Ende hinausgekommen waren, fragte er sie, ob es nicht so gekommen sei,
wie er gesagt hätte. »Ja,« das konnte das Mädchen nicht leugnen. »Hast
Du nun auf den Rath Deiner Mutter gehorcht,« sagte der Bär: »dann machst
Du Dich und mich unglücklich; und mit uns beiden ist dann die Freundschaft
aus.« Nein, das hätte sie nicht gethan, sagte sie.
Als sie nun nach Hause gekommen waren, und das Mädchen sich ins Bett
gelegt hatte, geschah es wieder, wie sonst: es kam ein Mensch und legte
sich zu ihr. In der Nacht aber, als sie hörte, daß er schlief, stand sie
auf und zündete ein Licht an, und da sah sie nun im Bett den schönsten
Prinzen liegen, den man nur sehen konnte, und sie ward so verliebt in
ihn, daß sie ihn den Augenblick küssen mußte. Da versah sie's aber
und ließ drei heiße Talgtropfen auf sein Hemd fallen, so daß er davon
erwachte. »Was hast Du gethan?« rief er, als er die Augen aufschlug:
»Nun hast Du mich und Dich unglücklich gemacht. Hättest Du bloß das
Jahr ausgehalten, so wäre ich erlös't gewesen; denn ich habe eine
Stiefmutter, die hat mich verzaubert, so daß ich des Tages ein Bär und
des Nachts ein Mensch bin; aber mit uns beiden ist es nun aus, denn ich
muß Dich jetzt verlassen und wieder zu ihr reisen; sie wohnt auf einem
Schloß, das liegt östlich von der Sonne und westlich vom Mond, und da
soll ich eine Prinzessinn heirathen, die hat eine Nase, die ist drei
Ellen lang.«
Das Mädchen fing an zu weinen und zu jammern; aber es war jetzt zu spät,
er mußte fort. Sie fragte ihn, ob sie denn nicht mit ihm reisen könne.
Nein, sagte er, das ginge nicht an. »Kannst Du mir denn nicht den Weg
sagen, damit ich Dich aufsuche?« fragte sie: »denn das ist mir doch wohl
erlaubt?« -- »Ja, das magst Du gern,« sagte er: »aber es führt kein Weg
dahin; denn das Schloß liegt östlich von der Sonne und westlich vom
Mond, und dahin kommst Du nie.«
Am Morgen, als sie erwachte, war sowohl der Prinz, als das Schloß
verschwunden, und sie lag nun auf der bloßen Erde mitten in einem
dicken, finstern Wald und hatte wieder ihre alten Lappen an, und neben
ihr lag dasselbe Bündel, das sie von Hause mitgenommen. Als sie sich den
Schlaf aus den Augen gerieben und sich satt geweint hatte, begab sie
sich auf den Weg und wanderte viele, viele Tage lang, bis sie endlich zu
einem großen Berg kam. Vor dem Berge saß eine alte Frau und spielte mit
einem goldnen Apfel. Das Mädchen fragte sie, ob sie nicht den Weg wüßte
zu dem Prinzen, der bei seiner Stiefmutter auf einem Schloß wohne,
das östlich von der Sonne und westlich vom Mond läge, und der eine
Prinzessinn heirathen sollte mit einer Nase, die drei Ellen lang wäre.
»Woher kennst Du ihn?« fragte die Frau: »Bist Du vielleicht das Mädchen,
das er heirathen wollte?« Ja, sagte das Mädchen, das wäre sie. »So! also
Du bist es!« sagte die Frau. »Ja, mein Kind,« fuhr sie fort: »ich wollte
Dir gern helfen; aber ich weiß auch weiter Nichts von dem Schloß, als
daß es östlich von der Sonne und westlich vom Mond liegt, und dahin
kommst Du wohl nie. Ich will Dir aber mein Pferd leihen, darauf kannst
Du zu meiner nächsten Nachbarinn reiten, vielleicht, daß _sie_ den Weg
Dir sagen kann. Wenn Du aber bei ihr ankommst, so schlage nur das Pferd
unter das linke Ohr und heiß es wieder nach Hause gehen; und dann nimm
diesen goldnen Apfel, denn Du kannst ihn vielleicht gebrauchen.«
Das Mädchen setzte sich nun auf das Pferd und ritt eine lange, lange
Zeit; endlich kam sie wieder zu einem Berg, vor dem saß eine alte Frau
mit einem goldnen Haspel. Das Mädchen fragte sie, ob sie ihr nicht den
Weg sagen könne nach dem Schloß, das östlich von der Sonne und westlich
vom Mond läge. Die sagte aber eben so, wie die vorige Frau, sie wüßte
weiter Nichts von dem Schloß, als daß es östlich von der Sonne und
westlich vom Mond läge, »und dahin wirst Du wohl niemals kommen,« sagte
sie: »aber ich will Dir mein Pferd leihen, darauf kannst Du zu meiner
nächsten Nachbarinn reiten, vielleicht daß _sie_ den Weg Dir sagen kann.
Wenn Du aber bei ihr ankommst, so schlage nur das Pferd unter das linke
Ohr und heiß es wieder nach Hause gehen; und dann nimm diesen goldnen
Haspel mit, denn Du kannst ihn vielleicht gebrauchen.«
Das Mädchen setzte sich nun auf das Pferd und ritt viele Tage und Wochen
lang: endlich kam sie wieder zu einem Berg, und vor dem saß eine alte
Frau und spann an einem goldnen Rocken. Das Mädchen fragte nun wieder
nach dem Prinzen und nach dem Schloß, das östlich von der Sonne und
westlich vom Mond läge. »Bist Du es, die der Prinz heirathen wollte?«
fragte die Frau. »Ja,« sagte das Mädchen; aber die Frau wußte den
Weg nicht besser, als die beiden vorigen. »Östlich von der Sonne und
westlich vom Mond liegt das Schloß,« sagte sie: »und dahin kommst Du
wohl niemals. Ich will Dir aber mein Pferd leihen; darauf kannst Du zu
dem Ostwind reiten; vielleicht daß der den Weg Dir sagen kann. Wenn Du
aber bei ihm ankommst, so schlage nur das Pferd unter das linke Ohr und
heiß es wieder nach Hause gehen, und dann nimm diesen goldnen Rocken
mit, denn Du kannst ihn vielleicht gebrauchen.«
Sie ritt nun manche liebe Zeit, und endlich kam sie bei dem Ostwind an.
Sie fragte ihn nun wieder, ob er ihr nicht sagen könne, wie sie zu dem
Prinzen käme, der auf dem Schloß wohne, das östlich von der Sonne und
westlich vom Mond läge. »Ja, von dem Prinzen hab' ich wohl reden hören
und von dem Schloß auch,« sagte der Ostwind; »aber den Weg kann ich Dir
nicht sagen, denn ich habe nie so weit geweh't. Ich will Dich aber zu
meinem Bruder, dem Westwind, führen, vielleicht, daß der es weiß, denn
der ist viel stärker, als ich. Du kannst Dich nur auf meinen Rücken
setzen, dann will ich Dich hintragen.« Das Mädchen setzte sich nun
auf seinen Rücken, und fort ging es. Als sie bei dem Westwind ankamen,
erzählte ihm der Ostwind, er habe ein Mädchen mitgebracht, die den
Prinzen heirathen solle, der auf dem Schloß wohne, das östlich von der
Sonne und westlich vom Mond läge, und fragte ihn, ob er nicht den Weg
dahin wüßte. »Nein,« versetzte der Westwind: »so weit habe ich nie
geweh't. Wenn Du es aber willst,« sagte er zu dem Mädchen: »so kannst
Du Dich auf meinen Rücken setzen, dann will ich Dich zu dem Südwind
bringen; vielleicht kann der es Dir sagen, denn der ist weit stärker,
als ich, und weh't und streift überall umher.« Das Mädchen setzte sich
auf seinen Rücken, und da dauerte es denn nicht lange, so waren sie bei
dem Südwind. Als sie ankamen, fragte ihn der Westwind, ob er nicht den
Weg nach dem Schloß wüßte, das östlich von der Sonne und westlich vom
Mond läge, denn das Mädchen, das er mitgebracht hätte, solle den Prinzen
heirathen, sagte er. »So?« sagte der Südwind, aber den Weg wußte er auch
nicht. »Ich hab' mein Lebtag viel herumgeweht,« sagte er: »aber so weit
bin ich nie gekommen. Wenn Du es aber wünschest,« sagte er zu dem
Mädchen: »so will ich Dich zu meinem Bruder, dem Nordwind, führen, der
ist der älteste und stärkste von uns allen, und wenn der den Weg Dir
nicht sagen kann, so erfährst Du ihn niemals.« Das Mädchen mußte sich
nun auf seinen Rücken setzen, und fort ging es, daß die Heide wackelte.
