An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. Mir war der Fasching
verdorben. Ich war überall dabei, man kann sagen, ich machte Glück
-- aber mir fehlte das Animo. Es war verrückt, ich dachte an die
vierzehnte. Sie war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele,
geradeso hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat
man davon.
»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, so mache einige
Tage nach derselben in dem betreffenden Hause eine Visite, gemeinhin
die Verdauungsvisite genannt,« so heißt es im »Buch vom guten Ton«.
Mir wäre es lieb gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten
verlangt hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift
willkommen und die Töchter wurden von Tag zu Tag liebenswürdiger. Aber
das meinte ich nicht. Durch ihre Vermittlung wurde ich zu Hausbällen
geladen, wo sie vortanzten und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich
auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden sie mich
nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, daß wir wieder
dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren unser bloß fünf Personen. --
»Der engste Familienkreis,« wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber
das meinte ich nicht.
Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den Familienkreis doch
auch die kleineren Kinder gehörten. Die Töchter erröteten über diese
Bemerkung. Aber das meinte ich nicht.
Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen in meiner
Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich im Kindszimmer.
Mitten unter den fröhlichen Kleinen -- fröhlich mit ihnen -- saß meine
Vierzehnte.
Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben Gemache geführt. Ein
weißer Schleier umrahmte ihr liebes Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf
ihrem Haar.
* * * * *
Diese Zeilen schreibe ich heute -- am Vorabende unseres silbernen
Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu +dreizehn+ an unserem Tisch:
Sie, ich und die elf Kinder. Man braucht darum nicht abergläubisch zu
sein: aber welch ein Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!
Der Taubstumme.
Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem
Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange,
öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu
verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte
oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften
Telegraphenstangen -- sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil
zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein
können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber
Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr
kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen
von sich.
Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des
männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige:
Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das
Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein
Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen
betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.
Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die
Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile
sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die
nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten
hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen
nicht usw. -- Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise
angeht.
Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. ~table
d'hôte~ zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten
sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich
endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz,
schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen
Blick -- ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle?
Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem
Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei -- und schloß dann das Abteil.
»Man tut doch immerhin am besten, ~table d'hôte~ zu speisen,«
bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei
am raschesten bedient und das Speisen ~à la carte~ bedeutet doch
nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und
verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich
nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche,
deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen
gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der
Sprache habe, und mummte sich -- da es in der Tat recht frostig war --
noch tiefer in seinen Pelz.
»Also taubstumm!« murmelte ich.
»Ach, der Arme!« -- »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden
Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme
und Wärme.
Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit
schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten
Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat.
Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der
Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber
er tastete nicht.
»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen.
»Und reist allein!«
»Wie weit er wohl reisen mag?«
»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«
»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich
sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.«
Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige
Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber
in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich
entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das
Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die
Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist
mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen
habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten
gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch
mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres
Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann
viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich
viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme
glücklicher und besser, als etwa der Blinde.
»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze
Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die
gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre
und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache
nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man
werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während
man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan
und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde
führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme
zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.
Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,«
fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst
einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der
Musik gar nichts zu haben!«
»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken.
»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.
»Singt der Strauß?« fragte die andere.
»Nein, aber er geigt.«
»Ah so, der Wiener Strauß.«
»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. »Ach: wenn ich
daran denke! Gestern war ich in der Oper, in Lohengrin.«
»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«
»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem überfülltem Hause
war es mir mit Mühe und Protektion gelungen, einen Galeriesitz zu
gewinnen, von dem aus ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war
trotzdem glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein
wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, ich danke dir
für mein Ohr!«
Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen mußten unsere
lebhaften Mienen auffallen, er schaute der Dame, ich möchte sagen,
wortdurstig auf den Mund, als hätte er's denken können: Ich verlangte
Opern nicht, wenn ich nur die Worte der Menschen hören könnte! --
Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen Mann und die Dame
setzte bei:
»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner gehört zu
haben!« --
In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar etwas zu essen
verschaffen, aber er sprang selbst auf, nahm am Schänktisch Schinken
und Bier, warf dafür den Betrag hin, setzte sich wieder ins Abteil und
vermummte sich in den Pelz.
»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.
»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute heutzutage ja eine
beinahe vollkommene Ausbildung.«
Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine gebührende
Lobrede.
»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, in das Anschauen
des Unglücklichen versunken.
Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet sei, oder ob
Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein gesundes Mädchen; ob sich
der Zustand auch auf die Kinder fortpflanze.
»Bleiben natürlich nur auf +einem+ Ohre taub,« war eine Ansicht.
»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen ist überhaupt
dieser Mangel schwer zu denken.«
So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, auch jene
Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder Reisende, er mag anfangs auch
noch so frisch gewesen sein, anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns
der Taubstumme angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den
Bahnhof von G. einfuhren.
Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig von ihm
verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden Taubstummen
behilflich zu sein, dieser war dann in der Menschenmenge rasch
verschwunden.
Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen
nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft
im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame
über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins
Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon
in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich
gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am
wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik
wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst
Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht
liebgewonnen haben.
Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann,
der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre,
und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen
Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser
Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit
einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich -- es war das erstemal
-- seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen
Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! -- Doch, die
Züge des Sängers! Die ganze Gestalt -- wo war ich der schon begegnet?
Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das
Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für
einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.
Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte
Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom
Eisenbahnzug.
War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja
oft genug das Unmöglichste vor -- doch was sollte einer gerade mit
dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein,
dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß
war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das
Publikum zum rasenden Beifall hin -- aber mich wurmte der Taubstumme.
Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und
die herrlichste Stimme!
Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf
die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören
zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude
zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war.
Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater
im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen
Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister
von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer
munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen.
Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige
Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll
Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und
Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des
Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch
sprangen.
Endlich -- als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten
begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten
-- stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat
in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des
Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter
Diamanten.
Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit
den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein
Reisegefährte!«
»So ist es,« sagte ich mich verneigend.
»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der
Sänger.
»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist,
nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich
sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten
Schauspieler, der in Ihnen steckt.«
»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern
eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.«
»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals
ins Abteil stieg!«
»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das
Hühnerauge getreten.«
Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich
handle, und sie lachte.
»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich.
»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder
hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens -- Prosit!« Er schob
mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!«
»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein +spreche+,
sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen
häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu
werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu
täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare
Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten
Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches
lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu
hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter
auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den
Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der
Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei
denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein.
Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir
wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der
ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den
Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«
»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung.
»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie
ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben
mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst
sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht
leicht.« -- --
Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander
und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es
ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben
Stunden lang wirklich taubstumm zu sein.
Hauptmann Fortner und seine Frau.
Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter
den Menschen. Er hatte -- und das sage ich voraus -- ein lebensfrohes
und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer
Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen,
aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig
ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten
bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er
auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder
zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und
den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz
schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren
doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer
Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum
Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein
Soldatenherz zu treffen vermag.
Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht
viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im
Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen
Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach
seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren --
denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht -- aber die mitleidigen
Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch
auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine
kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders
war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe
zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen
und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den
Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich
zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er
Jahr für Jahr größere Neigung empfand.
Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz
mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten
und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand
sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine
Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte,
so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen,
die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im
Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in
die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr
gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal
der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das
Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden
Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß -- doch
genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm
wohlbehalten wieder zurück.
Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der
Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das
Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn
Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt
und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der
Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der
Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in
Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm
wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen
Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast
nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«
»Wohin?« fragte er rasch.
»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?«
Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute,
als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte
oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau
nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde
Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu
Hause ist geborgen und versorgt. Allein ...
»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?«
fragte er sie fast zärtlich.
»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit
meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück
sein.«
»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie
betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja,
ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.«
Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen,
denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor.
Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett
hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen,
in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war.
Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen
Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei
die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze
Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im
Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft
vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es
müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts
auf.
Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt,
daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen
müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie
jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch
fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig
suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die
Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast
unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein.
Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß,
kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde
herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links,
bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine
schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.
»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte
dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den
lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres.
»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei
dem Hauptmann zu.
»Hast du sie gesehen?«
»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der
Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der
Hütte zurückbleiben müssen.«
»Mein Schwager?«
»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.«
»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann.
»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«
»Und meine Frau?«
»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. -- Na, vorwärts. Pack an,
Mylord!«
Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der
Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen
einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's
nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den
Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere
Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete.
Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen
Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er
fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und
starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die
Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem
Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den
Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand,
Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich;
wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten,
oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er
vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung
des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb
allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen
Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase,
der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf
die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.
»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder
zurückbringen?«
Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse
Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum
Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken.
Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war
finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der
Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch
kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans
ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über
die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.
»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann,
»wo meine Frau ist, will ich wissen.«
»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen
sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«
»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den
Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer
Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«
»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,«
antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«
»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der
Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner
Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern
überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in
Alpenhütten ... Man muß Sägespäne im Kopfe haben ...«
»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von
meiner Schwester nicht sprechen!«
»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr
mächtig. »Kuppler!«
Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in
die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche
Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man
ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz
der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze
der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der
Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer
nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein.
Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten
sie ihm heute nicht unter die Augen?
Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es
gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm,
er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu
begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene
Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz.
Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte
kurz: »Was wird denn heute noch sein?«
»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.
»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«
»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott,
soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?«
Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber
das wird mich nicht irremachen.
»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir
Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.«