Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und
würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden mehr Leute in der Kirche
anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich
gesagt, aber geheim wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama
war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen
lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde.
Als mich mein Mann -- ach, mein Mann! -- durch unsere neue Wohnung
führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte,
um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren
Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So sagte
ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner
verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig.
Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als
der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den
Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein
Brautgeschenk sein, +mein+ ganz allein, er wolle es nimmer betreten und
nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.
Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer
Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr
begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände
von der ersten Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr
Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege mit
dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. -- Das alles!
Und es war mein Eigentum, ich konnte es vernichten.
Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise,
warum ich weine?
»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen.
Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich
spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du
wirst gesehen haben, wie alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist
ihr Sterbejahr gewesen.«
Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann erkundigt sich beim
Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar
nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen.
Wenn nur schon morgen wäre!