Es dauerte nicht lange, so kamen sie bei dem Nordwind an; aber der war
so wild und ungestüm, daß er ihnen schon von weitem lauter Schnee und
Eis ins Gesicht blies. »_Was wollt Ihr?_« rief er, so daß es ihnen kalt
über die Haut lief. »O, Du musst nicht so gegen uns auffahren,« sagte
der Südwind: »denn das bin ich, Dein Bruder, und das hier ist das
Mädchen, das den Prinzen heirathen soll, der auf dem Schloß wohnt, das
östlich von der Sonne und westlich vom Mond liegt, und nun wollte sie
Dich gern fragen, ob Du nicht da herum Bescheid wüßtest. »_Ja, ich weiß
wohl, wo es liegt_;« sagte der Nordwind: »ich habe mal ein Espenblatt
dahin geweh't; aber da war ich so müde, daß ich nicht wieder wehen konnte
manchen lieben Tag. Wenn Du aber durchaus dahin willst,« sagte er zu dem
Mädchen: »und Dich nicht fürchtest, so will ich Dich auf meinen Rücken
nehmen und zusehen, ob ich Dich hinwehen kann.« -- Ja, sagte das Mädchen,
hin wolle und müsse sie, wenn's nur auf irgend eine Weise angehen könne,
und bange wäre sie ganz und gar nicht, ob's auch noch so schlimm gehen
sollte. -- »So musst Du die Nacht hier bleiben,« sagte der Nordwind:
»denn wir müssen den Tag vor uns haben, wenn wir hin wollen.«
Früh am andern Morgen weckte sie der Nordwind, blies sich auf und machte
sich so groß und stark, daß es ganz entsetzlich war, und fort ging's
durch die Luft, als ob's bis ans Ende der Welt gehen sollte. Da entstand
ein so gewaltiger Sturm, daß ganze Dörfer und Wälder umweh'ten, und als
sie über's große Meer kamen, versanken die Schiffe bei Hunderten. Immer
ging's fort über's Wasser, und das so weit, so weit, daß kein Mensch es
glauben sollte; aber der Nordwind wurde schwächer und immer schwächer,
und so schwach wurde er, daß er beinah nicht mehr wehen konnte, und er
sank tiefer und immer tiefer hinunter, und zuletzt ging es so niedrig,
daß die Wellen ihm an die Fersen schlugen. »Bist Du bange?« fragte er
das Mädchen. »Nein, ganz und gar nicht,« sagte sie. Nun waren sie nicht
mehr weit vom Lande, und der Nordwind hatte kaum noch so viel Kräfte
übrig, daß er sie an den Strand unter die Fenster des Schlosses wehen
konnte, das östlich von der Sonne und westlich vom Mond lag. Da war er
aber auch so matt und hinfällig, daß er sich viele Tage lang ausruhen
mußte, eh' er wieder nach Hause konnte.
Den andern Morgen setzte das Mädchen sich unter die Fenster des
Schlosses und spielte mit dem goldnen Apfel, und die Erste, welche sie
sah, war die Nasenprinzessinn, die der Prinz heirathen sollte. »Was
willst Du für Deinen goldnen Apfel haben?« fragte sie das Mädchen, indem
sie das Fenster aufmachte. »Der ist nicht feil, weder für Gold, noch für
Geld,« sagte das Mädchen. »Wenn Du ihn nicht verkaufen willst, weder
für Gold, noch für Geld, Was willst Du denn dafür haben?« sagte die
Prinzessinn: »Ich will Dir geben, Was Du verlangst.« -- »Ja, wenn ich
eine Nacht bei dem Prinzen schlafen darf, so sollst Du ihn haben,« sagte
das Mädchen. »Ja, das magst Du gern,« sagte die Prinzessinn und nahm den
goldnen Apfel. Als aber das Mädchen in die Kammer des Prinzen kam, war
dieser fest eingeschlafen; sie rief ihn und rüttelte ihn und weinte und
jammerte; aber sie konnte ihn nicht ermuntern. Am Morgen, als es hell
wurde, kam die Prinzessinn mit der langen Nase und jagte sie wieder
hinaus.
