ich sagte, er habe den inneren Christus, wollte ich nicht verhimmeln --
ich dachte eher an die Dornenkrone ... Der Vater meiner Zöglinge hat
mich in sein Herz blicken lassen, und ich muß sagen, er leidet bitter
unter dem Widerßpruch zwischen Ideal und Wirklichkeit. Aber hat denn er
allein Grund zu leiden? Sie machen geltend, er diene dem Fürsten dieser
Welt. Aber dem müssen wir ja alle Tribut zollen. Wozu einander Vorwürfe
machen! Seien wir lieber positiv! Hauptsache, daß man sich sehnt, ein
Arbeiter für das Reich Gottes zu sein.“ -- Er sah mich schüchtern an;
gerührt legte ich ihm die Hand auf die Schulter: „Sie sind solch ein
Arbeiter. Das zeigt Ihre Fürsorge für unser Aschenputtel ... Das Reich
Gottes, wo das mißhandelte Menschenkind zur Geltung kommt und sein
Kittelchen vertauscht mit einem Strahlenkleide, dies Ideal bedeutet
uns kein Beschwichtigungsmittel für das darbende Volk -- nicht wahr,
Herr Lizentiat? -- bedeutet uns ein Leben in unserer +Brust+, das
wir entwickeln sollen, damit es aus uns heraus schöpferisch wirke und
das ganze Dasein neu gestalte. Die Schöpfung ist ja noch lange nicht
perfekt. Es werde Licht!“
Kindlich lächelnd machte der Lizentiat eine Gebärde, als ob er
eine pfiffige Antwort vorbereite: „Der Fürst dieser Welt, wie Sie
sagen, ist nicht immer tragisch zu nehmen, auch komisch kann sein
Geschäftsbetrieb anmuten. Die Eitelkeit ist eine seiner Triebkräfte.
Bodelschwingh führte mal einen beßternten Minister durch die Anstalt.
Als ein zerlumpter Landßtreicher dem hohen Herrn etwas nahe kam, trat
dieser scheu zurück. Bodelschwingh aber meinte mit seinem gutmütigen
Lächeln, indem er den Minister beim Knopfloch faßte: Würden Euer
Exzellenz im Samariterdienste eine Laus auflesen, die wäre im Reiche
Gottes eine höhere Dekoration als Ihr Schwarzer Adlerorden.“ Ich
lachte: „Das Gesicht des Ministers hätte ich sehen mögen! Faßlicher
wäre ihm die Geschichte von jener +königlichen+ Laus: Am Messer,
mit dem sie zerteilt war, leckte der Küchenjunge und ward davon ein
Adliger einfachen Grades. Bielefelder Tierchen haben ja nicht so hohe
Kraft. Doch vielleicht hat der Minister Belehrung profitiert von
Bodelschwingh? Ich bin nicht genau unterrichtet über die Bielefelder
Methode. Nach dem, was ich gehört habe, ist sie ein Fortschritt
über die Schildbürger-Methode hinaus ...“ Der Lizentiat stutzte:
„Schildbürger? Sie brauchen da ein harmloses Bild für eine unheimliche
Sache. Arbeitshaus, Zuchthaus -- das ist keine Schildbürgerei. Vorhin
sagten Sie: Fürst dieser Welt. Das paßt eher.“ -- „Fürst dieser Welt
ist tragisch gesagt,“ entgegnete ich, „doch, wie Sie selber bemerkten,
ist an ihm auch was Komisches. Die Medaille hat +zwei+ Seiten --
auf der einen ist der Fürst dieser Welt, auf der anderen das Wappen von
Schilda. Sie wissen doch aus den Märchen Ihrer Kindheit? Im Königreich
Utopien, hinter Kalkutta, gab es ein Städtchen, dessen Bürger ihre
Narrheit in ein System brachten. Beim Bau des Rathauses hatten sie
vergessen, Fenster anzubringen. Weil es nun innen finster war, während
draußen der Tag flutete, kamen die Schildbürger auf die listige Idee,
das Tageslicht in Säcke zu füllen und im Beratungssaal auszuschütten.
Eifrig suchte ein jeder den Tag zu erfassen, mit Säcken und Kesseln,
Schaufeln und Mistwagen. Ein Schlaukopf fing Sonnenstrahlen in
einer Mausefalle. Es wurde nun zwar nicht hell im Rathaus; aber
die Schildbürger meinten: Fahren wir nur so fort! Wir tun alles
Menschenmögliche -- und +wenn’s+ geriete, wär’s eine feine Kunst!
