Norwegische Volksmährchen.
2.
Norwegische
Volksmährchen,
gesammelt
von
P. Asbjörnsen und Jörgen Moe.
Deutsch von Friederich Bresemann.
Mit einem Vorworte
von
Ludwig Tieck.
Zweiter Band.
Verlegt
von
M. Simion in Berlin.
1847.
Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
Inhalt.
Seite
1. Die sieben Füllen 1
2. Gidske 11
3. Die zwölf wilden Enten 19
4. Der Meisterdieb 29
5. Die drei Schwestern im Berge 50
6. Von dem Riesen, der kein Herz im Leibe hatte 58
7. Die Grimsschecke 68
8. Es hat keine Noth mit Dem, in welchen alle Weiber
verliebt sind 83
9. Die Lügenprobe 96
10. Die drei Böcke Brausewind, die nach der Koppel gehen
und sich fett machen wollten 99
11. Östlich von der Sonne und westlich vom Mond 102
12. Von dem Huhn, das nach dem Dovrefjeld wollte,
damit nicht die Welt vergehen sollte 118
13. Der Mann, der das Haus beschicken sollte 122
14. Däumerling 127
15. Hakon Borkenbart 129
16. Die Meisterjungfer 140
17. Wohl gethan und schlecht gelohnt 162
18. Treu und Untreu 166
19. Peter und Paul und Esben Aschenbrödel 174
20. Die Mühle, die auf dem Meergrunde mahlt 182
21. Die Prinzessinn auf dem gläsernen Berg 189
22. Schmierbock 203
1.
Die Sieben Füllen.
Es waren einmal ein Paar arme Leute, die wohnten in einer elenden Hütte,
weit weg in einem Walde, und hatten nicht Mehr, als aus der Hand in den
Mund, und kaum einmal das; aber drei Söhne hatten sie, und der jüngste
von ihnen war _Aschenbrödel_, denn er that nichts Anders, als in der
Asche wühlen.
Eines Tages sagte der älteste Bursch, er wolle fort und sich einen
Dienst suchen; dagegen hatten die Ältern Nichts einzuwenden, und er
wanderte hinaus in die Welt. Er ging den ganzen Tag, und als es Abend
ward, kam er zu einem Königsschloß. Da stand der König draußen auf der
Treppe und fragte ihn, wo er hin wolle. »O, ich suche mir nur einen
Dienst,« sagte der Bursch. »Willst Du bei mir dienen und meine sieben
Füllen hüten?« fragte ihn der König. »Wenn Du sie einen ganzen Tag hüten
kannst und mir am Abend sagen, Was sie essen und Was sie trinken, so
sollst Du die Prinzessinn und das halbe Reich haben,« sagte er: »kannst
Du es aber nicht, so schneide ich Dir drei rothe Riemen aus Deinem
Rücken.« Ja, das, meinte der Bursch, wär' eine leichte Arbeit, damit
wollt' er schon fertig werden.
Am Morgen, als es Tag wurde, ließ der Stallmeister die sieben Füllen
aus; diese fort, und der Bursch hinter ihnen her, und darauf ging's über
Berg und Thal, durch Rusch und durch Busch. Als der Bursch eine gute
Weile gelaufen hatte, fing er an, müde zu werden, und als er's noch eine
Zeitlang ausgehalten, da hatt' er das Hüten völlig satt. Er stand eben
vor einer Bergschlucht, wo ein altes Weib saß und die Spindel dreh'te;
als die den Burschen erblickte, der hinter den Füllen herlief, daß ihm
der Schweiß von der Stirne troff, rief sie: »Komm her, mein schmucker
Bursch! ich will Dir den Kopf krauen.« Das war dem Burschen schon recht;
er setzte sich zu dem alten Weib in der Bergschlucht und legte seinen
Kopf auf ihren Schoß, und nun krau'te sie ihn den ganzen Tag, während er
da lag und sich runks'te. Als es Abend wurde, wollte der Bursch fort:
»Es ist wohl am besten, ich gehe nur wieder heim zu meinen Ältern,«
sagte er: »denn daß ich auf's Schloß zurückkehre, kann doch Nichts
nützen.« -- »Warte nur, bis es dunkel geworden ist,« sagte das Weib:
»dann kommen die Füllen hier wieder vorbei, und dann kannst Du mit ihnen
zurücklaufen; denn es weiß Niemand, daß Du hier den ganzen Tag auf
meinem Schoß gelegen hast, anstatt sie zu hüten.« Als nun die Füllen
ankamen, gab das Weib dem Burschen eine Flasche mit Wasser und einen
Büschel Moos; das sollte er dem König zeigen und sagen, das wäre Das,
was die sieben Füllen äßen und tränken.
»Hast Du nun die Füllen den ganzen Tag treu gehütet?« fragte ihn der
König, als er am Abend ankam. »Ja, das hab' ich,« sagte der Bursch.
»Kannst Du mir denn sagen, Was sie essen, und Was sie trinken?« fragte
der König. Da zeigte der Bursch ihm die Flasche mit Wasser und den
Büschel Moos, was er von der Alten bekommen hatte. »Da siehst Du, Was
sie essen, und da siehst Du, Was sie trinken,« sagte er. Da wußte nun
der König gleich, wie er sie gehütet hatte, und er wurde so zornig, daß
er seinen Leuten befahl, sie sollten ihn sogleich aus dem Hause jagen,
erst aber sollten sie ihm drei rothe Riemen aus seinem Rücken schneiden
und Salz hineinstreuen. Als darauf der Bursch zu Hause kam, so kannst Du
Dir wohl vorstellen, wie ihm zu Muthe war. Einmal wäre er ausgegangen,
um zu dienen, sagte er: aber er thät's nicht zum zweiten Mal.
Den Tag darauf sagte der zweite Sohn, nun wolle er auch einmal in die
Welt und sein Glück versuchen. Die Ältern aber sagten nein, und er
möchte nur den Rücken seines Bruders betrachten; aber der Sohn bat so
lange, bis sie ihn denn zuletzt reisen ließen. Wie er nun einen ganzen
Tag gewandert hatte, kam er auch zu dem Königsschloß. Da stand der König
auf der Treppe und fragte ihn, wo er hin wolle; und als der Bursch sagte,
er wolle sich nach einem Dienst umhören, sagte der König, er könne bei
ihm in Dienst kommen, wenn er seine sieben Füllen hüten wolle, setzte
ihm aber dieselbe Strafe und denselben Lohn aus, wie er beides seinem
Bruder ausgesetzt hatte. Ja, dem Burschen war das recht, und er nahm
ohne weiteres Bedenken den Dienst an; denn er meinte, er wolle die
Füllen schon hüten und dem König sagen, Was sie äßen und Was sie
tränken.
Sobald es Tag wurde, ließ der Stallmeister die sieben Füllen hinaus;
diese fort über Berg und Thal, und der Bursch hinter ihnen her. Aber es
ging ihm nicht besser, als dem Bruder. Als er so lange hinter den Füllen
hergelaufen war, bis er ganz müde geworden und über und über mit Schweiß
bedeckt war, kam er ebenfalls an die Bergschlucht, wo das alte Weib saß
und die Spindel dreh'te. »Komm her, mein schmucker Bursch! ich will Dir
den Kopf krauen,« rief sie. Das däuchte dem Burschen ganz gut; er ließ
die Füllen laufen, wohin sie wollten, setzte sich zu dem Weib in der
Bergschlucht, und da lag er nun und runks'te sich den ganzen Tag.
Als die Füllen am Abend zurückkamen, gab das alte Weib ihm auch eine
Flasche mit Wasser und einen Büschel Moos, welches er dem König zeigen
sollte. Als aber darauf der König den Burschen fragte, ob er ihm sagen
könne, Was die sieben Füllen äßen und Was sie tränken, und dieser ihm
die Wasserflasche und den Moosbüschel hinhielt und sagte: »Da siehst
Du, Was sie essen, und da siehst Du, Was sie trinken,« ward der König
so zornig, daß er befahl, ihm drei rothe Riemen aus seinem Rücken
zu schneiden und Salz hineinzustreuen und ihn dann augenblicklich
fortzujagen. Wie nun der Bursch zu Hause kam, erzählte er ebenfalls,
wie's ihm ergangen war, und sagte, einmal wäre er ausgegangen, um zu
dienen, aber er thät's nicht zum zweiten Mal.
Den dritten Tag wollte Aschenbrödel sich aufmachen. Er hätte große
Lust, sagte er, auch mal zu versuchen, die sieben Füllen zu hüten. Die
Andern aber lachten und hatten ihn zum Besten. »Wenn es uns so gegangen
ist,« sagten sie: »so sollst Du wohl was ausrichten, Du, der nie etwas
Andres gethan hat, als auf dem Herd liegen und in der Asche wühlen.«
-- »Einerlei,« sagte Aschenbrödel: »ich will aber fort; denn ich hab's
mir einmal in den Kopf gesetzt,« -- und wie sehr die Brüder ihn auch
auslachten, und die Ältern ihn bitten mochten, es half Alles nichts:
Aschenbrödel mußte fort. Als er nun den ganzen Tag marschirt hatte, kam
er endlich gegen Abend auch zu dem Königsschloß. Der König stand wieder
draußen auf der Treppe und fragte ihn, wo er hin wolle. »Ich wollte mich
nur nach einem Dienst umhören,« sagte Aschenbrödel. »Wo bist Du her?«
fragte ihn der König, denn er wollte sich erst etwas näher erkundigen,
eh' er wieder Jemanden in Dienst nahm. Aschenbrödel erzählte ihm nun,
wo er her sei, und daß er der Bruder von den Zweien wäre, die vor ihm
die Füllen gehütet hätten, und fragte, ob er den nächsten Tag nicht
auch versuchen dürfte, sie zu hüten. »Twi!« sagte der König und gerieth
ganz in Zorn: »bist Du der Bruder von den Zweien, so taugst Du auch
wohl nicht viel mehr, als sie; von solchen Leuten habe ich schon Genug
gehabt.« -- »Was schadt's?« sagte Aschenbrödel: »da ich doch einmal hier
bin, so könnt' ich's ja auch mal versuchen.« -- »Nun ja, wenn Du denn
durchaus Deinen Rücken geschunden haben willst, dann meinetwegen!« sagte
der König. »Ich möchte weit lieber die Prinzessinn haben,« sagte
Aschenbrödel.
Am Morgen, als es Tag wurde, ließ der Stallmeister die sieben Füllen
hinaus; diese fort über Berg und über Thal, durch Rusch und durch Busch,
und Aschenbrödel immer hinter ihnen her. Als er ihnen eine gute Weile
nachgelaufen war, kam er auch zu der Bergschlucht; da saß wieder das
alte Weib mit ihrer Spindel und rief Aschenbrödel zu: »Komm her, mein
schmucker Bursch! ich will Dir den Kopf krauen!« -- »Küß mich hinten!«
sagte Aschenbrödel, hielt sich fest an dem Schweif des jüngsten Füllen
und sprang fort. Als sie die Bergschlucht hinter sich hatten, sagte das
Füllen zu ihm: »Setze Dich auf meinen Rücken, denn wir haben noch einen
weiten Weg,« und das that Aschenbrödel.
Nun ging's noch ein weites Ende fort. »Siehst Du Etwas?« sagte das
Füllen. »Nein,« sagte Aschenbrödel. Damit ging's noch ein gutes Ende
weiter. »Siehst Du jetzt Etwas?« fragte das Füllen wieder. »Nein,« sagte
der Bursch. Als sie nun eine weite, weite Strecke zurückgelegt hatten,
fragte das Füllen wieder: »Siehst Du jetzt Etwas?« -- »Ja, nun seh'
ich etwas Weißes schimmern,« sagte Aschenbrödel: »es sieht aus wie ein
großer, dicker Birkenstamm.« -- »Da müssen wir hin,« sagte das Füllen.
Als sie nun hinkamen, riß das älteste Füllen den Stamm aus und warf ihn
bei Seite. Da öffnete sich an der Stelle, wo der Stamm gestanden hatte,
eine Thür -- drinnen war ein kleines Zimmer, und in dem Zimmer war
nichts Anders, als ein kleiner Herd und ein paar Bänke; und hinter der
Thür hing ein altes rostiges Schwert, eine Flasche und ein Krug. »Kannst
Du das Schwert schwingen?« fragte das Füllen. Aschenbrödel machte einen
Versuch, aber er konnt's nicht schwingen. Da mußte er einen Trunk aus
der Flasche thun, erst einmal, dann noch einmal, und dann noch einmal,
und da konnt' er es schwingen wie gar Nichts. »Jetzt musst Du das
Schwert mit Dir nehmen,« sagte das Füllen: und an Deinem Hochzeitstage
musst Du uns allen sieben damit den Kopf abhauen, dann werden wir
wieder zu Prinzen, wie wir ehedem waren; denn wir sind die Brüder der
Prinzessinn, die Du heirathen sollst, wenn Du dem König sagen kannst,
Was wir essen, und Was wir trinken; -- ein böser Troll hatte diese
Ham's[1] auf uns geworfen. Wenn Du uns aber dann den Kopf abgehauen
hast, musst Du vorsichtig jeden Kopf beim Schwanz desjenigen Rumpfes
hinlegen, auf dem er gesessen; alsdann hat der Zauber keine Macht mehr
über uns.« Aschenbrödel versprach, Alles genau zu thun, wie das Füllen
ihm gesagt hatte, und darauf ging es wieder fort.
Als sie nun eine lange Strecke Weges zurückgelegt hatten, fragte das
Füllen: »Siehst Du Etwas?« -- »Nein,« sagte Aschenbrödel. Als sie darauf
ein gutes Ende weiter gekommen waren, fragte das Füllen wieder: »Siehst
Du jetzt Etwas?« -- »Nein, ich sehe Nichts,« sagte Aschenbrödel. Nun
ging es viele, viele Meilen weit über Berge und über Thäler. Endlich
fragte das Füllen wieder: »Siehst Du jetzt Etwas?« -- »Ja, nun seh' ich
einen blauen Streifen weit weit in der Ferne,« sagte Aschenbrödel. »Das
ist ein Fluß,« sagte das Füllen: »da müssen wir hinüber.« Über den Fluß
aber führte eine lange schöne Brücke, und als sie auf die andre Seite
gekommen waren, ging es wieder eine lange Strecke weiter. Endlich fragte
das Füllen wieder, ob Aschenbrödel Nichts sähe. Ja, da sah' er weit in
der Ferne etwas Schwarzes, das sah aus wie ein Kirchthurm. »Da müssen
wir hinein,« sagte das Füllen.
Als die Füllen auf den Kirchhof kamen, wurden sie wieder in Menschen
verwandelt; sie sahen nun aus wie Königssöhne und hatten so prächtige
Kleider an, daß es glitzerte und blitzerte. Darauf gingen sie in die
Kirche und empfingen von dem Priester, der vor dem Altar stand, Brod und
Wein. Aschenbrödel ging auch mit hinein; und als der Priester die Hände
auf die Prinzen gelegt und sie gesegnet hatte, gingen sie wieder hinaus,
und Aschenbrödel folgte ihnen nach; zuvor aber steckte er eine Flasche
mit Wein und ein Altarbrod zu sich. Sowie die Prinzen den Kirchhof
verlassen hatten, waren sie wieder in Füllen verwandelt, und nun ging es
wieder desselben Weges zurück, den sie gekommen waren, aber noch viel
schneller, als vorher. Erst kamen sie über die Brücke, dann kamen sie zu
dem Birkenstamm, und dann zu dem alten Weib, das in der Bergschlucht saß
und spann. Es ging aber so schnell, daß Aschenbrödel nicht hören konnte,
Was das alte Weib, das hinter ihm herschrie, sagte; so Viel verstand er
jedoch, daß sie ganz bitterböse war.
Es war beinahe dunkel geworden, als er am Schloß ankam, und der König
stand auf der Treppe und wartete auf ihn. »Hast Du nun die Füllen den
ganzen Tag treu gehütet?« fragte er Aschenbrödel. »Ich habe mein Bestes
gethan,« antwortete dieser. »So kannst Du mir denn wohl sagen, Was sie
essen, und Was sie trinken,« versetzte der König. Da nahm Aschenbrödel
die Flasche mit Wein und das Altarbrod hervor und sprach: »Da siehst Du,
Was sie essen, und da siehst Du, Was sie trinken.« -- »Ja, Du hast sie
treu gehütet,« sagte der König: »und nun sollst Du die Prinzessinn und
das halbe Reich haben.« Da wurde denn alsbald eine Hochzeit gefeiert,
daß man sich weit und breit davon zu erzählen hatte. Als sie aber bei
Tafel saßen, stand der Bräutigam von der Bank auf und ging hinunter in
den Stall, um, wie er sagte, noch Etwas zu holen, das er dort vergessen
hätte. Er that nun, wie die Füllen ihm gesagt hatten, und hau'te ihnen
allen sieben den Kopf ab, zuerst dem ältesten, und dann den übrigen,
sowie sie auf einander folgten; jeden Kopf aber legte er sorgfältig bei
dem Schwanz desjenigen Rumpfes hin, auf dem er gesessen hatte, und sowie
er das that, wurden alle die Füllen wieder in Prinzen verwandelt. Als er
nun mit den sieben Prinzen in den Hochzeitssaal eintrat, war der König
so erfreu't, daß er ihn umarmte und ihn küßte; und seine Braut hielt
noch mehr von ihm, als sie schon vorher von ihm gehalten hatte. »Das
halbe Reich gehört jetzt Dir,« sagte der König: »und die andre Hälfte
sollst Du nach meinem Tode haben; denn meine Söhne können sich jetzt, da
sie wieder Prinzen geworden sind, selber Land und Reich erwerben.« Nun
war die Freude und der Jubel erst recht groß bei der Hochzeit. Ich war
auch mit dabei; aber es hatte Niemand Zeit, an mich zu denken: ich bekam
nichts Anders, als ein Butterbrod, das legte ich auf den Ofen, und das
Brod verbrannte, und die Butter schmolz, und nie habe ich wieder das
Allergeringste bekommen.
2.
Gidske.
Es war einmal ein Wittmann, der hatte eine Haushälterinn, Namens
_Gidske_, die wollte ihn gern zum Mann haben und lag ihm immer in
den Ohren, daß er sie heirathen sollte. Zuletzt wurde der Mann es
überdrüssig; aber er wußte nicht, wie er's anfangen sollte, um sie los
zu werden. Nun war es eben um die Zeit, daß der Hanf geschnitten werden
sollte, und weil Gidske sich immer für so tüchtig und flink hielt, fing
sie an, den Hanf zu schneiden und schnitt so lange, bis sie schwindlig
im Kopf ward von dem strengen Geruch und umfiel und auf dem Hanf-Felde
liegen blieb. Während sie nun da lag und schlief, kam der Mann mit einer
Schere und schnitt ihr den Rock ganz kurz ab; darnach beschmierte er
sie erst mit Talg und dann mit Ruß, so daß sie ärger aussah, als der
lebendige Teufel. Als Gidske erwachte und sah, wie häßlich sie war,
kannte sie sich selbst nicht mehr. »Bin ich's, oder bin ich's nicht?«
sagte sie: »Nein, ich kann's nicht sein; denn so häßlich bin ich ja
mein Lebtag nicht gewesen; es muß der Teufel sein.« Um nun hierüber ins
Reine zu kommen, ging sie hin und öffnete ein klein wenig die Thür zu
der Stube ihres Herrn und fragte: »Ist Eure Gidske zu Hause?« -- »Ei
freilich ist sie zu Hause!« sagte der Mann, weil er sie gern quitt sein
wollte. »So kann ich also nicht Gidske sein,« dachte sie und sockte
fort, und Der sich freu'te, das war der Mann. Als sie nun ein gutes
Ende gegangen war, kam sie in einen großen Wald; da begegneten ihr zwei
Spitzbuben. »Mit denen will ich mich ins Geleit geben,« dachte Gidske:
»denn weil ich doch einmal der Teufel bin, so ist das eben für mich die
rechte Gesellschaft.« Die Diebe dachten aber nicht so, sondern als sie
Gidske erblickten, schwangen sie die Fersen und machten sich aus dem
Staube, so schnell sie nur konnten; denn sie glaubten der Leibhaftige
wäre hinter ihnen her und wollte sie holen; aber es half ihnen nicht
viel; denn Gidske war langbeinig und schnell zu Fuß, und eh' sie sich's
versahen, hatte sie sie eingeholt.
»Wollt Ihr aufs Stehlen aus, so will ich mit Euch und Euch helfen,«
sagte Gidske: »denn ich weiß hier in der Gegend gut Bescheid.« Als die
Diebe das hörten, meinten sie, das wäre eine gute Gesellschaft, und
waren nun nicht länger bange.
Sie wollten gern hin und ein Schaf stehlen, sagten sie: aber sie wüßten
nicht, wo wohl eins zu holen wäre. »Ach, das ist eine Kleinigkeit,«
sagte Gidske: »Ich habe lange bei einem Bauern hier im Wald gedient
und kann den Schafstall mitten in der Nacht finden.« Das däuchte den
Spitzbuben ganz herrlich, und als sie zu dem Schafstall kamen, sollte
Gidske hineingehen und herausschicken, und sie wollten's draußen in
Empfang nehmen. Der Schafstall lag aber dicht an der Stube, wo der Mann
schlief; darum ging Gidske ganz leise und behutsam hinein; als sie aber
drinnen war, schrie sie zu den Dieben hinaus: »_Wollt Ihr einen Bock,
oder ein Schaf? Hier ist von Allen!_« -- »Scht! scht!« sagten die Diebe:
»nimm bloß Einen, der brav fett ist!« -- »_Ja, aber wollt Ihr einen
Bock, oder ein Schaf? Wollt Ihr einen Bock, oder ein Schaf? Denn hier
ist Genug von Allen!_« schrie Gidske. »So schweig' doch still!« sagten
die Diebe: »nimm bloß Einen, der brav fett ist, dann ist's einerlei,
ob's ein Bock, oder ein Schaf ist.« -- »_Ja, aber wollt Ihr einen Bock,
oder ein Schaf? Wollt Ihr einen Bock, oder ein Schaf? Hier ist Genug
von Allen!_« dabei blieb Gidske. »So halt doch Dein Maul und nimm bloß
Einen, der brav fett ist, ob's dann ein Bock, oder ein Schaf ist,«
sagten die Diebe. Indem kam der Mann, der über den Lärm erwacht war,
heraus im bloßen Hemd, und wollte sehen, Was da los war. Die Diebe
liefen davon, und Gidske hinter sie drein, so daß sie den Mann über den
Haufen lief. »So wartet doch! so wartet doch!« schrie sie. Der Mann, der
bloß das schwarze Ungeheuer gesehen hatte, war so erschrocken, daß er
anfangs gar nicht wagte, wieder aufzustehen; denn er glaubte, es sei der
Teufel selber, der aus seinem Schafstall gefahren kam. Zuletzt ging er
wieder ins Haus, weckte alle seine Leute auf und fing mit ihnen an, zu
lesen und zu beten; denn er hatte gehört, daß man dadurch den Teufel
fortbannen könne.
Den andern Abend wollten die Diebe eine fette Gans stehlen, und Gidske
sollte ihnen den Weg zeigen. Als sie nun zum Gänsestall kamen, sollte
Gidske hineinsteigen und herausschicken, und sie wollten's in Empfang
nehmen. »_Wollt Ihr eine Gans, oder einen Gänserich? Hier ist genug von
Allen!_« schrie Gidske, als sie in den Stall gekommen war. »Scht! scht!
nimm bloß Einen, der brav fett ist!« sagten die Diebe. »_Ja, aber wollt
Ihr eine Gans, oder einen Gänserich? Wollt Ihr eine Gans, oder einen
Gänserich? Hier ist Genug von Allen!_« schrie Gidske. »Still! still!
nimm bloß Einen, der brav fett ist, so ist's einerlei, ob's eine Gans,
oder ein Gänserich ist, und dann halt Dein Maul!« sagten die Diebe.
Während nun Gidske rief, und die Diebe sie tuschten, fing eine Gans
an zu schreien, dann eine zweite, und endlich schrien sie alle mit
einander, aus vollem Halse. Da sprang der Mann heraus und wollte sehen,
Was es gab -- die Diebe auf und davon, so schnell sie nur konnten, und
Gidske hinter sie drein wie ein Unwetter, so daß der Bauer glaubte, es
sei der lebendige Teufel; denn langbeinig war sie, und die Röcke hielten
sie nicht auf. »So wartet doch!« rief Gidske: »Ihr könnt ja bekommen,
Was Ihr wollt, ob's denn eine Gans, oder ein Gänserich ist.« Aber die
Spitzbuben hatten keine Zeit, und der Bauer mit seinen Leuten fing an
zu lesen und zu beten; denn sie glaubten alle nicht anders, als daß der
Teufel in dem Gänsestall gewesen sei.
Den dritten Tag waren die Diebe mit sammt Gidske so hungrig, daß ihnen
der Magen pfiff, und sie beschlossen daher, bei einem reichen Bauern,
der am Wald wohnte, aufs Stabur zu gehen und sich Etwas zu essen zu
stehlen. Gegen Abend gingen sie hin; die Diebe aber wagten sich nicht
hinauf, sondern Gidske sollte aufs Stabur gehen und herunterschicken,
und sie wollten's in Empfang nehmen. Als Gidske hinaufkam, war da
vollauf von Allem: von Fleisch und Speck und Wurst und Erbsenbrod.
Die Diebe tuschten sie und sagten, sie solle nur einige Lebensmittel
herauswerfen und nicht viel Gerede machen; denn sie wüßte wohl, wie's
ihnen die beiden vorigen Male gegangen wäre. Aber Gidske schrie wieder,
daß es nur so schallte: »_Wollt Ihr Fleisch, oder Speck, oder Wurst,
oder Erbsenbrod? herrliches Erbsenbrod! Ihr könnt kriegen, Was Ihr
wollt; denn hier ist Genug von Allem!_« Der Mann auf dem Gehöft, der
über das Geräusch erwachte, kam heraus und wollte sehen, Was es gab.
Die Diebe davon, so schnell sie konnten, und Gidske ihnen nach in einer
Höllenfahrt. Als der Mann das Ungethüm erblickte, glaubte er ebenfalls,
der Teufel sei los, denn er hatte gehört, Was sich die beiden Abende
vorher zugetragen, und er fing an zu lesen und zu beten, und mit ihm
alle Leute auf dem ganzen Gehöft, damit sie den Teufel fortbannten.
Am Samstag-Abend wollten die Diebe sich einen fetten Bock zum Sonntag
stehlen; sie konnten's auch wohl nöthig haben, denn sie hatten schon
viele Tage gehungert; aber Gidske wollten sie das Mal nicht mit haben,
denn sie richte doch bloß Unheil mit ihrem Maul an, sagten sie. Als aber
am Sonntag-Morgen die Spitzbuben noch nicht zurückgekehrt waren, fühlte
Gidske einen entsetzlichen Hunger -- denn sie hatte in drei Tagen fast
nicht das Geringste genossen -- und ging daher ins Rübenfeld, gnitschte
und gnatschte und zog sich eine Rübe nach der andern auf. Indeß kam der
Mann gegangen, dem das Rübenfeld gehörte; wie der das schwarze Ungethüm
sah, das in seinen Rüben ging und gnatschte, glaubte er ebenfalls, es
sei der Lebendige. Er auf und davon nach Hause, so schnell er nur konnte
und erzählte, daß der Teufel in seinem Rübenfeld wäre. Als die Leute auf
dem Gehöft das hörten, erschraken sie gewaltig und glaubten, es wäre am
besten, nach dem Pfarrer zu schicken, damit er den Teufel festmache.
»Nein, das geht nicht an, daß wir nach dem Pfarrer schicken,« sagte
die Hausfrau: »denn es ist ja Sonntag-Morgen, und da ist er noch nicht
aufgestanden, und wenn er auch schon aufgestanden ist, so kommt er doch
nicht, denn er muß auf seinen Text studiren.« --
»O, ich verspreche ihm ein fettes Mastkalb, dann wird er schon kommen,«
sagte der Mann und machte sich auf zum Pfarrhof. Als er aber dort ankam,
war der Pfarrer noch nicht aufgestanden. Das Dienstmädchen hieß den
Mann eintreten, und ging hinauf zum Pfarrer und sagte, es wäre unten
ein Mann, der wäre so und so und wollte gern ein Wort mit dem Herrn
Pfarrer sprechen. Als der Pfarrer hörte, daß es ein so braver Mann war,
der ihn sprechen wollte, stand er sogleich auf und kam herunter in
Pantoffeln und mit der Nachtmütze.
Der Mann erzählte ihm nun sein Anliegen und sagte, der Teufel wäre
los in seinem Rübenfeld, und wenn der Herr Pfarrer helfen wollte, ihn
festzumachen, so wolle er ihm auch ein fettes Mastkalb schicken. Ja, der
Pfarrer war sogleich bereit und wollte nur seinen Burschen rufen, daß er
dem Pferd den Sattel auflege, während er sich ankleide. »Nein, Gevatter,
das geht nicht,« sagte der Mann: »denn der Teufel lässt nicht auf sich
warten, und hat er sich erst wieder aus dem Staub gemacht, so hält's
schwer, ihn wieder zu attrapiren; Ihr müsst darum sogleich mit, wie Ihr
geht und steht.« Der Pfarrer mußte nun fort in seinen Pantoffeln und
mit der Nachtmütze; als sie aber ins Erlenbruch kamen, war der Boden so
locker, daß der Pfarrer in den Pantoffeln nicht fortkonnte. Da lud der
Mann ihn auf den Rücken und trug ihn huckepack, indem er ganz vorsichtig
immer von einem Bülten auf den andern trat. Als sie nun ungefähr bis in
die Mitte gekommen waren, bemerkte Gidske die Beiden und glaubte, es
wären die Diebe, welche mit dem Bock kämen. »Ist er brav fett? ist er
brav fett?« schrie sie, daß es ins Holz schallte. »Ich weiß den Teufel,
ob er fett ist, oder mager,« sagte der Mann: »willst Du's aber wissen,
so komm selber und sieh zu!« und damit warf er den Pfarrer mitten in die
Plampe und lief davon. Und ist der Pfarrer nicht wieder aufgestanden, so
liegt er wohl noch da.
3.
Die zwölf wilden Enten.
Es war einmal eine Königinn, die fuhr einst bei Winterzeit, da frischer
Schnee gefallen war, in einem Schlitten. Unterweges fing ihr die Nase an
zu bluten, und sie mußte daher aussteigen. Während sie nun da stand und
sich an einen Zaun lehnte, betrachtete sie ihr rothes Blut in dem weißen
Schnee; da dachte sie bei sich selbst: »Ich habe nun zwölf Söhne, und
keine einzige Tochter; hätte ich eine Tochter, so weiß wie Schnee und so
roth wie Blut, dann wollt' ich mich um die Söhne nicht weiter grämen.«
Kaum hatte sie das so leise vor sich hin gesprochen, als plötzlich eine
Trollhexe vor ihr stand. »Eine Tochter sollst Du bekommen,« sagte sie:
»und die soll so weiß sein wie Schnee und so roth wie Blut; dann aber
sollen Deine Söhne mir gehören; jedoch kannst Du sie so lange bei Dir
behalten, bis die Tochter getauft ist.«
Als nun die Zeit kam, da die Königinn gebären sollte, gebar sie eine
Tochter, die war weiß wie Schnee und roth wie Blut, so wie das Trollweib
es ihr versprochen hatte, und darum nannte sie sie _Schneeweiß und
Rosenroth_. Da war nun große Freude im Königsschloß, und am meisten
von Allen freu'te sich die Königinn. Als sie aber gedachte, Was sie der
alten Trollhexe versprochen hatte, ward ihr doch etwas wunderlich ums
Herz, und sie schickte zu einem Silberschmied, der mußte ihr zwölf
silberne Löffel verfertigen, einen für jeden Prinzen, und für Schneeweiß
und Rosenroth ließ sie auch einen machen. Wie nun die Prinzessinn
getauft war, wurden die Prinzen in zwölf wilde Enten verwandelt und
flogen davon und wurden nicht mehr gesehen; fort waren sie und fort
blieben sie. Die Prinzessinn wuchs indessen heran und wurde groß und
außerordentlich schön; aber sie war immer so in sich selbst gekehrt und
so schwermüthig, und Niemand konnte recht begreifen, Was ihr fehlte.
Eines Abends, als die Königinn auch so betrübt da saß und an ihre Söhne
dachte, sagte sie zu Schneeweiß und Rosenroth: »Warum bist Du immer so
traurig, meine Tochter? Fehlt Dir Etwas, so sage es mir! Möchtest Du
vielleicht gern Etwas haben, so sollst Du es bekommen.« -- »Ach, liebe
Mutter,« versetzte Schneeweiß und Rosenroth: »es kommt mir hier immer so
öde vor; alle andern Kinder haben Geschwister, aber ich habe keine, und
darüber bin ich so betrübt.« -- »Meine Tochter,« sagte die Königinn: »Du
hast auch Geschwister gehabt; denn ich hatte zwölf Söhne, welche Deine
Brüder waren, aber ich habe sie alle dahingegeben, um Dich zu bekommen,«
und darauf erzählte sie ihr, wie sich Alles zugetragen hatte.
Als die Prinzessinn hörte, wie es ihren Brüdern ergangen war, hatte sie
keine Ruhe länger zu Hause; und wie sehr die Mutter auch weinen und sie
bitten mochte, es half Alles nichts, sie wollte fort und mußte fort, um
ihre Brüder wieder aufzusuchen; denn sie glaubte, sie wäre allein schuld
an ihrem Unglück; und darum verließ sie zuletzt heimlich das Schloß. Sie
wanderte nun so weit in die Welt hinaus, daß Du gar nicht glauben
solltest, wie eine so zarte Jungfrau so weit zu wandern vermocht hätte.
Einmal war sie die ganze Nacht hindurch in einem großen Wald umhergeirrt;
gegen Morgen aber wurde sie müde, setzte sich auf den Rasen hin und
schlief ein. Da träumte ihr, sie ginge noch weiter in den Wald hinein,
bis sie zu einer kleinen hölzernen Hütte kam, und dort drinnen waren
ihre Brüder. Hierüber erwachte sie, und da sie vor sich einen gebahnten
Fußsteig durch das grüne Moos sah, folgte sie diesem, bis sie tiefer im
Walde zu einem hölzernen Häuschen kam, grade so, wie es ihr geträumt
hatte.
Als sie hineintrat, war dort Niemand; aber es standen da zwölf Betten
und zwölf Stühle, und auf dem Tisch lagen zwölf Löffel, und von allen
Sachen, die sich da vorfanden, waren immer zwölf Stücke. Die Prinzessinn
war nun voller Freude; denn sie konnte sich wohl denken, daß ihre Brüder
da wohnen mußten, und daß sie es waren, denen die Betten und die Stühle
und die Löffel gehörten. Sie machte nun Feuer im Kamin an, fegte die
Zimmer und machte die Betten, darnach kochte sie Essen und putzte Alles
aufs beste auf. Und als sie mit dem Kochen fertig war und für alle ihre
Brüder zugerichtet hatte, setzte sie sich selber hin und aß, legte dann
ihren Löffel auf den Tisch und kroch unter das Bett des jüngsten
Bruders.
Kaum war sie hinuntergekrochen, so hörte sie ein gewaltiges Sausen in
der Luft, und bald darauf kamen zwölf wilde Enten angeflogen; aber sowie
sie über die Thürschwelle kamen, verwandelten sie sich augenblicklich in
die Prinzen, ihre Brüder. »Ach wie gut hier Alles aufgeräumt, und wie es
hier so schön warm ist!« sagten sie: »Gott lohne Dem, der uns die Stube
so schön geheizt und so herrliches Essen für uns gekocht hat!« und
darauf nahm jeder seinen silbernen Löffel, um damit zu essen; aber wie
jeder den seinigen genommen hatte, blieb doch noch einer zurück, und
der war den übrigen so ähnlich, daß sie ihn nicht davon unterscheiden
konnten. Da sahen die Prinzen einander an und verwunderten sich sehr.
