kennen Sie das?«
»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.
Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor
seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. -- Sie
schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als
schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten
sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen
und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit
dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen
gegenüberstehe -- ein Mann dem Manne -- und mit dem Rechte des Mannes
von Ihnen meine Braut begehre!«
Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten,
stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor!
Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«
Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand
hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie
wissen, was ich bin und wie ich bin -- geben Sie mir das Mädchen!«
»Sie werden begreifen --« stotterte der alte Herr, und das ist in
solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur:
»Sie werden begreifen, daß ich jetzt -- in diesem Augenblicke -- nicht
vermag, zu antworten. -- Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs
Uhr zünden wir den Christbaum an!«
Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.
Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß
was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine
Bild. -- Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr
weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für
eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft
geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird -- es ist leicht zu
erraten.
Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das
Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.
Um solchen Preis hätte ich's auch getan.
Wie ein steirischer Schullehrer die Schlußvorstellung des Burgtheaters
besucht hat.
Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, dem Schullehrer zu
Oberschachen, einen Schreibebrief, der sich auf ein öffentliches
Ereignis in Wien bezog und vielleicht noch immer ein wenig innern
dürfte.
Der Brief lautet:
»Lieber Freund!
Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf
mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht
nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut;
ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung
wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im
langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf
ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich
recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer
bestraft wird.
Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden
Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau
Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung
des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne
Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum
Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine
väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl
die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets
hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am
Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn
ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte
ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die
Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich
mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte,
einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich
knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf
durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald
war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann
die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz,
Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und
hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller,
Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu
religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal
emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich
sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der
Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen
damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich
heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.
Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher
rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da:
Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest
nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater
noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner
Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien.
Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die
alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer
gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien,
bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen
konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das
Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der
ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter
Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen
über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen
und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte
Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf
lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt,
ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört
halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie
viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung
des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet
finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in
ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht
auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien
Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man
eine Schale Mokka -- denke ich -- raucht seine Pfeife, liest
Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich
gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten
wichtigen Abend frisch und munter zu sein.
Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über
die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint
der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon
zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte
ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des
Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht,
schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch
wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren
wird. -- Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch
zuvor. -- Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem
Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später
niederzulassen gedachte.
Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht,
durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner,
oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß
das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin
ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das
Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die
Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich -- mit ausgezogenen
Stiefeln natürlich -- wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte,
wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach'
und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil,
geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und
so wird die Nacht recht gut vergehen.
O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es
erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis
er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren
der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer
Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In
der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat
man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein
kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das
elektrische Licht.
Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich
kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein
Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu.
Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und
unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende
Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an.
Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder
finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam
mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen
Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab
sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß
wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen
Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen
vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine
Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und
wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander
Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen
Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß
zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem
Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen
Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause
vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten.
Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge
derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat
die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus,
von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für
Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt
habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der
Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang
Stelldichein gegeben. -- Ein graubärtiger Alter wies auf den
Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während
andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet
wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um
damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie
entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in
stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut,
an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus
eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so
leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem
Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem
furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine
Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie
hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit
eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. -- Ein Mensch, welcher
nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was
ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche
Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern,
die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen.
Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und
abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir
von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die
Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse
sie sich jeden Augenblick auftun.
Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden
gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit
lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst,
erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt.
Fünf Uhr war schon lange vorbei. -- Diese Stunde war die
längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging
auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse,
da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke,
im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid -- ich finde sie
nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur
Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir
vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei
wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes
Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf
der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir
selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings
durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche
wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust
sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der
Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen
Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich
zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von
dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir,
als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn
mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum
Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war
das allerschrecklichste.
So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen
spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die
Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach,
die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie
gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an,
setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste
sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der
aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern
auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es
trotzdem mißlungen war. -- Ich muß es wohl sagen, die hellen
Tränen sind mir übers Gesicht geronnen.
Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß
vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich
hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete
ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden
zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert
werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie
auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen,
als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus
ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan;
als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen
will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im
ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter
behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir
sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das
alte Burgtheater für dich nicht enden.« -- Ich gab daher der
Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war
und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf
besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen,
die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam
nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das
Holztrumm mitnehmen durfte.
Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem
Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du
geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte
ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse.
Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das
Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir
die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf
machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten
Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das
Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte
es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die
großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn
die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll
herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl
niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte
Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen.
Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war
gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh
geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein
armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein
vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das
Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen,
deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen
Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich
herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem
Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand
herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der
Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum
Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte
bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und
Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das
Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an.
Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur
gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und
alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten
Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon
aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest
meiner Heimreise ~per pedes~. Damit mir aber mein Unstern
bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien
verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem
Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne
weiteres geschenkt worden ist.
Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen,
denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den
übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen.
So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir
nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden
und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn
du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von
Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus
dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch
fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im
Rahmen des Burgtheaters.«
Das Bekenntnis eines Verurteilten.
Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger Mann. Seine
knochigen, sonnengebräunten Glieder waren nur zum geringsten Teile
mit Lappen bedeckt. Sein Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart,
zwischen welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer
von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse mit einer Meute von
Wilden gefangen worden. Er schien ihr Häuptling gewesen zu sein, so
wie er an Gestalt und Kraft seine Genossen überragte, einen längeren
Wurfspieß und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die
übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen stoben vor dem
ersten Schusse der Engländer auseinander, er trotzte und trachtete
die Rotte zum Angriff zu führen. Aber diese suchte zu fliehen, was
ihr mißlang. Der Häuptling wurde niedergeschlagen und gefangen. Er
stieß brüllende Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; später
jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich heraus, daß er
mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und französisch spreche.
Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt hätte, sondern
mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er nicht gemeint haben würde,
die Engländer führten mehr Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu
rasen, sich und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm den
Prozeß zu machen -- denn es hatten sich seltsame Sachen herausgestellt
-- wurde er gefaßter und verlangte einen Priester. Man sandte ihm einen
Pastor, den schickte er wieder zurück -- er sei ein geborener Irländer,
also Katholik.
Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis trat, lag er
ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht in das Ziegelpflaster
und rief: »Kannst du es glauben, du einer von denen, die mich getauft
haben: ein wildes Tier bin ich geworden!«
Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. Der Wilde grinste
ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe mir nicht so würdevoll da. Was,
wenn +ich+ jetzt du wäre und +du+ das verdammte Menschentier, das ich
bin?«
»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die Würde des Dieners
Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, ich will mit dir sein,
wie ein Mensch mit Menschen. Du bist unglücklich, aber du gehörst zu
uns. Bist du strafbar, so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch,
der bleibt bei dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und
nicht in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch
du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder Frieden
hineinlegen kann.«
»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und wies auf seinen
halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan und der heiße Wind im
Scrub. Und mein Herz, das du haben willst, ist nicht braun, das ist
schwarz wie die schwimmende Hölle, die mich hergebracht hat; wer es
schwarz gemacht, das sollst du hören. -- Ha ha«, lachte er grell. »Es
soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«
Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du
siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten
davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.«
»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen
keine Ketten und könnte dich erwürgen.«
»Was würde dir das nützen?«
»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt
nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem
katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen,
ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«
»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein
Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester.
»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher.
So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat,
die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen
Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. -- Nun, du
sollst es hören.«
Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner
Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und
redete.
»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern
waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich
hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren
stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu,
was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und
Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur
Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde -- der gute alte
Mann! -- der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer
Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es
doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an,
und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu
unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt,
wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre,
steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre,
so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford
sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk
von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch
nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich
solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten?
Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber
schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen,
als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke
den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich -- steckt
mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich
genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein
mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine
Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist
mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das
konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke
mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu
können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus
klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir
behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt
und auf der Stelle relegiert. -- So, das war das erste Kapitel.«
Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in
Selbstironie erzählte.
»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen
Voltaire oder einen andern Gottlosen -- wie sie sagen, gibt es heute
deren genug -- zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' -- mein
Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich.
-- Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen
Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens,
sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. -- Nun, jetzt
bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge
zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen
ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin
ich wieder da. -- Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben,
solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen
wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig
Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen.
Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen,
um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte
nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in
Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die
Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest
macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von
ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld
erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine
Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen,
verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt
mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe
ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt
eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein
größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und
führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler,
finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und
Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr
in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So
gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler.
»Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt
habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast
du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte
er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein
junger Heiliger -- dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London,
dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben.
Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« -- Es
ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen
Studien fortsetzen -- daraus siehst du, was ich für ein einfältiger
Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und
von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen
zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent
kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir
langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner
Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City
war. In der Tat, ja! Es sind mir -- ich war stets der treue Diener
meines mächtigen Herrn -- Papiere verschafft worden, mittelst welcher
ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die
besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer
Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von
viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele
davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt.
Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In
den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß
ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman,
bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres
von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein
Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu
befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem
Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe,
womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war
entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt
auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten
Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien
eine Sträflingskolonie -- also nach Australien.« -- Nach einer Weile,
während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix
blickte, das an der Mauer hing, sagte er:
»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz
machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig
Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe
dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das
wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem
Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an
Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine
Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.«
Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren.
»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein
könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so
sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so.
Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es.
-- Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«.
Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die
schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert
gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich
auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten
Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum
einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter
Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O
Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im
Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem
Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank
und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner
Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns
als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam
zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen
Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich,
ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an
einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von
uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir
durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der
finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen
konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen
und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr,
soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da
erschlugen wir unsern Blinden ... Nach einigen Tagen, als der Vorrat
bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch
meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus
gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt.
Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen
Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten
Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich
eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr.
Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land --
wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm
regierte Vater Howe.«
»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte
Räuberhäuptling in Tasmania.«
»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir -- hatte
ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter
seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu
werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue
Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach
Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so
wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und
arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am
Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter
wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und
heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und
machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach
drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten,
frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden.
Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am
Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein
Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter
Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem
Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein;
mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein,
das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? --
Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb -- du weißt,
daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut
eine Branntweinbrennerei besaß -- hätte nicht geschadet, wenn es nur
nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die
Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen.
Und nun beging ich die größte meiner Taten.«
»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.«
»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich
beklagen und +ich+ zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.«
»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung
deines Herzens.«
»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und
das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um
Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der
Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe
brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab.
Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter
haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht
amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die
Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie
sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland
zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je
kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney
und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie
in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten.
Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die
Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den
wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil
meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu
verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die
Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde
durchstrichen den Scrub. -- In denselben Tagen war's, daß ein Squatter,
nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein
Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge,
ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst
sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in
den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John
Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen
sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von
Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der
könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen,
kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit
Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem
Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen
gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber,
junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und
hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern
entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war
heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war
zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen
schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen
konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber
keinen Schatten. -- Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner
Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten
auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen
geführt, aus denen wir zwar fortkamen -- ich war stets dabei, das merke
dir -- die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen
weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt
zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe
bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten
Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen
ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns
nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung
war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers
betreten hatten.
Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast gehalten. Es ist aber
keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute waren unzufrieden und drangen
in John Peak, ihnen doch endlich mitzuteilen, wann diese trostlose
Gegend ein Ende nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die
Ungeduldigen zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt entgegnete
er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das Goldland herbeizaubern
könne? Ob nicht auch er selbst, seine Leute und sein Vieh an dem
Ungemache der Reise zu leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit
ihm zu kommen, ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, sie
mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ sich laut nichts
darauf entgegnen, jedoch hinter seinem Rücken begannen die Männer zu
murren: »John Peak hat den Weg verloren und will es nicht gestehen.«
Ob er sich seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er.
Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. Er zeigte den
Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß ein unbeschreiblich reiches
Goldlager gefunden. Der Fluß mußte ja in dieser Gegend sein, nur
war er unter anderen Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen,
schwer zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten
sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war bereits bis zu tausend
Köpfen gestiegen. Das Lager wurde nicht abgebrochen. John Peak sandte
Leute aus, angeblich nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile
zehrte die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. So
ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich eine Unruhe im
Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Argwohn war da: Die ganze
Goldgrubengeschichte wäre erfunden. John Peak habe die Leute in die
Wüste verlockt, um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen.
Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu Stunde knapper
und stiegen im Preise, so daß viele, deren Barschaft zu Ende ging,
bereits Hunger litten. Einzelne trennten sich von der Menge los und
irrten in Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten
Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von ihnen gehört haben.
Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer Volksversammlung, in
welcher die Vermutung des Verrates offen ausgesprochen wurde. Nach
einer stürmischen Stunde schien es sichergestellt, daß die Menge nur
in diese Öden geführt worden war, um dem Squatter die bereits im
Verderben begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber dem Manne
nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige Gewißheit zu erlangen, wurde
beschlossen, auf Kosten der Versammlung eine Expedition auszuschicken,
den vorgeschützten Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak
sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht werden.
Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln und guten
Pferden versehen, abgelassen. Sie durchstrich die rotbraunen Flächen,
fand weder Vegetation noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur
die nackten Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden
Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, kein Grashalm, nach
allen Seiten hin nichts als grauer Himmel und brauner Sand.
Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein finsteres Gewölke
heran, aber es waren nicht die willkommenen Wasserdünste, es war
glühender Staub. Die Expedition soll viel gelitten haben, stieß aber am
dritten Tage auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es
war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort seines Bruders
verzeichnet worden. Die Männer fanden bei den Hirten freundliche
Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen ein und erfuhren erstens, daß
hier kein Mensch wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und
erfuhren, daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder jemals eine
Spur, noch eine Rede gewesen sei.
Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die Rückreise an. Um
der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, wollte sie eine andere Richtung
einschlagen, stieß aber auf grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf
undurchdringlichen Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. Auf
der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere Überraschung bevor.
Raubvögel umflatterten drei menschliche Leichen, die auf dem Rücken
lagen und ihr Antlitz gen Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die
Expedition sich zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete
Bericht, daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine Spur
einer Goldmine entdeckt worden sei.
John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders selbst
geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und bei ihnen
seine Waren abzusetzen -- John Peak wurde in aller Form zum Tode
verurteilt. --
Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in welchem Peaks
Warenlager sich befand, ein Faß Rum gerollt, den Boden eingeschlagen
und alles drängte sich vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen.
Bald war das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde mit
wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, was ihm das Nächste
war. Der eine trug einen Sack Reis fort, der andre einen Sack Zucker,
der dritte eine Kiste Thee; andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder
wollte sich nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.
Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, um ihm zur Krone des
Festes sein Recht anzutun, war der Vogel ausgeflogen. -- Jetzt sahen
sie den Flüchtling auf raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«
So der Gefangene.
»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit von dieser
Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du nicht von dir?«
»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak denn nicht +mich+
erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, mein Herr, mir auch.«
»Nun bist du wohl zu Ende?«
»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu den Wilden. Da ich
schon früher ihre Sprache erlernt hatte, sie aber in jenem Scrub an mir
das erstemal einen Weißen sahen und sich vor mir fürchteten, so gab
ich mich für den Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt
zu ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein fremdes,
furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, welches den Blitz
des Himmels und den Donner bei sich hätte. Sie haben mir geglaubt,
haben mich in ihrer Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle
geführt und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du den
Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den Heiden
Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein Erzbischof. -- Sie
brachten mir das beste, was sie hatten, es war für mich kaum genießbar;
ich sagte, ich sei bei Speise und Trank die Zubereitung der andern Welt
gewohnt und bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden
für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling und Gott,
gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir nicht zu trauen schienen.
Die Furcht hielt sie im Zaume. Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem
Bumerang, mit der Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer
gegen meine eigene Rasse heranzubilden.
So groß war in mir der Haß geworden. -- Mein Vorhaben, die Wilden zum
Kriege zu erziehen, war aber nicht durchführbar. Und weißt du, wer mich
bei meiner Gefangennahme am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden
einer, mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, wenn ich
ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. -- So bleibt es doch
dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, an mir dein Richteramt zu
vollführen. Jetzt entweiche ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt
leugne ich nicht mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o
Menschen, nur dieses eine versagt mir nicht!«
»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.
»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem Strick, ich möchte
langsam, +langsam+ sterben +und mein Blut+ geben.«
Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über den Wässern des
Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker geholt und in den Hof des
Gerichtsgebäudes geführt.
Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah und den Henker
daneben, stürzte er sich kopfüber auf das Steinpflaster -- und das rote
Blut entströmte dem zerschmetterten Haupt.
Der verhängnisvolle Vorfall.
Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes zwei junge
Männer. Es war vor Abgang des Schiffes beinahe eine Stunde Zeit, da
wollten sie in einem Weinhause noch den Abschied feiern. Die Sachen des
Abreisenden hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort
auch den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden Freunde
noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis vom Molo herüber, an dem
mehrere große Dampfer lagen, das Glockensignal erklang.
Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem Bartanflug und
einer vernarbten Schramme über der Stirn, war der Elektrotechniker
Richard Wifart aus Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang
auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske in Amerika
gewesen und hatte in Neuyork ein schönes Mädchen kennen gelernt, die
einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. Die jungen Leute hatten sich
damals unmittelbar vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war
er auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und seine junge
Frau nach Europa zu führen. Er war sehr heiter und schaute mit hellen,
glücklichen Augen in die Zukunft.
Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, ein etwas kleinerer,
untersetzter junger Mann mit dunkelblondem welligem Haar und einem
glatten Gesicht, über dessen Wange das schwarze Seidenbändchen
des »Zwickers« hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und
Geldgeschäft und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet.
Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge hing mit
Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die nächste Stunde entführen
sollte.
Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen studiert und waren
Freunde geworden, die sich in schwärmerischen Stunden auch +das+
zugeschworen, daß, wenn einer oder der andere einmal heiraten sollte,
unfehlbar der andere oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse.
Richard hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit
seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei Herbert, der den Freund
nach Neuyork begleiten müßte, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er
würde es mit tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines
Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen in
Europa festgehalten worden wäre. Doch gestatteten es die Verhältnisse,
den Freund eine Strecke zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den
glatten, geraden Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich
und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln und
auch Richard wurde teils durch den Umstand zu diesem Umwege bewogen,
als seine Firma wegen einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in
Unterhandlung stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.
Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich gegangen. Eine
Überschwemmung in den Pyrenäen hatte die Eisenbahnverbindungen
unterbrochen, was jedoch wieder den Vorteil gab, durch eine Wagen- und
Fußreise die Pyrenäen und einen Teil des nördlichen Spaniens näher
kennen zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise,
die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert war im
besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr sollte in Lissabon das
Schiff nach Neuyork auslaufen.
Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers und rauchten
Zigaretten. Sie waren in hochgemuter Stimmung, der aber ein Mollton des
Abschiedes nicht ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise,
auf der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft geführt,
dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, sollte die nächste
Stunde jeden allein finden.
Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas Beklemmendes. Richard
würde in acht Tagen ja drüben bei seiner Braut sein und Herbert nach
einigen Querzügen durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe
Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen Wochen würden sie
sich in Hamburg alle zusammenfinden.
Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch einmal, daß du
mich bis an dieses Ende der Welt begleitet hast. Kehre mit Glück nach
deiner geliebten Elbestadt zurück und von heute in zehn Tagen denke,
daß ich mit meiner Luise am Altare stehe.«
»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, sie mir zu zeigen.
Ich brenne, dein Weib kennen zu lernen und gedenke mich zu rächen für
die Eifersucht, die du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt
hast.«
Sie lachten und stießen die Gläser an.
»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« sagte Richard.
»Du hoffest das?«
»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? Ohne Salz!«
»Das Salz der Ehe -- ja. Aber eine versalzene Suppe -- nein,« sagte
Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.
»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir beide uns die
ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, müssen. Wir haben seit acht
Jahren aneinander die Herzen und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu
wissen --«
»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei Galgenstricke,
wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner --«
»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« unterbrach Richard.
Zwischen den Tischreihen trippelte ein buckliges Männlein heran und
mit sehr kurzsichtigem Auge guckte er jedem Anwesenden unsicher ins
Gesicht, bis er unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und
sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die Auszeichnung zu
haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg vor sich zu sehen.
