Der Kammerdiener.
Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man
ihn aber auch irgendwo +kennen+ gelernt hätte, dazu blieb er nicht
lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und
immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine
goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben
nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als
sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der
junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er
gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und
Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine
freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann
wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so
fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel
hätte dienen können.
Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an
der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute
befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es
war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem
Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht
versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein
anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos
schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie
ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des
Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher
Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß
inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den
hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein
Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später
sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war
er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im
hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl,
fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke
Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am
Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet.
Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte,
wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter
und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als
Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und
abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo
man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher,
je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd
umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und
Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt
ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht
zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und
sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der
freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine
geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren
war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt -- denn der
Graf war sein alter Soldat -- heimte sich Julian rasch ein, zeigte
Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder
weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst
wieder einen Diener zugeteilt.
Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der
vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt
blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte
und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß
das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der
lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges
Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe.
Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der
übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von
demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich
einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen
machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem
Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon
etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß
alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem
Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu
legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im
Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.
Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just
das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat.
»Was willst du?« fragte der Graf.
»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon
am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden
Hirschfängers.
Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die
Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück.
»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise,
indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck
stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so
sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren
mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den
mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.«
Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen das Bewußtsein
der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, er starrte dem Burschen nur
wunderlich ins rollende Auge.
»Was -- bedeutet denn das, Julian?« fragte er.
»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die Schlüssel zur
Geldkasse haben.«
»Laß mich los, Unglücklicher!«
»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte die Miene des
Zustoßens.
»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich nicht losläßt, so
kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich nicht Lärm schlage, magst du
glauben, dafür ist mir mein Leben zu lieb, und du würdest zehnmal
durchs Fenster entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe
deinen Vorteil recht gut ein.«
»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«
Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« sagte er mit
einem Humor, den man dem alten Herrn für eine solche Situation nicht
zugetraut hätte, »da du dich so gut sichergestellt und auch, wie ich
nun sehe, die Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur
durchgeschnitten, da wir uns recht still verhalten und es noch viele
Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, so können wir die
Sache ganz bequem machen und alles miteinander wohl überlegen, denn du
mußt zugeben, daß es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche
nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, ob dein
Weg bis nach Amerika, -- und einen andern kannst du wohl nicht wählen
-- auch vorbereitet genug ist, daß du ihn von diesem Fenster aus
schnurgerade nehmen kannst!«
»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. Also!«
»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du die Kasse
geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes übrig bleibt, als mich
tot zu machen. Und insoferne ich väterlich für deine Zukunft besorgt
bin, sage ich dir: du könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu
ermorden!«
»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der als Angreifer nun
weit erregter war, als der Angegriffene.
»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf seinem Bette liegend,
»stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«
Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre gemacht durch
das Verhalten des Grafen, verlangte er in bittendem Tone die Schlüssel
zur Kasse.
»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen an der Hand fassen,
während der aber durchaus nicht gesonnen war, von seiner wehrhaften
Stellung auch nur den geringsten Vorteil aufzugeben.
»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte dir, daß
du mich fesselst, aber den Mund laß mir frei, ich habe dir einiges
zu sagen, was für dich nicht unwesentlich ist. -- Dort in der Ecke
steht die Kasse, die Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst
die geheimen Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist,
möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt des Schrankes
enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, mit denen ein Flüchtling
nichts anzufangen weiß, das vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not
nach Neuyork bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird nach
meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das schon seit sechs oder
sieben Monaten geschrieben ist und in welchem der unglückliche Graf
Borgstam, als der letzte, seinen Kammerdiener Julian Zellenbach zum
Universalerben einsetzt. Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der
Kasse finden.«
»Wir werden uns überzeugen.«
»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du meinst, du
könntest jetzt nicht mehr zurück.«
»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«
»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. Denn es wäre
jammerschade, wenn du über die Flucht wegen der Kleinigkeit die dir
einst rechtmäßig zufallenden Güter im Stiche lassen müßtest.«
»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche Märchen hinhalten
lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem Tone.
