Dunkelheit züngelte mein Spiritusflämmchen geisterhaft um den Kocher.
Durch den Spalt der Ofentür äugelte die Kohlenglut und malte einen
Purpurstreifen auf den Fußboden. Und zu summen begann das Wasser.
Meine Herbstnachtigall hätte jetzt zirpend eingestimmt, doch unter der
Schneedecke schlummerte sie. Dafür zirpten nun haarfeine Saiten, ein
weißes Kinderhändchen schlug die Traumharfe. In melodische Schwingungen
geriet meine Klause, die Schnörkel des Wandteppichs schlangen sich
durcheinander wie tanzende Elfen, die buntgeblümte Papierlaterne
mahnte an den träumerischen Osten, wo Tempel aus Porzellan leuchten,
von gläsernen Glöckchen umwispert, und wo die Teestaude grünt. Und
der Teelöffel -- ja was war mit dem? Die blaue Flamme hatte ein
geheimnisvolles Glanzlicht drauf gesetzt: „Besinne dich!“ -- Bilder
aus meiner Kindheit gaukelten schmeichelnd. Ich saß in der Klippschule
und malte Buchstaben, während der Lehrer für seine Kleinen Äpfel auf
der Ofenplatte briet. Beim Braten zischelten und pafften sie. Wenn
einer gar geworden, bescherte ihn der gute Lehrer, zerteilte ihn mit
dem Messer, und wir schmausten. Auf dem Klassenschrank harrte um diese
Adventszeit ein Nadelbäumchen, und bei jedem Schulschluß sang die
Klasse „Ihr Kinderlein, kommet!“
Am Nachmittag vor der Weihnachtsbescherung war’s. Zwischen den hohen
Häusern der Straße lag schon Dämmerung, und der Laternenmann ging
mit seiner Lunte herum. Von Schnee begann das Pflaster zu schimmern,
daunenartig fielen die Flocken -- just wie heute. Ein neunjähriger
Knabe war ich. Ungeduldig den Weihnachtsabend erwartend, vertrieb ich
mir vor der Haustür die Zeit, indem ich eine Schlitterbahn glättete. Ob
der Wunsch, den ich Großmutter anvertraut, wohl erfüllt werden, ob das
Kasperletheater auf dem Weihnachtstische liegen würde?
Auch das Straßentreiben zog mich an. Da ging ein Herr, vermummt in
dicken Pelz, bepackt mit Schachteln und Düten. Eine Frau in ärmlichem
Umschlagetuch trug ihr schmächtiges Fichtenbäumchen. Ein Händler
mit einem Handwagen voller Äpfel und Nüsse. Ein kleines Mädchen bot
Hampelmänner an, das Stück einen Sechser, während ihr Bruder mit
Waldteufeln und Knarren lustigen Lärm verübte. Es war zu merken, daß in
der Nähe, beim Rathaus, großer Weihnachtsmarkt. Ich hatte Lust, einen
Abstecher hin zu machen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte:
„Höre mal, Junge, hast du Zeit? kannst du mir den Koffer da zum Bahnhof
bringen?“ So fragte ein ältliches Männchen in abgeschabtem Überzieher,
eine sonderbare Wollmütze auf dem Kopfe. „Du bist ja groß genug!“
Obwohl diese Bemerkung etwas spitzig herauskam, berührte sie das
Knabengemüt fast schmeichelhaft. Wie ein gewiegter Gepäckträger ergriff
ich den Koffer. Schwer war er, doch ich ließ nichts merken und hastete
neben dem Männchen her. War der rechte Arm müde, so trug ich den Koffer
auf der andern Seite. Das Männchen mit der Wollmütze beobachtete mich
zuweilen von der Seite und kicherte. „Hast es wohl schwer, Söhnchen?
Schadet nichts! Vom Tragen wird man stark.“ Ich nickte, an Eifer fehlte
es mir nicht. Aber der Koffer wurde immer schwerer, manchmal mußte
ich mit beiden Händen gleichzeitig schleppen. „Mach’s doch wie ein
richtiger Gepäckträger!“ mahnte das Männchen, und mit seiner Hilfe
brachte ich den Koffer auf meine Schulter. „Später wird man dir noch
ganz anders aufpacken. Immer fest und getrost!“ Und wie des Männchens
Fausthandschuh meine Backe gütig berührte, wurde mir leicht. Da sah ich
auch schon die erleuchtete Bahnhofsuhr.
Als ich im Wartesaal den Koffer niedersetzte und ein wenig Zittern in
den Gliedern spürte, blinzelte das Männchen schelmisch, suchte in einer
schäbigen Börse und drückte mir ein Geldstück in die Hand. Verdutzt
sah ich hin; es waren Zwei gute Groschen, wie man damals sagte. Und
das sollte mir gehören? „Warum nicht?“ meinte das Männchen -- „hast es
ja verdient! Oder weißt du nicht, was verdienen heißt? Bist mir wohl
so einer, der sich noch von Vatern ernähren läßt? Na, wirst schon noch
dahinter kommen: Verdienen schmeckt erst sauer, dann süß!“
Verdient! Zum erstenmal in der Tat hatte ich etwas verdient -- wie
Vater das Brot für uns verdiente. Ich war ein richtiger Gepäckträger --
und da hatte ich nun meinen Lohn! Ein Hochgefühl hob meine Brust. Fest
in die Hand das Geld gepreßt, eilte ich heim. Über den Weihnachtsmarkt.
O wie berauschte das Ausrufen der Verkäufer, der Lärm von
Kinderharmonikas, der Schmalz- und Honigkuchenduft, die bunte Fülle der
Spiel- und Flittersachen! Und dazu meine Groschen, die mir so wertvoll
vorkamen, daß ich schier meinte, den ganzen Jahrmarkt kaufen zu können.
Ja, kaufen! Aber was? Die Wahl fiel schwer, zumal mir klar wurde, daß
man mit Zwei guten Groschen keine Sprünge machen kann. Sollte ich einen
Zauberapparat kaufen? Oder einfach Schmalzkuchen? Türkischen Honig oder
einen Pflaumenmann? Mein erster Verdienst war wohl zu schade, um so
vertan zu werden.
„Vier Silber’roschen! Jreifen Se zu! So wat kommt nich wieder vor!
Raus mit die Jroschens! Herrschaften haben doch Jeld wie Hei!“ Das
war „der billige Mann.“ Ein Menschenknäuel -- Leute vom Lande --
drängte sich um den Verkaufstisch und staunte ebenso über des Mannes
Zungenfertigkeit wie über die fabelhafte Billigkeit der Waren. Er
versteigerte sie gewissermaßen abwärts, indem er vom Preise Groschen
und Sechser abließ, bis sich ein Käufer meldete. Jetzt hielt er
ein halbes Dutzend Teelöffel empor. Sie blitzten verlockend, rosa
Seidenpapier umhüllte ihre Stiele, es waren „feinste silberne
Teelöffels“. Der billige Mann schwenkte sie, schlug mit der einen Hand
schallend in die andere und brüllte: „Also nur vier Silber’roschen det
janze halbe Dutzend! Det ist wat for die Aussteier! ... Wat Freilein?
Se wollen Ihr Jlick vascherzen? Nur vier Silber’roschen! Mich kosten
sie det Doppelte, so wahr ick Jakob heeße. Aber -- Leite -- ick jebe
se for -- na, meinetwejen for +drei+ Silber’roschen -- bloß
weil heite Weihnachten is. Det is ja ausverschämt billich, det is ja
rein vaschenkt! Wer se nu nich will, der läßt et bleiben! Na also,
Herrschaften! Wer nimmt se for -- drei Silber’roschen zum Zweiten --
un -- zum ...“ Mir pochte das Herz in fieberhafter Spannung. Oh, wenn
er doch nur auf Zwei gute Groschen runterginge! Ich nähme sie gleich!
Das wäre ein passendes Geschenk für Mutter und Großmutter! Oh würde
doch der billige Mann +noch+ billiger! -- Aber dazu schien er
keine Lust zu haben. „Drei Silber’roschen -- das allerletzte Wort --
zum Dritten!“ brüllte er mit heiserer Stimme und legte die Löffel mit
ärgerlicher Bewegung auf den Warentisch. Er schien es aufzugeben,
seine Perlen vor die Säue zu werfen. Aber noch einmal raffte er sich
auf. „Leite, Leite, Leite! kooft mich ab, sonst wer’ ick pleite! Na
also, damit ihr seht, det ick der billije Jakob bin, jebe ick zum
aller-allerletzten det janze halbe Dutzend silberne Teelöffels for
-- Zwei jute Jroschen!“ -- „Hier!“ Triumphierend hob ich die Hand
mit meinem Gelde. Der billige Mann zog ein schiefes Gesicht und
schnauzte scherzhaft: „Junge, warum haste dir nicht eh’r jemeldt?“ Die
umstehenden Bauern lachten listig, als hätte ich einen dummen Teufel
geprellt. „Düt is’n Bengel!“ Innerlich jauchzend, als hätte ich das
große Los, packte ich meine silbernen Teelöffel, und spornstreichs nach
Hause.
Als ich ankam, war es zur Bescherung höchste Zeit. Mit einem
vorwurfsvollen „na endlich!“ wurde ich empfangen. Doch in der
allgemeinen Feststimmung kam Verdruß nicht auf. Und bald erscholl ein
liebliches Glöckchen -- in Lichterfülle, Flitterglanz strahlte der
Weihnachtsbaum. Beklommen von froher Erwartung näherte ich mich dem
Gabentische. Richtig, da lag, was ich ersehnt: das Puppentheater,
Kasperle mit seiner Grete, Tod und Teufel, selbst der Schutzmann
fehlte nicht, der Kasperle zu verhaften hat. Zum Überfluß fand ich
ein kostbares Märchenbuch und die „Robinsonaden“, ganz abgesehen von
den Nützlichkeiten, mit denen Mutter für meine Bekleidung sorgte. So
lebhaft meine Freude über diese Gaben war, den Gipfel des Hochgefühls
bildete die Überreichung meiner Gegengabe. „Hier schenke ich
+euch+ was,“ stammelte ich und händigte meiner Mutter wie meiner
Großmutter je drei Teelöffel ein. „Aber seht doch! Junge! Wie kommst du
daran?“ -- „Die hab ich vom billigen Mann.“ -- „Was kosten se denn?“
-- „Zwei gute Groschen das ganze halbe Dutzend -- feinstes Silber!“
-- „Wirklich? Und woher haste denn das Geld?“ -- Und ich mit stolzer
Freude: „Hab ich mir verdient!“ Verblüffte Gesichter. Ich erzählte mein
Abenteuer, alles staunte und lachte, ich war der Held des Tages. --
Von damals die Weihnachtslichter sind längst niedergebrannt. Doch nicht
ganz verwehte ihr Duft. Heute nach Jahrzehnten berührt er mich mit
einem süßen Hauche, und im träumerischen Dämmerstübchen verwandle ich
mich in den Knaben, der den Koffer trug und die Teelöffel schenkte und
dabei so glücklich war.
Noch in einem andern Herzen blieb etwas zurück vom Weihnachtsdufte.
Das spürte ich, als ich nach langer Trennung, ein Erwachsener, wieder
einmal meine Vaterstadt und Großmutter besuchte. Während wir beim Tee
plauderten, ergriff ich in Gedanken den Teelöffel, und Großmutter sagte
mit sinnendem Lächeln: „Kennst du den noch?“ Ich sah genauer hin.
Wunderliches Ding! Blei und Zinn, verbogen und ohne Glanz. „Als du ein
Knabe warst, hast du ihn mir zu Weihnachten geschenkt. Die andern
beiden sind nicht mehr; einer ging verloren, der andere zerbrach.
Diesen will ich verwahren. Wer weiß, wann du ihn wieder mal zu sehen
kriegst.“ -- „Ach ja, ich entsinne mich! Damals war ich neun Jahre alt.
Und damals hattest du noch blondes Haar, Großmama!“ antwortete ich, den
Löffel wehmütig betrachtend, „damals hatte der Löffel noch Glanz!“ --
„Für mich glänzt er immer,“ hatte Großmutter erwidert.
Und das hier war nun derselbe Teelöffel. Aus Großmutters Nachlaß an
mich gekommen, war er von meiner Frau in mein Gefängnis gebracht.
Seltsame Weberin, die wir Schicksal nennen! Ein vergessenes buntes
Fädchen wirkst du ins Gewebe ein, daß es eine artige Linie bildet und
fürs Ganze wohl gar bedeutsam wird.
Advents-Stimmung, ja nun hatte sie mich bezaubert. Weihnachten lockte
mich heim in die Häuslichkeit, mein Gefängnis erschien mir öde -- und
so entschloß ich mich zu dem Versuche, meine Freiheit zu erlangen. Am
gleichen Abend ging mein Gesuch um Urlaub ab -- als Grund gab ich an,
ich möchte das Weihnachtsfest nicht im Gefängnis verleben.
So leb denn wohl
Der Sonntag vor Weihnachten, der sogenannte „goldene“ war da, und Anton
Bolle hatte soeben meine Post gebracht, als mir darunter ein Schreiben
mit dem Amtssiegel des Provinzial-Schulkollegiums auffiel. „Anton,
warte einen Augenblick!“ Ich öffnete das Schreiben und las die Worte:
„Ihrem Antrag vom zwölften Dezember entsprechend, beurlauben wir Sie
hiermit aus der Haft auf unbestimmte Zeit.“
Schrumm, da +war+ die Bescherung! Der Lizentiat, dieser Pfiffikus,
hatte also +doch+ recht! Und der Teelöffel, der meinen Mißmut
geheilt, hatte dazu beigetragen, daß ich mich zum Urlaubsgesuch
entschloß.
„Anton, bring’ doch wieder mal ein Briefchen nach der Kastanienallee!
Hast du Zeit? -- Schön, Junge -- und diesmal bekommst du Zwei gute ...
will sagen: eine ganze Mark; gib sie dem Weihnachtsmann als Trinkgeld,
wenn er dir nächstens was beschert.“ -- Lebhaft ging Anton hierauf ein,
und während er sich des Näheren über seine Wünsche ausließ, schrieb ich
an meine Frau: „Komm sofort mit Frau Pape! Und sie soll den Handwagen
mitbringen. Hammer und Zange nicht vergessen. Habe Urlaub, ziehe sofort
aus.“
Als Anton weg war und ich vom neuen Standpunkt meines Schicksals das
alte Gefängnis betrachtete, wurde ich wieder an Robinson erinnert.
Jetzt an den Robinson, der seine wilde Insel verlassen und zurückkehren
soll in die zivilisierte Welt. Wehmütig musterte ich meine Klause.
Nicht wenig Glück hatte ich hier verlebt, stilles Einsiedlerglück,
gelegentlich auch Freude der Geselligkeit. Würde ich mich jemals wieder
so geborgen fühlen wie in dieser Zigarrenkiste? Gelindes Zagen wandelte
mich an, ein Zagen vor der Weite und Freiheit, in die ich hinaus
sollte. Und ich begriff, daß entlaufene Mönche Heimweh nach dem Kloster
kriegen.
Ich erwachte aus meiner Träumerei, als Bolle zu mir eintrat -- er war
in Helm und vollem Sonntagswichs. „Een prachtvollet Wintawetta, Herr
Dokta, klare Kälte -- un der See is schon feste zu -- heite könnten ma
mit Sejelschlitten bis Rahnsdorf fahren -- vorausgesetzt, det Se mir
zur Ibawachung ieberhaupt noch beneetigjen -- denn, Herr Dokta, ick
soll Sie amtlich ereffnen: wenn Se artig sinn, denn kennen Se heite
entlassen wer’n aus Ihr Jefängnis.“ -- „Wenn ich artig bin? wieso?“
-- „Ick meene, wenn Se nischt in de Presse bringen ieba det hiesige
Jefängniswesen.“ -- „Und mit welchem Recht stellen Sie diese Bedingung?
Haben Sie Auftrag dazu vom Amtsvorsteher?“ -- Ausweichend kam die
Antwort: „Uff Ihre Dankbarkeit ham wir doch so’n bisken Anspruch,
un Se werden Bollen doch nich +schlecht+ machen?“ -- „Schlecht
machen? Wie sollte ich dazu kommen? Und wenn ich mal ein Buch über
mein Gefängnis schreibe ...“ -- „Au Backe! Möchten Se Bolles ehrlichen
Namen in Deitschland +berichticht+ machen?“ -- „+Funkeln+
soll er als einer der blanksten Knöpfe an der Uniformschaft unseres
Musterstaates. Wenn Sie aber so bescheiden sind, daß ihr Name
verschwiegen bleiben soll, -- na, das Papier ist ja geduldig, ich
könnte Ihnen allenfalls eine Flebbe andichten, daß Sie kein Mensch
erkennt. Vielleicht mache ich aus dem wohlbeleibten, von Gesundheit
strahlenden Manne, der Sie sind, einen graubärtigen Veteranen und nenne
ihn Proppen -- oder wie wollen Sie heißen?“ -- Bolle blickte schief:
„Haste Worte?“ -- „Na sehn Sie! das würde Ihnen nicht passen! Kein
Mensch möchte anders sein, als er ist; im stillen ist jeder in seine
Haut, seine Ichzelle, verliebt. Nichts für ungut, Bolle! Sei’n Se kein
Philister, haben Se’n bischen Humor!“
In seiner Sonntagsuniform mit dem blanken Helm reckte sich Bolle
und suchte zu lächeln: „Ick sammle feirije Kohlen uff det Haupt des
preißischen Beamtenspöttas. Denn kurz heraus jesaacht, ick entlasse
Ihnen hiermit aus Ihre Haft, Se sind frei! in diesen Momang!“ Er
schien auf freudige Bestürzung gerechnet zu haben, doch ich erwiderte
mit kühlem Lächeln: „Weiß schon! Vor einer halben Stunde erhielt ich
diesen Brief des Provinzial-Schulkollegiums. Drin steht nun freilich
nichts von jener Bedingung, an die Sie meine Enthaftung knüpfen möchten
-- sondern rundweg habe ich Urlaub, und zwar auf unbestimmte Zeit!“
Bolle horchte auf und sah mich warnend an: „Da haben Se’t ja! Uff
unbestimmte Zeit! Det heeßt mit andre Worte: Wenn Se sich beikommen
lassen, Amtspersonen un det hiesige Jefängniswesen schlecht zu machen,
so sagen Ihre provinzialen Kollejen eenfach: nu hat et jeschnappt, aus
is der Urlaub, un nu, Doktachen, spazieren Se man wieda zu Bollen!“ --
„Hm, meinen Sie wirklich? Na, wissen Sie, dann kehre ich fidel zu Ihnen
zurück. Ein Feigenblatt soll ich mir vor den Mund kleben? Lieber bleibe
ich gleich hier. Was meinen Sie? Soll ich Frau Papen, die mit ihrem
Wagen meine Einrichtung holt -- da ist sie schon -- unverrichteter
Sache wieder zurückschicken?“ -- „Au Backe! Lieber nich!“
Durchs Gitterfenster beobachteten wir Frau Pape. Wie am Tage meiner
Inhaftierung tat sie an der Bretterplanke, die den Gefängnishof nach
der Straße absperrte, den inneren Riegel weg und öffnete die breite
Pforte -- genau wie vor Wochen -- nur daß sie diesmal mit +leerem+
Wagen kam und die damaligen Verrichtungen gewissenmaßen umgekehrt zu
erfüllen hatte. So war’s denn auch zu erklären, daß ihr gedrücktes
Wesen von damals in Munterkeit verwandelt war, und daß meine Frau, die
jetzt ebenfalls den Hof betrat, mit stürmischer Freude mir zuwinkte.
„Sehen Sie, Bolle, es geht alles vorüber -- und nun, Herr Schwarzseher,
mischen Sie keine Unkenrufe in diesen Jubel! Meine provinzialen
Kollegen -- wie Sie se nennen -- sind ja froh, daß se mich los werden.
Und Sie, Bolle, sind es auch.“
Nicht ohne Rührung schüttelte mir Bolle die Hand: „Nu jehn Se man! Mit
Jott! Un den Umzuch will ick alleene besorjen. Mit Jott!“ Mir blieb
nichts übrig, als Herrn Bolle und seiner Familie, sowie dem Onkel,
herzlich zu danken.
„So leb denn wohl, du stilles Haus!
Wir zieh’n betrübt von dir hinaus ...“
Kartoffelkomödie
Als einfältige Unterhaltung für kleine und große Kinder geplant,
wurde dies Kartoffeltheater, weil es zufällig am Tage meiner
Enthaftung stattfand, eine Art Festvorstellung und Epilog zu meiner
Gefangenschaft.
Frisch vom Preußischen Adler war ich mit meiner Frau zu Streitmüllers
gegangen, um mich im erneuten Stande der Freiheit dem Freundeskreise
zu präsentieren, der hier seinen geselligen Mittelpunkt hatte. Im
gemütlichen Wohnzimmer fand ich bei Benno und seinem Bruder Paul
noch das Brüderpaar Hart und Frau Bartels. Diese saß nähend in einem
Wust bunter Lappen und Flitter, während die Männer Bier tranken und
Zigarren qualmten. Neben den Gläsern und Aschenbechern gab es auf dem
Familientisch die Überreste eines zerrütteten Puppentheaters, einen
Leimtopf, etliche Kastanien und einen Werkzeugkasten. Offenbar sollten
die Puppen repariert werden; praktisch beflissen war freilich nur Benno
-- die anderen Männer debattierten über Zeitfragen. Mit solcher Hitze,
daß die Post von meiner Freilassung von den Kampfhähnen überhört wurde.
„Hier hilf mal, Bruno!“ meinte Benno; „Freia Bartels gibt
Kinderkränzchen, und wir sollen Puppentheater spielen. Alles ist kaput,
und bis Nachmittag muß die Flickarbeit fertig sein. Harts, diese
sorglosen Zigeuner, sollen das Puppenspiel dichten und haben noch keine
Ahnung. Anstatt sich zur Arbeit zu halten, schwatzen sie Feuilletons
über die Wiedergeburt des deutschen Puppentheaters. Haben sich sogar in
die Uferlosigkeit der sozialen Frage verloren. Laß dich nicht mit den
Schwärmern ein, setz dich her zu mir, und deine Frau kann ja mit Anna
Theatergarderobe nähen. Das Fatale an unsern Puppen sind die Köpfe --
sie sind lädiert oder fehlen gänzlich. Bist du Bildhauer genug, um aus
den Kastanien hier etliche Köpfe zu schnitzen? Ich habe mich schon in
die Pote geschnitten!“ -- „Ach was Kastanien!“ meinte ich wegwerfend
und nahm auf dem Sofa Platz. „Kastanien sind zu fipsig, haben auch
keine Visage. Machen wir lieber Kartoffelkomödie! Eine Kartoffel wird
ausgehöhlt, daß man sie auf den Zeigefinger stecken kann -- da haben
wir nun einen Kopf auf einem beweglichen Hals. Daumen und Mittelfinger
sind die Arme, das übrige wird einfach mit Stoff umwickelt, mit einer
Sicherheitsnadel steckt man die Drapierung fest.“ -- Benno erkannte die
Brauchbarkeit meiner Idee, Frau Bartels holte Kartoffeln, und wie wir
die Knollenfratzen betrachteten, um ihnen bestimmte Rollen zuzuweisen,
mußten wir die Frage aufwerfen: „Ja aber nun das Stück? Was wird
denn gespielt? Heda, Poeten!“ -- Die Disputare wurden aufmerksam und
starrten auf den Tisch.
Nun erschien auch Bartels. Als ich seine Frage, wie es komme, daß ich
hier sei, beantworten wollte, unterbrach mich Heinrich Hart, der vom
Wortgefecht noch etwas benommen war. Zerstreut streckte er mir die
Hand entgegen: „Chott o Chott, Mensch! Wie kommst du hierher? Ich
denke, du bist im Chefängnis? Wo ist denn dein Bärenführer?“ -- Wie
ich jetzt näheren Bericht erstattete, brach allgemeine Lustigkeit los,
und Heinrich wetteiferte mit Julius in der Versicherung, hier sei ja
nun auf einmal der prächtigste Stoff für das Theaterstück. Abseits
verhandelten die poetischen Brüder; jedem schwebten dramatische Szenen
vor, unter Geschrei dichteten sie aufeinander los, fuchtelten mit den
Armen und spendeten sich gegenseitig Beifall! „Also, wir sind schon
fertig!“ Julius machte eine zappelige Verbeugung, wie ein Herold hob er
die Hand: „Hohe Herrschaften -- zur Aufführung chelangt: Der Verbrecher
oder der Staat in Verlechenheit -- eine Kartoffelkomödie nach einer
wahren Bechebenheit. Und hiermit bechinnt die Renaissance unseres alten
deutschen Puppenspiels und so weiter. Schon die Kartoffel natürlich ist
ein Zeichen für den vaterländischen Cheist, wir Preußen und so weiter
... Doch ich soll die Rollen bestimmen. Also Personen zum Beispiel:
Chlodwig der Dreiundvierzigste, Fürst zu Leuchtenfels-Bücklingsburg
ältere Linie. Sein Hofprediger, Cheneral, der Cherichtspräsident
-- endlich die Hauptperson Kasper, das ist der Verbrecher, zuvor
ehrsamer Schuster und so weiter im Residenzstädtchen. Um das weibliche
Element nicht chänzlich zu vernachlässigen, wollen wir seine Frau
Rike anbringen und ihre Nebenbuhlerin, die fürstliche Köchin. Neben
dem Büttel dürfen Tod und Teufel nicht fehlen und so weiter -- das
heißt natürlich der Liebe Chott ... Den Lieben Chott bringt schon
Choete auf die Bühne, unsre Polizei freilich erlaubt es immer noch
nicht, und so weiter.“ -- „Bravo, bravo!“ klatschte Bartels, und Benno
lächelte anerkennend: „Sache! Da haben wir endlich was Präzises! Na
und jetzt wollen wir die Masken aussuchen. Die dickste Kartoffel hier
mit den listig verkniffenen Äugelchen ist Kasper -- seht mal den
herauswachsenden Keim, das gibt die Nase.“ -- „Und hier“ -- ich zeigte
eine verschrumpfte Kartoffel -- „haben wir den Hofprediger, er bekommt
einen schwarzen Talar mit Bäffchen aus Papier.“ Einem Schafsgesicht gab
Heinrich Hart die Serenissimus-Rolle; das Fürstenkostüm sollte blaue
Seide sein, mit einem Cotillon-Stern. Aus rotem Tuch der Teufelsmantel,
aus Linnen die Kutte für den Tod. Als glotzende, weißfunkelnde Augen
waren Perlen und Knöpfchen in die Kartoffeln eingedrückt. Für Bärte und
Haare gab’s Watte und Werg.
Minder nett als diese Vorbereitung war die Aufführung am Nachmittag.
Die Wohnstube überfüllt, das Nebenzimmer von den Puppenspielern
besetzt. Als die Kinder wispernd durch den Türspalt lugten, wurde
streng abgeschlossen, und die Neugier stieg zum Siedegrade. Wie ein
Puck fuhr die kleine Freia herum, und Fritzchen Gröbers, dessen blaue
Augen unter den langen Wimpern sonst träumerisch blickten, wurde auf
einmal borstig vor Ungeduld, so daß seine Mutter Mühe hatte, ihn zu
beschwichtigen.
Nun klapperten Tassen, Frau Bartels spendete Kaffee aus riesiger
Familienkanne, und die blumenhafte Frau Martha knixte mit einer
Schüssel Streuselkuchen. Schwatzend und lachend standen wir Männer
beisammen, und als die Korona durch den Kreispfiffikus vervollständigt
wurde, grüßte ihn Bölsche, zugleich auf mich, den Freigelassenen,
deutend: „Da wäre nun der alte Kreis wieder mal voll.“ Prompt erfolgte
der Kalauer: „Ein alter Greis, nun ja, das bin ich -- aber schon
wieder mal voll? Wovon? möcht ich wissen! Allenfalls würde das Wort
auf mich passen: wessen das Herz voll ... Jedenfalls ist mein Herz
voll Freude über die Enthaftung unseres liebwerten Verbrechers. Habe
schon gehört, wie die Haupt- und Staatsaktion verlaufen ist -- das is
nu +wirklich+ ne Kartoffelkommödie! Urlaub auf unbestimmte Zeit!
Famos jesagt! Diese unbestimmte Zeit, das is die Zeit ohne Grenzen.
Ein Philosoph nennt sie die +falsche+ Unendlichkeit. Aber die
Unendlichkeit dieses Urlaubs, +die+ is +echt+! Und wenn ich
längst Asche geworden, unser Häftling hat +immer+ noch Urlaub.
Wetten daß?“
Die Tür wurde aufgerissen, und Julius Hart lud marktschreierisch zum
Theater ein. Lärmend hasteten die Kinder nach den vordersten Stühlen.
Die Puppenbühne war simpel: eine Schranke, mit einem Teppich überdeckt,
kulissenartig hängende Gardinen. Von einer Radlerlaterne grell
beleuchtet, schmauste der Hofprediger eine Gans und sang:
„O Chott! wie ist die Welt so schön,
Wenn man chesunde Chlieder hat!“