»Das ist der Löffel unsrer Schwester,« sagten sie: »und ist der Löffel
hier, so kann sie selber auch nicht weit sein.« --
»Ist es unsre Schwester, und sie findet sich hier,« sagte der älteste:
»so soll sie getödtet werden; denn sie ist schuld an all unserm
Unglück.« -- »Nein,« sagte der jüngste: »es wäre Sünde, sie zu tödten,
sie kann ja nichts dafür, daß wir Übles erdulden; sollte Jemand daran
schuld sein, so ist es Niemand anders, als unsre eigne Mutter.«
Sie fingen nun an zu suchen, sowohl oben, als unten, und zuletzt suchten
sie auch unter allen Betten, und als sie zu dem Bett des jüngsten
Prinzen kamen, fanden sie die Prinzessinn, und zogen sie hervor. Der
älteste Prinz wollte nun wieder, sie sollte getödtet werden; aber sie
bat gar zu flehentlich und sagte: »Ach, tödtet mich doch nicht! ich bin
viele Jahre lang herumgewandert, um Euch aufzusuchen, und wenn ich Euch
erlösen könnte, wollte ich gern mein Leben dafür lassen.« -- »Ja wenn
Du uns erlösen willst,« sagten sie: »so sollst Du das Leben behalten;
denn wenn Du willst, so kannst Du es.« -- »Ja, sagt mir nur, wie ich es
machen soll, dann will ich Alles thun, was Ihr verlangt,« sagte die
Prinzessinn. »Dann musst Du die Dunen von der Butterblume sammeln,«
sagten die Prinzen: »und die musst Du kratzen und spinnen und weben, und
wenn das Gewebe fertig ist, musst Du es zuschneiden und zwölf Mützen,
zwölf Hemden, und zwölf Halstücher davon machen, für jeden von uns ein
Stück; aber in der Zeit, daß Du damit beschäftigt bist, darfst Du weder
sprechen, noch weinen, noch lachen; kannst Du das, so sind wir erlös't.«
-- »Wo soll ich aber die vielen Dunen zu all den Hemden, Mützen und
Tüchern herbekommen?« fragte Schneeweiß und Rosenroth. »Das sollst Du
schon erfahren,« sagten die Prinzen, und darauf führten sie sie hinaus
auf eine große, große Wiese; da standen so viele Butterblumen mit weißen
Dunen, die nickten im Winde und glänzten im Sonnenschein, daß man den
Glanz schon weit in der Ferne sehen konnte. Noch nie hatte die Prinzessinn
zuvor so viele Butterblumen gesehen, und sie fing sogleich an zu
pflücken und zu sammeln, so Viel sie nur fortschaffen konnte; und als
sie am Abend zu Hause kam, begann sie sogleich, die Dunen zu kratzen und
Garn davon zu spinnen. So fuhr sie eine lange Zeit fort, sie sammelte
jeden Tag die Dunen der Butterblumen und kratzte und spann sie, und
dabei wartete sie zugleich den Prinzen auf: sie kochte für sie und
machte ihnen die Betten; und jeden Abend kamen ihre Brüder als wilde
Enten nach Hause geflogen, und des Nachts waren sie Prinzen, des Morgens
aber flogen sie wieder als wilde Enten davon.
Nun geschah es einmal, als Schneeweiß und Rosenroth auf die Wiese
gegangen war, um sich Dunen von der Butterblume zu sammeln -- wenn ich
nicht irre, so war es das letzte Mal, daß sie welche sammeln wollte --
daß der junge König, der das Land regierte, auf der Jagd war, und nach
der Wiese ritt, wo Schneeweiß und Rosenroth war. Als der König sie
erblickte, wunderte er sich sehr über die schöne Jungfrau, welche da
ging und die Dunen der Butterblume sammelte. Er hielt still und
redete sie an; da er aber keine Antwort von ihr erhielt, ward seine
Verwunderung noch größer, und weil ihm das Mädchen so wohl gefiel,
wollte er sie mit sich auf sein Schloß führen und sie zu seiner
Gemahlinn nehmen. Er gab daher seinen Dienern den Befehl, sie auf
sein Pferd zu setzen; Schneeweiß und Rosenroth aber rang ihre Hände und
deutete auf die Säcke, worin sie ihre Arbeit hatte; und als der König
begriffen hatte, Was sie meinte, befahl er seinen Dienern, auch die
Säcke mit aufzuladen. Als das geschehen war, gab die Prinzessinn sich
nach und nach zufrieden; denn der König war ein sehr schöner Mann, und
er war so sanft und so freundlich gegen sie. Als sie aber aufs Schloß
kamen, und die alte Königinn, die Stiefmutter des jungen Königs,
Schneeweiß und Rosenroth erblickte, ward sie so neidisch und so
aufgebracht über ihre große Schönheit und sagte zum König: »Siehst Du
denn nicht, daß es eine Trollhexe ist, die Du mitgebracht hast? denn
sie kann ja weder sprechen, noch lachen, noch weinen.« Der König aber
bekümmerte sich nicht darum, was seine Mutter sagte, sondern hielt
Hochzeit mit der schönen Jungfrau und lebte mit ihr herrlich und
vergnügt; sie aber unterließ nicht, fortwährend an den Hemden zu nähen.
Ehe das Jahr um war, kam Schneeweiß und Rosenroth mit einem Prinzen
nieder; darüber wurde die alte Königinn noch neidischer und noch mehr
erbittert, und als es Nacht wurde, schlich sie sich, während die junge
Königinn schlief, in ihr Zimmer, nahm ihr das Kind weg und warf es in
die Schlangengrube; darnach schnitt sie sie in den Finger, bestrich ihr
mit dem Blute den Mund und ging dann hinein zum König und sprach: »Komm
jetzt und siehe, was es für Eine ist, die Du zur Gemahlinn genommen
hast; jetzt hat sie ihr eignes Kind gefressen.« Da ward der König so
betrübt, daß er beinahe Thränen vergoß, und er sagte: »Ja, es muß wohl
wahr sein, weil ich es vor meinen eignen Augen sehe; aber sie thut es
gewiß nicht wieder; dieses Mal will ich sie schonen.«
Ehe das Jahr um war, gebar die Königinn wieder einen Sohn, und mit
diesem ging es eben so, wie mit dem ersten. Die Stiefmutter des Königs
ward diesmal noch neidischer und noch mehr erbittert; sie schlich sich
in der Nacht wieder in das Zimmer der jungen Königinn, während diese
schlief, nahm ihr das Kind weg und warf es in die Schlangengrube, schnitt
darauf die Königinn in den Finger, bestrich ihr mit dem Blute den Mund
und sagte dann zum König, seine Gemahlinn hätte wieder ihr eignes Kind
gefressen. Da ward der König so betrübt, daß Du's gar nicht glauben
kannst, und er sagte: »Ja, es muß wohl wahr sein, weil ich es vor meinen
eignen Augen sehe; aber sie wird es gewiß nicht wieder thun; dieses eine
Mal will ich sie noch schonen.«
Ehe das Jahr wieder um war, kam Schneeweiß und Rosenroth mit einer
Tochter danieder, und die nahm die alte Königinn ebenfalls und warf sie
in die Schlangengrube, während die junge Königinn schlief, schnitt sie
in den Finger, bestrich ihr mit dem Blute den Mund und ging dann wieder
zum König und sprach: »Komm jetzt und siehe, ob es nicht wahr ist, Was
ich sage, daß sie eine Trollhexe ist; denn jetzt hat sie auch ihr
drittes Kind aufgefressen.« Da ward der König so betrübt, daß es gar
nicht zu sagen ist; denn jetzt konnte er sie nicht länger schonen,
sondern mußte den Befehl geben, sie lebendig zu verbrennen. Als nun der
Scheiterhaufen in Flammen stand, und sie hinaufsteigen sollte, gab sie
durch Mienen und Geberden zu verstehen, sie sollten zwölf Bretter nehmen
und sie um den Scheiterhaufen legen, und darauf legte sie die Hemden und
die Mützen und die Tücher ihrer Brüder; aber an dem Hemd des jüngsten
Bruders fehlte noch der linke Arm, den hatte sie nicht fertig bekommen
können. Kaum war dies geschehen, so hörte man ein Sausen und ein Brausen
in der Luft, und darauf kamen zwölf wilde Enten über den Wald her
geflogen, und jede von ihnen nahm ein Hemd, eine Mütze und ein Halstuch
in den Schnabel und flog damit fort. »Siehst Du nun,« sagte die böse
Stiefmutter zu dem König: »daß sie eine Trollhexe ist? Mach jetzt schnell
und verbrenne sie, ehe die Flammen das Holz verzehren.« -- »Damit hat's
noch keine Eile,« sagte der König: »denn Holz haben wir genug, und ich
habe große Lust, zu sehen, Was das Ende hievon sein wird.« In demselben
Augenblick kamen die Prinzen geritten, so schön und so wohlgebildet, wie
man sie nur sehen kann; der jüngste Prinz aber hatte anstatt des linken
Arms einen Entenflügel. »Was habt Ihr hier vor?« fragten die Prinzen.
»Meine Gemahlinn soll verbrannt werden,« sagte der König: »weil sie eine
Trollhexe ist und ihre eignen Kinder gefressen hat.« -- »Sie hat ihre
Kinder nicht gefressen,« sagten die Prinzen: »Sprich jetzt, Schwester!
Nun hast Du uns errettet, errette jetzt Dich selbst!« Da sprach Schneeweiß
und Rosenroth und erzählte, wie Alles sich zugetragen hatte, und daß
jedesmal, wenn sie ins Kindbette gekommen, die alte Königinn sich in ihr
Zimmer geschlichen und ihr das Kind weggenommen, und sie darnach in den
Finger geschnitten und ihr mit dem Blute den Mund bestrichen hätte. Und
die Prinzen nahmen den König und führten ihn hinaus zu der Schlangengrube;
da lagen die drei Kinder und spielten mit den Schlangen und den Nattern,
und schönere Kinder, als die waren, konnte man gar nicht sehen. Da nahm
der König sie mit sich und brachte sie zu seiner Stiefmutter und fragte
sie, was Der wohl für eine Strafe verdient hätte, der im Sinne gehabt,
eine unschuldige Königinn und drei so allerliebste Kinder zu verrathen.
»Der verdiente, daß er von zwölf wilden Pferden in Stücke zerrissen
würde,« sagte die alte Königinn. »Du hast selbst das Urtheil gesprochen,
und selber sollst Du die Strafe erleiden,« sagte der König; und darauf
wurde die alte böse Königinn an zwölf wilde Pferde gebunden und in
Stücke zerrissen. Schneeweiß und Rosenroth aber reis'te mit dem König,
ihrem Gemahl, und ihren Kindern und den zwölf Prinzen, ihren Brüdern,
nach Hause zu ihren Ältern und erzählte ihnen, was ihr Alles begegnet
war; und nun war lauter Freude und Jubel im ganzen Königreich, weil die
Prinzessinn errettet war, und sie auch ihre zwölf Brüder erlös't hatte.
4.
Der Meisterdieb.
Es war einmal ein Kathenmann, der hatte drei Söhne; er hatte ihnen aber
kein Erbe zu geben und war so arm, daß er sie nicht einmal ein Gewerbe
konnte lernen lassen. Da sagte er eines Tages zu ihnen, sie müßten
selber zusehen, wie sie fortkämen, und könnten lernen, wozu sie Lust
hätten, und reisen, wohin sie wollten, er wolle sie gern noch eine
Strecke auf den Weg begleiten. Und das that er denn auch, er begleitete
sie bis da, wo drei Wege sich theilten; da nahmen die Söhne von dem
Vater Abschied, und jeder zog seine Straße. Wo die beiden ältesten
geblieben sind, habe ich nie erfahren können; aber der jüngste marschirte
tapfer drauf zu und kam weit hinaus in die Welt.
Eines Nachts, als er durch einen großen Wald marschirte, kam ein
gewaltiges Unwetter über ihn; es weh'te und stöberte so heftig, daß er
fast die Augen im Kopf nicht offen halten konnte, und eh' er sich recht
besann, war er in die Irre gekommen und konnte weder Weg, noch Steg
mehr finden. Zuletzt erblickte er weit hin im Walde einen Lichtschimmer;
er ging grade darauf zu und kam endlich zu einem großen Gebäude, in
welchem ein helles Feuer auf dem Herd brannte, woraus er schließen konnte,
daß die Leute noch nicht zu Bett gegangen waren. Er trat hinein, und
drinnen war eine alte Frau, die puttelte da herum.
»Guten Abend!« sagte der Bursch. »Guten Abend!« sagte die Frau. »Hutetu!
es ist so böses Wetter draußen die Nacht!« sagte der Bursch. »Das ist
wahr,« sagte die Frau. »Kann ich hier keine Herberge die Nacht kriegen?«
fragte der Bursch. »Hier ist keine gute Herberge für Dich,« sagte die
Frau: »denn kommen die Leute zu Hause und finden Dich hier, so tödten
sie Dich und mich dazu.« -- »Was sind es denn für Leute, die hier wohnen?«
fragte der Bursch. »Ach, es sind lauter Räuber und Spitzbuben,« sagte
die Frau: »mich haben sie geraubt, als ich noch ganz klein war, und nun
muß ich ihnen die Wirthschaft führen.« -- »Ich glaube, ich nehme hier
gleichwohl Quartier,« sagte der Bursch: »es mag gehen, wie es will; denn
hinaus will ich nicht wieder bei Nachtzeit in solchem Unwetter.« -- »Am
schlimmsten ist das immer für Dich selbst,« sagte die Frau.
Der Bursch legte sich darauf in ein Bett, das da stand, aber er hütete
sich wohl, daß er einschlief. Bald darnach kamen die Räuber an, und das
alte Weib erzählte ihnen sogleich, es wär' ein fremder Kerl ins Haus
gekommen, der hätte nicht wieder fort wollen.
»Hast Du nicht gesehen, ob er Geld bei sich hatte?« fragten die Räuber.
»Ja, der und Geld, der Lump!« sagte die Frau: »er hat kaum Kleider auf
dem Leibe.« Die Räuber flüsterten nun mit einander, Was wohl mit ihm
anzufangen wäre, ob sie ihn tödten sollten, oder Was sie sonst mit ihm
anfangen sollten. Indessen stand der Bursch auf und fragte sie, ob sie
nicht einen Knecht gebrauchen könnten, denn er hätte große Lust, bei
ihnen zu dienen. »Ja,« sagten sie: »wenn Du Lust hast und das Handwerk
treiben willst, das wir treiben, so kannst Du bei uns in Dienst kommen.«
-- »Ja, es ist ganz einerlei, was es für ein Handwerk ist,« sagte der
Bursch: »denn als ich von Hause abreis'te, sagte mein Vater zu mir, ich
könnte lernen, Was ich selber wollte.« -- »Hast Du denn Lust, das
Stehlen zu lernen?« sagten die Räuber. »Ja,« sagte der Bursch: »das
Handwerk möcht' ich wohl lernen.«
Nun wohnte nicht weit davon ein Mann, der hatte drei Ochsen; einen davon
wollte er zur Stadt bringen und ihn verkaufen, und das hatten die Räuber
ausspionirt. Da sagten sie zu dem Burschen, wenn er im Stande wäre, dem
Mann unterweges den Ochsen zu stehlen, so daß er's nicht gewahr würde,
und ohne daß er ihm Was zu Leide thäte, so wollten sie ihn in Dienst
nehmen, sonst nicht. Der Bursch sagte, er wollt's versuchen, und nahm
mit sich einen schön gearbeiteten Schuh mit silberner Schnalle, welchen
er da vorfand, den setzte er in den Weg hin, wo der Mann mit der Kuh
herkommen sollte, ging dann etwas tiefer in den Wald hinein und verbarg
sich unter einen Strauch. Es dauerte nicht lange, so kam der Mann an.
»Das wäre ja ein ganz hübscher Schuh!« sagte er: »hätte ich bloß den
andern dazu, so wollt' ich beide mit nach Hause nehmen, dann glaub' ich,
würde meine Altsche wohl einmal gutes Sinnes,« denn er hatte eine sehr
böse und schlimme Frau, und zwischen Schläge und Prügel, die er von ihr
bekam, war immer keine lange Zeit. Nun meinte er aber, könne er mit dem
einen Schuh doch Nichts anfangen, wenn er nicht den andern dazu hätte;
darum ließ er ihn stehen und ging weiter. Da nahm der Bursch den Schuh
und eilte, daß er dem Mann vorauskam, indem er durch den Wald lief, so
daß jener ihn nicht sehen konnte, und setzte den Schuh wieder vor ihm in
den Weg hin. Als der Mann mit seinem Ochsen ankam und den Schuh sah, war
er so verdrießlich, daß er so dumm gewesen war und vorhin den andern
Schuh nicht mitgenommen hatte. »Ich muß wohl nur zurücklaufen und den
andern nachholen,« sagte er bei sich selbst und band den Ochsen an einen
Zaun fest: »so krieg' ich doch mal ein paar gute Schuh für meine
Altsche; vielleicht, daß sie dann gutes Sinnes wird.«
Er ging nun zurück und suchte nach dem Schuh die Länge und die Breite;
aber all sein Suchen war umsonst; zuletzt mußte er denn mit dem einen
Schuh zurückgehen. Indessen hatte sich aber der Bursch mit dem Ochsen
davon gemacht. Als der Mann zurückkam und sah, daß der Ochs fort war,
fing er an zu weinen und zu lamentiren; denn er war so bange vor seiner
Frau und fürchtete, sie möchte ihn todtschlagen, wenn sie erführe, daß
der Ochs fort war. Da fiel es ihm aber ein, daß er noch zwei andre
Ochsen im Stall hatte, und er ging zurück nach Hause, nahm den einen
Ochsen und machte sich damit auf nach der Stadt, ohne daß die Frau Etwas
davon gewahr ward. Das hatten aber die Räuber wieder ausspionirt und
sagten daher zu dem Burschen, wenn er dem Mann auch den zweiten Ochsen
stehlen könnte, ohne daß er es merkte, und ohne daß er ihm Was zu Leide
thäte, so sollte er Ihresgleichen sein. Ja, meinte der Bursch, das wäre
eben nicht schwer.
Diesmal aber nahm er einen Strick mit und hängte sich mitten auf dem
Wege, wo der Mann vorbei mußte, unter den Armen auf. Als nun der Mann
mit seinem Ochsen ankam und ihn da hangen sah, ward er ein wenig
verdutzt und sagte: »Dir muß schwer zu Sinn gewesen sein, guter Freund,
daß Du Dich da aufgeknüpft hast; meinetwegen aber magst Du da hangen, so
lange Du willst; denn ich kann Dir doch kein Leben wieder einblasen,«
und damit ging er weiter mit seinem Ochsen. Als er fort war, sprang
der Bursch wieder herunter vom Baum, lief einen Richtsteig, so daß er
dem Mann vorauskam und hängte sich wieder mitten im Wege auf. »Ob Dir
wirklich so schwer zu Sinn gewesen ist, daß Du Dich da aufgeknüpft hast,
oder ob es bloß bei mir spukt?« sagte der Mann: »Meinetwegen aber magst
Du da hangen, so lange Du willst, ob Du nun ein Gespenst bist, oder Was
Du sonst sein magst,« und damit ging er weiter mit seinem Ochsen. Der
Bursch machte es wieder eben so, wie das vorige Mal, hüpfte herunter vom
Baum, lief den Richtsteig durch den Wald und hängte sich wieder mitten
im Wege auf. Als der Mann ihn gewahr ward, sagte er bei sich selbst:
»Das ist ja eine gräßliche Geschichte! Sollte ihnen denn so schwer zu
Sinn gewesen sein, daß sie sich alle drei aufgeknüpft haben? Ich kann's
aber nicht mal glauben, es spukt wohl bloß bei mir.« »Nun will ich aber
Gewißheit haben,« sagte er: »Hangen die andern Beiden noch da, dann ist's
wirklich so; hangen sie aber nicht da, so ist's nichts Anders, als Spuk,«
und damit band er seinen Ochsen fest und lief zurück, um zu sehen,
ob sie noch da hingen. Während er nun nach allen Bäumen hinaufguckte,
sprang der Bursch wieder herunter, nahm den Ochsen und machte sich damit
aus dem Staube. Als der Mann zurückkam und sah, daß der Ochs fort war,
da war's Päckchen wieder fertig: er fing an zu weinen und zu lamentiren;
endlich aber gab er sich doch zufrieden, denn er dachte bei sich selbst:
»Da ist kein andrer Rath, ich muß wieder nach Hause und den dritten
Ochsen auch holen, ohne daß meine Frau es gewahr wird, und muß dann
versuchen, ihn um so viel besser zu verhandeln, damit ich wieder zu
meinem Schaden komme.« Er ging nun zurück und holte sich auch den
dritten Ochsen, ohne daß seine Frau es gewahr ward. Die Räuber wußten
aber wieder sehr gut Bescheid und sagten zu dem Burschen, wenn er
ihm nun auch diesmal den Ochsen stehlen könnte, ohne daß der Mann es
merkte, und ohne daß er ihm Was zu Leide thäte, so sollte er Meister
sein über sie alle zusammen.
Der Bursch machte sich wieder auf und lief in den Wald; und als der Mann
mit dem Ochsen daher kam, fing er an zu brüllen wie ein andrer großer
Ochs. Als der Mann das hörte, ward er froh, denn er meinte, seinen
Mastochsen an der Stimme zu erkennen, und glaubte, nun würde er sie alle
beide wieder bekommen, band den dritten Ochsen fest und lief abseits in
den Wald und suchte da herum. Während dessen aber machte der Bursch sich
auch mit dem dritten Ochsen davon. Als der Mann zurückkam und sah, daß
der auch fort war, ward ihm ganz hutlig zu Muthe; er weinte und lamentirte
und ließ sich in vielen Tagen nicht wieder zu Hause sehen; denn er war
bange, seine Frau möchte ihn rein todtschlagen. Den Räubern aber wollte
es gar nicht behagen, daß sie nun den Burschen als Meister über sich
alle zusammen anerkennen sollten.
Nun gedachten sie einmal einen Streich auszuführen, den der Bursch ihnen
nicht sollte nachmachen können; sie reis'ten daher alle mit einander
fort und ließen ihn allein zurück.