Das Mündel-Kindel.
Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß
ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich
schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt.
Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen
mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da
Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne.
Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der
einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm
gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem
Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen
lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte
Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier
stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte
hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin
und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein
paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen
hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen
Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. --
Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der
junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten,
der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde
entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen
braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach
einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen
ein frisches umtauschen.
»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,«
erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei
Paternitätsklagen.«
»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in
die Höhe. »Das ist interessant.«
»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.
»Aber anhören kann man's doch.«
»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar
nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein,
für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige
Unterhaltung. Heil dir!«
Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und
goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit
einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen
etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.
»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den
Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel
zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere
Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«
»Nicht?«
»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie
Talent gehabt.«
»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und
schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im
Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas
kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«
Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund
daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht
mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge
ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können.
Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre
älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets
als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte.
»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir
etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen
bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.«
Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg
Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem
Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach
einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich
habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«
»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl ~tempi passati~. Du
hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.«
»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und -- das
Kind lebt.«
Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise
und gedehnt: »Na, hörst du!« --
Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur
abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer
abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie
starb in der Klinik. Das Kleine -- heute sechs Tage alt -- ist im
Findelhaus.«
»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz
harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem
Findelhaus zufrieden, oder --. Sei versichert, daß mir die Sache
verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere
Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben
sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.«
»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«
»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?«
»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«
»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich,
enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.«
»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister.
-- Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen
Mann -- du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht
verderben lassen. Ist es ein Knabe?«
»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist
ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht
machen.«
»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?«
»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd,
wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin
so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise
nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte
ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem
Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?«
Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem
etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist
die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist
ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler
wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?«
»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt -- das sind mir
auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen
und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden -- alle haben
ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
»Nein. Es würde das ganze Familienglück -- was man so nennt --
zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim
in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel
oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht
vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt
-- ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht
zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut
mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der
Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine
fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere
Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, +dieser+ hatte er sich
geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt.
Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses
Lustgefühl, dieses Angstgefühl -- dieses abgrundtiefe Erbarmen --
wenn das Vaterliebe war! -- Dann erzählte er, wie er durch mancherlei
Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine
Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine
lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn
vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard
Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß,
und er -- der junge Vater -- sollte einmal drei Stadthäuser erben.
Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes
Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte
es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie
am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes
hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da
sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses
Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene
Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war
doch eine Fratze! -- Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter.
»Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe
desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters
und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch
ist's.«
»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und
kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind
haben, und doch wieder keines haben -- etwas Komischeres gibt's nicht
mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.
»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der
Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe
den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer.
-- Schon wieder vorüber. Aprilwetter. -- Ja, Freund, du hast mich
zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich
weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird
berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen
läßt.«
Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als
die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch
die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die
Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er
kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen
Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese
schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental
sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um
und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.
* * * * *
Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm,
standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das
letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild
»zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock
mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen
surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von
zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge
schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit
weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte
vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder
deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an
die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im
vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines
Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren
Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein
~studiosus juris~ war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in
neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte
ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein
Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt,
daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung,
Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.
Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete,
eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit
zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben
wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen!
Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie
können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können
mich +nicht+ zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und
kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den
Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der
Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg
auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube
nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine
Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden.
Nein, was sie einem bei +uns+ alles aufmutzen wollen!«
Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so
groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß
außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.
»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht
beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale
Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort
mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den
Stadtrat, dann zum Vater --«
»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere
Frau.
»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten
Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen
dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten -- ich pfeife
darauf.«
Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig
darauflos.
»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er
war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er
sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der
Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte
ihn ein bißchen. -- Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war
Vormund des Enkels geworden.
An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav
auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft.
»Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.
Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach
dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer
Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine
Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie
noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben,
während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und
Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich
hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand
er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der
Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um
seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den
gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er
unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.
In der nächsten Woche wurde Marand -- und zwar zu sehr ungelegener
Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt -- zu
Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und
Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und
bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf
Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt,
es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es
gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den
Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt
verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur
und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter
solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen
Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über
die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen
Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich
weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« -- Darob war die
Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig,
vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen
hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht
musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit
der Nase daraufstoßen.
Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete
ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb
bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen
Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster
bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen
auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte
die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und
dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus
zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie
habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade
beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein
kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was
dafür bezahlt würde.
Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde
sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege
herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg
in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen,
wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter
bekäme?
Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist
zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel
anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein
Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts
dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« -- Und
abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte
viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten
erwischen.
