sei, daß die Zahl seiner Untertanen über Nacht von 319 auf 321
emporgeschnellt sei, daß nämlich Kasper, der Schuster drüben, zur Taufe
Zwillinge angemeldet habe. „Zur Taufe?“ entgegnet der Hofprediger --
„der Kasper läßt seine Kinder nicht taufen -- der chlaubt an keinen
Chott und keinen Teufel.“ -- „Ich bin sehr unchnädig!“ schnauzt
Serenissimus, -- „der Hofprediger hat dem Volke die Relichon zu
erhalten, dafür wird er bezahlt. Bring er dem Kasper allen nötigen
Chlauben bei! Sochleich! In meiner Chechenwart!“ Kasper wird zitiert,
während Serenissimus im Versteck lauscht. Der Hofprediger will den
Lieben Gott leibhaftig zeigen und kommt vermummt, mit weißem Bart, im
himmelblauen Talar. Da Kasper nicht glauben will, daß der Liebe Gott
eine Visage wie der Hofprediger habe, droht dieser, er werde jetzt den
Teufel holen. Wie der Rotmantel mit den Glotzaugen, der blutigen Zunge
und den Hörnern erscheint, haut ihn Kasper mit seiner Pritsche tot. Als
Mörder des Hofpredigers, der ja in der Verkleidung steckte, wird er nun
zum Tode durch das Beil verurteilt.
Im folgenden Akt stellt sich heraus, daß die Regierung eine Sache
übernommen hat, der sie nicht gewachsen ist. Man hat keinen
Scharfrichter, der ist zu kostspielig. Ein Fallbeil aber auch nicht
billig. Von den 25 Soldaten, die dem Landesherrn dienen, will keiner
den Scharfrichter machen -- Menschen zu morden, sei nur dann ehrenhaft,
wenn es massenhaft und gegenseitig geschehe. Da der Verbrecher also
nicht hingerichtet werden kann, so muß man ihn gefangen halten. Aber
Wärter und Verpflegung wollen bezahlt sein. Der Rat des pfiffigen
Ministers, den Wärter abzuschaffen und das Gefängnis offen zu lassen,
damit der Verbrecher Gelegenheit zur Flucht habe, bewährt sich nicht;
der Verbrecher spaziert zwar vergnügt herum, kehrt aber abends in seine
Zelle heim und verlangt die ihm zukommende Verpflegung. Um wenigstens
eine besondere Gefängnisküche zu sparen, stellt man dem Verbrecher
anheim, sich seine Kost aus der Schloßküche zu holen. Da er jetzt
auch noch mit der fürstlichen Köchin anbändelt, muß man endlich ein
Mittel finden, ihn los zu werden. Umsonst reizt ihn Serenissimus zur
Auswanderung nach dem freien Amerika -- das fidele Gefängnis paßt ihm
besser. Schließlich einigt man sich dahin, Kaspar solle Urlaub auf
unbestimmte Zeit kriegen und ein Jahresgehalt. Ein Stündchen vor der
Residenz, verlebt er den glücklichen Rest seiner Tage als pensionierter
Verbrecher.
Vom Kunstgenuß mußten sich die Männer beim Glase Bier erholen.
Alles prostete mir zu, und Bölsche knüpfte an das Lied an, mit dem
die Komödie geschlossen hatte: „Kann’s was Schönres geben, als
Gefängnisleben?“ Stimmt schon! Auch an Bruno erfüllt sich dies Wort.
Denn schlich ein Besucher scheu um das Verließ zum Preußischen Adler,
um Kunde zu erhaschen vom armen Dulder, so kam Frau Bolle in weißer
Schürze und meinte schnippisch: „Der Herr Gefangene ist nicht zu
sprechen -- er sucht im Walde Pilze -- der Herr Gefangene geruht mit
Onkel Pofke auf dem See zu gondeln -- mit berühmten Ausländern kneipt
er im Waldhaus -- wird von seiner Frau gebadet -- Gefängnisschlüssel
ist verlegt. Das war +auch+ ne Kartoffelkomödie!“ -- „Ach ja!“
seufzte ich -- „wir necken -- und es stimmt ja auch, was +mich+
betrifft. Aber die +wirklich+ armen Gefangenen! Vielleicht,
daß König Lear glücklich nach Bielefeld gelangt ist. Aber die
+anderen+, die Tausende und Abertausende hinter Schloß und
Riegel, mag man sie arbeitsscheu nennen oder Verbrecher. Verbrecher?