_Den_ Tag setzte das Mädchen sich wieder unter die Fenster des Schlosses
und schlang das Garn auf ihren goldnen Haspel, und nun geschah es wieder
eben so, wie gestern. Die Prinzessinn fragte sie, Was sie für den Haspel
haben wolle; aber das Mädchen sagte, er wäre nicht feil, weder für Gold,
noch für Geld; wenn sie aber noch eine Nacht bei dem Prinzen schlafen
dürfe, so solle die Prinzessinn ihn haben. Die sagte sogleich Ja und
nahm den goldnen Haspel. Als aber das Mädchen hinaufkam, war der Prinz
wieder fest eingeschlafen; und wie viel sie ihn auch rief und rüttelte,
und weinte und jammerte, so konnte sie ihn doch nicht ermuntern; und am
Morgen, als es hell wurde, kam die Prinzessinn mit der langen Nase und
jagte sie wieder hinaus.
An diesem Tage setzte sich das Mädchen mit ihrem goldnen Rocken unter
die Fenster hin und spann. Als die Prinzessinn mit der langen Nase den
Rocken sah, wollte sie den auch gern haben; sie machte das Fenster auf
und fragte das Mädchen, Was sie haben wolle für ihren goldnen Rocken.
Das Mädchen sagte aber wieder wie die beiden vorigen Male, für Gold und
Geld sei er nicht feil; wenn die Prinzessinn sie aber noch eine Nacht
bei dem Prinzen wolle schlafen lassen, dann solle sie ihn haben. Ja,
das dürfe sie gern, sagte die Prinzessinn und nahm den goldnen Rocken.
Nun hatten aber einige Leute, die neben der Kammer des Prinzen schliefen,
seit zwei Nächten ein so klägliches Rufen und Wimmern von einem
Frauenzimmer drinnen gehört, und das erzählten sie am Morgen dem
Prinzen. Als nun am Abend die Prinzessinn mit der Suppe kam, die der
Prinz immer zu trinken pflegte, eh' er zu Bett ging, that er, als ob er
sie tränke, aber goß die Suppe hinter sich; denn er ahnte nun wohl, daß
die Prinzessinn einen Schlaftrunk hineingethan hatte. Wie nun am Abend
das Mädchen in die Kammer kam, war der Prinz noch wach und freu'te
sich über alle Maßen, das Mädchen wiederzusehen; und sie mußte ihm nun
erzählen, wie es ihr ergangen war, und wie sie nach dem Schloß gekommen
sei. Als sie ihm Alles erzählt hatte, sagte er: »Du kommst grade zu
rechter Zeit; denn morgen soll meine Hochzeit mit der Prinzessinn sein;
aber ich frage nichts nach ihr und ihrer langen Nase, sondern Du bist
die Einzige, die ich haben will. Ich werde darum sagen, ich möchte gern
sehen, wozu meine Braut taugt, und von der Prinzessinn verlangen, daß
sie die drei Talgflecke aus meinem Hemd wasche. Darauf wird sie sich
denn wohl einlassen, aber ich weiß, daß sie es nicht zu Stande bringt;
denn die Flecke sind von Deiner Hand darauf getröpfelt, und nur
Christenhände können sie wieder auswaschen, aber nicht die Hände von
solchem Trollpack, wozu sie gehört. Ich werde aber sagen, ich wolle
keine andre Braut haben, als Die, welche es zu Stande brächte, und wenn
sie es dann Alle versucht haben und nicht damit fertig werden können,
dann werde ich Dich rufen, daß Du es auch versuchst.« Hierauf brachten
sie die Nacht munter und vergnügt mit einander zu. Als aber am Tage die
Hochzeit werden sollte, sagte der Prinz: »Ich möchte doch erst sehen,
wozu meine Braut taugt.« Das wäre nicht Mehr, als billig, meinte die
Stiefmutter. »Ich habe ein so schönes Hemd,« sagte der Prinz: »und
das möchte ich gern zum Bräutigamshemd haben; aber nun sind mir drei