»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe
hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere,
niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich -- wie es beinahe
aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs
weitere Fortkommen sorgen -- ja zum Satan, da ist's einfacher, man
nimmt das Kind ins Haus -- --.«
Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber
gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche,
feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette
zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die
Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den
feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.
»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig
genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben.
Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas
kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.«
Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine
Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft
ins Haus nehmen will.
»Was meint Ihr?« fragte er.
»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene.
Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so
etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen.
Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst.
Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im
Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das
Kindergeschrei beklagen.
»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal.
»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der
Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden,
aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis
Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause
des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist
ja auch die Kindsmutter gewesen.«
Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung.
Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.
»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist
der damals ja nach Triest übersiedelt.«
»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach
Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht.
Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch
draufkommen.«
Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.
»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte
der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.«
»Mein Gott, recht ist -- recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend.
»Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«
Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit
aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon
lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so
warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«
* * * * *
Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es
Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein,
beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch
selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die
Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten
Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es
wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er
brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben,
der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war.
Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb
Alfons daheim und spielte mit dem Kind.
Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein
geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die
langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen
runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus,
die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste
Hose und das übrige dazu -- einen »Matrosenanzug« mit den flotten
Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es
ähnlich einst auch Alfons gehabt.
Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.
Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer
Besprechung ein.
»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet
nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für
dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens -- du könntest ja auch fünf
Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du
spielend.«
Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.
»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. -- -- »Wenn wir den
Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«
Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem
Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und
rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«
Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt
der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell
lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand,
Josef! Das ist ja der Fonserl!«
Da wußten sie alles.
Der Mädeljäger.
Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht,
aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg.
Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben
ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft,
scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und
Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der
Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten,
aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von
Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge,
heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der
Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man
der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die
Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu
verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt
worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im
schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit
dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn
Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht
angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der
Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die
Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich
in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die
Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den
Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses
Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber
Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als
Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg
lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen
viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die
Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine
Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum
die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die
Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für
ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das
Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel
Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil
jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es
verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um
die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger
Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum
befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde
in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen;
gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer
dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren
die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem
Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines
Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau
und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in
Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen.
Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten,
daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte
es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und
Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer
wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine
spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland
gehen.
Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen
Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich
und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am
Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese
Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog
aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine
Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf
und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen
die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig
Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten,
schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und
der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen
Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des
großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen
war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit
allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll
hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner
Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen
Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren,
haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal
aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt
den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner
Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu
sehen war.
Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in
allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen,
was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging
im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von
Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du
stehe.
Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.
Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte
jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht
über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler,
angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut,
hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige
Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach
ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer
Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet
wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause
in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.
Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und
bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn
es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore
zu stehen hatte.
Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu
schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert
und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag
war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes
und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel
trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung
und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam
dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz
leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze
stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf
dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken
reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht,
obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand
angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete.
Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der
Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber
artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so
etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt
werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen
Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für
einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen,
daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht
so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte
gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden
Alters.
Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um
mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da
fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube
standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den
zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen
litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm
diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen
nicht verkaufen wolle?
»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da
geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder
und Kindeskinder.«
»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.
Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen
Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten
so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch
nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein,
gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher
kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die
Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das
Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die
alten Kästen geben wir nicht her.«
Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt
und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit
gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch
schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.
Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und
gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das
ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an
diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.«
Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen
hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen
geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. -- Gnädiger Herr, bitt' gar
schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«
Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach
dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am
Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche
Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die
längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das
Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her
mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert,
so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen
mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette.
Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile
dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei
breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das
stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen
wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne
Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und
Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig
Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand
gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein
Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein
Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er
nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's
gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des
Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt
und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen
Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die
ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck
und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte
manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit
haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus
dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem
sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem
Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es,
daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl
einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es
vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele
Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers
öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von
sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern,
selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten +kann+ es geben,
Zimmerleute +muß+ es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht
besonders untertänig.
Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem
Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der
Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.
Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten
jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren.
»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der
kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen
selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll.
Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«
Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich
der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem
Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und
ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten
munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder.
»Sind sie nicht zu jung?«
»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche.
»Die Forellen meine ich.«
»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«
»Gut, lasse sie da.«
Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß
bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er
Forellen liebe?
Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter
Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der
Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen
wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so
sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst
ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -- Der Fürst
fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den
silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit
einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war
durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister
Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er
wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit,
das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann
der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt
nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig
vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen
Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer
Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen
eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf +einem+ Thron, ist
das aristokratisch?
Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt,
um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt
hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag
aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich
gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte
sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und
ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie
Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine
Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen
Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit
einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten,
dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen
Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen
mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb
vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder
Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt
es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein
junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir
nimmt es das Brot!«
»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab,
denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen
muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. --
»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an
einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war.
