Das, däuchte dem Mädchen, wäre ja herrlich; sie wollte sogleich hin und

es holen; aber ehe sie sich's versah, fiel sie ebenfalls in das Gewölbe

hinunter. Wie sie nun durch die vielen Zimmer ging, wovon das eine immer

noch schöner war, als das andre, ließ sie sich gute Zeit und betrachtete

Alles genau, denn sie war ganz und gar nicht bange. Endlich bemerkte sie

eine Kellerklappe, die hob sie auf und sah hinunter; da erkannte sie

alsbald ihre Schwestern, welche beide da lagen und todt waren. Wie sie

eben die Klappe wieder zugemacht hatte, kam der Bergmann an. »_Willst

Du meine Braut sein?_« fragte er sie. »Ja, recht gern,« sagte das Mädchen,

denn sie konnte sich nun wohl denken, wie es ihren Schwestern ergangen

war. Als der Troll das hörte, ward er seelenfroh und schenkte ihr die

schönsten und prächtigsten Kleider und Alles, was sie sich nur wünschen

mochte, so sehr freu'te er sich, daß Eine mal seine Braut sein wollte.

Als das Mädchen sich nun einige Zeit bei dem Trollen aufgehalten hatte,

war sie eines Tages ganz traurig und betrübt. Der Troll fragte sie, Was

ihr fehle. »Ach,« sagte sie: »es betrübt mich so sehr, daß ich nicht zu

Hause bei meiner Mutter sein kann; die leidet gewiß Hunger und Durst und

hat keinen Menschen um sich.« -- »Ja, Dich zu ihr gehen lassen, kann ich

nicht,« sagte der Troll: »aber thu nur etwas Essen in einen Sack, dann

will ich's ihr schon bringen.« Dafür dankte das Mädchen ihm und nahm

einen Sack und füllte ihn mit lauter Gold und Silber an, aber oben

darauf legte sie Etwas zu essen, und sagte dann zu dem Trollen, nun wäre

der Sack fertig, aber er dürfe nicht zusehen, Was drin wäre; das mußte

er ihr versprechen. Na, er wollt's auch nicht thun. Als er fortging, sah

sie ihm nach durch ein Loch, das in der Fallthür war. Unterweges sah

sich der Troll um und sagte: »Der ist doch auch verdammt schwer, der

Sack! ich muß doch mal zusehen, Was drin ist,« und damit wollte er das

Band auflösen. Aber das Mädchen rief ihm zu: »Ich sehe Dich! ich sehe

Dich!« -- »_Das ist doch auch zum Kukuk, was Du für Augen im Kopf

hast!_« sagte der Troll und wagte nun keinen weitern Versuch. Als er

bei der Wittwe ankam, warf er den Sack durch die Thür hinein. »_Da hast

Du Was zu essen von Deiner Tochter!_« sagte er: »_sie kann's entbehren._«

Wie nun das Mädchen schon eine gute Zeit bei dem Trollen im Berge

zugebracht hatte, fiel eines Tages ein Ziegenbock durch die Fallthür

hinunter. »_Wer hat nach dir geschickt, du langrippiges Beest!_« rief

der Troll und war entsetzlich böse, nahm den Bock, dreh'te ihm den Kopf

um und warf ihn hinunter in den Keller. »Ach, warum hast Du das gethan?«

sagte das Mädchen: »ich hätte ja meinen Zeitvertreib damit haben können.«

-- »Nun, Du brauchst darum eben das Maul nicht schief zu machen,« sagte

der Troll: »er soll bald wieder lebendig werden.« Darauf nahm er einen

Krug, der an der Wand hing, setzte dem Ziegenbock den Kopf wieder auf

und bestrich ihn mit der Salbe aus dem Krug, und da war der Bock wieder

eben so frisch und munter, als zuvor. »Haha!« dachte das Mädchen: »der

Krug ist Was werth!«

Als sie nun noch eine gute Zeit bei dem Trollen gewesen war, ersah sie

eines Tages die Gelegenheit, da der Troll nicht zu Hause war, nahm die

älteste Schwester und setzte ihr den Kopf auf und bestrich sie dann mit

der Salbe aus dem Krug, so wie sie gesehen, daß der Troll es mit dem

Ziegenbock gemacht hatte; und als das geschehen war, ward die Schwester

sogleich wieder lebendig. Sie steckte sie nun in einen Sack, legte ein

wenig Essen oben drauf, und wie der Troll nach Hause kam, sagte sie zu

ihm: »Ach, willst Du nicht zu meiner Mutter gehen und ihr ein wenig

Essen bringen? sie leidet gewiß Hunger und Durst, die Arme! Aber Du

musst auch nicht in den Sack sehen.« Nein, er wollte nicht hineinsehen,

sagte der Troll, nahm den Sack und marschirte damit fort. Wie er aber

ein Ende gegangen war, däuchte ihm, der Sack wäre so verdammt schwer,

und als er noch etwas weiter gegangen war, sagte er: »Ich möchte doch

wohl wissen, Was drin ist, und was sie auch für Augen im Kopf haben mag,

so kann sie mich doch jetzt nicht mehr sehen.« Als er aber nun das Band

auflösen wollte, rief die Schwester, die in dem Sack war: »Ich seh' Dich

wohl! ich seh' Dich wohl!« -- »_Das ist doch auch zum Kukuk mit Deinen

Augen!_« sagte der Troll, denn er glaubte, es wäre Die im Berge, welche

das sagte. Er wagte nun nicht weiter, den Sack zu öffnen, sondern lief

damit, was er nur konnte, zu der Mutter, und als er an die Thür kam,

warf er den Sack hinein und rief: »_Da hast Du Essen von Deiner Tochter!

sie kann's entbehren._«

Wie nun das Mädchen noch eine gute Zeit in dem Berg gewesen war, machte

sie es eben so mit der zweiten Schwester: sie setzte ihr den Kopf auf,

bestrich sie mit der Salbe aus dem Krug und steckte sie in den Sack.

Aber das Mal legte sie oben drauf so viel Gold und Silber, als nur

hinein konnte, und ganz oben darauf legte sie ein Wenig zu essen. »Ach,«

sagte sie zu dem Trollen: »Willst Du nicht zu meiner Mutter gehen und

ihr wieder ein Wenig Essen bringen? aber Du darfst ja nicht in den Sack

sehen.« Ja, er wollte wohl hingehen und wollt' auch nicht hineinsehen,

sagte der Troll. Als er aber eine Strecke weit gekommen war, däuchte

ihm, der Sack würde so verdammt schwer, und als er noch etwas weiter

gekommen war, konnte er ihn beinah nicht mehr tragen. Er wollte nun das

Band auflösen und in den Sack gucken; aber da rief die Schwester, welche

drinnen war: »Ich seh' Dich wohl! ich seh' Dich wohl!« -- »_Das ist doch

auch zum Kukuk, was Du für Augen im Kopf hast!_« sagte der Troll und

wagte nicht weiter, in den Sack zu sehen, sondern trug ihn, so schnell

er nur konnte, gradesweges zu der Mutter, und als er an's Haus kam, warf

er ihn durch die Thür hinein und rief: »_Da hast Du Essen von Deiner

Tochter! sie kann's entbehren._«

Als nun das Mädchen noch eine gute Zeit in dem Berg gewesen war, wollte

der Troll einmal ausgehen. Das Mädchen aber stellte sich schwach und

elend an und sagte: »Es kann nichts nützen, daß Du vor zwölf Uhr zu

Hause kommst; denn ich kann das Essen heut doch nicht so früh fertig

kriegen, weil ich so schwach bin.« Als darauf der Troll gegangen war,

stopfte sie ihre Kleider mit Stroh aus und stellte die Strohdirne in die

Ecke am Herd hin mit einem Quirl in der Hand, so daß es aussah, als wäre

sie es selbst. Darauf schlich sie sich aus dem Berg und lief fort nach

Hause; unterweges aber sprach sie sich einen Schützen auf, und den nahm

sie mit.

Als die Uhr zwölf war, oder so ungefähr, kam der Troll nach Hause: »_Gieb

mir Was zu essen!_« rief er der Strohdirne zu; aber die antwortete

nicht. »_Gieb mir Was zu essen, sag' ich Dir!_« rief der Troll: »denn

ich bin hungrig.« Keine Antwort. »_Gieb mir Was zu essen!_« schrie der

Troll zum dritten Mal: »_und wenn Du nicht thust, Was ich Dir sage,

werde ich Dich aus dem Schlaf wecken._« Aber die Dirn stand da, ohne

sich zu rühren. Da wurde der Troll rasend und stieß sie mit dem Fuß, daß

die Halme umherstoben. Als er aber das sah, merkte er Unrath und begann

zu suchen im ganzen Berg herum, und zuletzt kam er auch hinunter in den

Keller; da waren aber die beiden Schwestern des Mädchens fort, und nun

konnte er sich wohl den ganzen Zusammenhang denken. »_Ja, das will ich

ihr bezahlen!_« sagte er und machte sich auf nach dem Hause der Mutter.

Als er aber an die Thür kam, knallte der Schütz los. Wie der Troll das

hörte, wagte er nicht, hineinzugehen, denn er glaubte, es wäre der

Donner, und lief wieder fort nach Hause, so schnell er nur konnte. Eh'

er aber zu der Fallthür kam, ging die Sonne auf, und da barst er. --

Wenn ich bloß wüßte, wo die Fallthür wäre; denn da ist gewiß noch Gold

und Silber Genug zu holen.

6.

Von dem Riesen, der kein Herz im Leibe hatte.

Es war einmal ein König, der hatte sieben Söhne, von denen hielt er so

viel, daß er nicht leben konnte ohne sie; einer wenigstens mußte immer

um ihn sein. Als die Söhne groß waren, sollten die sechs ältesten

ausziehen und sich eine Frau suchen; den jüngsten aber wollte der Vater

bei sich zu Hause behalten, und die andern sollten eine Prinzessinn

für ihn mitbringen. Der König gab nun den sechs Prinzen die schönsten

Kleider, die man sehen konnte, sie waren so schön, daß man den Glanz

schon weit in der Ferne sah, und jedem gab er ein Pferd, das kostete

viele, viele hundert Thaler, und damit reis'ten sie fort. Als sie nun an

vielen Königshöfen gewesen waren und viele Prinzessinnen gesehen hatten,

kamen sie endlich auch zu einem König, der sechs Töchter hatte; so

schöne Königstöchter aber hatten die Prinzen noch nie gesehen, und jeder

frei'te um eine von ihnen und bekam sie zur Braut, und darauf begaben

sie sich mit den Prinzessinnen wieder auf den Heimweg zu ihrem Vater;

sie waren aber in ihre Bräute so verliebt, daß sie es ganz vergaßen,

auch eine Prinzessinn für Aschenbrödel mitzubringen, der zu Hause

geblieben war.

Wie sie nun schon eine gute Strecke Weges zurückgelegt hatten, kamen sie

an einer steilen Bergwand vorbei, wo ein Riesenschloß war. Der Riese kam

heraus, und als er sie sah, verwandelte er sie alle in Stein, sowohl die

Prinzen, als die Prinzessinnen. Der König wartete immerfort auf seine

Söhne; aber wie lange er auch warten mochte, sie kehrten nicht zurück.

Da ward der König sehr betrübt und konnte nimmer wieder froh werden.

»Hätte ich nicht Dich noch,« sagte er zu Aschenbrödel: »so möchte ich

gar nicht mehr in der Welt leben.« Aschenbrödel aber bat den König,

daß er ihm erlauben möchte, fortzureisen, um seine Brüder wieder

aufzusuchen. »Nein, das kann ich nicht,« sagte der König: »denn Du

kommst nachher auch nicht wieder.« Aber Aschenbrödel wollte durchaus

fort und bat seinen Vater so lange, bis er ihn endlich reisen ließ. Nun

hatte der König aber kein andres Pferd für Aschenbrödel, als eine alte

elende Kracke; denn die sechs andern Königssöhne hatten alle die andern

Pferde bekommen. Das kümmerte Aschenbrödel aber wenig; er setzte sich

auf seine alte Kracke und reis'te fort. »Lebe wohl, Vater!« sagte er,

als er abreis'te: »ich werde schon wiederkommen, und vielleicht bringe

ich dann meine Brüder auch mit.«

Als er ein Ende geritten war, traf er auf dem Wege einen Raben an,

der lag da und schlug mit den Flügeln und konnte vor lauter Hunger

und Mattigkeit nicht von der Stelle. »Ach, gieb mir doch ein Wenig zu

essen,« sagte der Rabe: »dann will ich Dir auch wieder helfen, wenn

Du mal in Noth kommst.« -- »Ja, Viel hab' ich eben nicht,« sagte der

Königssohn: »und Du siehst auch gar nicht darnach aus, daß Du mir große

Hülfe leisten könntest; weil Du es aber so nöthig zu haben scheinst,

will ich Dir wohl geben, Was ich vermag,« und darauf öffnete er seinen

Ranzen und gab dem Raben zu essen. Wie er nun ein Ende weiter gereis't

war, kam er zu einem Bach. Nicht weit davon lag ein großer Lachs, der

auf das trockne Land gekommen war, und zappelte und konnte nicht wieder

zurück ins Wasser. »Ach hilf mir doch wieder in's Wasser,« sagte der

Lachs: »Ich will Dir auch wieder helfen, wenn Du mal in Noth kommst.«

-- »Ja, Deine Hülfe wird mir wohl nicht viel nützen,« sagte der

Königssohn: »aber es wäre ja Sünde, Dich hier umkommen zu lassen,« und

damit setzte er den Fisch wieder ins Wasser. Nun reis'te er ein gutes

Ende weiter; da traf er auf dem Wege einen Wolf an, der lag da und wand

und krümmte sich vor lauter Hunger. »Ach gieb mir doch Dein Pferd zu

fressen,« sagte der Wolf: »denn ich bin so hungrig, daß mir der Magen

schlottert, weil ich in zwei Jahren Nichts zu essen bekommen habe.«

-- »Nein,« sagte Aschenbrödel: »das kann ich nicht! Erst kam ich zu einem

Raben, dem mußte ich mein Essen geben; darauf kam ich zu einem Lachs,

dem mußte ich wieder ins Wasser helfen; und Du willst nun gar mein

Pferd haben; das geht nicht, dann weiß ich nicht, wie ich meine Reise

fortsetzen soll.« -- »Ja, Du musst mir helfen,« sagte der Wolf: »Du

kannst nachher auf mir reiten; ich will Dir auch wieder helfen, wenn Du

mal in Noth kommst.« -- »Ja, Was Du mir helfen kannst, hat wohl nicht

Viel zu bedeuten,« sagte der Prinz: »aber nimm das Pferd nur hin, weil

Du's doch so nöthig hast.« Als der Wolf das Pferd gefressen hatte, gab

Aschenbrödel ihm das Gebiß ins Maul und legte ihm den Sattel auf den

Rücken; denn der Wolf war jetzt so stark und so groß geworden von Dem,

was er gefressen hatte, weit größer, als ein Pferd. Wie Aschenbrödel

sich aufgesetzt hatte, legte der Wolf mit ihm los; aber so schnell hatte

Aschenbrödel noch nie geritten. Als sie nun schon einen guten Weg hinter

sich hatten, sagte der Wolf: »Wenn wir noch ein kleines Ende weiter

gekommen sind, dann werde ich Dir das Riesenschloß zeigen.« Es dauerte

nicht lange, so waren sie da. »Hier siehst Du das Schloß,« sagte der

Wolf: »und dies hier sind Deine sechs Brüder, die der Riese in Stein

verwandelt hat, und das da sind ihre sechs Bräute; dort siehst Du auch

die Thür zu dem Schloß, und da musst Du hineingehen.« -- »Nein,« sagte

der Königssohn: »der Riese bringt mich um.« -- »Sei nur ohne Furcht,«

versetzte der Wolf: »denn wenn Du hineinkommst, triffst Du dort eine

Prinzessinn an, die wird Dir wohl sagen, wie Du es machen musst, um den

Riesen zu tödten; und thu dann nur, wie sie Dir sagt.« Aschenbrödel ging

darauf hinein, und wie er durch mehre Zimmer gekommen war, saß in dem

einen die Prinzessinn; aber eine so schöne Jungfrau hatte er noch nie

gesehen. »Ach, Gott steh Dir bei!« sagte sie, als sie ihn erblickte:

»Wie bist Du hier hereingekommen? Dein Tod ist Dir gewiß; denn hier

wohnt ein Riese, den kann Niemand tödten, weil er kein Herz im Leibe

hat.« -- »Ich will es aber doch versuchen,« sagte Aschenbrödel: »denn

darum bin ich hergekommen; und meine Brüder, welche hier in Stein

verwandelt sind, wollte ich auch gern erretten, und Dich dazu, wenn ich

könnte.« Wie nun die Prinzessinn ihn durchaus nicht überreden konnte,

wieder fortzugehen, sagte sie zu ihm: »Laß uns denn zusehen, wie wir's

am besten anfangen: Krieche hier unter dieses Bett, und da musst Du

still liegen bleiben und genau zuhören, Was der Riese sagt, wenn ich ihn

ausfrage.« Er kroch nun unter's Bett, und kaum war das geschehen, so kam

der Riese an. »_Hutetu! hier riecht's so nach Menschenfleisch!_« rief

er. »Ja, es flog hier eine Elster vorbei mit einem Knochen im Schnabel,

den ließ sie durch den Schornstein fallen,« sagte die Prinzessinn: »ich

habe mich zwar beeilt, ihn hinwegzuschaffen; aber es muß wohl noch der

Geruch davon zurückgeblieben sein;« und damit war der Riese zufrieden

gestellt. Als es Abend wurde, legten sie sich zu Bett, und wie sie eine

Weile gelegen hatten, sagte die Prinzessinn: »Da ist Eins, wonach ich

Dich gern fragen wollte, aber Du musst auch nicht böse werden.« -- »_Was

ist denn das?_« fragte der Riese. »O,« sagte sie: »ich möchte gern

wissen, wo Du Dein Herz hast, weil Du es doch nicht bei Dir trägst.«

-- »_Das ist Etwas, wonach Du nicht zu fragen brauchst_,« sagte der Riese:

»_sonst liegt es dort unter der Thürschwelle._« -- »Aha! da wollen wir's

schon finden!« dachte Aschenbrödel, der unter dem Bett lag.

Am nächsten Morgen stand der Riese früh auf und streifte nach dem Wald

zu. Kaum war er fort, so fingen Aschenbrödel und die Prinzessinn an,

unter der Thürschwelle zu suchen; aber was sie auch suchen und graben

mochten, so fanden sie doch Nichts. »Diesmal hat er uns angeführt,«

sagte die Prinzessinn: »aber wir müssen's noch einmal versuchen.« Darauf

pflückte sie die schönsten Blumen, die sie finden konnte, und bestreu'te

damit die Thürschwelle, nachdem sie dieselbe vorher wieder in Stand

gebracht hatten. Wie es um die Zeit war, daß sie den Riesen zu Hause

erwarteten, mußte Aschenbrödel wieder unter's Bett kriechen. »_Hutetu!

hier riecht's so nach Menschenfleisch!_« sagte der Riese, als er eintrat.

»O, das ist wohl noch der Knochen von gestern,« sagte die Prinzessinn,

und damit war der Riese zufrieden. Nach einer Weile fragte er, Wer denn

all die schönen Blumen auf die Thürschwelle gestreu't hätte. »O, das

habe ich gethan,« sagte die Prinzessinn. »_Und wozu soll das?_« fragte

der Riese. »Meinst Du denn nicht, daß ich Dich so lieb habe, um die

Schwelle mit Blumen zu bestreuen, wenn ich weiß, daß Dein Herz darunter

liegt?« sagte die Prinzessinn. »_Ah so!_« sagte der Riese: »_sonst liegt

es aber nicht da._«

Als sie sich am Abend zu Bett gelegt hatten, bat die Prinzessinn ihn, er

möchte ihr doch sagen, wo sein Herz wäre; denn sie hielt so viel von

ihm, sagte sie, und darum möchte sie es so gern wissen. »_O, es liegt

dort in dem Wandschrank_,« sagte der Riese. »Haha!« dachte Aschenbrödel:

»da wollen wir's schon finden!« Den nächsten Morgen machte der Riese

sich wieder früh auf und streifte nach dem Wald zu. Kaum aber war er

gegangen, als Aschenbrödel und die Königstochter den ganzen Schrank

durchsuchten, um sein Herz zu finden; aber wie fleißig sie auch suchten,

so fanden sie auch diesmal Nichts. »Wir müssen's noch einmal probiren,«

sagte die Prinzessinn. Sie schmückte nun den Schrank mit Blumen und

mit Kränzen, und gegen Abend mußte Aschenbrödel wieder unter's Bett

kriechen. Darauf kam der Riese an. »_Hutetu! hier riecht's so nach

Menschenfleisch!_« sagte er, als er eintrat. »Ach, es ist wohl immer

noch der alte Knochen,« sagte die Prinzessinn: »der Geruch will gar

nicht wieder fort.« Damit war der Riese zufrieden und sagte weiter

Nichts. Wie er aber darauf den Schrank erblickte, der mit Blumen und

Kränzen geschmückt war, fragte er die Prinzessinn, Wer das gethan hätte.