»Suchen Sie +mich+?« fragte Herbert.
»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine Herren sofort
wieder. War schon am Hafen, auf der Brest Da denke ich, die Exzellenzen
werden im Weinhause sein. Und siehe da!«
»Wünschen Sie etwas?«
»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«
Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang und empfahl sich
mit graziösen Bücklingen.
»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, als ein
spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. -- »Nun, wie stehen
die Kurse auf der Hamburger Börs'?«
Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch der war wieder von
der Nase gefallen. Er hatte hierauf die Depesche für sich gelesen, und
Richard sah, daß er unruhig wurde.
»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.
»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.
Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt dem Freunde hin:
»Herbert Franke aus Hamburg, Hotel Imperatore, Lissabon: Bitte mit
möglichster Eile nach Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«
»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben sich von ihren
Sitzen. Sie starrten sich an, einer bleicher wie der andere.
»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas widerfahren!«
»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte Unklarheit der
Depeschen! Man denkt gleich an das Allerschlimmste. Ein paar Worte
mehr --«
»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, diese paar
Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas widerfahren. Dem
kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. Ich reise sofort. Mit dem
internationalen Expreßzug.«
»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen unterbrochen sind.«
Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann las er wieder
das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile nach Hause zu reisen.
Verhängnisvoller Vorfall. Mama. -- Warum depeschiert Mama? Warum nicht
meine Frau?«
»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast du doch -- glaube
ich -- auch in Madrid eine Depesche von Mama erhalten, über etwas
Geschäftliches. Und nun -- du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine
Spiegelscheibe zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn
ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«
»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. Ich muß eben
nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er verlangte vom Kellner den
Eisenbahn-Kurier.
»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst nicht weiter. Du mußt
den Seeweg nehmen.«
»Gut, also den Seeweg.«
Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der Wand hing. »Eildampfer
nach Neuyork.«
»Der geht dich nichts an.«
»Eildampfer nach Southampton.«
»Nichts für dich.«
»Dampfer nach Genua.«
»Zu großer Umweg.«
»Eildampfer nach Brest.«
»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest mit Eisenbahn nach
Hamburg.«
»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags zwölf Uhr. --
Mittwoch, das ist ja heute!«
»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere Schiffe gehen im
gleichen Augenblicke ab.«
»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins nahegelegene
Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, seine Rechnung zu
begleichen, und eine Viertelstunde später trafen sich die beiden
Freunde am Molo. In demselben Augenblick schrillten die Schiffsglocken.
»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser eilte dem großen
schwarzen Dampfer zu, der links am Molo lag und schwarze Rauchdrubel
aus dem Kaminrohre stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der
Dampfer »Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke
aufzuziehen.
»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. Gib mir gute
Nachricht.«
»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«
»Auf Wiedersehen!«
Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. In großen
Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. Kaum war Herbert, die Hand
eines Matrosen mußte ihn fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der
Koloß zitterte und begann sich sachte zu bewegen.
Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, und winkten sich mit
den Taschentüchern zu. Die letzten Lebewohlrufe haben den gellenden
Hafenlärm nicht mehr durchdringen können.
Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer halben Stunde
gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je mehr es zurückwich, je
höher schien es aufzusteigen. Jetzt fiel ihm ein, was er noch alles
hätte tun sollen. Besonders nach Hamburg depeschieren, daß er auf der
Heimreise sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen gehabt, dem
Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt und Unterbrechung,
seiner Braut entgegendampft, während ihm nach umständlicher See- und
Landfahrt zu Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.
Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer gewissen Entfernung
nebeneinander hingefahren und die Freunde hatten mit den weißen
Fähnchen ihrer Taschentücher ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die
hohe See erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich immer
weiter von dem seinen entfernte und wie er als kleiner schwarzer Punkt
unweit der Küste gegen Norden eingebogen hatte, während sein Schiff
schnurgeraden Lauf gegen Westen nahm.
Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter eine Bank geschoben
und suchte nun den Kapitän auf, um ihm zu sagen, daß er noch keine
Fahrkarte lösen konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur
Reise entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.