»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«
»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«
»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«
»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«
»Zu Martini achtundsiebzig.«
»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.«
»Solang' mich die Augen nicht verlassen ...«
»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so
sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?«
»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung
bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn
ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch
freuen.«
»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an
siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«
»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.«
»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter
Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.
»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit
gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.«
»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«
»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem
dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch
nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«
»Ist sie ein Tochterkind?«
»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver
gewesen wie ich.«
Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände
am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein
solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt,
wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden.
Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar
denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf
warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An
diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden,
den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat
ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und
Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln
und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war
längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III.
gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen
Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem
Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne
silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste
keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen
Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die
Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und
blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie
überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie
eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie
die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei
Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes
Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge,
auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug
auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des
Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere?
»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage
der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen
in der Arbeit für das Himmelbett.
»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da
könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es
dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat
sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll
ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein
bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler
hat +zwei+ Köpfe.«
»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem
Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang
er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus
ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen
hineingeben?«
»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es,
soll in der Kunst das allerschwerste sein.«
»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger,
wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?«
»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.
Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das
Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet
Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.«
Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige
Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was.
Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der
Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken.
»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie
denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist
Platz genug.«
Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.
Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine
Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse
herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin
geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer
fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau,
ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem
Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige
Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück
solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein:
»Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«
»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon
gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«
»So bist du am Ende wieder hungerig?«
»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem
gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so
soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und
harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So
rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er
leise, und sonst nichts -- kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer.
Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen
Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur
Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht,
auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig
geworden sei ... Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.
»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist
ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. --
»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter
ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging
und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie
ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke
Schritte machte und so frisch aufgelegt war.
»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein
schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon
von der Mutter her.«
Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.
»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend
und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war
sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte
in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist:
Einsamkeit?«
»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich
hab' sie weiter nie gehabt.«
»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien
dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister:
Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?«
»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann.
»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen
und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in
ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere
haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen.
Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden.
Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.«
»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der
Zimmermann.
Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte:
»Das hat er getan.«
Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel
klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die
Hand geben möchte.«
»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der
König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie
vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?«
»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand.
Verstehe aber den Unterschied nicht.«
»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen
nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn,
für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem
Volke freien will ...«
Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -- Diese hohen Herren!
Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie
leichter, als andere Leute! -- An seine Hedwig dachte der Alte, da
wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im
Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man
muß sie heim zum Vater schicken. --
Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein
entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer,
als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's
schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu
parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages,
als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage.
»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir
gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem
graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. -- Und der hohe Herr
verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort.
Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide
zu führen. Die Ziegen!
Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar
war just daran, das Himmelbett zu streichen.
»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel
sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich
nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder
traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut
mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in
meinem Hause, in meinem Staate!«
Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem
meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den
Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. -- An der einen Seite ist
das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch
heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der
dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer
behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!
Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben,
aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut'
auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er
ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging
an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo
die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war
es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel
nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer
trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig
zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich
hätt' halt schon lang ein Anliegen!«
»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst
freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und
es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er
sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz
erteilte.
»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges
...« So stotterte der Bursche.
»Du weißt, was in meiner Macht steht ...«
»In -- des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«
Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und
klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck
gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der
Sold zu gering?«
Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich:
»So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien
Weide anginge ...«
»Dann ist's ...« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt:
»Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?«
Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe.
»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.«
»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat
ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen,
sagt sie.«
»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.«
Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als
ich. Zwar das nicht, stärker nicht -- aber angesehener.«
»Wohl ein Bauer?«
»Das nicht.«
»Gar ein Bürger?«
»Wohl ein wenig mehr.«
»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«
»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«
»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der
Fürst etwas ernster.
»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur
so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür
tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen
sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. -- Der
gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie ...«
Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war
er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer.
Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte
er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was
sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir
...!« Mit dem Finger wies er in die Ferne.
Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm
stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das
Wort sagte: »So ist es doch wahr ...«
Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach,
glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's
was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf
kostet.«
Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im
Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.
»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte
er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!«
Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon.
-- Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?
Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten
am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister
Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister
längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des
Fischerjungen Winard.
»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein
Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt.
Raufhändel, Liebesgeschichten.«
»Man nehme ihn zu den Soldaten.«
»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«
»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.
Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er
durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard
nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei,
denn er hatte ein Handbündel mitgenommen.
Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch
unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das
Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich
wie folgt:
»Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker
Herr!
Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i
kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern.
Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna
kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all
zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher
gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen
kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi
verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner