Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«

»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht

machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit

fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.«

Sie blickte ihn betroffen an.

»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt

setzen.«

»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen,

auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister

nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben --«

»Kein Wort mehr! -- Du hast weder Takt noch --« Er sprach das Wort

nicht aus.

Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen.

»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr

Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg

zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche

es.« Und sie weinte kläglich.

Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen,

fest zu bleiben. --

Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte

anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden,

nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn

nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht

zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der

Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden.

Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über

die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der

Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war

entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert

Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten

Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem

Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.

Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel

füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale

lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's

hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war

erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge

in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß

er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit

einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter

und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen.

Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch

graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und

strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und

der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag

eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der

sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie

eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der

Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein

des Schmerzes. -- Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes,

wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das

Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch,

das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. -- Wäre

ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen,

denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer

allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen

Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine

ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum

kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen -- sie wirkt

schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung

darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren,

unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es

unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu

begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr

ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen

zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden

Brust.

Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken

und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand.

Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand

niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die

mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze

Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie

freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und

wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde

Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und

die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und

hinausschaut ... Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen

Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht

am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben

steht? -- Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte,

und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.

Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der

stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause.

Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und

stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme

wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von

einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute.

Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie

schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen

den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und

kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte

mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen

kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«

Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war,

und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«

Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er

seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin

und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb

doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und

mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. --

So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der

Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma

saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon,

daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war

zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen

des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der

Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du

wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im

Walde, am See!«

»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.

»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast

wieder nichts gehabt vom Landleben.«

»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.

»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins

weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im

Grase oder sammelte Beeren.«

»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so

groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.«

»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich

ärgerlich.

»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause

bleibe.«

Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend

zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen

Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen

Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem

stillen, fast überirdischen Zauber -- dem einsamen Menschen wurde immer

nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und

brachte sie heim seinem Weibe.

»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich

hin und stickte.

Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum

und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den

schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem

Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein

Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.

Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre

Sachen zusammen und ging hinab zum Hause.

So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im

Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über

sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward

ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu

Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er

mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die

Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen

und andere Knabenlust hegen konnte.

Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß

du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«

Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das

wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin

lag, schlief er auch schon.

»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den

Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.

Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf

einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den

Hochschwab!«

Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs

einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden

sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie --

Frau Emma -- auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine

zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er

selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die

Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem

Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und

ließ sie gehen.

Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den

Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger

ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde,

denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile

aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu

tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger

zurück.

Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum

Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst.

Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er

selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses

Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man

sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über

und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben

zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das

Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber

am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben

und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter

über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser

aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen

lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen,

sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch

habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß

gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. --

Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das

Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten

Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der

Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben

waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.

»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.

»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen

und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«

»Wo ist die Mutter?« fragte er.

Da stutzte der Junge.

»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen

anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«

Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er

die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie

gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll

schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe

gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch

eilends hinabgegangen. -- So war der Junge nun da und die Mutter nicht

mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen,

daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück

ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen

sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz

schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten

Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und

leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und

dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.

Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende

kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch

schon zu Hause sei.

»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte

ihn würgen und küssen zugleich. -- Unseliger Mann! so widerhallte

es dumpf in ihm. -- Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur

Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war

geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den

arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen

sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in

die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die

weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe ...

Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste

annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.

Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem

Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu

bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was

greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust,

alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet

der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden

Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in

ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein

Halm und kein Zirm mehr stand -- alles kahl und starr. Sie kehrten

um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah

drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen.

»Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und

zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter

freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf

einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte

sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen

aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch

hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.

Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die

Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören.

Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem

Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern,

in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen

Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen.

Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war

ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer

steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn

an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein,

in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines

Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern,

um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war

vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also

wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf

allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren

Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden

Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den

Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender

Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße

und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen

zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch

ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß

stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus

einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun,

da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand

sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der

Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie

sank hin aufs scharfe Gestein.

Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte

zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr

Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie

sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne.

»Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz

der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die

Tiefe.

Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die

Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb

noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da

sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der

Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den

senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles

hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der

Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum

in Morgenglut und grausig einsam! -- Und dort draußen, weit hinter den

kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine

Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma

hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat

war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand

über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war

alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem

widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. -- O lieb

Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern!

Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du

heiteres Paradies! -- Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand

gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein

ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein

Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare

tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen

Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich

nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein

Kind, mein junges Leben! -- In solch herzversengenden Gedanken verging

Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand,

und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten

war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht

schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben,

stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine

Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib

über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier!

Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all

ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre

einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie

ihn nie betrogen.

Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste

es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das

Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre,

herzlose Natur. -- Schon zu dämmern begann es, als die Stricke

geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum

Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben

noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um

Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief.

Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter

krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen

schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.

Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die

Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann

verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen,

daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das

Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.

Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit

Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch

nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm

in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen

über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen

blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen

Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten,

mußte Frau Emma nur eins vermeiden -- den Blick auf das Gebirge des

Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen

aufragen sah, da wurde ihr übel.

Scheintod.

Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen

Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als

Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor

im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres

übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine

Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt

war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen

von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche

Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz

die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer

kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen

Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte

diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin

schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der

reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub

und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die

zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.

Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern,

hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete,

sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und

gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den

Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig

mit Erfolg.

Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine

spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg

trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten

und das Experiment auszuführen.

So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken

und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.

Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum

einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich

z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen

Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete

es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen

erworbenen Garten -- glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt

zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war

ihre Freude! -- Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an,

am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit

ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium;

in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie

stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten

des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten

Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien,

telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz,

Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium

wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich

wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.

Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein

hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich

kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal

schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um

sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen,

ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz

deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den

Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen

waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls

war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.

Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte

mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das

Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.

Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer

Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie

schliefen noch.

