Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.«

»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge

Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen,

scharfgeladenen Revolver bei sich trug. -- Wozu denn so etwas? fragte

ich ihn einmal. -- Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht

plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. -- Das war mir

dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich

mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im

ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich

konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm

unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten,

stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er

geschätzt als guter Kamerad. -- Und nun kam diese Nacht.«

»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der

Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien.

»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich

jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch,

darum stehe ich da. -- Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner

Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes

Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz

genau. -- Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885.

Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest.

Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere

Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen,

was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem

Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn

Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu

sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden

zwei Gendarmen. -- Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich:

Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich

aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und

den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte

mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir

auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im

Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte

vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster

unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des

Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die

Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den

Freund. -- Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand

nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem

Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie

ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. --

Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. -- Du siehst

es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter

meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich

nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und

schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und

sage heftig: Was hast du getan? -- Er fällt mir um den Hals: Hilf mir,

Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre

mußte ich retten. Geld unterschlagen. -- Ohnmächtig muß ich geworden

sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen

und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. -- Noch einen

Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so

gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! -- Dann rette mich,

sagt er und blickt hilfesuchend um sich. -- Du hast in deinem Amte

Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein

unbeschreiblicher Aufruhr, da, +das ist deine Rettung+! und drücke

ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf:

das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei

mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und

jetzt, +jetzt fehlt mir der Mut+! O, zertritt mich, die feige Bestie,

speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten

Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet,

und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon

gesehen? -- Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck,

Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm

die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend

bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich

selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre,

ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du +kannst+

nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken

Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es

ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du +mußt+! -- Ich kann

nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -- Draußen

machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein

liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser

Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein

Ende! Ich zwinge dich! -- Er will den Revolver auf den Boden fallen

lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen

ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn -- wir ringen, die Tür

kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und

Johannes sinkt zu Boden. -- Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort

gehalten! denn ich -- ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen.

Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei

jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen

sie zur zertrümmerten Tür herein. -- Zu spät, sage ich, er hat sich

erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. --

Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. -- Und ich, wie ich

allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was

hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher

Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das

Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was

dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute

sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert

hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund,

deine Seele. -- Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser

verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem

Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als

seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. --

O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner,

ein Schurke zu sein! -- Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann

ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache

seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten

sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter

der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen

Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein

Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg

starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen

zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich

den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben

denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie

gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich

hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das

auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre

und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein

kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den

Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete

ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die

Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei

in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir

möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar

zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß

meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man

einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. --

Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen

das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas

Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur

wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können,

wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel

auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen

vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber

ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es

nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß

ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder

achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über

mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich

geworden. -- Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe,

wie es mir Ernst war. -- Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich

habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat

einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.«

Max Seelader schwieg.

Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht

vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen.

Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen,

jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf

die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so

tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre

Geschichte gehört vor die Geschwornen.«

* * * * *

Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die

Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der

Geschworenen sein -- welches Urteil würdest du fällen?

Die Vierzehnte.

Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval in die Stadt.

»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, und so reiste

ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, aber wenn man bei

Unglücksfällen nachdenkt: fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen,

die mit den Ursachen in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.

Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der Stadt. Daß ich im

Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf an der weißen Schnur eines

~pompe funèbre~-Mannes hängen blieb, war mir für den Augenblick

ärgerlich. Was hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof

ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein Toter ankommt,

was, wie ich später erfuhr, damals allerdings der Fall gewesen. Ich war

mit einem Toten auf den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch,

aber den Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.

Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte Zimmer; es ist zwar

auf eine besondere Häuslichkeit nicht zu rechnen, wenn man Welt sehen

will, aber wohnen will man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst

wenn's nur für den Friseur wäre -- stets das Dekorum, sage ich, gegen

jedermann das Dekorum.

In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen mußte, wies

man mich in das große Kleidermagazin »zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin

»zum Uhu!« Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild

schon in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die

Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.

Theater, Museen, Konzerte -- Fastenkost, nichts als Fastenkost.

Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind sozusagen lebendig und

wissen doch nicht, was leben heißt. Mit den Elitebällen wollte ich den

Anfang machen, abwärts geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich

gesprochen, wo man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas

»Orpheum« oder »Elysium« usw.

Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes Haus zum Diner.

Ich bin im ganzen nicht für häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei

kultiviert man auf dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja

annehmen.

In der Familie waren -- wie ich wußte -- ein paar hübsche Kinder von

achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das weiht in die Gesellschaft, in

die Verhältnisse des diesjährigen Faschings ein. Man lernt das Feld

kennen, auf dem man siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer

Rosenknospe, die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins Haus, in

das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete mir eine alte Frau. Man

braucht nicht abergläubisch zu sein, um von einer solchen Begegnung an

der Stufe eines Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm

berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar Straßen auf und

ab, um dann das zweitemal ins Haus zu treten.

Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte mich die

Wohnung. Man hat auf seinem Landgut auch Komfort, aber +diese+

Eleganz -- ich war überrascht! Die Gesellschaft war nicht groß, aber

glänzend, blendend -- reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde;

das Buch vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, man

ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der Konversation,

im Courmachen, kurz in allen ritterlichen Fertigkeiten eines Löwen.

Man geht zu Tische; mir schneit der Zufall, nein, mein Glück, eine

junge, entzückende Dame an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe.

Die alten Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd

gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene

Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine seltene Gabe, die

keiner dem andern spenden kann, wenn sie nicht von selbst kommt. In

feinen Kreisen kommt sie von selbst. Es ist doch ein anderes Leben

in der Stadt als auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so

geistvoll! Es geht nichts über die Stadt.

Als wir im besten Schnabulieren waren -- ich zertrennte just ein Stück

Filet du Boeuf und sann mir dabei Artigkeiten aus, die ich meinen

Beisitzerinnen sagen wollte -- sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf

und ihr Blick irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.

»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man wird unruhig, auf

allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist geschehen?« fragte ich.

»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen an der Tafel!«

Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man sich beruhige und

vorläufig wieder an die Plätze begebe, damit das Unglaubliche nochmals

untersucht werden könne.

Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame des Hauses, die mir

zur Linken saß, zählte von sich aus links hin die Anwesenden -- es

waren genau dreizehn -- und ich war der dreizehnte.

Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, er halte die

Zahl dreizehn bei Tische nur in dem einen Falle für fatal, wenn bloß

für zwölf gekocht worden. Eine solche Bemerkung unter Gebildeten

verdient, daß sie einfach ignoriert werde -- und das wurde sie.

Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch für fünfzehn

gedeckt!«

Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem sie von sich aus

nach rechts hin vorging, es waren ganz genau dreizehn, und ich war der

dreizehnte.

Was war zu tun?

Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem Extratischchen Platz

nehmen zu wollen.

»Na, das fehlte noch!« rief man.

Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, Apothekerswitwe im

dritten Stock, geschickt:

Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen wolle, heute bei uns zu

speisen, dann möchte sie aber die Güte haben, sofort.

Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie sie zur Ehre käme, sie

danke verbindlichst, aber es sei ihr momentan ganz unmöglich.

»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des Hauses, »eine

Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den Kopf hat.«

»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man

trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins

Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns

speisen, aber sogleich!«

Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid,

ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten

Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das

Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal

gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch

nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren

weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr

herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht

gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um

-- der dreizehnte zu sein. -- Wenn man nachdenkt, es trifft immer

zu -- der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht

abergläubisch zu sein. -- Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen

vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen

Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das

Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten,

rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.

»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets

geistreiche Nachbarin zur Rechten.

»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch

zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich

erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren

Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt

ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein,

heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.«

Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten

braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und

mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und

Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge

ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre

mir die liebste von allen.

Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.

Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen

heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem

Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen.

»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter

mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem

Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge.

Fremde Straßen · 第 43 / 89 题