Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an
Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard
unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so
brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie
es stand.
»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie
wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie
verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm?
Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen.
Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten!
Verlaßt's mich nit, Kameraden!«
Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere
überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit
gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für
euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und
sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei
Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten
wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!«
Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt
stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In
diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!«
Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten
frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der
Nachtwächter. --
Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg.
Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als
sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre
heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den
Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der
in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit
bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein
sollte.
»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst.
»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus
an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen.
Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen
die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und
Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.«
Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und
die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die
Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer
standrechtlich erschießen!«
»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei
Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber -- es kommt
niemand.«
»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.
»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«
»Verschwörung? Revolte?« --
Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von
dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen
Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen
hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester,
die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der
König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen
lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da
hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe
wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen
angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar
kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der
Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung
grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es
bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe,
die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne
und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war
allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die
Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden
Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen
Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war
für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig
um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu
machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien
aufsichtslos herum. -- Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft
vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge
nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er
seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit
dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften,
die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie
zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht
hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der
Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte!
Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der
Herren Begehr sei! -- Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht
wohl. -- In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte,
daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er
sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem
Mädel -- so dachte er sich zu -- es mag ja Dummheit eines besonders
entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor,
und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen
Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein
hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht
gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden!
Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt
bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. -- Er besichtigte
seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem
Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. -- Das Holz war
alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die
Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der
Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander
hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. -- Na, es wird sich ja
noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein
gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen
vergessen, mit wem sie's zu tun haben. -- Es wird sich alles ordnen,
bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren,
denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch
sonst sehr oft das beste ist -- aus der Not eine Tugend zu machen. Das
Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets
eine Tugend gewesen.
Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig
im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen
schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett.
Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden
in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's
nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank
und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen
bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog
der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen
Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten
sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König
und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im
grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach
da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des
Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger
Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten
die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks
und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es
noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger
Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor
einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!«
Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die
Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen
könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«
Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und
sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.
»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen
ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«
»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und
Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.
»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste
Wetter.«
»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten.
Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der
Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen
Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber
noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten,
dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle
außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß
werfe -- konnte dazugedacht werden.
Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen
vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So
als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel
der Fürst ein.
»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung
annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke
fahre ich nicht, niemals!«
Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren
langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. --
Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige
Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen.
Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst
kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer
seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen
Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte
jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und
eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich
Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste
Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man
in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet
habe -- in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das
Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling
zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! -- Der Winard
brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt
heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges
Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große,
gemeinsame Sache. --
Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des
Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine
Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar
so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester,
gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein
trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er
war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in
einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh,
es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die
Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend
und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die
Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht
werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu
kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den
Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen
kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für
ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es
gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene
Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen
Baumstamm.
»Ein Überfall?« rief der König.
»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's +mir+ gilt, gut!« Er
eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und
kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine
Stimme.
»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in
den Hof flutete.
»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des
Fischerjungen.
»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist
der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für
Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein
dreiköpfiger!«
Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern
herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch
wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers
Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den
Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard
hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen
lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen
Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle
rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem
Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die
Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt
willig herab.
»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten.
Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten
den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem
Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es
schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am
Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das
wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus,
er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das
Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander.
»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still.
Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert
von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer
Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das
größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so
gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese
großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem
Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche
Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer
Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige
Herrscherin vorstelle ...«
»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.
Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib.
»Die Hedwig?«
»Ist sie's?«
»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«
Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre
königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« --
Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem
Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des
Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen
geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit
um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so
königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch
noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer
Patriot eins trinken über den Durst? -- Als der nächste Morgen tagte,
gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen
und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche
Paar.
»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und
legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese
Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt -- und
heute --!«
»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt,
»ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich,
wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten
Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen
Mann zu sehen als dich. Und du?«
Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß:
»Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« --
Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht
mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn
kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu
haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon
hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten
begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem
krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen
das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. -- So sauber!
Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.
Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim
drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand
aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender
Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein
Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte
er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend
sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die
Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur
hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich
dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen
Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte
der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und
ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das
Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie
hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer
mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser
mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch
etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog
ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte.
»Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor
Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß
eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und
Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm
getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch
Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen
fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel
hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen
vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.
Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen.
So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes
zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer
Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von
der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum
Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der
krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und
sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und
dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht
der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher
Scherenschleifer mit seinem Kinde.
Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer
eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung,
daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er
sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht
noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen
Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war
er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten
das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«
Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt
worden? Wahrhaftig -- dachte sich der Bursche -- das stimmt auch bei
mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer
Woche! Ihr und so weiter. -- Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen.
Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer
Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend.
In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese
Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo
ist die Hedwig?« schnob er.
Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und
antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie,
so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du
findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«
»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich
muß die Hedwig haben!«
»+Mußt+ sie haben? Na, dann ist's was anderes. -- Mädel!« rief
er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den
Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem
Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von
Fleisch und Blut war.
Jetzt ist die Geschichte aus. -- Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe
um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -- Aber sollen sie denn
hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst
Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging
eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer
vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er
mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.
Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei
Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten.
Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger
Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür
war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte,
viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen
Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -- ein
zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon«
von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die
Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter
gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang
und ihn küßte. -- Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt?
Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich
sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu,
um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? -- Also fragten die
Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort
geben konnte.
Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum
gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe
zurückfuhr -- eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr
sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr
die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne
als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer
schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden
könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie
sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu
erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für
diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte
sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe
emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie
wieder zu begegnen hoffte.
Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten
ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein,
das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze
ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von
Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal
schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein
ganzes Jahr und drei Tage -- nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines
Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr
getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das
darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames
Menschendasein voll grenzenloser Trauer!
An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr
Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und
traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das
Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu
sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es
ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.
Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender
Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an
Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als
der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten,
sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.
Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels,
den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen,
gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für
den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die
Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber,
daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als
wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile
gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen
Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen
haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden
eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der
sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna
vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach
einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig
ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus
diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.
Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst,
der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg,
deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des
bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder
Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene
Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet,
und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog
durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn
davongetragen hatten.
Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie
es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß
die Folge zeigen.
Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen
und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu
der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal
sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er
speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich
überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen
herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit
ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt
war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer
des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das
lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der
Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach,
die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad
nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam
und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen
zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen
zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter
Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des
Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende
Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das
blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.
Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und
frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte
manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den
munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten
auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem
Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette
kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige
Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn
oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im
großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da
bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser
hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird
ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!
Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand
Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die
Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz
so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker
geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen,
war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger
Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster
erschien -- mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.
Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken
pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und
dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst
betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese
Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung
für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.
Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend
sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem
Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er
für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der
Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl,
welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen,
zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad
übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer
auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich
aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen
fühlte. Um den Rest der Vakanzen -- es waren die letzten vor der
Priesterweihe -- dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm
sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr
sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber
was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein.
Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein
Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem
er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten,
und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben
worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem
leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging -- Frau Johanna
müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.
Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie
an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen
könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte
sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus
eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl
die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald
pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher
zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. --
Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden?
Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes
ist! -- Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt
gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau
Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte
sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung,
und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder
zurückzuerobern. -- Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die
Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg:
dem Himmel zu.
Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der
Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze
Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den
alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im
Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem
Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien
Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare
war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben
der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender.
Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am
dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im
Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch
geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.
»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer
beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf
die Knie, und sein Körper bebte.
»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte
ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an
seinen Mund.
»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du
bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich,
bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. -- Frau von
Martenstein! -- Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter?
Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling
sich festschmiegt an die Mutterbrust ... Aus dem Tale klangen die
Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich,
und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den
Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte
unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um
Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!
Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am
reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen,
umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von
Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da
saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott,
daß +rein+ das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine
aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine
Bewegung, so erloschen sein Auge.
Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe
heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor
geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr,
ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus
stand.
Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als
alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein,
als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben
müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten
beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein.
Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf --
Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut
gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht
geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von
handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein
Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas,
das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil
ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum
ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche
überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit
erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. -- So deutlich hatte Frau
Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch
gutmachen, ihm noch Genugtuung geben ... Das wäre die Stimme des
Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man
auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb'
läßt sich nicht lumpen.
Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten
Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche
Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse
reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte,
was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte
die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle
ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders
zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder
instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die
vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im
Schlosse lesen lassen.
»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht
herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den
Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe
zu lesen?« fragte der Greis.
»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau
von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan
halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden
Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel
ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in
verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es
nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet?
Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und
Ihr wisset, was das heißt.«
Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah;
zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die
gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue
Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr
nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden,
damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner
täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz
verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin
keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte
ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu
verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung
aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner
weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben
geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge
seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften
vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern.
Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.
Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad
wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über
welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war
ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein
sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu
verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen?
-- Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen,
da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
»Teure Mutter!
Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen,
die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst
Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst.
Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist
beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als
Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich
bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist
alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem
Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es
mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb'
und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in
jenem.