»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich unter dem
drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht rückte, »ich würde
dich gerne von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, aber du bist
ein toller Junge und stoßest aus Angst schließlich doch noch deinen
leiblichen Vater nieder.«
Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die Unterhaltung nicht
wesentlich gemütlicher.
»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr der Graf fort,
»und ich habe dir außerdem noch mancherlei zugetraut; allein ein
Raubmörder, das berührt mich unangenehm. Man kann Leute töten und Güter
konfiszieren, so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's
getan haben. -- Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung und ich
habe dich leider aus den Augen gelassen und jahrelang aus den Augen
verloren; was ich konnte, habe ich dann ohnehin getan.«
Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust des
Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen Schritt vom Bette
zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Erheben Sie sich und zeigen Sie
mir das Dokument, denn Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«
»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte der Graf und machte
Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals eine Ahnung gekommen ist von
unserer -- Zusammengehörigkeit?«
»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt es sich aber
darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, wo ich Sie jetzt habe, dürfte
ich Sie sobald nicht mehr kriegen.«
»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der väterliche
Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser Nacht zwischen uns
vorgefallen.«
»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein Herr, und werden mich
enterben oder mich aus dem Wege schaffen, auf welchem ich Ihnen nun
unbequem sein muß.«
»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest du beruhigt sein,
wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne du sie nicht kennst,
mitteile.«
»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei kaum mehr Ehre
herauskommen, als für Sie. Was? Sie haben ein schönes, armes Weib ins
Unglück gebracht, damit wird's beginnen.«
»Ich habe sie versorgt.«
»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«
»Weißt du's?«
»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. Und die
Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«
»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«
»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil und schweige.«
»Schweigen, das glaube ich.«
»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« meinte nun der
junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal besser für mich, ein Bauer hätte
mich auferzogen, als daß ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen
Dorf und Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß,
einmal gar keins, verkommen, verdorben -- verdorben!«
»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie
ein liebes Kind?«
»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen?
Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis
an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. --
Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht
verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder
wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«
»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach
ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden.
Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich
dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich
könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen
und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen.
Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.«
»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine
persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal ...« So der Kammerdiener.
Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der
Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der
Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch
ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun
hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum
und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf
Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian
umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe.
Da pochte es draußen an eine Tür.
»+Auftreten die Tür! Rasch herein!+« rief der Graf mit voller Stimme.
Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner
Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene
Gesinde stürzte herein, der Portier voraus.
»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht
geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es
sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.«
Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, mit dem Fuße
unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil gesunkene Kammerdiener
ließ sich hinaustragen und der Graf schloß die Tür und war nun allein
in seinem Gemache.
Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um frische Luft zu schöpfen,
ins Freie gegangen und -- nicht mehr zurückgekommen. »Julian hat
recht,« meinte der Graf, »seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht
ein südliches Klima auf.«
Der Millionär.
Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen glitzerte das
Gewässer, jenseits desselben baute sich das Hochgebirge mit den
Gletscherschildern, und an meinem Brettertisch, in der grünen Nacht der
Lindenschatten, funkelte im Glas der goldene Wein doppelt freundlich.
Wahrlich, die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde vertilgt
zu werden, solange sie gute Weine geben. Und die Juden werden niemals
zur Herrschaft der Herzen gelangen, so lange jüdische Weinagenten uns
mit jenem Gesüff verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu
finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.
Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen Religion bekehrt,
und ich selbst schwor zu jener Stunde im Klosterpark, daß in einem
solchen Weine die Wahrheit liegen müsse. Auch das Bauernvolk war
sicherlich derselben Meinung, das an den übrigen Brettertischen unter
den Linden herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder sang.
Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, stieß die Nachbarn
mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, dort geht er! Dort drüben geht er
wieder!«
Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, an deren Strand
ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. Er trug, soviel man von der
Ferne ersehen konnte -- enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams.
Und da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen,
gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte neben Mephisto
dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser Wandler am Gestade ein
graues Reisetuch geworfen, wie es so die Engländer ins Land gebracht
haben. Und auf dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot
bebartete und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.
Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter stehen, als ob er
in den See starrte, und schritt dann zögernd fürbaß.
»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.
»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.
»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte ein dritter.
»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht bringt ihn das auf
andere Gedanken,« rief ein vierter.