»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und

will noch einmal meine Kinder sehen!«

Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.

Die Wärterin brachte die Kinder herein.

»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet

mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben

Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das

Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die

Wangen.

Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke

wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an

ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie

laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! -- Jesus,

Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.

Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr.

Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten,

wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur

noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug -- weiter weiß ich

nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. --

Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers;

der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein

Blutquell ins Becken.

Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles,

was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich

zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.

»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch

jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«

Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit

aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt

seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit

schwarzen Tüchern zu verhängen. -- Von meinem Arbeitszimmer ging die

Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten

gewählt.

Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag

zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer

Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer

verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte.

Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot

sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre,

gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte

ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.

Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und

wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und

eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht;

sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch

viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich

manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt

gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst

überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar

soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht

haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der

Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte

jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die

Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den

elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von

mir oft gesehen hatte -- als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.

Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht

wichtig schien.

Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die

man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten

still -- an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie

gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten

sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich

nieder und zog -- wie es Sitte ist -- ihr den Brautring vom Finger. Als

das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust

hin, auf der ein Kruzifix lag -- dann ging ich davon und mich in das

Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen,

um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf

dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am

Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere

Frauen des Städtchens sandten Kränze.

Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der

Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß

ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte.

Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem

Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser

und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der

geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.

Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und

dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers

tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine

armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem

Hause, in dem die tote Mutter lag.

Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung

hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend

etwas zu holen. Es wären -- dachte ich -- wohl auch die Kinder mit

ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es

bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo

in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze

Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die

Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei

und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche

emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle

Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und

verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im

Krampfe.

Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah,

über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort

aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das

Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung

und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden

waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe

lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich

mehr und mehr bewegte.

Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten

das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr

Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei,

die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an

der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.

Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht

erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich

wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.

Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht

war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein

gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der

Totenschein meiner Gattin.

Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom

zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt,

wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten,

unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen

sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am

elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen

war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von

mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs

mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so

lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich

der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und

schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu

elektrisieren.

Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war

nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene

zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich,

ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt.

Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in

meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede

Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem

gewöhnlichen Kranken.

Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen

Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein

wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber

das ist ein schwerer Traum gewesen; -- den möchte ich nicht ein zweites

Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge

sie auf der Bahre -- viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen,

sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen;

sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes

Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei

aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste

Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick,

lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten

sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr

schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. -- Als sie dieses

erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus:

»Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«

Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu

beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse

zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.

»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der

Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel

in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte

und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.

Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit

Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde

lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.

Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem

Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.

Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die

Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch

einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten --

vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht

mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich

-- und das dauerte nicht lange -- die ersten Symptome der Verwesung

einstellten.

Dann war das Begräbnis.

Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die

Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.

Möge sie im Frieden ruhen!

In der Einsam.

»Liebe Schwester!

Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her,

keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken,

daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht

haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt',

wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem

Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil

nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie

sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch

nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden,

ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und

ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie

meine Heimat und meine Leut.

Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich

mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben

zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend

Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir

dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes

ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen

frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin

allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das

muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken

will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten

tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche

Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit

keinem Menschen umgeht, wie sie da -- aber nit von der besseren

Gattung -- aus allen Ländern zusammenkommen.

Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab

mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer

ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein

Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben,

kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der

Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von

unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.

Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie

wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie

sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln

zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika!

Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich

ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch

im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim.

Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die

kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft

ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck

und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie

nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen

sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal,

wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von

mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen

und versorgt wie eine Große -- ganz wie ihre Mutter, wenn ich

krank gewesen bin -- und hat mich mit ihrem lieben Plaudern

aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten

Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf

meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben

uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling

geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen

worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt

hab.

Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes

achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die

Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie

hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr

was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen

tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir

schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser

und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein

Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald

wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so

gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat

immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen

hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt

sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem

Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere,

die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig

ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat

das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir

denn nach Amerika?

Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau

gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt.

Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft

mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei,

taumelt hin, zu Boden -- und vorbei ist's gewesen. Ich

versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann.

Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen.

Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden

lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl

ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in

den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb

geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein

Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der

meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht -- weiß nit, was

dann gewesen ist.

So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin

unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das

mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange

dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel

hin -- und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's

geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über

Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der

Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und

das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl

dran glauben müssen.

Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen

Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt:

Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind.

Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins

Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel

gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein

Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans

Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in

Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden,

und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine

Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist

eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen

ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel

gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren

Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für

mein Dirndl. Am Ufer ist Sand -- da nicht. Weiter hinten sind

die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch

schöne wilde Rosen -- hab ich schon wollen den Spaten einhauen,

und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab

ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so

arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel,

über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge

der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere

schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine,

aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der

Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und

hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen

drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab

ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer

von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein,

laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir

worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist,

hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich

mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt,

hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das

ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein

Kind eingraben! -- Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön

ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl

hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel

aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie

möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen

und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum

Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich

daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben,

so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber

nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil

das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu

warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit

gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher

an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und

haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist

in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal

umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich

noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht

ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie

es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos

verlassen hat -- allein auf dem Weltmeer.

So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja

selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester,

es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich

hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit

können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag

kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau

hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa

Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf

keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem

Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen

weit im Meer.

Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf

dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika

gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin

ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat

sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in

Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die

Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine

Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in

Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß

nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei

einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es

ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig

dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's

überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und

wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um

sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken

sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge

gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen,

ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so

hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn

gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum

Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden

will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören

arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen

Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester,

ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf

bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel

und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich

meines Kindes Grab verlassen hab.

Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl

niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das

ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein

Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum

Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen

in der lieben Heimat.

Fremde Straßen · 第 45 / 89 题