Talgflecke hineingekommen, und die wollt' ich gern wieder ausgewaschen
haben; darum habe ich mir vorgenommen, keine Andre zu heirathen, als
Die, welche dazu taugt.« Ih nun, das wäre ja nicht so gefährlich, meinten
die Frauen und gingen darauf ein; und die Prinzessinn mit der langen
Nase fing an zu waschen, was sie nur konnte; aber je länger sie wusch,
desto größer und schwärzer wurden die Flecke. »Ach, Du verstehst Dich
nicht darauf,« sagte das alte Trollweib, ihre Mutter: »gieb mir mal
her!« Als aber die nun das Hemd bekam, wurde es noch schwärzer, und je
mehr sie es wusch und rieb, desto größer wurden die Flecke. Nun sollten
die andern Trollweiber das Hemd waschen; aber je länger sie es wuschen,
desto abscheulicher ward es aussehen, und zuletzt sah das ganze Hemd
aus, als hätt' es im Schornstein gehangen. »Ach, Ihr taugt alle nicht
dazu!« sagte der Prinz: »Da sitzt eine arme Bettlerdirne unter den
Fenstern; ich bin gewiß, die versteht sich besser aufs Waschen, als
Ihr alle zusammen. _Komm mal herein, Du Dirne!_« rief er; und als das
Mädchen kam, fragte er sie: »Kannst Du wohl das Hemd da rein waschen?«
-- »Ich weiß nicht,« sagte das Mädchen: »aber ich denke wohl.« Das
Mädchen nahm nun das Hemd und fing an zu waschen und da wurde es unter
ihren Händen so weiß, wie frisch gefallener Schnee, und noch weißer.
»_Ja, Dich will ich haben!_« sagte der Prinz. Da ward das alte Trollweib
so arg, daß es barst; und die Prinzessinn mit der langen Nase und das
andre Trollpack, glaub' ich, ist auch geborsten; denn ich habe nachher
nie wieder Etwas von ihnen gehört. Der Prinz und seine Braut ließen nun
alle Christen frei, die im Schloß gefangen waren; darauf nahmen sie so
viel Gold und Silber, als sie nur fortschaffen konnten, und zogen weit
weg von dem Schloß, das östlich von der Sonne und westlich vom Mond lag.
Wie sie aber fortgekommen sind, und wo sie hinzogen, das weiß ich nicht;
sind es aber Die, welche ich meine, so sind sie nicht so gar weit von
hier.
12.
Das Huhn, das nach dem Dovrefjeld wollte, damit nicht die Welt vergehen
sollte.
Es war einmal ein Huhn, das war abends auf eine Eiche geflogen und hatte
sich da zur Ruhe gesetzt. In der Nacht träumte ihm, wenn es nicht nach
dem Dovrefjeld käme, so müßte die Welt vergehen. Als es nun aufwachte,
flog es sogleich herunter und machte sich auf den Weg. Wie es ein Ende
gereis't war, begegnete ihm ein Hahn. »Guten Tag, Hahn Pahn!« sagte das
Huhn. »Guten Tag, Huhn Puhn! wo willst Du hin so früh?« sagte der Hahn.
»O, ich will nur nach dem Dovrefjeld, damit nicht die Welt vergehen
soll,« sagte das Huhn. »Wer hat Dir das gesagt, Huhn Puhn?« fragte der
Hahn. »Ich saß in der Eiche und träumte es die Nacht,« sagte das Huhn.
»Ich will mit Dir gehen,« sagte der Hahn. Nun gingen beide ein weites
Ende fort; da begegnete ihnen eine Ente. »Guten Tag, Ente Pente!« sagte
der Hahn. »Guten Tag, Hahn Pahn, wo willst Du hin so früh?« sagte die
Ente. »Ich will nach dem Dovrefjeld, damit nicht die Welt vergehen
soll,« sagte der Hahn. »Wer hat Dir das gesagt, Hahn Pahn?« -- »Huhn
Puhn.« sagte der Hahn. »Wer hat es Dir gesagt, Huhn Puhn?« fragte die
Ente. »Ich saß in der Eiche und träumte es die Nacht,« sagte das Huhn.