»Ach, das habe ich gethan,« sagte sie. »_Und wozu soll die Thorheit?_«

fragte er. »Meinst Du denn nicht, daß ich Dich so lieb habe, um den

Schrank mit Blumen und Kränzen zu schmücken, wenn ich weiß, daß Dein

Herz darin liegt?« sagte sie. »_Kannst Du so närrisch sein und das

glauben?_« sagte der Riese. »Ich muß es ja wohl glauben, wenn Du es

sagst,« versetzte die Prinzessinn. »_Du bist ein Narr!_« sagte der

Riese: »_wo mein Herz ist, dahin kommst Du nie._« -- »Du könntest mir

aber doch wohl sagen, wo es ist,« sagte sie. Nun konnte der Riese nicht

anders, sondern mußte es ihr sagen. »_Weit, weit von hier in einem

Wasser_,« sagte er: »_liegt eine Insel; auf der Insel steht eine Kirche;

in der Kirche ist ein Brunnen; in dem Brunnen schwimmt eine Ente; in der

Ente ist ein Ei; und in dem Ei -- da ist mein Herz._«

Am Morgen früh, als es noch nicht dämmerte, streifte der Riese schon

wieder nach dem Wald zu. »Ja, nun muß ich auch fort,« sagte Aschenbrödel:

»wenn ich bloß den Weg wüßte.« Er sagte darauf der Prinzessinn Lebewohl,

und als er draußen vor's Schloß kam, stand der Wolf noch da und wartete

auf ihn. Aschenbrödel erzählte ihm Alles, was ihm im Schloß begegnet war

und sagte, nun möchte er gern zu dem Brunnen in der Kirche, wenn er

bloß den Weg dahin wüßte. Der Wolf aber sagte, den Weg wollte er schon

finden, er sollte sich nur auf seinen Rücken setzen, und darauf ging es

fort über Klippen und Hügel, über Berg und Thal, daß es nur so saus'te.

Als sie schon manchen lieben Tag gereis't waren, kamen sie endlich zu

einem Wasser. Nun wußte der Königssohn nicht, wie er hinüber kommen

sollte; aber der Wolf sagte zu ihm, er solle sich bloß nicht fürchten,

und dann sprang er in's Wasser und schwamm mit dem Prinzen hinüber zu

der Insel. Als sie aber zu der Kirche kamen, hing der Schlüssel ganz

oben an der Thurmspitze. Nun wußte der Königssohn wieder nicht, wie er

ihn herunterkriegen sollte. »Du musst den Raben zu Hülfe rufen,« sagte

der Wolf, und das that der Prinz. Da kam der Rabe geflogen, schwang sich

hinauf zu der Thurmspitze und holte den Schlüssel herunter. Nun konnte

der Prinz in die Kirche kommen; und als er zu dem Brunnen kam, schwamm

die Ente darin auf und ab, so wie der Riese gesagt hatte. Der Prinz fing

nun an, sie zu locken, und lockte so lange, bis sie so nahe kam, daß er

sie greifen konnte. Wie er sie aber aus dem Wasser hob, ließ sie das

Ei in den Brunnen fallen. Nun wußte Aschenbrödel nicht, wie er das Ei

wiederbekommen sollte. »Du musst jetzt den Lachs zu Hülfe rufen,« sagte

der Wolf. Da rief der Prinz den Lachs, und dieser kam sogleich und holte

das Ei herauf. Nun, sagte der Wolf zu dem Prinzen, solle er das Ei in

der Hand drücken; und wie der Prinz das that, schrie der Riese laut auf.