Nun, Hand aufs Herz, Herr Lizentiat, etwas von diesem Schilda-System
lebt in unserer Zivilisation. Erst verfinstert man den Menschen, dann
will man Licht hineinschaffen mit Säcken und Mausefallen. Denken Sie
an den Greis, der jetzt nach Cöpenick eingeliefert wird. Die hohen
Herren schelten ihn arbeitsscheu, verkommen. In gesunden Verhältnissen
gibt es keine solche Verkommenheit, keine Arbeitsscheu. Da würde
jedes Kind beherzigen, daß man arbeiten muß, um essen zu können.
Schon aus dem natürlichen Beschäftigungstrieb würde man arbeiten.
Aber was ist in unserer Zivilisation aus dem Beschäftigungstrieb,
aus der gesunden Natur geworden? Ins vermauerte Rathaus kann der
Tag nicht eindringen! Die Menschen werden insofern verfinstert, als
Vernunft, Natur, gesunde Sitte in ihnen erstickt. Die Lenker unserer
Staaten, die mit Vorliebe Millionäre züchten, ziehen in diesen eine
gewisse Scheu vor fruchtbringender Arbeit groß und belohnen sie
mit Würden und Orden. Andererseits wird die Masse des Volkes von
Arbeitsgelegenheit ausgesperrt, indem Gesetz und Gefängnis, Beamte
und Soldaten dafür sorgen, daß der Grund und Boden, den man doch
zur Arbeit nicht entbehren kann, nur wenigen gehört, so daß jene
Vielzuvielen, die in der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig waren,
keine andere Lebensmöglichkeit sehen, als sich entweder abzurackern --
oder Landstreicher zu werden. Hinweg! heißt es dann -- hinweg mit den
Arbeitsscheuen ins Arbeitshaus! Da soll ihnen gewaltsam Arbeitslust
beigebracht werden. So fängt man mit der Mausefalle den Tag und schafft
ihn ins finstere Rathaus.“
Der Lizentiat hatte geduldig und ernsthaft zugehört. Jetzt stand
er unternehmend auf: „Glauben Sie nicht, daß ich diesem Kapitel
ein Ende mache, weil mir Ihre Satire unpassend vorkäme. Gewiß, die
Schildbürger sind nicht ausgestorben, und sitzen bei uns auf den Höhen
der Gesellschaft wie in den Tiefen. Aber diese närrische Welt ist nun
mal darauf eingerichtet, daß Weise und Toren, Gerechte und Ungerechte
+zusammen+ leben. Weil man sich nicht radikal loslösen kann von
den gewöhnlichen Gemeinschaften und Einrichtungen, so bleibt bis zum
jüngsten Tage auch den Besten nichts übrig, als mit den Wölfen zu
heulen, mit den Schafen zu blöken ... Doch lassen wir dies Kapitel und
reden wir von der Sache, die mich zu Ihnen führt. Ich habe sozusagen
eine Mission. Nicht amtlich, nicht halbamtlich, sondern persönlich
und rein menschlich. Es bekümmert den Vater meiner Zöglinge, daß Sie
hier sitzen. Wir möchten, rundheraus gesagt, daß Sie möglichst rasch
wieder in Freiheit gelangen. Und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, liegt
Ihnen etwas daran, hier noch +länger+ zu hausen? Ich meine, weil
Sie doch Thoreaus Wort angeführt haben -- als ob das Gefängnis Ihr
würdigster Aufenthaltsort wäre.“
Ich konnte meine Heiterkeit nicht verbergen: „Aber natürlich spaziere
ich mit Vergnügen in die Freiheit. Weiß bloß nicht, wie ich es
anstellen soll, ohne meinem Vorsatz untreu zu werden, die Strafe nicht
mit Geld abzumachen. Die Regierung, die an mir ein Ketzergericht
verübt, soll’s dabei nicht gar zu bequem haben. Hand aufs Herz,
Herr Lizentiat, würde Ihr väterlicher Freund sich auch dann um mich
bekümmern, wenn ich die Strafe in Geld gebüßt, oder wenn gar meine
Gemeinde für mich gezahlt hätte? Das hätte ihm kein graues Haar
gemacht. Sie sehen, wie der Zeitgeist auch in dieser Hinsicht die
Persönlichkeit auszuschalten sucht. Ich rebelliere! Bin ein lebendiger
Mensch -- und an Lebendige wende ich mich. Ich mache die Sache
+nicht+ mit Geld ab.“
Der Lizentiat versuchte, in der Enge umherzulaufen. Nachdenklich griff
er an seine Stirn und blieb vor mir stehen: „Was werden Sie tun, wenn
Sie wieder draußen sind? Werden Sie aufs neue freireligiösen Unterricht
erteilen? Um dann abermals für jede Sztunde zehn Tage Haftßtrafe
zu kriegen?“ -- „Nicht doch! Man soll kein Prinzip zu Tode hetzen,
sonst wird man komisch. Wille ist ein Don Quijote! würde die Welt
sagen; dann nicht mit Unrecht.“ -- „Aber was wird hinfort aus Ihren
Konfirmanden? Erhalten sie +gar+ keinen Unterricht mehr?“ --
„Doch! In einer anderen Form! Der Inhalt bleibt natürlich derselbe.
Erzählen Sie dem Vater Ihrer Zöglinge, falls er, als hoher Beamter,
nicht schon genau darüber unterrichtet ist, daß ich im Gefängnis eine
Reihe von Vorträgen für die Jugend schriftlich verfaßt habe, und daß
diese Vorträge von Mitgliedern der Gemeinde den versammelten Kindern
vorgelesen werden. Natürlich möchte der Kultusminister auch diese
Form der Ideenverbreitung womöglich vereiteln. Wenige Tage, nachdem
der erste Jugendunterricht auf die neue Art erfolgt war, wurde dem
Vorleser behördlich solche Tätigkeit bei Strafe verboten. Doch wir
wußten uns auch jetzt zu helfen: nicht er hielt am nächsten Sonntag
die Vorlesung, sondern ein anderer Gesinnungsfreund. Als auch diesem
die Sache verboten war, sprang ein Dritter in die Bresche, und so
fort. Da wir mindestens fünftausend Vorleser haben, könnten wir diese
sonntägliche Jugendunterweisung hundert Jahre durchhalten. Wenn ich
also nun raus bin aus dem Gefängnisse, geht’s mit dem Unterricht weiter
in der +neuen+ Form, in der unpersönlichen ... Sehen Sie, Herr
Lizentiat, das System unpersönlichen Lebens zerrüttet sich selbst.
Sie lachen? Aber neben der lächerlichen Seite hat die Geschichte auch
eine ernste, und die verschweigen Sie +nicht+ dem Vater Ihrer
Zöglinge, der doch Verständnis für Pädagogik hat. Weit entfernt, das
Interesse an den freireligiösen Vorträgen gelähmt zu haben, hat die
Verfügung des Ministers vielmehr hingebende Begeisterung ausgelöst
und nur in +einem+ Punkte uns Freireligiösen geschadet: die
Pädagogik hat gelitten. Sie werden zugeben, daß der Unterricht von
einer innerlich berufenen Persönlichkeit erteilt werden muß, und zwar
in sokratischer Art: auf lebendige Darlegung und Fragen des Lehrers
sollen die Antworten der Zöglinge erfolgen. Bei der neuen Form geht das
nun leider nicht. Also gegen den guten Geist des Unterrichts hat sich
das Unterrichtsministerium vergangen -- nichts andres hat es erreicht.
Übrigens wäre noch zu erwähnen, daß bei den Kindern und in weiten
Kreisen der Bevölkerung der gegen mich geführte Schlag das Ansehen der
Regierung und der Kirche nicht gefördert hat. Man muß bloß mal mit
einiger Unbefangenheit bedenken, was es heißt, einem sonst berufenen
Manne zu verbieten, seine Konfirmanden in seine freireligiösen
Anschauungen einzuführen -- ihm aus kirchenpolitischen Gründen die
sittliche Qualifikation zum Unterrichten überhaupt abzusprechen --
weil er seine Überzeugung bekennt, indem er nicht an den deistischen
Kirchengott glaubt.“
„Mag sein!“ meinte der Lizentiat kleinlaut, „der Mißgriff ist nun mal
geschehn. Genug! Sie erklären also, daß Sie den früheren Unterricht
+nicht+ fortsetzen werden? +Dann+ wird Ihr Gesuch um Niederschlagung
Ihrer Strafe +bewilligt+.“ -- „Und Sie meinen, ich werde mich zu
solch einem Gesuch +verstehen+? Habe ich +so+ lange hier gesessen,
kommt es mir auf ein paar Monate mehr nicht an.“ -- Der Lizentiat
war verdrossen: „Solch ein Gesuch paßt Ihnen nicht?“ -- „Ich will
keine Gnade!“ -- „Aber Sie haben doch um gewisse Vergünstigungen
nachgesucht, beißpielsweise, daß Sie Besuche empfangen dürfen?“ --
„Das sind +Rechte+ des Häftlings. Wenn ich aber um Niederschlagung
der Strafe bäte, würde ich anerkennen, daß sie +begründet+ ist, und
begäbe mich vom Standpunkte dessen, der sein Recht begehrt, auf den
Weg des +Bittstellers+.“ -- „Würden Sie denn nicht einmal um +Urlaub+
nachsuchen?“ -- „Urlaub? Warum nicht? Unter gewissen Umständen darf der
Häftling beurlaubt werden, das ist sein Recht.“ -- „Na also!“ meinte
der Lizentiat, und seine Zufriedenheit hatte etwas Listiges -- „dann
kommen Sie wenigstens um Urlaub ein!“ -- Ich stutzte: „Warum das? Ich
habe keine Neigung, die Erledigung meiner Strafe durch eine +Pause+ zu
unterbrechen. Sehn Sie mal, wie nett das hier eingerichtet ist! Und nun
sollen die Wandteppiche und fidelen Schnurrpfeifereien +heraus+kommen?
Nach vier oder sechs Wochen aber, wenn ich, nach Ablauf meines Urlaubs,
wieder ins Gefängnis +zurück+ muß, hat meine Frau aufs +neue+ die
Schererei des Einrichtens? Nicht doch! Lieber den Kelch in +einem+ Zuge
geleert!“
Mit einer gutmütigen Hinterhaltigkeit fixierte mich der Lizentiat:
„Nach vier oder sechs Wochen ins Gefängnis zurück? So meine ich es
nicht! Der Urlaub könnte ja +länger+ dauern! Hum! Verstehn Sie
mich denn nicht? Ich meine +sehr+ lange! hum hum!“ -- Ich sah ihn
groß an -- ein Licht wollte mir aufgehn. „Der Herr, in dessen Hause Sie
sind, ist doch nicht etwa gar --?“ Der Lizentiat legte den Finger auf
seine Lippen.
Dann holte er seinen Mantel, ich half ihm hinein. Die Handschuhe
anlegend, meinte er treuherzig: „Also nicht wahr, Sie kommen um Urlaub
ein? Sie verßprechen es mir!“ Herzlich drückte ich die dargereichte
Hand: „Sie sind ein guter Mensch! Ich werde mir’s überlegen.“ --
Als der Lizentiat fort war, dachte ich über das Rätsel nach, das
hinter seinem eigentümlichen Rat steckte. Hatte er wirklich so etwas
wie eine Mission? Der Vater seiner Zöglinge war Diplomat, ein hoher
Beamter -- war’s vielleicht gar der Kultusminister? Oder ein Dezernent
im Ministerium? Warum nicht? Es war auch schon möglich, daß der hohe
Beamte aus rein menschlichem Wohlwollen mich in Freiheit bringen
wollte. Wozu dann aber bloßen Urlaub geben? Oder halt! War der Urlaub
vielleicht ein +Vorwand+? Steckte dahinter die +endgültige+
Befreiung? +Darum+ wohl hatte der Lizentiat bedeutsam gehustet!
+Sehr+ lange, hatte er gesagt, könne der Urlaub dauern. Aha!
Die Herren möchten mich mit Anstand los werden, mein Fall ist ihnen
unbequem!
Ich lächelte -- mußte wieder an Schilda denken. Einmal fand ein
Schildbürger einen Krebs, und weil ihrer noch niemand solch ein
Ungetüm gesehen hatte, das um so unheimlicher war, als es rückwärts
kroch, so verhaftete man den Krebs, sperrte ihn in eine Schachtel und
machte ihm den Prozeß. Da nun das gereizte Vieh mit seiner Schere
einen Schildbürger kniff, bekam man Angst und wollte das Ungeheuer
auf irgendeine Weise los werden -- immerhin in aller Form Rechtens.
Schließlich entschied man, der Krebs müsse ins Wasser, um elendiglich
zu versaufen, und warf ihn in sein Element. Der Krebs bin ich. Der
weise Rat von Schilda hat mich erst eingespunnen -- nun wäre er
zufrieden, das lästige Ungeheuer los zu werden, ohne sich was zu
vergeben. Heureka! Man setze den Gefangenen einfach dahin, wohin er
gehört: an die frische Luft.
Dreck--Speck--Zweck überhaupt
Als ich erwachte, heulte Tauwind und plätscherte es vom Dach. Mit
Schaufel und Besen suchte Onkel Pofke auf dem Hof einen Pfad durch
den Schnee zu bahnen. Die Geräusche kamen mir garstig vor, ich legte
mich auf die andere Seite, obwohl es bereits Tag war und in meinem
Ofen frische Heizung bullerte. -- Wozu denn auch aufstehn? Draußen
herrschte Matsch und Dreck, hier die Gefangenschaft war trotz meines
Galgenhumors im Grunde doch auch etwas Ödes, und nicht bloß das Dasein
des alten Landstreichers, sondern das menschliche Leben überhaupt hatte
was von jenem Göpel, den Bolle gestern erwähnte: Die hagre Mähre geht
immerfort im Kreise herum, gedroschen wird viel leeres Stroh.
Und um solch ein Leben sollte ich mich ernsthaft bemühen? Ich sollte
das Urlaubsgesuch machen, von dem der Lizentiat meine Enthaftung
erwartete? Enthaftung! Als ob nicht all unser Dasein eine triste
Gefangenschaft wäre! Nein, da will ich lieber in diesem ehrlich
verdienten Loche bleiben, um verächtlich weiterlachen zu können über
Schilda und seine Putzigkeit. Meine Robinsonklause ... Ach nein
doch, Robinson hatte es besser -- dem ganzen Zivilisationsschwindel
entronnen, durfte er sich ein eigen Leben erschaffen in seiner
Einsiedelei, und die Menschenfresser, die ihn mal beunruhigten, waren
nicht so lästig, wie Europas Gesittungsphilister -- uff!
Um meiner Verdrossenheit Luft zu machen, kam mir der Pfahlbürgerreigen
auf die Lippen: „Dreck, Speck, Zweck überhaupt! Reia, reia ...“, und
dann murmelte ich etwas vom „Deibel“. Plötzlich mußte ich auflachen
-- ein Geschichtchen fiel mir ein, das Onkel Pofke neulich berichtet
hatte. Durch das Flugblatt war sein Mikrokosmos in Aufruhr geraten, und
er liebäugelte geradezu mit meinen Ketzereien. Mit Genugtuung hatte er
vernommen, daß Hunderte von Zustimmungsschreiben aus allerlei Schichten
der Bevölkerung bei mir eingelaufen waren und ein paar Dutzend
Versammlungen gegen das Vorgehen des Kultusministers protestiert hatten.
Vorgestern hatte Onkel Pofke solch eine Versammlung sogar besucht. Er
war ganz begeistert davon, und ein komisches Vorkommnis erzählte er
mit immer neuer Heiterkeit: Ein Redner bekannte sich zum Atheismus,
gebrauchte aber am Schluß seiner Ausführungen die Worte: „Muß der
Glaubenstrott denn immer so weitergehen? Gott Lob, nein!“ Hier war
der Zwischenruf erfolgt: „Wieso Jott Lob? Sie jlooben doch an keenen
Jott!“ Begütigend lächelte der Redner: „Ach meine Herren! das ist eine
gedankenlose Redensart -- als Kind hat man sie aufgeschnappt, weiß
Gott ...“ Lachend echote die Versammlung: „+Wieso+ weiß Jott? Ach
Jotteken!“ Achselzuckend suchte sich der Verspottete zu entschuldigen:
„Auch ich habe leider Gottes ...“ -- „Hoho! schon wieder hat er’s mit
Jott!“ Jetzt riß ihm die Geduld, und er stampfte mit dem Fuße: „Aber
erlauben Sie mal! Ich +meine+ es doch, Gott sei Dank, nicht so!“
In dem Gebrüll, das losplatzte, war vom Protestieren des Redners nichts
zu verstehn; er mußte abtreten. Adolf Hoffmann, der die Versammlung
leitete, goß unter Läuten seiner Glocke glättendes Öl auf die Wogen
und nahm selber das Wort: „Der Fall zeigt wieder mal, mit dem Mundwerk
muß sich der Mensch höllisch vorsehn ...“ Hier wurde auch er durch
Gelächter unterbrochen, und man rief: „Höllisch? Wieso? Adolf jloobt
doch an keene Hölle!“ -- Mit seiner schlagfertigen Kaltblütigkeit
entgegnete Hoffmann: „Aber natürlich -- an eine +Hölle+ glaub’
ich! Einen lieben Gott allerdings jibt es nich -- der soll sich erst
entwickeln! Aber eine Hölle jibt es -- die Menschen nämlich machen sich
das Dasein zur Hölle. Wenn man so sieht, wie sich das jejenseitich
beschummelt, bemopst und verknutet, patriotisch niederkartäscht
und mit Jott verketzert -- gestehn Se, Herrschaften, da findet der
menschenfreundliche Atheist manchmal keinen ehrlicheren Ausdruck für
seinen heiligsten Jlauben, als so’n recht herzliches: Pfui Deibel!“
-- Das war für Onkel Pofke ein Lichtblitz gewesen, er rühmte Adolf
Hoffmanns „Sprechanismus“ und tippte sich mit dem Finger auf die Stirn:
„Nanu wird’s Tach unter de Nachtmitze!“ -- „Aber Pofke!“ hatte ich
erwidert -- „wie können Sie so über Ihre Amtsmütze sprechen? Sie Sozi,
pietätloser!“
Übrigens hatte Onkel Pofkes Amtsmütze einen besonderen Anteil an
meiner schlechten Stimmung wie an seiner Rebellion. Und das war so
gekommen: Unter dem Vorwande, Reißen in der Schulter zu haben, wogegen
nur kräftige Bewegung der Arme helfe, hatte ich Pofke verleitet, mit
mir auf dem See herumzurudern, und da er sich diesem Sport mit wilder
Begeisterung hingegeben, war seine Amtsmütze ins Wasser gefallen und
auf den Grund gesunken. Weil nun die schmähliche Nacktheit seines
edelsten Organs auf der Straße, als er mich zum Gefängnis heimbrachte,
Aufsehen erregt hatte, war der Unratschnüffler Biedermaxe aufmerksam
und, nach Feststellung des Tatbestandes, beim Landrat vorstellig
geworden. Ein Staatsgefangener, der auf dem See herumgondle, noch
dazu ohne gehörige Aufsicht, ja unter Herabwürdigung eines amtlichen
Uniformstückes, sei eine Verhöhnung der öffentlichen Ordnung und der
altpreußischen Beamtenehre.
War nun der Landrat auch geneigt, wegen dieser Denunziation kein
Aufhebens zu machen, so verlangte ein anderer und entschieden ärgerer
Fall, daß er doch einschreite. Eines Nachmittags nämlich, als Bolle
arglos schlief, hatten meine Freunde einen Photographen gebracht, um
ein Bildnis meines Hotels aufzunehmen. Während ich mit meiner Frau
durchs Kerkerfenster lugte, standen Wilhelm Bölsche und Julius Hart
davor, auch Frau Hart und Frau Bartels, die kleine Freia auf dem Arm.
Bartels war im Begriff, aus einer umstürzlerischen Zeitung vorzulesen,
und zwei Pennbrüder hatten die Gelegenheit, sich gratis verewigen
zu lassen, mit lachender Keckheit wahrgenommen. Der Photograph
hatte geknipst und hatte dann die ebenso kompromittierende wie
realistische Schilderung eines Staatsgefängnisses von Schilda in seinem
Berliner Schaukasten ausgestellt, noch dazu mit der Unterschrift:
„Gewissensfreiheit in Preußen“. Nachdem das Bild einen reißenden
Absatz gefunden, besonders an Volksschullehrer und Studenten, hatte
die Polizei darüber dem Kultusminister Meldung gemacht und dieser
beim Amtsvorsteher angefragt. Gestern hatte das Unwetter getobt,
Bolle war außer sich gewesen. Von Disziplinar-Untersuchung, ja von
Entlassung hatte er gejammert und dem Onkel, den er zum Sündenbock
machte, Entziehung der Gasthaus-Konzession in Aussicht gestellt. Mich
hatte er geärgert durch die Drohung, Spaziergänge in der früheren Art
könnten nicht mehr gestattet werden; hingegen stehe es mir, wenn ich
Bewegung haben wolle, frei, ihn auf seinen dienstlichen Gängen durch
Friedrichshagen zu begleiten. Gegen diese Zumutung hatte ich mich grimm
empört, und so war zwischen uns ein richtiger Krach erfolgt ... Daß
ich beim Überdenken dieser Dinge den Deibel zitierte und die Hymne
des höheren Stumpfsinns „Dreck, Speck, Zweck überhaupt!“, ist um so
begreiflicher, als die Freiheitswelt da draußen sich tatsächlich in
Dreck und Speck auflöste.
Nachmittags wurde es besser, ein eisiger Nord blies, und taumelnde
Flocken legten sanft die Farbe der Unschuld über den erstarrten
Schmutz. Als ich meiner Frau eröffnete, ich sei nunmehr gar nicht
geneigt, um Urlaub nachzusuchen, redete sie mir gut zu: „Ach was! Mach
doch kein Gesicht, als wären dir alle Felle weggeschwommen! Flott raus
zum Spaziergang!“ -- „Bolle weigert sich, mitzugehn!“ -- „Unsinn! Ich
werde mit ihm sprechen. Wo ist denn diesmal deine Adventsstimmung?
Sonst bist du doch immer vor Weihnachten so erwartungsfroh! Gleich
gehn wir über den Weihnachtsmarkt -- die grünen Tannenbäumchen sollen
dich begeistern -- und wenn du hernach deinen Tee trinkst, mag dir der
Teelöffel, den ich dir hier nebst dem gewünschten Teeglas mitgebracht
habe, eine Adventsgeschichte erzählen. Achte auf ihn, er ist mein
Bundesgenosse!“
Was der Teelöffel anstiftete
„Meine enge Klause kann doch nicht zur Aufbewahrung von Tassen,
Tellern, Löffeln dienen.“ Das war die Ansicht meiner Frau, und deshalb
hatte sie, was ich an Tischgerät brauchte, für jeden Einzelfall aus
ihrer Wirtschaft besorgt. Morgens brachte Frau Bolle ein Kännchen und
eine Tasse -- hinein tat ich meinen Tee, den ich selbst bereitete.
Das dicke Wirtshausporzellan war allerdings barbarisch für den
duftenden Nektar des sinnigen Ostens. Wenn man nicht gerade ein
Porzellan-Schälchen aus China hat, zart wie ein Blumenkelch, paßt für
Tee nur Glas, dünnes Glas. Damit aber beim Eingießen des heißen Trankes
das Glas nicht springe, leitet man etwas von der plötzlichen Erhitzung
auf Metall über, und diesem Zweck soll der Teelöffel dienen, der also
beim Einschenken im Glase sein muß. Es dürfte somit verständlich sein,
daß ich meine Frau gebeten hatte: „Bring’ mir doch ein Teeglas nebst
Löffelchen mit.“ Diesen Wunsch hatte sie ja nun erfüllt.
Als wir unseren Spaziergang über den bescheidenen Weihnachtsmarkt
von Fritzenwalde beendet hatten, lud ich meine Frau ein, an meinem
Tee teilzunehmen. Sie lehnte diesmal ab, empfahl mir aber, auf den
Teelöffel zu achten. Nicht ohne Neugier sah ich mir das Ding an, auf
das meine Frau so große Stücke hielt. Sonderbar! Zu dem hübschen,
geschliffenen Teeglas paßte er ganz und gar nicht -- er war nicht von
Silber. „Du denkst wohl: wo Gefangene hausen, sind silberne Löffel
nicht sicher -- wie? Und deshalb bringst Du mir so’n ordinäres Dings!“
-- „Ordinär?“ Meine Frau hatte gelächelt, als ob sie ein Rätsel
aufgeben wolle: „Wirst schon sehen, was das für ein Dings ist. Besinne
Dich!“
Dies Gespräch ging mir durch den Sinn, als ich einsam in meiner Klause
den Tee bereitete. Kopfschüttelnd nahm ich den Teelöffel. Das war ja
nicht mal Zinn, sondern Blei -- schwärzlich grau wie eine Gewehrkugel,
ohne Glanz, ohne Klang, überdies verbogen. Und das sollte nichts
Ordinäres sein? „Besinne Dich!“ Na ja -- etwas Gemütliches, etwas
Anheimelndes war daran. Aber ich begriff es nicht ...