»Ich will mit Euch,« sagte die Ente. Nun machten sie sich auf und gingen
weiter; da begegnete ihnen eine Gans. »Guten Tag, Gans Pans!« sagte die
Ente. »Guten Tag, Ente Pente!« sagte die Gans: »wo willst Du hin so
früh?« -- »Ich will nach dem Dovrefjeld, damit nicht die Welt vergehen
soll,« sagte die Ente. »Wer hat Dir das gesagt, Ente Pente?« fragte die
Gans. -- »Hahn Pahn.« -- »Wer hat es Dir gesagt, Hahn Pahn?« -- »Huhn
Puhn.« -- »Woher weißt Du es, Huhn Puhn?« fragte die Gans. »Ich saß
in der Eiche und träumte es die Nacht,« sagte das Huhn. »Ich will mit
Euch,« sagte die Gans. Wie sie nun ein Ende weiter gegangen waren,
begegnete ihnen der Fuchs. »Guten Tag, Fuchs Puchs,« sagte die Gans.
-- »Guten Tag, Gans Pans.« -- »Wo hinaus Fuchs Puchs?« -- »Wo willst Du
hin, Gans Pans?« -- »Ich will nach dem Dovrefjeld, damit nicht die Welt
vergehen soll.« -- »Wer hat Dir das gesagt, Gans Pans?« fragte der Fuchs.
-- »Ente Pente.« -- »Wer hat es Dir gesagt, Ente Pente?« -- »Hahn Pahn.«
-- »Und Wer hat Dir es gesagt, Hahn Pahn?« -- »Huhn Puhn.« -- »Und woher
weißt Du es, Huhn Puhn?« -- »Ich saß in der Eiche und träumte es die
Nacht,« sagte das Huhn. »O Schnack!« sagte der Fuchs: »die Welt vergeht
nicht, wenn Ihr auch nicht nach dem Dovrefjeld kommt. Geht lieber mit
mir in meine Höhle, da sitzt Ihr warm und gut.« Der Vorschlag gefiel den
Reisenden, und sie gingen mit dem Fuchs in seine Höhle. Als sie aber
dort ankamen, legte der Fuchs tüchtig nach im Kamin, so daß sie alle
schläfrig wurden. Die Gans und die Ente setzten sich in einen Winkel,
aber der Hahn und das Huhn flogen auf die Hühnersteige. Als die Gans und
die Ente eingeschlafen waren, legte der Fuchs die Gans auf die Kohlen
und briet sie. Wie es nun dem Huhn so sengerich roch, hüpfte es einen
Stock höher und sagte so halb im Schlaf: »Pfui! wie's hier stinkt!«
-- »O Schnack!« sagte der Fuchs: »das ist bloß der Rauch im Schornstein.
Halt nur Dein Maul und schlaf ein!« Da schlief das Huhn wieder ein. Der
Fuchs hatte aber kaum die Gans zu Leibe, so machte er es eben so mit der
Ente. Dem Huhn ward es wieder so sengerich riechen, und es flog daher
noch einen Stock höher, indem es wieder sagte: »Pfui! wie's hier stinkt!«
Da that es aber zugleich die Augen auf und sah nun, daß der Fuchs die
Gans und die Ente verzehrt hatte. Wie das Huhn das gewahr ward, flog es
auf den höchsten Stock und guckte zum Schornstein hinaus. »Nein, seh mal
Einer die schönen Gänse, die da fliegen!« sagte es zu dem Fuchs. Reineke
hinaus und wollte sich einen fetten Braten holen. Da weckte das Huhn
den Hahn und erzählte ihm, wie es der Gans Pans und der Ente Pente
ergangen wär'. Darauf flogen Hahn Pahn und Huhn Puhn hinaus durch den
Schornstein, und wären sie nicht nach dem Dovrefjeld gekommen, so wär's
aus gewesen mit der Welt.
13.
Der Mann, der das Haus beschicken sollte.
Es war einmal ein Mann, der war immer so mürrisch und vergrätzt, und
nie konnte die Frau ihm Genug thun, oder Etwas zu Dank machen im Hause.
Einmal in der Erntezeit kam er spät am Abend vom Felde zurück, und nun
ging es an ein Schelten und an ein Toben, daß es ganz entsetzlich war;
bald war ihm Dies, bald war ihm Das nicht recht. »Ach, Väterchen,« sagte
die Frau: »sei doch nicht immer so böse. Morgen wollen wir mal mit der
Arbeit umtauschen: ich will dann mit den Schnittern ins Feld gehen, und
Du kannst das Haus beschicken.« Ja, das war dem Mann schon recht, und er
ging sogleich auf den Vorschlag ein. Früh den andern Morgen nahm die
Frau die Sense auf den Nacken und ging mit den Schnittern ins Feld, um
zu mähen; der Mann dagegen sollte das Haus beschicken. Nun wollte er
zuerst Butter machen; als er aber eine Weile gebuttert hatte, wurde
er durstig und ging hinunter in den Keller, um sich Bier zu zapfen.
Während er nun aus dem Faß in die Bierkanne zapfte, hörte er, daß ein
Ferkel in die Küche kam. Er fort mit dem Zapfen in der Hand und die
Treppe hinauf, so schnell er nur konnte, damit das Ferkel nicht das
Butterfaß umwerfen sollte. Als er aber sah, daß das Faß schon auf der
Seite lag, und das Ferkel in dem Rahm schmatzte, der auf dem Boden floß,
gerieth er so in Wuth, daß er ganz und gar das Bierfaß vergaß und dem
Ferkel nachrannte. Bei der Thür holte er es ein, und da gab er ihm einen
so derben Schlag, daß es auf der Stelle liegen blieb. Nun fiel es ihm
wieder ein, daß er noch den Bierzapfen in der Hand hätte; als er aber
hinunterkam in den Keller, war alles Bier auf den Boden gelaufen.
Er ging nun in die Milchkammer, füllte aufs neue das Butterfaß mit Rahm
und fing wieder an zu buttern; denn Butter wollte er durchaus zum Mittag
haben. Als er aber eine Weile gebuttert hatte, fiel es ihm ein, daß
die Milchkuh noch im Stall stände und weder zu fressen, noch zu saufen
bekommen hätte, obgleich es schon hoch am Tage war. Weil er nun dachte,
es wäre doch zu weit, sie nach der Koppel zu treiben, wollte er sie oben
auf's Dach bringen, denn das Dach war mit Rasen gedeckt und es stand
darauf schönes hohes Gras; und weil nun das Haus an einem steilen Hügel
lag, glaubte er, es wäre ein Leichtes sie hinaufzubringen, wenn er bloß
eine Planke von dem Hügel aufs Dach hinüberlegte; das Butterfaß wollte
er aber nicht stehen lassen, denn sein kleiner Junge krabbelte da an der
Erde herum und könnt's nachher umstoßen, dachte er; darum nahm er es
auf den Rücken und ging hinaus. Eh' er aber die Kuh auf das Dach ließ,
wollte er ihr noch mal zu saufen geben, und nahm einen Eimer, um damit
Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen; als er sich aber hinunterbückte, floß
aller Rahm aus dem Faß ihm an dem Nacken herunter und lief ins Wasser.
Wie es nun gegen Mittag ging, dachte er, weil's ihm mit der Butter nicht
geglückt wäre, wollte er sich Grütze zum Mittag kochen, und hängte den
Kessel mit Wasser über's Feuer. Kaum hatte er das gethan, so fiel es ihm
ein, daß die Kuh, die er aufs Dach gebracht hatte, herunterfallen und
Hals und Bein brechen könne; darum nahm er einen Strick und ging hinauf,
um sie festzubinden; das eine Ende band er ihr um den Hals und das andre
Ende warf er durch den Schornstein, ging dann hinunter und band es sich
in aller Eile um's Bein, denn das Wasser kochte schon im Kessel, und er
mußte die Grütze umrühren. Während er nun damit beschäftigt war, fiel die
Kuh vom Dach herunter und zog den Mann an dem Strick in den Schornstein
hinauf. Da hing er nun und konnte weder vorwärts, noch rückwärts, und
die Kuh hing draußen zwischen Himmel und Erde und konnte auch nicht
loskommen. Die Frau hatte schon eine lange Zeit gewartet, daß der Mann
kommen und sie zum Mittag abrufen solle; aber er war nicht da und kam
nicht. Zuletzt dauerte es ihr doch zu lange, und sie ging mit den
Leuten nach Hause. Als sie die Kuh sah, die da zwischen Himmel und Erde
hing, ging sie hinzu und hieb mit der Sense den Strick entzwei. Da fiel
der Mann herunter durch den Schornstein, und als sie in die Küche kam,
stand er da auf dem Kopf im Grützkessel.
14.
Däumerling.