»Drück noch einmal zu!« sagte der Wolf; und wie der Prinz noch einmal

zudrückte, erhob der Riese ein klägliches Gewinsel und bat und fleh'te

um sein Leben; er wolle auch Alles thun, was der Königssohn verlangte,

wenn er ihm bloß nicht das Herz entzwei drücken wollte, sagte er. »Sage

ihm, wenn er Deine sechs Brüder, die er in Stein verwandelt hat, wieder

in Prinzen umschafft, und ihre Bräute in Prinzessinnen, dann solle er

das Leben behalten,« sagte der Wolf; und das that der Prinz. Ja, dazu

war der Troll sogleich bereit: er verwandelte die sechs Brüder wieder in

Prinzen, und ihre Bräute wieder in Prinzessinnen. »Drück jetzt das Ei

entzwei!« sagte der Wolf. Nun drückte Aschenbrödel das Ei entzwei, und

da barst der Riese mitten von einander. Wie sie ihn nun quitt waren,

ritt Aschenbrödel wieder zurück nach dem Bergschloß. Da standen alle

seine sechs Brüder mit ihren Bräuten frisch und gesund vor ihm, und

Aschenbrödel ging in den Berg und holte sich die Prinzessinn, die wurde

nun _seine_ Braut, und darauf reis'ten sie alle mit einander zurück nach

dem Schloß des Königs. Wie nun der alte König alle seine sieben Söhne

mit ihren Bräuten ankommen sah, da freu'te er sich nicht wenig, kannst

Du glauben; aber die schönste von allen Prinzessinnen war doch die Braut

von Aschenbrödel, und er mußte sich mit ihr bei Tafel oben an setzen.

Darauf hielten alle Prinzen Hochzeit mit ihren Bräuten, und es wurde

gegastet und gejubelt viele Tage lang, und haben sie nicht ausgejubelt,

so jubeln sie wohl noch.

7.

Die Grimsschecke.

Es waren einmal ein Paar reiche Leute, die hatten zwölf Söhne. Als der

jüngste von ihnen herangewachsen war, wollte er nicht länger zu Hause

bleiben, sondern wollte fort in die Welt und sein Glück versuchen. Die

Ältern sagten, er hätte es ja gut bei ihnen, warum er denn nicht zu

Hause bleiben wollte. Aber er hatte keine Ruhe, er wollte und mußte

fort, und da ließen sie ihn denn endlich reisen. Als er nun eine

Zeitlang umhergewandert war, kam er auch zu einem Königsschloß; da bat

er um einen Dienst, und den erhielt er auch.

Die Tochter des Königs von diesem Lande aber wurde von einem Trollen in

einem Berg zurückgehalten, und der König hatte nicht mehr Kinder, als

nur diese einzige Tochter. Darum war er und mit ihm das ganze Land in

großer Sorge und Betrübniß, und der König hatte Demjenigen, der sie

befreien könnte, die Prinzessinn und das halbe Reich versprochen; aber

es war Niemand, der das konnte, obwohl Viele es versuchten. Als der

Bursch ein Jahr, oder so ungefähr, da gewesen war, wollte er wieder

nach Hause und seine Ältern besuchen; wie er aber zu Hause ankam, waren

seine Ältern in der Zeit gestorben, und die Brüder hatten die Erbschaft

unter sich getheilt, so daß nun Nichts mehr für den Burschen übrig

war. »Soll ich denn Nichts haben?« sagte der Bursch. »Konnten wir denn

wissen, daß Du noch am Leben warst, der Du so lange herumgestreift

bist?« sagten die Brüder: »Aber es mag drum sein: Oben in der Bergkoppel

gehen zwölf Stuten, die wir noch nicht getheilt haben; willst Du die für

Deinen Theil haben, so kannst Du sie nehmen.« Ja, damit war der Bursch

wohlzufrieden und begab sich sogleich nach der Bergkoppel, wo die zwölf

Stuten gras'ten. Wie er hinkam, hatte jede Stute ihr Saugfüllen; das

schönste Füllen hatte aber doch die eine Stute, das war ein großes

scheckiges Füllen und so fett und so gut bei Leibe, daß es glänzte. »Du

bist ein schönes Thierchen,« sagte der Bursch. »Ja, aber willst Du die

andern Füllen todtschlagen, so daß ich alle Stuten ein ganzes Jahr

saugen kann, dann sollst Du mal sehen, wie groß und schön ich werde,«

sagte das Füllen. Das that denn der Bursch auch: er schlug alle die

andern Füllen todt, und darauf ging er fort.

Norwegische Volksmährchen vol. 2 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 3 / 11 段