30. April.

Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu

schreiben.

Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in mir

verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen.

Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem

künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin,

weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und

dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde

auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich

denken können, daß es einmal mein sein sollte!

Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen

Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung

auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen

Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten.

Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es

bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war

er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu

begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im

Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg.

Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute und ich sagte, wir

wollten doch hineingehen und die Mutter Maria grüßen.

Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihm aber

niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von niemandem geliebt. Ich bat

ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter

Maria heute danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich

einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein

großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.

Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er

wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich

anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das

Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort

einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich,

unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß alles lacht.

Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß

ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ...

Wir sind spät nach Hause gegangen.

Jedes allein.

Fremde Straßen · 第 17 / 89 题