Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und
ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein
kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den
Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da;
ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum
Wege.
Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer
Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da
bist du ja schon!« an der Hand faßte.
Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow,
in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da.
»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.«
Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg
nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein
Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf
Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte.
»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er
hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut
Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«
Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits
gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor
dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien
reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als
was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen
und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt
aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns
und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit
Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös
aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen
wurde mit fortgerissen.
Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun
endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen
gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow,
wie ist dir zu Mute?«
»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der
imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu
schleudern, wie eine faule Birne?«
»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen,
der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.«
»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet
mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte
Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem
Bettler abgelehnt zu sein.«
Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte
Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich
häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein
Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus
auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem
abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte
daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor.
Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich
seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein
pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des
Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir
haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben -- die grünen sollen
besonders schädlich sein -- dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen
als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche
bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein
umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete
vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war,
gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn
auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für
Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber
rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt,
vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.
»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank
sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht
ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.«
»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen?
Das zerstreut und erfrischt.«
»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange
nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.«
Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte,
zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr
Doktor?«
Es waren freundliche Spätherbsttage. -- Ich führte den armen Wendel
mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb
und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es
ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des
Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums
andere langsam zu Boden sank.
Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten,
daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte
vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich
von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich
suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel,
er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen.
Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn
auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und
stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.«
»Wen meinst du, Wendelin?«
»Freda!« hauchte er matt.
Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins nächste Lazarett;
als sie ihn in der Halle niederließen und ich die Klappe öffnete, um zu
fragen, wie er sich befinde, da waren die Lippen für immer verstummt.
* * * * *
Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, daß an
jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, auf der
Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: »Freda!« zusammengebrochen und bald
darauf verschieden sei.
Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen Besuch in der
Leichenhalle zur Folge gehabt hat. Eine fremde Dame fand sich ein,
bat sich die Leiche des Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie
mit Eichenlaub, überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen
Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen Grabe.