»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die Kellnerin.
»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer der Zecher.
»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, »du zahlst auch
nicht.«
»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! Im nächsten
Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete der Zecher d'rein.
Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern und Hirten und Waldleute, die
an den Tischen saßen. Der Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt,
kam aber wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu finden.
Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte ich die
Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für eine Sache sei?
»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff an die Stirne: »Er
muß +da+ nicht recht sein. Er steigt schon etliche Tage in der Gegend
um, sagt, er will sich umbringen und hat die Courage nicht dazu. Einmal
ist er schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen sein,
weil er sich wieder herausgearbeitet hat. -- Da kommt der Pater Anton,
der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, Hochwürden. Gleich bring' ich's.«
So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten
Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen
weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und
schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns
also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne
wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und
der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der
Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der
Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter
heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen,
sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer
zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht,
dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur
mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch
kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus
ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem
Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem
er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen.
Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz,
manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er
wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden
in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt
und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich
getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft
umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben
auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am
Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe
vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf
den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen.
Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie
ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem
pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend
zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe
sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt,
was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den
Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und
gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die
Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits;
da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug,
daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und
endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit.
Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn
abliefern in die nächste Irrenanstalt.
Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir
unruhig geworden.
»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die
Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.«
»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« -- Bald nachher nahm
ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege.
Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs
viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das
geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer
umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt
zu.
Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände
hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche
Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte
zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein,
denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie
heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen
Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden.
Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem
Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut
hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige,
es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu
Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten
sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was
die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf,
reichlich gedieh.
Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen
zwischen den Wänden. Sie lag -- von oben herab gesehen -- mit ihren
weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit
den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees,
und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten
und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen
Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie
ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer.
Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat
das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt
der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin
ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen,
und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen
Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen.
Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem
schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See
wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und
daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes
-- und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen
zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden
der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich
nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die
Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien
gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im
Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei
oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die
Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die
Lande.
Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen
und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen
gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern
und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz
rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt
der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für
sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten
Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den
Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor
und lösen sich in Äther.
Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber,
aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte,
wie Steinflöhe -- das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur,
wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich
der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.
Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark
verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren
Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und
Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen
Außenwelt seine göttliche Überlegenheit.
Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das
senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf
einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner
schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich
wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar
Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich
eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm,
wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor
dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige
Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.
Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor
und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem
Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf
der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich
und wollte davoneilen.
Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen,
daß Sie heil heraufgekommen sind!«
»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke
sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«
»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten
im Kloster erwartet man Sie.«
»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten,
verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.«
»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine
Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.«
Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen
Augen an und fragte, ob es geladen sei?
»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am
Echo.«
Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, die ein vielfaches
Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er mit der Gegend einigermaßen
bekannt war und es war überhaupt vernünftig und unauffallend, was
er sprach, und stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem
verstörten Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der volle
Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine Wildnis umwucherte,
war verworren und es klebten Baumnadeln und Sandkörner daran.
Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger denn vom Winde
entführt worden wäre?
»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als ob der Hut das
wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, es ist mir einmal einer auf dem
Kopf gesessen. Vielleicht schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben
wollen.«
»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, »aber wenn ich
Sie nach Ihrem Kopf gefragt hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid
gegeben!«
Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor mir her, der Steig
zwischen dem Gestein und Gezirme war sehr schmal. Plötzlich -- wir
waren so weit in das Hochplateau hineingekommen, daß man nicht mehr zum
See und zum Kloster hinabsehen konnte -- blieb mein Begleiter stehen,
kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug wären, hätten Sie
mich jetzt von hinten niederschießen müssen.«
»So? Sie halten mich für einen Banditen?«
»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand wie besänftigend
auf meinen Arm. »Sie sind ein braver Mann und gerade darum sollten
Sie an mir ein gutes Werk tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn
nahe, aber ich weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel
meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, es geht mir
nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist
schwach.«
Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus der Erde
hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen zweiten Stein und
bot dem Gefährten meine Feldflasche an.
Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein brachte seine
Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise zum Rieseln. Nachdem er
mehrmals getrunken, sagte er: »So ist das jetzt schon der dritte Monat,
seit ich Almosen nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe
zum elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, als
die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer hätte sich das gedacht! Aber
ich sage es: das ist noch das Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen
am Menschen, daß er feig ist -- eine feige Bestie. -- Also im Kloster
erwartet man mich!«
»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß gestehen, daß
auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«
»Sie denken an mich. Das ist schön.«
»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute ich, daß Ihnen die Leute
übel mitgespielt haben.«
»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte ich mich rächen!«
rief der rätselhafte Mann lebhaft und wühlte mit den Fingern in seinem
Vollbart, was er allemal tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin
ich es selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun mit dem
Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde gerichtet hat --
sich selber.«
»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir kein Zweifel,« sagte
ich.
»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.
»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«
»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in Berlin. Als mein
Vater starb, war ich dreiundzwanzig Jahre alt und Erbe einer Million.
Allsogleich hub ich ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward
relegiert und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, das Studium
gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen war. Ich fand Genossen, die
hatten einen guten Grundsatz, der gefiel mir: Die Million verjuxen und
sich dann erschießen!«
Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem Bart, als wäre ihm das
eine wie das andere zur Lust, schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit
den Fingern und wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«
»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe
Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu
zu bleiben.«
»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste
befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die
Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe
alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat
war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und
Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs
ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum
Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich
auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde
fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht
zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch
bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft,
ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage,
Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel
des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine
Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen
Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne
wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«
»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in
Ägypten?« so meine Frage.
»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah
nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht
das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den
klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen,
töten, an mich reißen -- sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines
Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach
mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim
Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker
Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein
vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt
ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede
auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt
das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben,
er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf:
Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das
Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht
dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse
alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber,
Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den
Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die
Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen
kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich,
wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider
am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu,
spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.«
Ich war aufgestanden.
»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte
ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen
zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es
Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. -- Nach wenigen Jahren
war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun -- das
Erschießen! -- Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor
prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er
einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod
und das Fegefeuer.«
Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht,
was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches
Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht
wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu
rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als
Sünder zu ihm spricht.
Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf
übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an.
»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er.
»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen
Sie sich bedienen?«
»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber
einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so
bedienen Sie mich am besten.«
»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres
sagen können.
»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht
den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem
Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie
leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal,
oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht,
ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die
Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an.
Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder.
Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich
mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie
mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle
da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab.
-- Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so
in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie
schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben
können!«
»Wie alt sind Sie?«
»Achtundzwanzig Jahre.«
»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den
Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit
einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück.
Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus
einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen
und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und
einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben
gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht
gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen
sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur
ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben
Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch
gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück
gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige
Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das
Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere
und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer
unseligen Million erkauft haben.«
Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das
gäbe es für ihn nicht.
Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus
zugerichtet!
»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von
Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er
aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir
getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht
erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr
seid alle Wichte! Alle! Adieu!«
Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht
mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte
nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder
spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.
Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen.
Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu
werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn
eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million
verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der
unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben
ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen
Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige
ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange
kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das
Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben
wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle
Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und
sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor
sie ihr Dasein aufgebe.
Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte
Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein.
Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als
bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der
äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort
bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser
unwirtlichen Gegend umhergestiegen.
Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand,
als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam.
Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war
vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und
anderes Krautwerk wuchsen. -- Wenn er sich in diese Hütte einschlösse,
die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer
machte, um daran zu ersticken! -- Mit diesem Gedanken vielleicht stieß
Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in
den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas
bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich!
Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch
Schluchzen.
Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im
Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er
erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz
war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein
frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches
für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der
Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu
gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das
süße Naturkind auch bald vergessen.
Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später
mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das
Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo
ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die
schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich
vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit
wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal,
bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener
Waldhütte liegen blieb.
Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre
Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen.
Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.
Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige Verschwender,
hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um sie zu laben, er war selber
dem Verschmachten nahe. Da bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren,
die sie gesammelt hatte.
»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda hab' ich's
geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal an. Bin ich denn
so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen kannst? Das Kind mußt
du hüten, daß es groß wird und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum
Sterben.« Er wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf
der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! Ich mag nicht
sterben. Noch so jung und schon auf die Totenbahr.«
Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung hatte er mehr,
um ihr ein beruhigendes Wort zu sagen.
Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden Brust des
Weibes.
»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er öffnete sie. Das
Abendrot lag draußen auf den Bäumen.
»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« sagte sie.
»Gewiß,« versetzte er.
»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr sie wie traumhaft
fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, du machest mich gesund. Du
bist ja ein großer Herr. Du hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch'
ich mir als die liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur
leben laß mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«
»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm es! Nimm es!«
Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie
und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich
hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf
das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre
kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil
geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen:
»Hörst du es? Hörst du es?«
Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.
»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.
Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der
Straße stand, hatte keine Glocke.
»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde
an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß,
bete ein Vaterunser, Friedrich!«
Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er
wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr
bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur
Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste
und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger
Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.
Das Weib war noch immer still und betete.
Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben,
es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge
Weib. Und -- »sie +ihn+ verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! -- Mit
+diesem+ Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es
selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.
Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die
Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's.
Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin ...
Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. Vielleicht das
erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, die neben anderen
verrosteten Geräten in einer Ecke lehnte, und ging, um draußen zwischen
den Bäumen ein Grab zu graben.
Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden war zähe, die
Baumwurzeln waren hart und wollten nicht weichen. Erschöpft. Dieser
Leib, dem er eine Million zum Fraß geworfen, vermochte nicht einmal
eine Grube zu schaffen für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben
war. Ohnmächtig an Seele und Leib, und nicht sterben können!
Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind zu schreien. Es
war erwacht, es war ihm nicht behaglich an der toten Brust.
Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. Die Mutter wollte es
nicht lassen, ihre Arme schlangen sich starr um den Säugling. Aber als
er das junge warme Leben nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem
rosigen Antlitz, da ging eine Flut in sein Herz.
* * * * *
Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. Ein
verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte er mit, daß in der
Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben sei.
Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren Herberge und Atzung in
einem kleinen Hause, das an einem Steinbruche stand. Dort lebte ein
betagtes Weib, das kurze Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den
Tod verloren hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. Bei
einem Steinsprengen durch Pulver war ihm ein Felsstück an das Haupt
geflogen.
»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die Witwe.
»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« fragte Kürbaum,
nachdem er in Kürze die Schicksale desselben mitgeteilt.
»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der Tod hat mir das Tuch
vom Tisch gezogen.«
»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der Mann.
»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt sich nicht. Mein Mann
hat auch noch die Kalkbrennerei betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt
gut hinaus nach Zirlschlag.«
»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und den Erwerb brächte
ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind pfleget?«
»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und machte einen
Handschlag. »Aber -- mit +dieser+ Hand wollt Ihr Steine brechen?«
Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen lassen, bis er
imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.
Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste Erziehung
genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters zwölf Jahre lang
allerlei Wissenschaften betrieben, der hierauf eine Million zu erben
bekommen, daß dieser Mann bei einem Halbkretin in die Schule gehen
mußte, um sich und seinem Kinde das Brot zu erwerben.
Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen unterwies Herrn
Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, wie die Steine am
richtigsten zertrümmert werden, daß sie nicht zu groß und nicht
zu klein bleiben, wie man sie in Prismen schichtet und mißt und
verrechnet; unterwies ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von
Stein man nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.
Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur bäumte sich oft
auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind sah, das ihn bisweilen so
treuherzig munter anblickte, da gewann er innere Kraft, und mit dieser
stählte sich allmählich auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang
mit seinen Neigungen, die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal
drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von dem, was ich
der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, und das Kind wäre
geborgen!«
Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das Kind lächelte,
streichelte mit dem Händchen seine bebarteten Backen, faßte den
Lederschild seiner Mütze und lallte: »--ut!«
Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte es besser: »Mut!« Und
er gewann ihn ganz zu eigen. --
Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters zum heiligen Anton
am See, daß der wunderliche Mensch, der seinerzeit aus dem See gezogen
worden war, draußen in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker
arbeite. Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn
folgendes Briefchen schreiben:
»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -- Aber
eine Million verjuxen, dann Steine schlagen, das ist tapfer! Das
Kloster braucht gegenwärtig einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle
haben, so mögen Sie sich melden.«
So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter Straßenmeister
und bewohnt mit seinem heranblühenden Töchterl und der alten Witwe das
im Schweizerstil gebaute kleine Haus, das rechterhand der Straße steht,
wo sie sich gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom
Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde aufragenden
Felsriesen.
Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister bleiben?
Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? -- Was wollt ihr denn? Der
Mann hat trotz aller Schwäche die Hochschule bestanden -- die Schule
des Elends. Das, was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die
Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt dem nun
Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß des kleinen, innigen Lebens
in der großen Natur.
Philippus der Hasser.
Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein
Unhold!
Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses
ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein.
Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar
ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte
von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel
eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde,
von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten
den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem
Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut,
denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen
wegen sehr mächtig und sehr böse.
So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen
trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der
beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer
Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte
Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere;
und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen,
dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum
hervorgehen können.
In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen
und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit
des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ,
er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen
grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich
rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare
auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und
verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der
fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes
Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte
und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er
erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also
stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die
äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im
Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's,
wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff,
um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen
Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen
sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß
wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren,
da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige
Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über
die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen,
die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm
schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen
aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist
ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm
nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn
ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand
ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein
Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm
und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen
Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen
Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er
die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller
Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab
es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz --
er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem
die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann
kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr,
daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem
»Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen
Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales
angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in
die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er
mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte
der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde
nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser,
sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus
hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person
niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder,
vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling
in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte
nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines
Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung
des Karrners begehrt.
»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.
»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er
himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem
Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu
führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«
»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um
die Karrnerstelle bewerben?«
»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ
mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.
Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß
der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht
fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein
arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze
erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel,
daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ
zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder,
so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein
Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre,
eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!«
schrie Philippus.
Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer
Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst
aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht
auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und
Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet
auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von
den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist
die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand
den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere
Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen,
zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil
sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von
Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose
Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz
des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens
an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und
keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche;
die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das
irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung,
die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk
des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als
den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den
haßt er nie. -- Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger
Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas
Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen,
daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und
schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«
Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch
wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten
Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die
Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen!
Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.
Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des
Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung.
Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die
geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf
Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm,
wie er es noch nicht oft genossen hatte.
Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue
erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der
Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an.
Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich,
sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner
gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke
eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch,
daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um
nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein,
daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch
eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.
Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so
überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen
mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.
Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun
kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen,
feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er
wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und
sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst
und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn
nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht
fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden
Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in
ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf
seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las
in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt
und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet,
das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach.
Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:
»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die
Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe
meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem
Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete
Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen
vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst
geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im
Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer
Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr
Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie
metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen
treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«
Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er
betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war
nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.
Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer
ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf
dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen.
Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der
weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung
legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz.
Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf.
Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter
dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte
nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben,
Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze
Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein
durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet.
Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß
ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug
unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz
aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer
gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede
stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof,
stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen
Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.
Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu
eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen
Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge
wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der
Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange
Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum
vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und
sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und
mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet
im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an,
daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne
des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft
mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf,
eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit
ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber
die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen
die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof
schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der
in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er
jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen
Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den
Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die
Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn
sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.
Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die
Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche.
Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein
Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der
Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß
er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein
würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen
Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte.
Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner
Josue.
Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen
wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides
und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie
die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn
abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den
Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den
Karrner zu Boden.
»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir
haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und
getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit
dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn
gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine
solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber
wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht
geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir
gebracht.«
»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den
Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur
da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken.
Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer
darbringen vor dem Kreuze.«
Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die
Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne
den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin
vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu
beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast
meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache,
und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn
nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er
geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer
Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige
Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin
nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der
demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe
gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir
und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die
ewige Seligkeit. Amen.«
Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune
Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein
glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen
Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause
hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem
begann unheimlich zu werden.
»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner
an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal.
Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu
bereuen.«
»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner,
seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf
einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem
Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind
keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut
gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten
Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß
ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine
ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich
erfahren. -- Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen
Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus
ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst
weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu
gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und
das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als
aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle
gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte
er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das
Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die
Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre
Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den
Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben
Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich
die Schlachtwerkzeuge.