Verhandlung zwischen Autor und Verleger.
1884.
Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.
+Der Verleger+: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues
Buch von Ihnen.
+Der Autor+: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast
anderthalb Dutzend Bände von mir!
+V.+ Machen Sie die genannte Zahl voll.
+A.+ Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern
wägen.
+V.+ Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man
gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden.
+A.+ Man vergißt über die Waldbücher den Wald.
+V.+ Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir
Bücher.
+A.+ Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den
Bücherdruck erfunden. -- Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich
auf meinen Schriften verbrennen kann?
+V.+ Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb
über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar
viertausend. Keiner ward verbrannt.
+A.+ Weil sie keiner drucken ließ.
+V.+ Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.
+A.+ Die Tinte eines +solchen+ Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll
gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen
wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett
werden.
+V.+ Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes
Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag.
+A.+ Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem
deutschen Dichter zu gehen. -- Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller
Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge
sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.
+V.+ Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der
Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?
+A.+ Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine
eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus
fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter
fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog.
+V.+ Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein.
+A.+ Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen.
+V.+ Sie schreiben doch jeden Tag!
+A.+ Briefe.
+V.+ Wohl doch nicht lauter --
+A.+ Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern
auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine
Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für
Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums.
Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in
welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die
Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden«
zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? -- So vergeht der
Vormittag.
+V.+ Und nachmittags?
+A.+ Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller
Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter
Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter
usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn
auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion
oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.
+V.+ Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen,
denen man in den Blättern begegnet?
+A.+ Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe
oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei
welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.
+V.+ Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen,
Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung
flott machen.
+A.+ Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als
Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld!
+V.+ So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt.
+A.+ Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir
meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten
sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft
man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges
Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft -- weil
sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu
folgen vermöge!
+V.+ Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was
in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft,
die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie
denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles
mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen,
Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren,
aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern?
+A.+ Gewiß.
+V.+ Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie
Waldgeschichten schreiben?
+A.+ Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die
fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes
hervorbringen möchte. -- Auf meines Vaters Acker wollte nicht +jedes+
Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann
Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker.
Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft
ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten
sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die
nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen
schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben
sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit
der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde
ich auf solchen Straßen einmal marschieren -- weil es mich freut,
wie den Burschen die Wanderschaft. -- Bin ich doch wirklich schon
viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt
hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See,
ich bin -- auf den Beinen des ewigen Juden -- durch die Geschichte
geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum
Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in
der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch
beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen
und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere.
Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies
Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die
Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und
der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht
minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner
Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.
+V.+ Wo sind diese Manuskripte?
+A.+ In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.
+V.+ Und die Schlüssel?
+A.+ Ins Wasser geworfen.
+V.+ Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug.
Also können wir die Sachen drucken?
+A.+ Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger?
+V.+ Nur von denen aus dem Tierreich.
+A.+ Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen
nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann
gehalten.
+V.+ Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein
Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne --
pikant?
+A.+ Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und
Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher;
es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich
auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und
Toren.
Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen
aushüpfen können auf freier Straße.
+V.+ So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern
der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen.
+A.+ Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.
+V.+ Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der
Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade
unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte
Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische
Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont
ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches
Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.«
+A.+ Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche
Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der
Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume.
+V.+ Nun, was sagen Sie dazu?
+A.+ (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen,
Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben.
Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und
größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar
vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder
politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen
Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben,
daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug
auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner
Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker
haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich
dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte:
Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten
irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine
herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. -- Nun wissen wir
es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard
oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die
Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige
Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und
Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer
mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der
äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in
der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes
Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte,
aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig.
Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit
höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie
nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr
Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur,
sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren
Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten
in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in
Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«.
Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also
nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. --
Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande
hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind?
Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer
und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen
und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen
Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem
Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir -- die
literarischen Bauernfresser -- noch nichts gehört. -- Wir sitzen noch
auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit,
als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese
usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem
modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der
gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen,
effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der
seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das
organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und
des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. -- Und indem wir
also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die
einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist --
sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der -- aus hundertjährigem
Schlafe plötzlich auffahrend -- nach seinem Zopfe greift und nun
mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare
ausgegangen sind.
+V.+ Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim
Schopf nehmen kann. --
+A.+ Weil er keinen hat.
+V.+ Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den
Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen
zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser
sind.
+A.+ Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden
meine +Waldgeschichten+ wieder besser schmecken, sobald sie erst meine
Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. -- Gut,
wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«
Der Gutsherr auf Zurkow.
Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. -- Es
war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und
Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit
kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der
Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung
des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest
zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in
irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.
Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein
waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft
wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen-
und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von
Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die
sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die
Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein
aufsteigendes Sternlein.
Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst
vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei
Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten
Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als
Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen
Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt
Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet -- es war
sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als
wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow.
In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je
durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten
durchschnitten.
Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei
weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der
Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie
er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach
Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es
am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau
entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen
nach Putbus gefahren sei.
Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse
eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht
sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig
und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann,
und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den
Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß
er's +gewesen+ war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's
+noch+ sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge
war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener,
seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund
höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine
Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem
Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte
Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen
Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden
Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft
behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer
heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.
Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde
über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte,
schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir
mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.
Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so
seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen
Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den
mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein
gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu
diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?
Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen
ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine
Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in
seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre?
fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind,
das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen
Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist
aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er
mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere
Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen
aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt
bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich
diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus
diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem
Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er
verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm
gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein,
wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie
seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin
Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für
ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler
nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre,
denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte,
war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete
sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine
Originalität -- kurz kein Talent.
Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.
Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst
wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer,
fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche
Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder
doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger
als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung
genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem
Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung
seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es
hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der
mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres
zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf
mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen.
Als Folge des Beifalls erwuchsen -- wie das immer so geht -- auch die
Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent,
forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent
machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und
ich lachte ihn auch aus.
Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger
Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das
Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in
meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen.
Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an
den berühmten alten Meistern groß zu werden.
Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete,
daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine
Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle.
Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen,
dann ging er. Ging ohne Geld -- denn sein Erspartes half ihm kaum bis
über die Grenze -- ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach
Italien.
Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang,
so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten
gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte
mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht
mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten,
immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir
die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen
inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in
die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu
Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst
nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste
Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
»Geschätzter Freund!
Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast,
so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so
versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der
Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir
bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner
nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach
sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter