Es war einmal eine Frau, die hatte nur einen einzigen Sohn, der war aber

nicht größer, als ein Daumen, und darum nannten sie ihn Däumerling. Als

er nun zu Jahren und zu Verstand gekommen war, sagte die Mutter zu ihm,

jetzt müsse er daran denken, sich eine Frau zu nehmen. Ja, Däumerling

war's zufrieden, und die Mutter setzte sich mit ihm auf den Wagen,

und sie fuhren gradesweges nach des Königs Schloß; denn da war eine

Prinzessinn, die war außerordentlich groß, und um die sollte Däumerling

freien. Als sie nun ein Ende gefahren waren, da war Däumerling plötzlich

verschwunden. Die Mutter suchte ihn überall, und rief ihn bei Namen.

»Pip, pip!« sagte Däumerling und hatte sich in die Mähne des Pferdes

versteckt. Als er wieder zum Vorschein kam, mußte er der Mutter

versprechen, daß er sich nicht öfter verstecken wolle. Wie sie aber ein

Ende weiter gekommen waren, da war Däumerling wieder verschwunden. Die

Mutter suchte ihn und rief ihn bei Namen und weinte und jammerte, aber

Däumerling war fort. »Pip, pip!« sagte er und lachte und kicherte; aber

sie konnte ihn das Mal nicht finden. »Pip! pip! hier bin ich!« sagte

Däumerling und kroch aus dem Ohr des Pferdes hervor. Nun mußte er der

Mutter heilig versprechen, daß er sich nicht öfter verstecken wolle;

aber es dauerte nicht lange, so war er abermals fort. Die Mutter suchte

ihn wieder überall und weinte und rief ihn bei Namen, aber Alles war

umsonst; Däumerling war fort. »Pip, pip! hier bin ich,« wisperte es

plötzlich; aber die Mutter konnte gar nicht begreifen, wo es war, denn

es hörte sich so undeutlich an; sie suchte fortwährend, und er sagte

immer: »Pip! pip! hier bin ich!« und lachte und hägte sich, weil sie ihn

nicht finden konnte. Plötzlich aber fing das Pferd an zu niesen, und da

nies'te es Däumerling aus, denn er hatte sich in die eine der Nüstern

versteckt. Nun konnte sich die Mutter nicht anders helfen, als daß

sie ihn in einen Beutel steckte, denn sie wußte wohl, daß er die

Narrenpossen doch nicht nachlassen würde. So kamen sie denn auf dem

Schloß an. Die Prinzessinn konnte den kleinen hübschen Burschen wohl

leiden und verlobte sich mit ihm, und bald darauf ward die Hochzeit.

Als sie sich nun zur Tafel setzten, nahm Däumerling seinen Platz neben

der Prinzessinn; aber er war übel daran, denn als er zulangen wollte,

konnte er nicht an den Teller reichen und hätte gewiß keinen einzigen

Bissen bekommen, wenn die Prinzessinn ihn nicht vom Stuhl genommen und

auf den Tisch gesetzt hätte. So lange er nun da vom Teller aß, ging das

Ding gut; als aber nachher die große Schüssel mit Grütze hereinkam, da

konnte er wieder nicht ankommen; er wußte sich aber zu helfen und setzte

sich auf den breiten Rand. Nun war aber in der Mitte der Schüssel eine

Grube mit Butter zum Eintunken, und so weit konnte er nicht reichen; er

ging daher über die Grütze und setzte sich dicht an den Rand der Butter.

Nun nahm die Prinzessinn einen großen Löffelvoll Grütze und wollte ihn

in die Butter tunken; aber da versah sie's und stieß an Däumerling, so

daß er hinunterfiel in die Butter und ertrank.

15.

Hakon Borkenbart.

Es war einmal eine Königstochter, die war so stolz und schnippisch, daß

kein Freier ihr gut genug war; sie machte sich über alle lustig und

gab dem einen nach dem andern einen Korb; dennoch aber kamen immer der

Freier genug, weil die Hexe so außerordentlich schön war. Einmal kam

auch ein Prinz, mit Namen _Hakon Borkenbart_, und warb um sie. Aber da

sagte die Prinzessinn am Abend zu dem Hofnarren, er solle hingehen, und

dem einen Pferd des Prinzen die Ohren abschneiden, und dem andern das

Maul bis an beide Ohren aufschlitzen. Das that denn der Hofnarr auch.

Als nun der Prinz den andern Tag ausfahren wollte, stand die Prinzessinn

auf dem Flur und sah hinaus. »Nein!« sagte sie: »so Etwas hab' ich noch

mein Lebtag nicht gesehen. Da ist der Nordwind gekommen und hat dem

einen Pferd die Ohren abgeweh't, und darüber hat das andre so gewaltig

gelacht, daß ihm das Maul bis an die Ohren aufgerissen ist,« und damit

lief sie hinein und ließ den Prinzen abziehen. Dieser reis'te nun wieder

nach Hause, aber er dachte bei sich selbst, er wolle sich schon dafür

rächen, machte sich einen großen Bart von Moos, zog einen weißen ledernen

Rock an und kleidete sich aus wie ein Bettler; dann kaufte er bei einem

Goldschmied einen goldnen Rocken, und damit setzte er sich eines Morgens

unter das Fenster der Prinzessinn hin und fing an zu feilen; denn der

Rocken war noch nicht ganz fertig, auch war noch kein Wocken daran. Als

die Prinzessinn ans Fenster kam, öffnete sie es sogleich und fragte ihn,

ob er ihr nicht den goldnen Rocken verkaufen wolle. »Nein, zu verkaufen

ist er nicht,« sagte Hakon Borkenbart: »aber es mag drum sein! willst Du

mich diese Nacht vor Deiner Kammerthür schlafen lassen, so sollst Du ihn

haben.« Ja, das, meinte die Prinzessinn, wäre ein wohlfeiler Kauf, und

die Sache sei eben nicht so gefährlich. Sie bekam nun den Rocken, und

am Abend legte Hakon Borkenbart sich draußen vor ihrer Kammerthür hin.

Als es aber auf die Nacht kam, fing er an entsetzlich zu frieren.

»Hutetutetutetu! es ist so kalt hier!« rief er: »laß mich bloß hinein!«

-- »Ich glaube, Du bist verrückt!« sagte die Prinzessinn. »Ach,

hutetutetutetu! es ist so kalt! laß mich bloß hinein!« rief Hakon

Borkenbart. »Scht! schweig doch still!« sagte die Prinzessinn: »denn

hört mein Vater, daß hier eine Mannsperson ist, so bin ich rein

unglücklich.« -- »Oh hutetutetutetu! wie mich friert! laß mich bloß

hinein und auf der Erde liegen!« sagte Hakon Borkenbart. Es war nun kein

anderer Rath, die Prinzessinn mußte ihn einlassen, und darauf legte er

sich in ihrer Kammer auf die Erde hin und schlief ein.

Einige Tage darnach kam Hakon auch mit dem Wocken und setzte sich wieder

unter das Fenster der Prinzessinn hin und fing an zu feilen; denn der

Wocken war noch nicht ganz fertig. Sobald die Prinzessinn ihn gewahr

wurde, öffnete sie wieder das Fenster und fragte ihn, Was er da hätte.

»O, es ist bloß der Wocken zu dem Spinnrocken, den Du mir neulich

abkauftest; denn ich dachte, wenn Du doch einmal den Rocken hättest, so

könntest Du auch wohl den Wocken dazu gebrauchen.« -- »Was willst Du

denn dafür haben?« fragte ihn die Prinzessinn. »Für Geld ist er nicht

feil,« sagte er: »willst Du mich aber diese Nacht wieder auf dem Boden

in Deiner Kammer schlafen lassen, so sollst Du ihn haben.« -- »Ja, recht

gern,« sagte die Prinzessinn: »aber Du musst auch nicht wieder so frieren

und Hutetu! sagen.« Nein, das wollt' er auch nicht; aber als es auf die

Nacht kam, fing er an zu huppern und zu frieren und hutetu! zu sagen,

daß der Prinzessinn wieder angst und bange ward, und sie mußte ihm

erlauben, sich an die Erde dicht vor ihrem Bett hinzulegen, damit nur

der König es nicht gewahr würde, und da schlief er nun die Nacht über

ruhig und wohl.

Hiernach dauerte es eine ganze Zeit, ehe Hakon Borkenbart sich wieder

sehen ließ; endlich aber bemerkte die Prinzessinn ihn eines Morgens

wieder unter ihrem Fenster, wo er saß und an einer goldnen Garnwinde

feilte. Sie fragte ihn nun wieder, Was er für die Garnwinde haben wolle.

»Die ist nicht für Geld feil,« sagte er: »aber willst Du mich diese

Nacht in Deiner Kammer mit dem Kopf an Deiner Bettstelle schlafen

lassen, so sollst Du sie haben.« Ja, das könnte er gern, sagte die

Prinzessinn, wenn er bloß ruhig sein und nicht wieder solchen Lärm

machen wolle. Nein, das wolle er gewiß nicht, sagte Hakon Borkenbart;

als es aber auf die Nacht kam, fing er wieder an zu huppern und zu

frieren, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. »Hutetutetu! es ist so

kalt! laß mich bloß in Dein Bett und mich ein wenig wärmen!« sagte Hakon

Borkenbart. »Ich glaube, Du bist verrückt!« sagte die Prinzessinn.

-- »Hutetutetu! laß mich bloß in Dein Bett hutetutetutetu!« -- »Scht!

scht! um Gotteswillen! so schweig doch still!« sagte die Prinzessinn:

»denn hört mein Vater, daß hier eine Mannsperson drinnen ist, so glaub'

ich, nimmt er mir das Leben.« -- »Hutetutetutetu! laß mich bloß in Dein

Bett!« sagte Hakon Borkenbart und fror, daß die Wände bebten. Es war nun

kein anderer Rath, die Prinzessinn mußte ihn zu sich ins Bett lassen,

und da schlief er nun die Nacht über zufrieden und wohl.

Einige Zeit darnach aber bekam die Prinzessinn ein kleines Kind, und

darüber ward der König so zornig, daß er beinahe sie und das Kind dazu

umgebracht hätte. Da kam aber eines Tages Hakon Borkenbart als ein

Bettler gekleidet, so wie von Ohngefähr, wieder zu dem Schloß und sah in

die Küche. Wie die Prinzessinn ihn gewahr ward, sagte sie zu ihm: »Ach,

Gott tröste mich wegen des Unglücks, das Du mir verursacht hast! Mein

Vater ist so zornig auf mich, daß er aus der Haut fahren will; es ist

am besten, Du nimmst mich nur gleich mit Dir.« --

»Du bist es aber wohl zu gut gewohnt,« sagte Hakon Borkenbart: »ich habe

aber nur eine ganz kleine Hütte und weiß nicht, wie ich Dich ernähren

soll, denn ich habe schon Genug zu thun, um nur allein durchzukommen.«

-- »Es ist mir ganz einerlei, wie gut, oder wie schlecht Du es hast,«

sagte die Prinzessinn: »nimm mich bloß mit Dir, denn bleibe ich hier

noch länger, so nimmt mein Vater mir gewiß das Leben.« Da nahm denn der

Bettler sie und das Kind mit sich; aber sie hatten einen sehr weiten

Weg, und der Prinzessinn kam das Gehen außerordentlich sauer an. Als sie

nun aus dem Reich ihres Vaters in ein andres Land kamen, fragte die

Prinzessinn den Bettler: »Wem gehört dieses Reich?« --

»O, das gehört Hakon Borkenbart,« sagte der Bettler.

»So!« sagte die Prinzessinn: »ja, ich hätte _ihn_ nehmen sollen, dann

hätt' ich nicht nöthig gehabt, nun als ein Bettlermädchen hier zu

gehen.«

Und so oft sie zu einem schönen Schloß, oder Wald, oder Gehöft kamen,

fragte die Prinzessinn immer: »Wem gehört das?« -- »O, das gehört Hakon

Borkenbart,« sagte dann der Bettler immer. Und die Prinzessinn weinte

und jammerte beständig, daß sie nicht _ihn_ genommen hatte; aber nun war

es zu spät. Endlich kamen sie zu einer kleinen Hütte, die lag dicht an

einem Walde, und das, sagte der Bettler, wäre seine Wohnung. Von der

Hütte aus konnte man in der Ferne das Königsschloß sehen, und da, sagte

der Bettler, wolle er sich Arbeit suchen, denn er wäre da schon bekannt;

und nun ging er jeden Tag nach dem Schloß und hau'te Holz und trug dem

Koch das Wasser zu, wie er sagte, und wenn er dann des Abends zu Hause

kam, brachte er immer ein wenig Essen mit, aber das reichte nicht sehr

weit.

Eines Abends, als er vom Schloß zurückkam, sagte er: »Morgen werde ich

zu Hause bleiben und das Kind warten, Du aber musst nach dem Schloß

gehen; denn der Prinz hat gesagt, Du solltest mit beim Backen helfen.« --

»Ach, wie soll ich wohl beim Backen helfen?« sagte die Königstochter:

»das verstehe ich nicht, denn das hab' ich in meinem Leben noch nicht

gethan.« --

»Du musst aber doch hingehen,« sagte Hakon Borkenbart: »weil der Prinz

es so befohlen hat. Kannst Du auch nicht backen, so kannst Du es ja

lernen; Du musst nur gut zusehen, wie die Andern es machen, und wenn Du

weggehst, dann nimm heimlich ein paar Brode mit.« --

»Nein, stehlen kann ich nicht,« sagte die Königstochter.

»Du musst es lernen,« sagte Hakon Borkenbart: »denn Du weißt wohl, wir

haben es nur knapp; nimm Dich aber ja vor dem Prinzen in Acht, denn der

hat seine Augen überall.«

Als sie gegangen war, lief Hakon einen Richtweg, so daß er noch lange

vor ihr auf dem Schloß ankam; dort warf er seine Lumpen und seinen

Moosbart ab und zog wieder seine Prinzenkleider an.

Die Königstochter half nun mit beim Backen, und als sie fertig war, that

sie, wie Hakon ihr gesagt hatte, und steckte sich alle Taschen voll

Brode. Als sie aber am Abend nach Hause gehen wollte, sagte der Prinz:

»Dieses Weib kennen wir nicht so recht; daher ist's am besten, wir sehen

nach, ob sie nicht Etwas genommen hat.«

Damit untersuchte er alle ihre Taschen, und als er darauf die Brode

fand, ward er entsetzlich böse und hielt furchtbar Haus. Die

Königstochter weinte und fleh'te und sagte: »Mein Mann hatte es mir

geheißen; da musst' ich es denn wohl thun.« --

»Ja, es sollte Dir schlimm gehen,« sagte der Prinz »aber um Deines

Mannes willen mag es Dir vergeben sein.«

Als sie gegangen war, warf Hakon schnell seine Prinzenkleider ab, zog

wieder seinen ledernen Rock an und klebte sich auch wieder den Moosbart

ins Gesicht, und eh' sie noch in der Hütte ankam, war er schon da und

wartete das Kind. »Ja, Du hast mich verleitet, Etwas zu thun, das mich

gereu't,« sagte sie: »es war das erste Mal, daß ich gestohlen habe, aber

es soll auch das letzte Mal sein,« und damit erzählte sie ihm, wie es

ihr ergangen war, und Was der Prinz gesagt hatte.

Einige Tage darnach, als Hakon am Abend wieder vom Schloß zurückkam,

sagte er: »Morgen werde ich zu Hause bleiben und das Kind warten, denn

Du sollst wieder auf das Schloß und beim Schlachten und Wurstmachen

helfen.« --

»Ach, wie soll ich wohl Wurst machen?« sagte die Königstochter: »das

versteh' ich nicht; essen kann ich wohl die Wurst, aber gemacht hab' ich

sie noch nie.«

Hakon aber sagte, sie müsse durchaus hin, weil der Prinz es so befohlen

hätte; sie sollte nur gut Acht geben, wie die Andern es machten, sagte

er, und wenn sie wegginge, sollte sie heimlich ein paar Würste

mitnehmen. »Nein, stehlen kann ich nicht wieder,« sagte sie: »denn Du

weißt wohl, wie es mir das letzte Mal ging.« -- »Du musst es lernen,«

sagte Hakon: »es ist nicht gesagt, daß es allemal schlecht geht.« Als

sie gegangen war, lief Hakon Borkenbart den Richtweg und kam noch lange

vor ihr auf dem Schloß an; dort warf er schnell seinen ledernen Rock und

seinen Moosbart ab, und als sie in der Küche ankam, stand er schon da in

seinen Prinzenkleidern. Die Königstochter half nun mit beim Schlachten

und Wurstmachen, und als sie damit fertig war, that sie, wie Hakon ihr

gesagt hatte, und stopfte sich alle Taschen voll Würste. Wie sie aber am

Abend nach Hause gehen wollte, sagte der Prinz:

»Dieses Bettlerweib machte neulich lange Finger; darum ist's am besten,

wir sehen nach, ob sie nicht wieder Etwas stipitzt hat,« und damit fing

er an, alle ihre Taschen zu untersuchen. Wie er nun die Würste fand,

ward er gewaltig böse, hielt eine entsetzliche Wirthschaft und droh'te

ihr, er wolle sie zu dem Dorfrichter schicken.

»Ach Gott, nein! lasst mich nur gehen!« sagte sie: »denn mein Mann hatte

es mir geheißen,« und weinte und jammerte ganz gewaltig.

»Es sollte Dir eigentlich schlimm gehen,« sagte Hakon Borkenbart: »aber

um Deines Mannes willen mag es Dir vergeben sein.«

Als sie gegangen war, warf der Prinz schnell seine Kleider ab und hüllte

sich wieder in seine Lumpen, lief dann den Richtweg, und als sie nach

Hause kam, war Hakon schon in der Hütte. Sie erzählte ihm, wie es ihr

gegangen war und gelobte hoch und theuer, es solle das letzte Mal sein,

daß sie gestohlen hätte.

Einige Zeit darnach, als Hakon eines Abends wieder vom Schloß

zurückkehrte, sagte er; »Nun will der Prinz Hochzeit halten; aber die

Braut ist krank geworden, so daß der Schneider ihr nicht das Maß zu dem

Brautkleid nehmen kann; und darum will der Prinz, daß Du auf's Schloß

kommst und Dir statt seiner Braut das Maß nehmen lässest, denn er sagt,

Du gleichest ihr im Wuchs und in Allem. Wenn man Dir aber das Maß

genommen hat, so geh nicht gleich fort, sondern gieb Acht, wie der

Schneider das Zeug zuschneidet, und dann stipitze heimlich die größten

Stücke und bring' sie mit zu einer Pickelhaube für mich.« --

»Nein, stehlen kann ich nicht,« sagte sie: »Du weißt wohl, wie es mir

das letzte Mal ging.« -- »Du musst es lernen,« sagte er: »es ist nicht

gesagt, daß es immer schlecht abläuft.«

Sie meinte zwar, es wäre ein schlimmes Ding, aber that doch, wie er ihr

gesagt hatte, stipitzte einige von den größten Stücken und steckte sie

in die Tasche. Als sie gehen wollte, sagte der Prinz: »Wir müssen doch

nachsehen, ob das Weib auch nicht diesmal wieder lange Finger gemacht

hat,« und damit untersuchte er alle ihre Taschen, und wie er nun die

gestohlenen Sachen fand, ward er so zornig und machte einen solchen

Lärm, daß es gar nicht zu sagen ist. Die Königstochter weinte und bat

und sagte: »Ach, mein Mann hatte es mir geheißen; darum mußte ich es

wohl thun.« --

»Ja, es sollte Dir schlecht gehen, aber um Deines Mannes willen mag es

Dir vergeben sein,« sagte Hakon Borkenbart; und nun ging es wieder eben

so, wie die vorigen Male: als die Königstochter nach der Hütte kam, war

Hakon Borkenbart schon wieder da. »Ach, Gott steh mir bei!« sagte sie:

»ich werde doch zuletzt noch unglücklich um Deinetwillen; denn Du willst

mich immer zu Dem haben, was nicht taugt. Der Prinz war diesmal so

bitterböse, daß er mir mit dem Dorfrichter und dem Zuchthaus droh'te.«

Einige Zeit darnach sagte Hakon, als er abends vom Schloß zurückkam.

»Nun will der Prinz, daß Du auf's Schloß kommen und die Braut vorstellen

sollst, denn die rechte Braut ist noch immer krank und bettlägerig; aber

Hochzeit will der Prinz nun einmal halten, und er sagt, Du gleichest

seiner Braut so sehr, daß Keiner Euch von einander unterscheiden könne.

Halt Dich also bereit, morgen aufs Schloß zu gehen.« --

»Ich glaube, Ihr habt beide Euern Verstand verloren, sowohl Du, als der

Prinz,« sagte sie: »Sehe ich denn darnach aus, daß ich eine Braut

vorstellen kann? Kein Bettlerweib kann ja ärger aussehen, als ich.« --

»Einerlei! der Prinz will es aber einmal so haben,« versetzte Hakon

Borkenbart, und es war nun kein anderer Rath, sie mußte fort, und als

sie aufs Schloß kam, wurde sie so aufgeputzt und herausstaffirt, daß

keine Prinzessinn stattlicher aussehen konnte. Darauf gingen sie zur

Kirche, und sie stellte die Braut vor, und als sie zurückkamen, gab es

Musik und Tanz und lauter Lustbarkeit auf dem Schloß. Wie aber die

Königstochter mit dem Prinzen im besten Tanzen war, sah sie einen hellen

Schein durch das Fenster, und wie sie hinblickte, da stand die Hütte in

Feuer und Flammen.

»Ach! die Hütte! und der Bettler! und mein Kind!« rief sie und sank

beinahe in Ohnmacht.

»Hier ist der Bettler! und da ist Dein Kind!« sagte Hakon Borkenbart:

»und laß dann die Hütte zum Teufel sein!« Da erkannte die Königstochter

ihn wieder, und nun ging erst die rechte Lust an. Nachher aber habe ich

Nichts weiter von ihnen gehört.

16.

Die Meisterjungfer.

Es war einmal ein König, der hatte mehre Söhne, wie viel es aber

eigentlich waren, kann ich nicht mit Gewißheit sagen. Als der jüngste

herangewachsen war, hatte er durchaus keine Ruhe zu Hause, sondern

wollte mit aller Gewalt fort in die Welt und sein Glück versuchen; er

hielt auch nicht auf, seinen Vater so lange zu bitten, bis dieser ihm

endlich die Erlaubniß zum Reisen ertheilte. Als er nun einige Tage lang

gereis't war, kam er zu einem Riesenschloß, und da gab er sich bei dem

Riesen in Dienst. Den andern Morgen machte der Riese sich in aller

Frühe auf, um seine Ziegen zu hüten, dem Königssohn aber befahl er,

inmittlerweile den Stall auszumisten; »_und wenn Du damit fertig bist_,«

sagte er: »_dann hast Du für heute Feierabend; denn Du musst wissen, daß

Du zu einem guten Herrn gekommen bist; aber Was ich Dir sage, das musst

Du treu und ordentlich verrichten; und dann darfst Du in keins von den

Zimmern gehen, worin Du noch nicht gewesen bist; thust Du es dennoch,

so kostet es Dir das Leben._« -- »Ja, wahrhaftig!« sagte der Königssohn,

als der Riese fort war: »das ist doch ein guter Herr!« und ging auf und

ab im Zimmer und sang und trallei'te; denn er meinte, mit dem Ausmisten

hätte es noch gute Weile. »Aber wissen möcht' ich doch wohl, Was in den

andern Zimmern sein mag,« sagte er: »es muß wohl etwas Besonderes sein,

weil er es mir so strenge verboten hat, hineinzugehen,« und damit ging

er rasch in das erste von den Zimmern. Hier hing ein Kessel von der

Decke herab und kochte; aber der Königssohn sah kein Feuer darunter.

»Was wohl drin sein mag?« dachte er und tauchte einen von seinen

Handschuhen hinein, und da wurde der Handschuh als wär' er von lauter

Kupfer. »Eine schöne Suppe!« sagte er: »wenn Einer davon kostete, würde

er gewiß hübsch um den Schnabel aussehen.« Hierauf ging er in ein andres

Zimmer, und da hing auch ein Kessel von der Decke herab und pruttelte

und kochte, aber Feuer war auch nicht darunter. »Ich muß den auch mal

probiren,« sagte der Königssohn und steckte wieder seinen Handschuh

hinein, und nun ward derselbe ganz versilbert. »So theure Suppe giebt's

nicht auf meines Vaters Schloß,« sagte der Königssohn: »es fragt sich

nur, wie sie schmeckt.« Hierauf ging er in das dritte Zimmer, und da

hing auch ein Kessel von der Decke herab und kochte, ganz so, wie in den

beiden andern Zimmern, und der Königssohn bekam Lust, den auch zu

probiren und tauchte wieder den Handschuh hinein, und da ward derselbe

so blank vergoldet, daß es nur so blitzte. »Donner und's Wetter!« sagte

der Königssohn: »wird hier Gold gekocht, Was mag man denn dort drinnen

kochen?« und damit ging er in das vierte Zimmer. Hier war kein Kessel

zu sehen; aber auf der Bank saß eine Jungfrau, das war gewiß eine

Königstochter; was für eines Mannes Tochter es aber auch sein mochte,

so hatte doch der Königssohn noch nie ihres Gleichen gesehen, so

außerordentlich schön war sie. »Um's Himmels willen, Was willst Du

hier?« rief sie, sobald sie ihn gewahr ward. »Ich bin seit gestern hier

im Dienst,« sagte der Königssohn. »Gott steh' Dir bei für den Dienst,

den Du hier bekommen hast!« sagte sie. »O, mir däucht, ich habe einen

guten Herrn bekommen,« sagte der Königssohn: »er hat mir heute eben

keine schwere Arbeit aufgegeben: wenn ich den Stall ausgemistet habe,

kann ich Feierabend machen.« -- »Ja, aber wie willst Du das anfangen?«

sagte sie: »denn wenn Du so ausmistest, wie andre Leute zu thun pflegen,

so kommen für jede Schaufelvoll, die Du hinauswirfst, wieder zehn andre

Schaufeln voll hinein. Ich will Dir aber sagen, wie Du es machen sollst:

Du musst bloß die Schaufel umkehren und mit dem Stiel ausmisten, dann

fliegt Alles von selbst hinaus.« -- Ja, das wollte er schon in Acht

haben, sagte der Königssohn, und nun blieb er bei der Prinzessinn -- ich

werde sie so nennen -- den ganzen Tag über, denn sie waren bald darüber

einig geworden, daß sie einander heirathen wollten, und da wurde denn

dem Königssohn der erste Tag, den er bei dem Riesen diente, eben nicht

lang, kannst Du glauben. Als es aber gegen Abend kam, sagte sie zu ihm:

»Nun ist es am besten, Du mistest den Stall aus, ehe der Riese wieder

nach Hause kommt.« Als aber der Bursch in den Stall kam, wollte er

sehen, ob es sich wirklich so verhielt, wie die Königstochter ihm gesagt

hatte, und fing an, so auszumisten, wie er es früher von den Stallknechten

seines Vaters gesehen hatte; aber er mußte bald damit aufhalten; denn

als er eine Weile so gemistet hatte, war im Stall beinahe kein Raum

mehr, wo er stehen konnte. Darauf mistete er so aus, wie die Königstochter

es ihm gelehrt hatte: nämlich, er kehrte die Schaufel um und mistete mit

dem Stiel, und nun dauerte es kaum einen Augenblick, da war der Stall so

rein, als ob er gefegt und gescheuert wäre. Als er damit zu Stande war,

ging er wieder zurück in das Zimmer, das der Riese ihm angewiesen hatte,

und da spazierte er auf und ab und sang und trallei'te. Endlich kam der

Riese mit den Ziegen wieder nach Hause, und die erste Frage, die er dem

Königssohn that, war: »_Hast Du nun den Stall ausgemistet?_« -- »Ja,

Herr, der ist rein und sauber,« sagte der Königssohn. »_Das will ich

mal sehen_,« sagte der Riese und ging in den Stall; aber es verhielt

sich, wie der Königssohn gesagt hatte. »_Du hast gewiß mit meiner_

MEISTERJUNGFER _gesprochen_,« sagte der Riese: »_denn das hast Du

nicht aus Dir selber._« -- »Meisterjungfer? Was ist das für Eine?« sagte

der Königssohn und stellte sich ganz dumm an: »die möcht' ich wohl mal

sehen.« -- »_Du wirst sie noch früh genug zu sehen kriegen_,« sagte der

Riese.

Norwegische Volksmährchen vol. 2 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 7 / 11 段