Das Erste, was der Bursch that, als die Andern das Haus verlassen

hatten, war, daß er alle die drei Ochsen hinausjagte, worauf

diese wieder nach dem Stall des Mannes, dem er sie genommen hatte,

zurückliefen, und Der sich freu'te, das war der Mann, kannst Du

glauben. Darauf nahm er alle Pferde, welche die Räuber hatten, und

belud sie mit dem Besten, was er vorfand, mit Gold und Silber und

Kleidern und andern prächtigen Sachen, und sagte dann zu der Frau, sie

solle die Räuber nur von ihm grüßen, er ließe sich vielmal bedanken,

und er reise jetzt fort; aber es sollte ihnen schwer fallen, ihn

wieder einzuholen, und damit reis'te er ab.

Wie er nun eine lange Zeit gereis't hatte, kam er wieder auf den Weg,

von wo er zuerst in den Wald zu den Räubern gekommen war, und diesen

verfolgte er so lange, bis er wieder in das Dorf kam, wo sein Vater

wohnte. Zuvor aber zog er sich eine Montirung an, die grade wie für

einen General gemacht war, die hatte er unter den Sachen gefunden, die

er von den Räubern mitgenommen, und damit fuhr er auf den Hof, wie ein

großer Herr. Dort stieg er ab und ging in's Haus zu seinem Vater und

fragte ihn, ob er keine Herberge bei ihm bekommen könne. Nein, das könne

er ganz und gar nicht. »Wie sollte ich wohl Herberge haben für einen so

großen Herrn?« sagte der Mann: »ich habe kaum Betten, worauf ich selbst

liegen kann, und die sind noch dazu schlecht genug.« -- »Du bist immer

ein harter Mann gewesen, und das bist Du auch noch,« sagte der Bursch:

»da Du Deinem eignen Sohn nicht einmal Herberge geben willst.« -- »Bist

Du denn mein Sohn?« fragte der Mann. »Kennst Du mich denn nicht mehr?«

sagte der Bursch. Ja, da erkannte er ihn wieder. »Aber Was hast Du denn

gelernt, daß Du in der Geschwindigkeit ein solcher Kerl geworden bist?«

fragte ihn der Vater. »Das will ich Dir sagen,« versetzte der Bursch:

»Du sagtest ja, ich könnte lernen, wozu ich Lust hätte, und da gab ich

mich denn bei Räubern und Spitzbuben in die Lehre, und nun hab' ich

meine Lehrzeit ausgestanden und bin Meisterdieb geworden.«

Nun wohnte dicht neben seinem Vater der Amtmann, der hatte ein großes,

herrliches Schloß und so viel Geld, daß er's nicht zählen konnte, und

dann hatte er auch eine Tochter, die war von außerordentlicher Schönheit;

die wollte nun der Meisterdieb gern haben und sagte zu seinem Vater, er

solle zum Amtmann gehen und seine Tochter für ihn begehren. »Wenn er

Dich fragen sollte, was für ein Handwerk ich treibe, so kannst Du nur

sagen, ich sei Meisterdieb,« sagte er. »Ich glaube, Du bist toll und

verrückt,« sagte der Mann: »denn klug kannst Du unmöglich sein, wenn Du

solche Narrheit im Kopf hast.« Ja, er solle und müsse zum Amtmann gehen

und ihn um seine Tochter bitten, es wäre kein andrer Rath, sagte der

Bursch. »Das thu' ich wahrhaftig nicht!« sagte der Vater: »Wie kann ich

wohl zum Amtmann gehen, der so reich ist und so viel Geld hat, und für

Dich um seine Tochter bitten? das geht mein Lebtag nicht an!« Es half

aber nichts, er sollte und mußte hin, und wenn er nicht mit Gutem

wollte, so sollte er mit Gewalt, sagte der Meisterdieb. Da ging der Mann

fort und kam weinend und heulend zum Amtmann. »Was fehlt Dir?« fragte

ihn der Amtmann. Da erzählte ihm der Mann, daß er drei Söhne hätte,

welche eines Tages fortgereis't wären, und er hätte ihnen erlaubt, zu

reisen, wohin sie wollten, und zu lernen, wozu sie Lust hätten; »und nun

ist der jüngste zurückgekommen und will mit aller Gewalt, ich soll zu

Dir gehen und Deine Tochter für ihn begehren und sollte sagen, er wäre

Meisterdieb,« sagte der Mann und weinte und lamentirte ganz jämmerlich.

»Gieb Dich nur zufrieden,« sagte der Amtmann und lachte: »und grüße

Deinen Sohn nur von mir und sage ihm, er müßte erst Proben von seiner

Geschicklichkeit ablegen; wenn er daher am Sonntag den Braten vom Spieß

in meiner Küche stehlen könnte, während alle meine Leute darauf Acht

hätten, so sollte er meine Tochter bekommen.« Mit diesem Bescheid kam

der Vater zu seinem Sohn zurück; der aber meinte, das solle ihm ein

Leichtes sein. Er sah nun zu, daß er drei lebendige Hasen bekam, die

steckte er in einen Sack, behängte sich mit einigen Lumpen, so daß

er ganz armselig und jämmerlich aussah, und dann schlich er sich am

Sonntag-Vormittag, wie so ein andrer Betteljunge, mit seinem Sack auf

die Diele des Amtmanns. Der Amtmann selbst und alle Leute im Hause waren

in der Küche und wollten auf den Braten Acht geben. Da ließ der Bursch

einen Hasen aus dem Sack schlüpfen, der -- hast Du mich nicht gesehen!

fort und auf dem Hof herum, daß es eine Höllenwirthschaft war. »Seht

einmal den Hasen da!« sagten die Leute in der Küche und wollten hinaus

und ihn fangen. Der Amtmann sah ihn auch. »O lasst ihn laufen!« sagte

er: »es nützt nicht, einen Hasen im Sprunge fangen zu wollen.« Es

dauerte nicht lange, so ließ der Bursch den zweiten Hasen hinaus;

den sahen die Leute in der Küche ebenfalls und glaubten, es wäre noch

derselbe; nun wollten sie hinaus und ihn fangen; aber der Amtmann sagte

wieder, es könne nichts nützen. Nach einer Weile ließ der Bursch den

dritten Hasen hinaus, der wieder fort und auf dem Hof herum die Kreuz

und die Quer. Als die Leute den sahen, glaubten sie, es sei immer noch

der erste, und nun wollten sie wieder hinaus und ihn fangen. »Das ist

doch auch ein schnurriger Hase!« sagte der Amtmann: »Kommt, Jungens, und

lasst uns mal sehen, ob wir ihn erwischen können!« Er hinaus, und die

Andern ihm nach, und der Hase voran, und sie alle hinterher, daß es ein

Mordspectakel war. Mittlerweile aber nahm der Meisterdieb den Braten vom

Spieß und lief damit fort, -- und wo da der Amtmann einen Braten zum

Mittag herbekam, weiß ich nicht; so Viel aber weiß ich wohl, daß er das

Mal keinen Hasenbraten bekam, obwohl er gelaufen hatte, daß ihm der

Schweiß von der Stirn troff.

Am Mittag kam der Pfarrer aufs Schloß, und als der Amtmann ihm erzählte,

was der Meisterdieb ihm für einen Streich gespielt hatte, machte dieser

sich über ihn lustig und wollte sich immer todt lachen. »Ich weiß nicht,

wie ich mich von einem solchen Kerl sollte foppen lassen,« sagte der

Pfarrer. »Ja, nimm Dich nur in Acht,« sagte der Amtmann: »vielleicht

ist er bei Dir, eh' Du Dir's versiehst.« Der Pfarrer aber machte sich

fortwährend über den Amtmann lustig, weil dieser sich hatte bei der Nase

herumführen lassen.

Am Nachmittag kam der Meisterdieb und wollte die Tochter des Amtmanns

haben, wie dieser ihm versprochen hatte. »Du musst erst noch mehr

Proben ablegen,« sagte der Amtmann und gab ihm gute Worte: »denn das

Kunststück, das Du heute gemacht hast, war eben nicht der Rede werth.

Sieh mal zu, ob Du nicht dem Pfarrer einen Possen spielen kannst; denn

der sitzt da drinnen und macht sich über mich lustig, weil ich mich von

einem Kerl, wie Du bist, bei der Nase habe herumführen lassen.« Der

Meisterdieb meinte, das sollte eben nicht schwer sein, und ging sogleich

fort und traf seine Anstalten: er verkleidete sich in einen Vogel, hängte

sich ein großes weißes Laken um, brach einer Gans die Flügel ab und

machte sie sich am Rücken fest, und dann kroch er auf einen großen

Ahornbaum, der in dem Garten des Pfarrers stand. Als am Abend der

Pfarrer nach Hause kam, rief der Bursch vom Baum herunter: »_Herr Lars!

Herr Lars!_« denn der Pfarrer hieß _Herr Lars_. »Wer ruft mich?« fragte

der Pfarrer. »_Ich bin ein Engel vom Himmel, der ausgesandt ist vom

lieben Gott, um Dir zu verkündigen, daß Du lebendig ins Himmelreich

kommen sollst von wegen Deiner Frömmigkeit_,« sagte der Meisterdieb:

»_Den nächsten Montag musst Du Dich reisefertig halten; denn alsdann

komme ich und hole Dich ab in einem Sack, und all Dein Gold und Dein

Silber und Was Du sonst von den Eitelkeiten dieser Welt besitzest, musst

Du auf einen Haufen in Deiner großen Stube zusammenlegen._« Herr Lars

fiel auf seine Knie und dankte dem Engel, und am Sonntag-Morgen, als er

auf die Kanzel stieg, predigte er vor den Leuten, daß ihm ein Engel vom

Himmel erschienen wäre auf dem großen Ahornbaum in seinem Garten, der

hätte ihm verkündigt, daß er sollte lebendig ins Himmelreich kommen von

wegen seiner Frömmigkeit, und er predigte und deutete ihnen das Wort

Gottes, daß alle Leute, die in der Kirche waren, darüber weinen mußten.

Am Montag kam der Meisterdieb wieder in der Gestalt eines Engels, und

der Pfarrer fiel auf die Knie und betete und dankte ihm, bevor er in den

Sack gesteckt wurde, und als er hinein war, nahm der Meisterdieb den

Sack und schleppte ihn an der Erde mit sich fort über Stock und über

Stein. »Au! au!« schrie der Pfarrer im Sack: »wo bin ich?« -- »_Du

bist auf dem engen Wege, der in das Himmelreich führt_,« sagte der

Meisterdieb und schleppte den Sack immer weiter, so daß dem Pfarrer die

Rippen im Leibe krachten; zuletzt warf er ihn in den Gänsestall des

Amtmanns. Da flogen die Gänse auf ihn und fingen an zu zischen und ihn

zu beißen, und der Pfarrer war in seinem Sack mehr todt, als lebendig.

»Au! au! wo bin ich jetzt?« rief er. »_Jetzt bist Du im Fegefeuer, um

gereinigt und geläutert zu werden für das ewige Leben_,« sagte der

Meisterdieb, ging fort und holte sich all das Gold und das Silber und

die kostbaren Sachen, die der Pfarrer in seiner großen Stube

zusammengehäuft hatte.

Am Morgen, als das Gänsemädchen kam und die Gänse aus dem Stall lassen

wollte, hörte sie den Pfarrer drinnen im Sack jammern. »Sagt mir um

Gotteswillen, Wer seid Ihr und Was fehlt Euch?« sagte das Mädchen:

»Ach,« rief der Pfarrer: »bist Du ein Engel vom Himmel, so laß mich

hinaus und schicke mich wieder zurück auf die Erde, denn hier ist's noch

viel schlimmer, als in der Hölle; tausend Teufel zwicken mich überall

mit ihren Zangen.« -- »Ich bin, Gott bessre es! kein Engel,« sagte das

Mädchen und half dem Pfarrer aus dem Sack: »ich hüte bloß die Gänse des

Amtmanns, und das sind auch wohl die Teufel, die Euch gezwickt haben,

Gevatter,« sagte sie. »Ach, das hat der Meisterdieb gethan! Ach, mein

Gold und mein Silber und meine schönen Kleider!« schrie der Pfarrer und

jammerte und lamentirte und lief fort nach Hause, so daß das Mädchen

glaubte, er habe rein den Verstand verloren.

Als der Amtmann die Geschichte erfuhr und hörte, wie der Pfarrer sowohl

auf dem engen Wege, als im Fegefeuer gewesen war, wollte er sich beinahe

todtlachen. Als aber der Meisterdieb kam und seine Tochter haben wollte,

schwatzte er ihm wieder süß vor und sagte: »Du musst erst eine Probe

ablegen, die noch besser ist, damit ich recht erfahre, wozu Du taugst.

Ich habe zwölf Pferde in meinem Stall stehen, auf die will ich zwölf

Knechte setzen, einen auf jedes. Bist Du nun im Stande, ihnen die

Pferde unter dem Hosenleder wegzustehlen, so will ich sehen, Was

ich für Dich thun kann.« -- »Das ließe sich schon machen,« sagte der

Meisterdieb: »Bekomme ich dann aber auch ganz gewiß Deine Tochter?«

-- »Ja, kannst Du das, so will ich mein Bestes thun,« sagte der Amtmann.

Der Meisterdieb begab sich jetzt zu einem Krämer und kaufte sich zwei

Flaschen Branntwein, aber in die eine goß er einen Schlaftrunk; dann

bestellte er sich elf Knechte, die mußten sich in der Nacht hinter die

Scheune des Amtmanns verstecken. Für Geld und gute Worte bekam er auch

von einer alten Frau einen lumpigen Weiberrock und eine Jacke, womit er

sich wie ein altes Weib verkleidete; darauf nahm er einen Stock in die

Hand und einen Beutel auf den Nacken, und als es Abend wurde, hinkte er

fort nach dem Stall des Amtmanns. Als er dort ankam, tränkten die Leute

eben die Pferde zur Nacht und hatten dabei alle Hände voll zu thun. »Was

Teufel willst Du denn hier?« sagte einer von den Stallknechten zu dem

vermeintlichen Weibe. »Hutetu! es ist so kalt draußen!« sagte das Weib

und klapperte mit den Zähnen: »lasst mich ein wenig bei Euch in den

Stall kriechen.« -- »Wo Dich der Teufel nicht plagt! Pack Dich fort!«

sagte der eine von den Knechten: »denn kriegt der Amtmann Dich hier zu

sehen, so lässt er uns tanzen.« -- »Ach, das alte kümmerliche Weib!«

sagte ein andrer, der Mitleid mit ihr zu haben schien: »lasst nur die

Alte sich in den Stall hinsetzen; sie thut gewiß Keinem Was zu nah.«

Die Andern aber sagten, daraus könne Nichts werden, und während sie sich

hierüber zankten und die Pferde tränkten, kroch der Meisterdieb immer

weiter nach dem Stall zu, und endlich schlüpfte er hinter die Thür, wo

ihn nachher weiter Keiner bemerkte.

Auf die Nacht hin kam es den Leuten ein wenig kalt an, so still und

unbeweglich auf den Pferden zu sitzen. »Hutetu! es ist kalt wie der

Teufel!« sagte der Eine und schlug die Arme um den Leib. »Wer nur ein

Bischen Tabak hätte!« sagte ein Andrer. Ein Dritter hatte denn ein

Päckchen, und das theilten sie; es war zwar nicht Viel für jeden, aber

sie kau'ten und spuckten, und das half ein wenig. Bald darnach waren sie

wieder gleich schlimm daran. »Hutetu!« sagte der Eine und schüttelte

sich. »Hutetu!« sagte das Weib und klapperte mit den Zähnen, nahm die

Flasche mit Branntwein hervor und zitterte so heftig mit der Hand, daß

es schwappte in der Flasche, und trank dann, daß es ihr Kluck! im Halse

sagte. »Was hast Du da in der Flasche?« sagte einer von den Stallknechten.

»Ach, es ist nur ein Tröpfchen Branntwein,« sagte sie. »Was? Branntwein?

Gieb mal her! gieb mal her!« schrien sie alle zugleich. »Ach, ich habe

nur so wenig,« sagte sie: »Ihr werdet nicht einmal naß davon im Mund.«

Aber es half nichts, sie wollten durchaus einen Schluck haben. Da nahm

die Alte die Flasche mit dem Schlaftrunk, hielt sie jedem vor den Mund

und ließ ihn davon trinken, so Viel er brauchte, und der Zwölfte hatte

noch nicht getrunken, als der Erste schon da saß und schnarchte. Darauf

warf der Meisterdieb seine Lumpen ab und nahm den einen Kerl nach dem

andern und setzte sie vorquer auf die Balken, rief dann seine elf Leute

-- und fort jagte er mit allen zwölf Pferden.

Als der Amtmann am Morgen herauskam und nach seinen Knechten sehen

wollte, wachten diese eben auf und fingen an, mit den Spornen in die

Balken zu hauen, daß die Splitter davon flogen, und einige von den

Knechten fielen herunter, andre blieben hangen, und die andern saßen da

wie Narren. »Ja, ich kann's mir schon denken, Wer hier gewesen ist,«

sagte der Amtmann: »Ihr seid aber doch ganz elende Kerls, daß Ihr hier

sitzt und Euch den Meisterdieb die Pferde unterm Hosenleder wegstehlen

lasst!« und damit bekamen sie ihre gehörige Schmiere.

Später am Tage kam der Meisterdieb selbst und erzählte alle Umstände und

wollte jetzt die Tochter des Amtmanns haben, so wie dieser ihm versprochen

hatte. Der Amtmann aber gab ihm hundert Thaler und sagte, er müsse erst

einen Streich ausführen, der noch besser wäre. »Meinst Du, daß Du wohl

das Pferd unter mir selbst stehlen könntest, wenn ich darauf reite?«

sagte der Amtmann. »Das ließe sich schon machen,« sagte der Meisterdieb:

»bekäme ich dann nur eben so gewiß Deine Tochter.« Ja, er wollte sehn,

Was er thun könnte, sagte der Amtmann und bestimmte einen Tag, an

welchem er zu einem großen Exercirplatz hinausreiten wollte.

Der Meisterdieb erhandelte sich eine alte abgelebte Schindmähre, flocht

sich einen Sielen aus Weiden und Besenreisern, kaufte einen alten Karren

und ein großes Faß und sagte dann zu einem alten zahnlosen Weib, er

wolle ihr zehn Thaler geben, wenn sie in das Faß kriechen und über dem

Zapfenloch gaffen wolle, er würde dann den Finger hineinstecken, -- Leides

sollte ihr nicht geschehen -- sie sollte bloß ein wenig fahren -- und

wenn er den Finger öfter, als _ein_mal herauszöge, so sollte sie noch

zehn Thaler dazu haben. Darauf zog er einige alte Lumpen an, machte

sich im Gesicht unkenntlich mit Ruß, setzte sich eine Perrücke auf

und heftete sich einen Bart von Ziegenhaaren an, so daß Keiner ihn

wiedererkennen konnte, und damit karjuckelte er nach dem Exercirplatz,

wo der Amtmann schon eine Weile geritten hatte.

Es ging aber so langsam und so traurig, daß er fast nicht vom Fleck kam;

er dusselte und dusselte; dann stand das Fuhrwerk ganz still; dann ging

es wieder ein wenig, aber so traurig, daß der Amtmann nimmer darauf

verfallen konnte, daß das der Meisterdieb sein könne; er ritt daher

grade auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht Jemanden dort im Walde

hätte herumschleichen sehen. Nein, sagte der Mann, er hätte Keinen

gesehen. »Höre,« sagte der Amtmann: »reite doch einmal in den Wald und

sieh zu, ob nicht Einer da herumschleicht; ich will Dir so lange mein

Pferd leihen und Dir auch ein gutes Trinkgeld geben.« -- »Nein,« sagte

der Mann: »das kann ich nicht; denn ich soll dieses Methfaß zu einer

Hochzeit fahren; nun ist mir aber unterweges der Zapfen herausgefallen,

und darum muß ich beständig den Finger ins Loch halten.« -- »Reite Du

nur hin!« sagte der Amtmann: »Ich werde schon derweile auf Dein Pferd

und auf das Faß Acht haben.« Ja, dann sollte aber der Amtmann geschwind

den Finger ins Loch stecken, wenn er seinen herauszöge. Das that denn

der Amtmann auch, und der Meisterdieb setzte sich aufs Pferd. Die Zeit

aber verstrich, und es kam Niemand zurück. Zuletzt ward's der Amtmann

überdrüssig, immer den Finger ins Loch zu halten, und er zog ihn heraus.

»Nun krieg ich noch zehn Thaler dazu!« schrie das Weib drinnen im Faß.

Da erschrak der Amtmann, denn er merkte nun wohl, wie die Sache sich

verhielt, und begab sich schnell auf den Heimweg. Unterweges brachten

sie ihm schon sein Pferd entgegen, das der Meisterdieb bereits zu Hause

bei ihm abgeliefert hatte.

Tages darauf kam der Bursch zum Amtmann und wollte seine Tochter haben,

so wie dieser ihm versprochen hatte. Der Amtmann schwatzte ihm wieder

Allerlei vor, gab ihm zweihundert Thaler und sagte, er müßte noch ein

Probestück machen, könnte er das, dann sollte er auch ganz gewiß seine

Tochter haben. »Laß mich hören, Was es ist,« sagte der Meisterdieb.

»Kannst Du mir denn wohl das Laken aus meinem Bett stehlen und meiner

Frau das Hemd vom Leibe?« sagte der Amtmann. »Das sollte sich schon

machen lassen,« sagte der Meisterdieb: »hätte ich nur eben so gewiß

Deine Tochter.«

Als es nun Nacht geworden war, ging der Meisterdieb zum Galgen und

schnitt einen armen Sünder los, nahm ihn auf den Nacken und trug ihn

fort; darnach holte er sich eine große Leiter, die stellte er an das

Kammerfenster des Amtmanns, stieg dann hinauf und bewegte den Todten auf

und ab, grade als wenn Einer von außen ins Fenster guckte. »Das ist der

Meisterdieb, Frau!« sagte der Amtmann und stieß sie in die Seite. »Jetzt

schieß ich ihn!« sagte er und nahm die Büchse, die er vor sein Bett

hingelegt hatte. »Nein, thu das nicht, Mann!« sagte die Frau: »Du hast

ihn ja selber herbestellt.« -- »Ja, ich schieß ihn, dann bin ich ihn

quitt,« sagte der Amtmann und fing an zu zielen. Bald aber war der Kopf

oben, bald war er wieder unten; endlich aber bekam der Amtmann ihn doch

aufs Korn, knallte los, und der Todte bumps'te zur Erde nieder. Der

Meisterdieb herunter von der Leiter, so schnell er nur konnte.

»Ich bin nun zwar selbst die hohe Obrigkeit,« sagte der Amtmann: »ich

möchte aber doch nicht gern, daß die Leute Etwas zu reden hätten; darum

ist's am besten, ich stehe auf und begrabe den Todten.« -- »Ja, thu,

wie es Dir gut dünkt, Mann,« sagte die Frau. Da stand der Amtmann auf

und ging hinunter, den Todten zu begraben; während er aber zur Thür

hinausging, schlüpfte der Meisterdieb zum Fenster hinein. »Nun, Mann,«

sagte die Frau -- denn sie glaubte es wäre der Amtmann -- »bist Du schon

fertig?« -- »Ja,« sagte der Meisterdieb: »ich steckte ihn bloß in ein

Loch und scharrte etwas Erde darüber, und so weit ist er nun verwahrt.

Es ist so ein abscheuliches Wetter draußen, ich will's schon ein andermal

besser machen. Gieb mir aber das Laken,« sagte er: »damit ich mich

abtrockne, denn ich habe mich über und über mit Blut besudelt.« Die Frau

gab ihm das Laken. »Du musst mir auch noch Dein Hemd geben,« sagte er:

»denn das Laken verschlägt nicht, merke ich.« Sie gab ihm nun auch noch

ihr Hemd. Da fiel es ihm ein, daß er vergessen hatte, die Thür zuzumachen,

und das mußte er erst, eh' er sich wieder zu Bett legte -- und fort ging

er mit dem Laken und mit dem Hemd. Eine Weile darnach kam der rechte

Amtmann. »Nein, wie lange Zeit Du gebraucht hast, um die Thür zuzumachen!«

sagte die Frau: »Wo hast Du aber nun das Laken und mein Hemd gelassen?«

-- »Was sagst Du?« rief der Amtmann. »Ich frage, wo Du das Laken und

mein Hemd gelassen hast, das ich Dir gab, um Dich damit abzutrocknen?«

sagte sie. »Ei zum Teufel!« rief der Amtmann: »ist er nun damit auch

fort?«

Am Tage kam der Meisterdieb wieder und verlangte die Tochter des

Amtmanns, wie dieser ihm versprochen hatte, und da durfte nun der

Amtmann nicht anders, sondern gab sie ihm und noch viel Geld dazu; denn

er fürchtete, der Meisterdieb möchte ihm zuletzt noch die Augen aus dem

Kopf stehlen, und daß er gar zu sehr ins Gerede käme. Der Meisterdieb

lebte nun mit der Tochter des Amtmanns lustig und vergnügt. Ob er nach

dieser Zeit noch wieder stahl, kann ich nicht mit Gewißheit sagen; that

er es aber, so geschah es wohl nur zu seinem eignen Vergnügen.

5.

Die drei Schwestern im Berge.

Es war einmal eine alte Wittfrau, die wohnte mit ihren drei Töchtern

weit vom Dorfe unten an einem Berg. Sie war aber so arm, daß sie weiter

Nichts besaß, als nur ein Huhn, und das hatte sie so lieb, wie ihren

Augapfel; sie tickerte damit herum und warf ihm Körner zu früh und spät.

Eines Tages aber war das Huhn fort. Die Frau ging überall um das Haus

herum und suchte und lockte; aber das Huhn war fort und blieb fort. Da

sagte sie zu ihrer ältesten Tochter: »Du musst hingehen und zusehen, daß

Du das Huhn wiederfindest; denn her muß es wieder, und sollten wir es

auch aus dem Berg holen.« Die Tochter ging fort und suchte und lockte

überall; aber kein Huhn war zu finden. Da schallte es auf einmal aus der

Bergwand:

»_Das Hühnchen trippelt im Berge!_

_Das Hühnchen trippelt im Berge!_«

Das Mädchen ging hin und wollte zusehen. Da öffnete sich aber plötzlich

unter ihr eine Fallthür, und sie fiel tief hinab in ein Gewölbe unter

der Erde. Als sie darin weiter ging, kam sie durch viele schöne Zimmer,

das eine noch immer prächtiger, als das andre. In dem innersten Zimmer

aber kam ein großer Bergmann auf sie zu, der fragte sie: »_Willst Du

meine Braut sein?_« Nein, sagte das Mädchen, das wollte sie ganz und

gar nicht, sie wollte wieder hinauf und nach ihrem Huhn suchen, das

fortgekommen wäre. Da ward der Bergmann so zornig, daß er sie nahm und

ihr den Kopf abriß und ihn mit sammt dem Rumpf in einen Keller

hinabwarf.

Die Mutter saß indessen zu Hause und wartete von einer Zeit zur andern;

aber die Tochter war nicht da und kam nicht. Sie wartete nun noch eine

gute Zeit; da das Mädchen aber immer noch nicht kam, sagte sie zu ihrer

zweiten Tochter, sie solle hingehen und sich nach ihrer Schwester umsehen,

und dann solle sie zugleich das Huhn locken.

Der zweiten Tochter ging es nun eben so, wie der ersten, sie suchte und

lockte überall, und plötzlich hörte sie es aus der Bergwand rufen:

»_Das Hühnchen trippelt im Berge!_

_Das Hühnchen trippelt im Berge!_«

Das kam ihr ganz wunderbar vor, und als sie hingehen wollte und zusehen,

Was es zu bedeuten hatte, da fiel sie ebenfalls durch die Fallthür in

das unterirdische Gewölbe hinab. Sie ging nun durch viele Zimmer, und in

dem innersten kam der Bergmann auf sie zu und fragte sie, ob sie seine

Braut sein wollte. Nein, das wollte sie ganz und gar nicht, sie wollte

sogleich wieder hinauf und nach ihrem Huhn suchen, das fortgekommen

wäre. Da ward der Bergmann so zornig, daß er sie nahm und ihr den Kopf

abriß und ihn sammt dem Rumpf in den Keller hinabwarf.

Als nun die Frau auch auf die zweite Tochter schon eine lange Zeit

gewartet hatte, und diese immer noch nicht kam, sagte sie zu der jüngsten:

»Nun musst Du einmal hingehen und Dich nach Deinen Schwestern umsehen.«

»Schlimm genug,« sagte sie: »daß uns das Huhn wegkam; sollten wir aber

Deine Schwestern noch dazu verlieren, so wäre das noch weit schlimmer;

vergiß aber nicht, unterweges das Huhn zu locken.«

Die jüngste Tochter ging nun fort und suchte und lockte überall herum;

aber keine Schwestern waren zu finden, und kein Huhn war zu sehen.

Endlich kam sie auch zu der Bergwand, und nun rief es wieder:

»_Das Hühnchen trippelt im Berge!_

_Das Hühnchen trippelt im Berge!_«

Norwegische Volksmährchen vol. 2 gesammelt von P. Asbjörnsen und Jörgen Moe · 第 2 / 11 段