Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem
Meere aufragen.
»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze,
der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten
Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu
tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde
gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges
Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach
Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem
Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua
gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die
er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen
verstorbenen Sohn. -- Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel
wies auf das Ölgemälde an der Wand.
»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich,
»es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den
Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«
»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das
ist das Porträt des verunglückten Albin.«
Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere
Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.
»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden,
begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so
fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab
mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft
hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur
Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch -- möchte
ich sagen -- mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem
Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze
eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor
seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda
war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm
gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber
eingefunden, allein --«
»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in
meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche
Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann.
Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit,
Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die
Weiber gerne haben.«
»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich
wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«
»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und
glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein
gutes Gemälde gelungen wäre.«
Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum
einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in
seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein +armer+ Mann.«
Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken.
Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann
wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde
hierauf in mein Zimmer geführt.
Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf
dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von
Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine
Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und
verstört, wie ein Nachtwandler.
»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit
unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier
abreisest?«
Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du
könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange
ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus
Wien komme, um dich zu besuchen.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich
verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.«
Ich starrte ihn an.
»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.
»Allerdings --«
»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger
Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht
mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib
und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie
hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt;
ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem
Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie
zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei
und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe
ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem
Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte
mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht;
sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow
nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen
Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn
sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache
meiner Leiden ist ... Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin
frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden,
arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.«
»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich,
»wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.«
»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und
heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet
und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie
weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt,
und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort
sagen.«
»Welches Wort?«
»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken,
wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie
sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer
hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines
unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.«
»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von
dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag
versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber
das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu
vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.«
Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den
Zähnen.
»Du hassest sie also?« war meine Frage.
Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen
Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das
Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem
ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab
-- sie ist mir gleichgültig.«
»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«
»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern
meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder
die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund,
habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!«
Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du
an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für
dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so
wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme
Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein -- was weiß ich! Es war ja
nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne
Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich
zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so
noch hier sitzen bliebe?«
»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.«
»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne,
kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im
Hause bist.«
»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne
aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«
»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«
Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung
hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in
derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen
Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir
der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen;
diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir -- zwischen Eheleute
dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter
allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens
aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine
Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:
»Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses
Stück Papier das Wort zu schreiben: +Sei ein Mann!+ Lebe wohl.