Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die
seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun
auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon
an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.
Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem
Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war,
nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da
erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines
der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz
gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines
rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf
sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der
habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie
es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die
Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe
der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe,
die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe
er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen
Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit
seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das
Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber
ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun
auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von
dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so
tue man am besten, zu schweigen.
So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des
Schlosses Zurkow -- ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute
war.
Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte,
war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem
Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der
aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen
gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der
dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der
Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige
Schatten.
Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine
Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.
»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum
Abendbrot zu kommen.«
»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung,
»ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume
gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.«
»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann
dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.«
»So schrecklich?«
Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter
Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen
bist.«
Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging.
Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir
auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes
als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel
einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit
Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns
bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber;
sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur,
wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener
Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine
Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den
gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in
Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.
»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit
feuchtem Auge ins Gesicht.
»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so
wiederzufinden,« bemerkte ich.
»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten
Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest,
nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder
zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen
herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht
zufrieden.«
»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der
Welt ist mit dir vorgegangen?«
»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher
Mann bin ich geworden.«
»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen
zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein
anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel
noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen
noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse
gehabt an Geld und Herrlichkeit -- Künstler werden wolltest du, diesen
Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das
geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!«
»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«
»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.«
»So dekoriere ihn mit der Liebe.«
»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.«
»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren
könnte?«
Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war
verblüffend. Ich schwieg.
»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler
geworden.«
»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«
»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich
glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch
die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß
meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche
Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der
Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist,
und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer
Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren.
In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl -- ein Triumph der
Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not
wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem
Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus
kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden
sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen,
dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das
weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus
der ~Via nuova~. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute
Zurkow auf Rügen.«
»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«
»Wen?«
»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach
deine Frau wurde.«
»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt
schon tiefer ins Unglaubliche.«
»Ich bitte dich, erzähle!«
»So werde ich rasch und kurz erzählen. -- In einer Weinlaube des
Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die
Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der
Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer -- nun, das kannst du dir ja
denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so
war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr
mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir
herüber.
Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und
blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen
Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen,
dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin.
Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie
an und schaute auf mich -- und stützte sein Haupt traurig auf die Hand.
Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei
unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an
mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit
zum letzten Ziele manchen Künstlers -- zum Narrenhaus. Es gehörte ein
Wunder dazu, um mich davon zu retten -- und das Wunder geschah.«
»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte,
erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang
der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer
ich wäre.«
»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.
»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in
meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade
an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine
Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast.
Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein
Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen
zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen
helfen.«
»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«
»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem
verstorbenen Sohne hätte.«
»Du gingst mit ihm?«
»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich
dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem
Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt,
fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm,
daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre
es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste
auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam -- auf
dieses schöne, reiche Zurkow, ja -- da hat er mich wie einen lieben
Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt
und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? -- Ja, sagte Freda, und doch
wieder nein, Albin war nicht so schlank. -- Aber er hatte dasselbe
nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund,
das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O
Gott, mein Albin! -- Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt --«
»Und dein Auge?«
»Das hat sie angeschaut.«
»Dann verliebt?«
»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht.
Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen,
der wollte -- höre es! -- er wollte uns schon in den nächsten Wochen
zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes
verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«