Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute,
als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte
plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der
Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin
kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es
ihm wieder geben? -- Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. --
Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der
Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden?
nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von
Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer
Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen?
-- Die Frau war entschlossen.
Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O,
wie hatte es getobt, geloht! -- jetzt war es still. Man sagte ihm, er
gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von
seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den
Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen
bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat.
Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und
war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an
nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen,
der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die
Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von
diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht,
wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig
geworden. -- Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis,
durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten
zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus,
niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte
Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der
Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein
hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick
ins Freie kommen.
Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze
Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund
durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug
zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau
Johanna von Martenstein saß.
»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«
»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.
Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde
stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen.
»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.
»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in
die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen
Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher
und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz,
ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine
geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die
Pferde rasten entfesselt dahin.
»Sterben!« sagte Konrad.
»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos,
weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten.
Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen
sie das Verderben, dem sie nahten.
»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.
»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den
Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese
standen.
Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau
Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist
ein Mann.«
Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu
besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.
Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von
Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten
Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch
eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch,
daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein
in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. -- Also
mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht
von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn
dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun,
als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was
einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde.
-- Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden?
Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.
Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein
vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick
beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. -- Vor einiger Zeit
hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich
verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach
dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren
Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?«
»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.
»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.
Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein
ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen
des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern
unterwarf für alle ihre Zukunft.
Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer
»Poseidon«.
Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.