Mathias.«

So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die

Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei

Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder

und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß

er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn,

und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf

diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das

zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten

zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.

Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war

nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut

sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen

Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit

schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben

halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden

zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine

Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben

war.

Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:

»Auf Santa Maria.

Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen

schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt,

wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres

wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser

Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch

erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir

hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen

aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab

ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa

Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen

umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten,

da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um

Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber

die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich

bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit

verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der

Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so

ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine

mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen

abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin

sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern.

Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand

und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen

zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch

hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie

dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit

ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken

hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir

nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen.

Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab

ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem

Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt

auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt

mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt

er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im

Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein

solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist,

so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier

umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch

gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal

abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die

Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her.

Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte

zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich

gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über

blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen.

Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und

hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was

beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren

getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses

Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht

hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich

an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die

Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich

einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir

ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit

hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel

Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt

Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so

lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen

Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das

Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater,

Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel.

Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof

gehst, wo mein Weib ruht -- wir lassen sie grüßen.

Fremde Straßen · 第 47 / 89 题