Bis zum Hades würde in Urzeiten der Sonnengasball sich erstreckt haben,

-- wie einige Forscher dies glauben. Bis zum Hades reichte die Kraft,

das Licht und der Einfluß unseres Zentralgestirnes auch heute noch.

Beim Hades würde der Grenzpfahl sein, der unser großes Sonnenreich nach

der »Welt der übrigen Sterne« (der Fixsterne) hin absteckt! --

2400 Millionen Meilen betrüge der Durchmesser dieses Riesenreiches und

doch werden wir bald hören, daß dieses ungeheuere Gebiet, von dem sich

selbst die glühendste Phantasie keinen rechten Begriff machen kann, zu

einem winzigen Punkte zusammenschmilzt, wenn wir aus den Tiefen des

Weltenraumes -- von den Grenzen der Milchstraße her, -- zu unserer

Sonne und ihrem gewaltigen Reiche unsere Blicke richten! --

Drittes Kapitel.

Die Welt der Kometen!

»Wenn ein hellstrahlender Komet

In den obersten Lüften steht,

Werden gar große Reiche zerstört,

Wie wir solches oft haben gehört!« --

(Inschrift auf einem alten Kometenflugblatte

aus dem Jahre 1580.)

Im Geiste versetzen wir uns einmal um mehrere Jahrhunderte, -- sagen

wir an den Beginn des Mittelalters, -- zurück!

Kriegsgeschrei tönt durch die Lande, und die Pest zieht mit

grauenhafter Macht von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, um Tod

und Elend zu verbreiten. Die Menschheit ist in Angst und Sorge und

fürchtet, daß noch Unheilvolleres komme.

Da, -- eines Abends, als die Sonne untergegangen ist und die Sterne

neugierig aus ihren Himmelsfenstern zur leidvollen Erde herabsehen,

flammt unter ihnen ein ungewöhnliches Gestirn auf. Es steht am

westlichen Horizonte und besitzt einen langen, lichten Schweif, den es

über einen großen Teil des nächtlichen Firmamentes hinwegspannt.

Als die Menschen dieses flammende Zeichen erblicken, wird ihre Angst

und Furcht noch größer, denn die »Rute am Himmel« bringt ihnen neue

Not, neue Kriege und Krankheiten!

Im Glauben unserer Vorfahren waren ja die Kometen, -- diese seltsamen,

glanzvollen und geschweiften Gestirne, -- nichts anderes, als

»Unglücksboten und Geißeln Gottes«!

Wenn wir die alten Chroniken, die aus jenen Tagen stammen,

nachschlagen, finden wir dies in ihnen zur Genüge bestätigt.

»Bald«, -- so heißt es in den Schriften aus jener Zeit, -- »zeigte sich

ein Schweifstern, der aussah, wie ein Schwert, wie ein Speer, wie ein

Menschenantlitz oder wie eine Mißgestalt! Achtfach ist das Unheil,

das solch' ein Gestirn über die Erde und die Menschen bringt, nämlich

Fieber, schwere Zeit, große Dürre, Krieg, Frost, Erdbeben, großer

Menschen Tod und Umwälzungen in den Staaten!« --

Der Komet des Jahres 1460 wurde als ein »Sendbote des Satans« von den

Menschen jener Tage angesehen und, als der große »Halleysche Komet« im

Jahre 1682 in den Räumen des Weltalls erschien, da schrieb von ihm ein

Professor in Marburg, daß dort eine Henne aus Angst vor dem Gestirne

drei Eier gelegt habe, auf denen das Bild des Schweifsternes deutlich

zu sehen war! --

Von all' dem Aberglauben, den unsere Vorfahren an diese prachtvollen

Himmelserscheinungen geknüpft haben, ist in moderner Zeit nichts

übrig geblieben. Vor dem prüfenden Blick moderner Forschung hat jener

Wahnwitz nicht Stand zu halten vermocht! --

Die moderne Himmelsforschung hat gefunden, daß die schönen

Schweifsterne nichts mit Hungersnot und Pest, nichts mit Krieg und

anderem Elend zu tun haben, sondern, daß sie friedlich und harmlos auf

ihrer Himmelsstraße einherziehen, wie alle die anderen Sterne!

Der Himmelsforscher der Gegenwart weiß ferner, daß die Kometen nichts

anderes sind, als Ballen aus weltbildendem Stoffe, daß sie also aus

jenem Urstoffe bestehen, den wir am Eingang dieses Buches bereits

kennen gelernt haben.

Solche Urstoff- oder Nebelballen wandern durch den Sternenraum, ja es

ist sogar sehr wahrscheinlich, daß unsere Sonne mit ihren Planeten

zur Zeit durch ein Gebiet im Weltall schreitet, das mit viel Urstoff

angefüllt ist, denn die zahlreichen Kometenerscheinungen in den letzten

Jahren lassen diese Vermutung zu.

Wenn nun ein solcher Nebelballen in die Nähe eines Sonnenreiches

kommt, dann wird er von dessen Zentralkörper, -- also dessen Sonne,

-- angezogen. Auch die unserige zieht ihn an, wenn er in die Nähe

ihres Reiches kommt. Der Nebelballen eilt nun auf die Sonne zu und in

diesem Hineilen unterliegt er einer Reihe von Veränderungen, und zwar

hinsichtlich seiner Gestalt und seines Aussehens! --

In einer gewissen Entfernung von der Sonne nämlich beginnt der

Nebelballen, -- der Komet, -- einen Schweif zu bilden. Mit diesem

geschmückt, eilt er an der Sonne vorüber, verliert dann aber allmählich

den Schweif und wird endlich wieder ganz unsichtbar.

Ist der Komet nun etwa verloren gegangen oder verschollen? Nein! -- Er

wanderte nur nach dem Punkte hin, wo er der Sonne am fernsten steht.

Der Astronom nennt diesen Punkt das Aphel! In jenem sonnenfernsten

Punkte indes können wir den Kometen weder im Fernrohre noch mit der

Camera entdecken. Vom sonnenfernsten Punkte, -- dem Aphel, -- aus kehrt

er nach Ablauf einer bestimmten Zeit wieder in den Punkt zurück, wo er

der Sonne am nächsten steht. Wir nennen diesen Ort das Perihel. Dann

erst sehen wir ihn wieder, und zwar mit dem bloßen Auge!

Nun gibt es aber Kometen, die uns niemals zu Gesicht kommen,

sondern nur dem Teleskope vorbehalten sind. Diese nennt man deshalb

»teleskopische Kometen«, und es werden jahraus jahrein eine Anzahl von

ihnen entweder mit dem Teleskope oder in neuerer Zeit auch mit der

photographischen Platte entdeckt.

Diejenigen Kometen, die aus dem sonnenfernsten Punkte -- dem Aphel

-- immer wieder in den sonnennahesten Punkt -- das Perihel --

zurückkehren, nennen wir »periodische«. Sie sind Bürger unseres

Sonnensystems. Zu ihnen gehören die größten und schönsten, die wir

kennen, auch der große Halleysche, von dem später noch die Rede sein

wird.

Jeder große Komet besteht aus drei ganz auffallenden Merkmalen, --

nämlich aus einem Kopfe, einem Kerne und einem Schweife.

Der Kopf des Kometen ist der Nebelballen (die Urstoffwolke), die

entweder aus dem sonnenfernsten Punkte kommt und auf das Tagesgestirn

dann hineilt oder aus den Tiefen des Weltalls in unser Sonnenreich

eindringt.

Ein solcher Kometenkopf kann einen Durchmesser von über einer Million

Kilometer haben.

In seiner Mitte zeigt dieser Kometenkopf eine Verdichtung der

Urstoffteilchen, aus denen er sich aufbaut. Diese Verdichtung hat ein

sternartiges Aussehen und leuchtet hell. Wir nennen sie den Kern des

Kometen!

Lange Zeit hindurch hat man geglaubt, daß uns der Kern eines Kometen

einmal dann gefährlich werden könne, wenn die Erde mit ihm in Berührung

komme. Die Kometenkerne sollten, -- in der Meinung früherer Jahre,

-- aus Gesteins- oder metallischen Massen bestehen. Nun sind wir

aber schon wiederholt durch die Köpfe und durch die Schweife von

Kometen hindurch gegangen, und es ist uns nichts passiert. Auch hat

die Himmelsforschung der Gegenwart gefunden, daß die gefürchteten

Kometenkerne nichts anderes sind als Gasmassen, die, -- ähnlich dem

Sonnen- und Erdkern, -- unter einem hohen, auf ihnen lastenden Drucke

starr wie Glaserkitt werden!

[Illustration:

~Tafel 11.~

Der Komet 1911 -- ~c~ (Brooks).

(Aufgenommen mit dem photographischen Refraktor der K. Sternwarte

zu Wien von ~Dr.~ Josef Rheden, Originalaufnahme. 56 Minuten

Belichtungsdauer.)]

Durch diese wissenschaftliche Annahme ist die Furcht vor den

Kometenkernen so gut wie vernichtet. Die Strahlen der Sonne lösen die

Spannung in der gasigen Kernmasse dann auf, wenn das Gestirn der Sonne

immer näher kommt. Die Gase des Kernes strömen nun aus dem Kopfe des

Kometen aus, und so entsteht der oft Millionen Meilen lange Schweif.

Der Schweif ist das prächtigste am ganzen Gestirn und verleiht diesem

auch den Beinamen »großer Komet«! --

Bald sieht der Schweif des Gestirnes bandartig, bald federförmig

gespalten, bald gerade und bald gebogen aus. Einige Kometen zeigten

sich uns mit mehreren Schweifen, so die der Jahre 1744 und 1861.

Unsere Vorfahren behaupteten, daß Kometenschweife ausgesehen hätten wie

das aufgelöste lange Haar einer Frau. Deshalb haben die Kometen auch

bis zum heutigen Tage den Namen »Haarsterne« beibehalten. --

Die Photographie, die man, -- wie überall in der Himmelsforschung, --

auch bei der Entdeckung und Beobachtung von Kometen heute anwendet, hat

uns noch verraten, daß die Schweife der Kometen Einbuchtungen, Riffe,

Knicke und Ablenkungen zeigen. Das deutet auf heftige Vorgänge im

Innern des Kometen hin, wie wir solche Erscheinungen ja auch im Innern

und auf der Oberfläche unseres Tagesgestirns schon kennen lernten.

Es sind starke elektrische Entladungen, welche diese Veränderungen in

den Schweifen der Kometen hervorrufen. Sie helfen aber andererseits

auch den Kometen erleuchten. Ein Schweifstern strahlt also im eigenen

Lichte; dann aber auch noch im Lichte der Sonne, deren Strahlen sich

an den Teilchen aus Urstoff brechen, aus denen, -- wir hörten es schon

mehrfach, -- der Komet besteht.

Aus dem Wenigen ersehen wir klar und deutlich, daß die Schweifsterne

ungemein zart, groß, aber auch interessant und noch recht rätselhaft

sind!

Zu den schönsten Kometen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte am

Himmel erschienen, gehören die der Jahre 1680, 1744, 1843, 1858 und

1861.

Zu den berühmten Schweifsternen der letzten Jahrhunderte zählt man die

Kometen der Jahre 1680, 1811 und 1910 (der große Halleysche).

Im Januar des Jahres 1910 erschien ganz plötzlich an unserem

westlichen Firmamente ein Schweifstern, der nur kurze Zeit sichtbar

blieb. Man hat ihn den »Johannisburger Kometen« genannt, weil er

auf der südafrikanischen Sternwarte zu Johannisburg zuerst gesehen

worden war. Der Schweifstern gehört nicht zu den Kometen, die Bürger

unseres Sonnensystems sind, also immer aus dem Aphel in das Perihel

zurückkehren, sondern er kam aus den Tiefen des Weltalls und kehrte in

dasselbe wieder zurück, nachdem er an unserer Sonne vorübergezogen war.

In dem gleichen Jahre erschien noch ein anderer Komet, der, -- wie

schon gesagt wurde, -- eine historische (geschichtliche) Berühmtheit

erlangt hat.

Es ist der große Halleysche Komet. Er wurde nach dem Berechner seiner

Bahn um die Sonne herum, -- nämlich nach Edmund Halley, -- benannt.

Dieser Schweifstern soll auch der Stern gewesen sein, der nach der

Bibel die Weisen aus dem Morgenlande zur Krippe Christi geführt hat.

Immer nach 75 Jahren kehrt er in den Punkt zurück, wo er der Sonne am

nächsten steht und dann auch für unser Auge sichtbar wird.

Im Jahre 1985/1986 werden wir ihn wieder am Firmamente sehen.

Die Bahnen der Kometen sind Ellipsen, das heißt, sie haben die Form des

Eies; aber diese Ellipsen sind oft so groß, daß sie weit hinaus in die

fernen Sternenräume reichen. Man neigt heute immer mehr der Ansicht zu,

daß auch die nichtperiodischen Kometen, also die »Kometenfremdlinge«,

zu denen ja der Johannisburger Komet gehörte, auf solchen gewaltig

großen, elliptischen Bahnen dahinlaufen. Wir sehen immer nur das Stück

der Kometenbahn, das in der Nähe unserer Sonne liegt. Dies aber sieht

aus wie ein Hufeisen. Man nennt eine solche hufeisenförmige Bahn eine

Parabel! --

Wir haben gehört, daß ein Kometenkern von den Strahlen der Sonne

langsam aufgelöst wird; indes nicht bloß der Kern, sondern der ganze

Komet verflüchtigt sich nach und nach. Nun kommen aber gerade die

Kometen von allen Körpern, die wir in unserem Sonnenreiche kennen, dem

Tagesgestirne am nächsten, oft bis auf wenige tausend Kilometer.

Daß Kometen von der Sonne nach und nach aufgelöst worden sind, dafür

haben wir eine ganze Anzahl von Beweisen. Zu ihnen gehört zum Beispiel

der sogenannte »Bielasche Komet«, -- benannt nach dem österreichischen

Hauptmann Biela, der die Bahn des Schweifsternes um die Sonne herum

berechnete. Dieser Komet teilte sich erst vor den Augen der Astronomen

in zwei Teile und erschien dann gar nicht mehr. Die Astronomen

vermuteten, daß die Sonne ihn nach und nach aufgelöst habe und daß

die aufgelösten Teilchen über die ganze Bahnstraße, in der der Komet

um die Sonne lief, zerstreut worden seien. Diese Annahme war richtig,

denn als in der Nacht vom 27. zum 28. November 1872 unsere Erde die mit

aufgelösten Teilchen besäte Bahn des »Bielaschen Kometen« um die Sonne

durchschnitt, da entzündete sie die Teilchen, und wir sahen in jener

Nacht einen wundervollen Sternschnuppenfall. Die kleinen Teilchen, in

die sich der »Bielasche Komet« aufgelöst hatte, rieben sich nämlich am

Luftmantel der Erde und erhitzten sich infolgedessen so stark, daß sie

zu glühen begannen. Sie verglühten und vergasten, und wir sahen dies

als Sternschnuppen!

Sternschnuppen und Meteore.

Sternschnuppen sind also nichts anderes, als die Überreste zerfallener

Kometen. Sternschnuppen und Kometen sind demnach miteinander verwandt.

Ebenso wie die Sternschnuppen der »Bieliden«, die um den 27. November

stets bisher zur Erde niedergingen, mit dem »Bielaschen Kometen«

verwandt sind, so sind es die Auguststernschnuppen, und zwar sind diese

verwandt mit einem Kometen des Jahres 1862. Die Aprilsternschnuppen

wiederum sind mit dem Kometen des Jahres 1861 verwandt.

Wenn man die Flugrichtung der Sternschnuppen nach rückwärts zu

verlängert und diese Flugrichtung in eine Sternkarte einträgt, findet

man, daß alle Sternschnuppen eines bestimmten Schwarmes aus einem

gemeinsamen Ausgangspunkte herzukommen scheinen. Diesen gemeinsamen

Ausgangspunkt nennen wir den Radianten. Er liegt stets in einem

Sternbilde. So liegt der Radiant der »Bieliden« im Sternbilde der

»Andromeda«. Deshalb nennt man den ganzen Schwarm der Bielieden

auch die »Andromediden«. Der Schwarm der Augustmeteore (der

Auguststernschnuppen) liegt im Sternbilde des »Perseus«. Man nennt

darum den ganzen Schwarm die »Perseiden«! --

Außer den Sternschnuppen kennen wir am Himmel noch andere

Erscheinungen, die blitzartig auftauchen, oft mit einem lichten

Schweife ein Stück über den Himmel dahinziehen und nicht selten mit

Getöse und Sprühfeuer zerplatzen.

Diese »Himmelsraketen« nennt man Bolide, Feuerkugeln oder auch Meteore.

Sie bestehen entweder aus nickelhaltigem Eisen oder aus Gesteinsmassen

und haben oft ein enormes Gewicht!

So wurde bei Ovisak in Grönland ein solcher, vom »Himmel gefallener

Stern« gefunden, der 25000 Kilogramm wog.

Der Nordpolfahrer Roß entdeckte in Grönland einen anderen Eisenblock,

der vom Himmel gestürzt war. Dieser schmückt heute das naturhistorische

Museum zu Newyork und wiegt 40000 Kilogramm. Solche Weltentrümmer,

die wir Meteoriten nennen und die nichts mit den Kometen gemeinsam

haben, sondern aus fernen Räumen des Weltalls kommen, können unserer

Erde sehr wohl einmal gefährlich werden! Ein kilometerlanges Stück

einer solchen außerirdischen Masse könnte sehr wohl die Lebewesen des

Erdballes in unheilvoller Weise gefährden. --

Der berühmte schwedische Physiker, Svante Arrhenius, ist der Meinung,

daß sich aus Kometen und Meteoren neue Himmelskörper bilden können.

Der Anfang dieser Bildung scheint an einzelnen Stellen unseres

Sonnenreiches sich in der Tat schon vollzogen zu haben, denn bei der

Besprechung des Planeten Uranus hörten wir, daß man seine rückläufigen

vier Monde für eingefangene kleine Planeten oder Kometen hält, die sich

allmählich dann zur Kugelgestalt der Monde umformten! --

Da in unserer »aufgeklärt« sein wollenden Zeit es noch immer Leute

gibt, die Angst und Furcht beim Erscheinen eines Kometen am Himmel

befällt, so sei am Schluß dieses Kapitels nochmals darauf hingewiesen,

daß diese Sorge ganz töricht und unserer Zeit unwürdig ist!

Nach allem, was die moderne Wissenschaft bis zur Stunde von diesen

überaus schönen und großartigen Himmelserscheinungen, dem Kometen

nämlich, -- weiß, sind sie durchaus harmloser Natur!

Es sind »Vagabonden im Weltall«! Man traut einem Vagabonden auf Erden

allerdings nicht viel Gutes zu. Das mag sein; aber irdisch-menschliche

Verhältnisse passen nicht auf alle Dinge, vor allem sehr wenig auf die

Gestirne am Firmamente.

Unsere Erde wird einmal zugrunde gehen! Darüber besteht kein Zweifel!

Wir werden im letzten Kapitel dieses Buches darüber noch mehr hören;

aber durch einen Kometen wird sie kaum enden. Gerade die Wiederkehr

des großen »Halleyschen Kometen« im Jahre 1910 hat uns manchen und

wichtigen Aufschluß hierüber und über die Natur dieser einst so

gefürchteten und von den Menschen gehaßten Himmelslichter gegeben! --

Viertes Kapitel.

Die Welt der Fixsterne.

»Gottes Pracht am Himmelsbogen

Ist in Sternen aufgezogen,

Welch' ein heil'ger, stiller Chor!

Daß das Herz Dir größer werde,

Blicke von der kleinen Erde

Zu dem ew'gen Glanz empor!«

(Mahlmann.)

In jungen Jahren, als ich getreu den Worten im Liede der »Preciosa«

die »Sterne noch nicht begehrte«, habe ich mir doch manchmal den Kopf

darüber zerbrochen, wie weit die »Lichter am Himmel« von uns entfernt

sein mögen!

Solche Gedanken kamen mir, wenn ich an einem klaren Winterabend von

den Großeltern aus dem Nachbardorfe nach Hause zurückkehrte. Ich

mußte dann stets eine Stunde lang über freies Feld gehen, und meine

kindliche Seele war entzückt und erfreut über das wundervolle Bild des

sternenbesäten Himmels, der sich über dem Bergtale ausspannte.

Im Hause angekommen befragte ich den Vater; aber der vermochte mir

auf meine Fragen nicht so Rede und Antwort zu stehen, wie ich es mir

wünschte, und so mußte ich Geduld haben, bis zu einer späteren Zeit.

Diese kam und mit ihr manche Erklärung dessen, was mir in der Jugend

geheimnisvoll und rätselhaft war, was Jahre hindurch wie ein Traum über

meiner Seele lag.

Heute weiß ich, daß der nächste Stern am Himmel, -- der nächste Nachbar

unserer großen Sonne, -- am südlichen Himmel steht. Die Astronomen

haben ihn »~alpha centauri~« genannt, weil diese Sonne, -- eine

Schwester der unsrigen, -- im Sternbilde des »Centauren« leuchtet.

Wollten wir eine Reise nach jenem Sterne unternehmen, dann müßten wir,

wenn das möglich wäre, Millionen von Jahren alt werden. Als wir unsere

Sonne beschrieben, hörten wir, daß sie zwanzig Millionen Meilen von

unserer Erde entfernt ist. Das ist ein sehr weiter und langer Weg; aber

der Pfad nach dem Sterne ~alpha~ im Bilde des »Centauren« ist 225000mal

weiter.

225000mal 20 Millionen Meilen Weges, -- das ist eine riesenhafte

Entfernung.

Als wir von den Monden des Planeten Jupiter in unserem Sonnenreiche

sprachen, erfuhren wir, daß sie einem Astronomen ein Mittel boten, zu

berechnen, welche Wegestrecke das Licht in einer Sekunde zurücklegt

300000 Kilometer sind es oder etwa 45000 deutsche Meilen! Mit dieser

»Einheit« haben wir die Räume unseres Sonnenreiches vermessen und

festgestellt, daß der Mond 50000 Meilen von uns, Jupiter 100 Millionen,

der Neptun aber 600 Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist.

Mit der Maßeinheit: »300000 Kilometer« kommen wir aber in den Räumen

der nächtlichen Sterne nicht aus. Wir müssen uns deshalb nach einer

anderen Maßeinheit umsehen.

Zwischen zwei Schlägen unseres Herzens umkreist der Lichtstrahl beinahe

achtmal unseren Erdball. Wir zerlegen eine Stunde in Sekunden, und

erhalten die Zahl 3600. Wir zerlegen weiter einen Monat in Sekunden und

die Summe, die wir in der Rechnung erzielen, wird enorm groß sein. Noch

größer aber wird sie werden, wenn wir ein Jahr in Sekunden zerteilen!

Wir multiplizieren diese Summe nun mit 300000 Kilometern und erhalten

so den Weg, -- in Kilometern ausgedrückt, -- den das Licht in einem

Jahre zurücklegt. Diese Wegstrecke ist die »Einheit«, mit der wir die

Sternenräume und die Entfernungen der einzelnen Sterne voneinander

ausmessen. Diese Maßeinheit heißt das »Lichtjahr«! Wenden wir sie nun

auf die Entfernung unserer Sonne vom Sterne ~alpha~ im Bilde des

»Centauren« an, dann hören wir, daß das Licht 4½ Jahre unaufhörlich

eilen muß, ehe es von dort bis zu uns gelangt!

Die Astronomen sagen, der Stern »~alpha centauri~« am südlichen Himmel

ist 4½ Lichtjahre von uns entfernt!

Würde der Stern ~alpha~ im Bilde des »Centauren« in dieser Stunde

erlöschen, wir erführen das nicht sofort, sondern erst nach 4½ Jahren,

denn solange ist das Licht von dort bis zu uns unterwegs.

Daß das Licht von jenem Sterne überhaupt zu uns gelangt, daran

ist der Äther Schuld! Er ist der »unsichtbare Draht«, auf dem die

»Lichtdepeschen aus der fernen Sternenwelt« zu uns gelangen. Dieser

Äther ist ein überaus feiner Stoff, dessen Dasein wir nur annehmen,

jedoch ihn sichtbar nicht nachweisen können. Er füllt ganz bestimmt

die Räume zwischen den einzelnen Sternen aus und stellt vielleicht

den Urzustand des Stoffes dar, aus dem sich einst alle Weltkörper,

die heute in den Tiefen des Raumes funkeln, bildeten und noch

bilden werden. Der Äther wäre also das »große Meer«, in dem die

»Sternenschifflein« schwimmen! --

Am Maßstabe des »Lichtjahres« gemessen, hören wir weiter, daß der

Sirius, -- die hellste Sonne an unserem Winterhimmel, -- acht

Lichtjahre, der Polarstern achtzig Lichtjahre, die schöne Wega im Bilde

der »Leier« 96, -- nach anderen 46 Lichtjahre, -- und der im rötlichen

Lichte schimmernde Arktur im Sternbilde des »Bootes« 137 Lichtjahre von

uns absteht.

Würde in dieser Stunde der »Stern am Pole« sein Licht verlieren, die

Schiffer auf dem Meere stellten noch volle achtzig Jahre lang den Kurs

ihrer Schiffe nach ihm ein, und solange, bis der letzte Lichtstrahl

nach achtzig Jahren von ihm aus zu uns gelangt wäre! Dann würde der

Polarstern erst für uns erloschen sein, eher nicht!

[Illustration:

~Tafel 12.~

Die schöne Sterngruppe der »Plejaden« im Bilde des »Stieres«.

(Originalaufnahme. Photographiert von Prof. Barnard, Yerkessternwarte

U. S. A.)]

Ohne jeden Zweifel sehen die Astronomen mit ihren Fernrohren noch immer

zu Sternen am Himmel auf, die längst erloschen sind; aber der letzte

Lichtstrahl ist bei uns von ihnen noch nicht eingetroffen. Mithin sind

sie für unseren Anblick auch noch nicht verschwunden! Ganz sicher sind

schon zahllose Sonnen aus den Nebeln, die wir im ersten Kapitel dieses

Buches kennen lernten, hervorgegangen; aber wir sehen sie in unseren

Teleskopen noch nicht als Gestirne, weil der erste Lichtstrahl, den sie

lange schon aussandten, bei uns noch nicht angelangt ist.

Es gibt Sterne am Himmel, die hunderte, ja tausende von Lichtjahren von

uns entfernt sind! --

Wo aber sind die Grenzen der Sternenwelt? --

Die moderne Himmelsforschung sagt uns, daß die Milchstraße aller

Wahrscheinlichkeit nach die Grenze ist, die die für uns sichtbare Welt

abschließt. Die äußeren Sterne der Milchstraße, -- so hat man in der

Rechnung gefunden, -- sollen 7000--12000 Lichtjahre von uns entfernt

sein. 12000 Jahre muß der schnellflüssige Bote »Licht« ununterbrochen

also eilen, will er uns von dorther eine Kunde bringen!

Ob aber die Grenzen der Welt dort wirklich sind? Die einen nehmen

es an, die anderen verneinen es. Sie sagen, daß jenseits dieser

Grenzpfähle noch zahllose Sterne sich befinden können, die wir nur

deshalb nicht mehr gewahren, weil Fernrohr und photographische Platte

zu schwach sind, um sie uns zu zeigen.

Eins aber steht, -- mögen die Grenzen der Welt dort liegen oder nicht,

-- fest, daß alles menschliche Maß und alle menschliche Größe vor

diesen Maßen und vor diesen Größen am Firmamente verschwindet! Die Maße

und die Größen, die in den Räumen der Sternenwelten herrschen, sie

lehren uns, wie klein die Erde und wie klein unser großes Sonnenreich

ist. Sie zeigen uns die Allgewalt dessen, der Raum und Zeit, solche

Maße und solche Größen einst ins Dasein rief! --

Diese fabelhaften Größen und Entfernungen in den Weltallsräumen lehren

uns, daß wir bescheiden und demütig sein sollen!

Das Licht aller Sterne, die wir am Himmel erkennen können, es flutet

durch den Raum und nimmt im Lichtbilde alle Ereignisse mit hinaus, die

sich auf der Oberfläche dieser Sterne abspielen.

Sehen wir zur erleuchteten Scheibe des Vollmondes empor, dann erblicken

wir dunkle Flecken, Krater und Gebirge auf ihr. Sie bilden das

»Mondgesicht«, das nur im Lichte des Mondes sichtbar wird!

Was mir das Sternenlicht erzählt: Eine populäre Himmelskunde für die Jugend · 第 5 / 8 段