ja was heißt denn das? was ist denn das für’n Tier? Ein Verbrecher
ist entweder wie wir alle, bloß daß er Pech hat -- oder er ist ein
Abenteurer: für das Außergewöhnliche veranlagt -- oder endlich er
gehört zu den Verkümmerten. Was diese betrifft, so ist es unsinnig,
sie im Gefängnis vollends verkümmern und versauern zu lassen. Wird
etwa ein Gewächs, das auf schattigem, magerem Boden dahinsiecht,
im finstern Keller was Besseres? Doch freilich, wer die Sünde für
Teufelsbrut hält --! Sie ist eine irre Kraft und kann, richtig gelenkt,
Tüchtiges schaffen. Immer aus dem Lebendigen heraus soll man den
Menschen bilden, Gefühle nicht unterdrücken, sondern erlösen, alle
Kräfte zur Fruchtbarkeit lenken, nicht ängstlich hemmen -- gestaute
Fluten brechen den Damm. Wann endlich wird die Menschheit einen
Aberglauben verabschieden, der ein Seitenstück ist zum Glauben an Sankt
Satans Bratspieß? Ich meine den Glauben ans Gefängnis!“ -- „Kurz, der
pensionierte Verbrecher ist nicht bloß lustig, sondern auch lehrreich“,
scherzte der Kreispfiffikus; „liquidieren Se man, nach Kaspers Muster,
Verpflegungskosten für die Zeit Ihres Urlaubs!“
Die Kinder mußten jetzt nach Haus. Frau Gröbers, deren Mann verreist
war, meinte, sie finde sich mit ihrem Fritzchen allein nach Haus, nahm
aber meine Begleitung an. Bölsche, der frische Luft schnappen wollte,
ging auch mit. Den Knaben, dessen Flachshaar unter der Pelzkappe
hervorwallte, hielt ich an seinem kleinen Fausthandschuh; so gingen
wir durch die Winternacht und plauderten über die Kartoffelkomödie.
„Nächstens zeig ich dir, wie man Kartoffeltheater macht!“ -- „Au
ja! Mutti hat viele Tartoffeln.“ -- „Glaubs schon! Aber nu sieh
mal, Fritzchen, oben die Sterne!“ Einen versonnenen Blick warf er
nach oben: „Die Sterne sind wie Tartoffeln -- machen sie denn auch
Tartoffeltheater? Was spielen sie denn?“ -- „Schwer zu sagen -- da
kann man nur raten!“ -- „Rate doch mal, Ontel!“ Hier ließ das Kind
merken, daß es von seinem philosophischen Vater was wegbekommen hatte.
Das Geplauder war zu Ende, da wir in der Seestraße Halt machten. „Nun
bedanke Dich bei den Onkels!“ sagte Fritzchens Mutter.
Als wir uns verabschiedet hatten, schlug ich Bölsche vor, noch die
paar Schritte bis zum waldigen Müggelufer zu tun; dann standen wir
auf abfallender Sanddüne am zugefrorenen See. Da lag der märkische
Nöck in der Haft des Eises. Im blanken Kristall spiegelten sich die
wimmelnden Sterne. Hin und wieder ging ein Stöhnen ruckartig über die
weite Fläche, ähnlich dem dumpfen Brüllen eines Stiers -- es wallte die
gebändigte Flut, die Kruste bog sich und brach in langen Rissen.
Wir schwiegen, erschauernd vor dem geheimnisvollen Leben im Busen
der Erde und droben im Sternenmeer. Und ich raunte: „Was die Sterne
spielen, wollte Fritzchen wissen -- ob sie ein Kartoffeltheater sind.“
-- „Kindermund, Kindermund!“ scherzte Bölsche -- „mit den Sternen
spielt der Liebe Gott Kartoffeltheater -- dann wirft er sie in die
Rumpelkiste, und die Komödie ist ex!“ -- Mir ging das Herz auf: „Wir
sprachen neulich vom Traum des Gefangenen. Sich ins Geheimnis zu
betten, ihm zu trauen, das ist sein heiligster Traum. Und dessen
großartigstes Bild der Sternenhimmel. Manchmal durchschauert mich
die Bedeutung der Sterne -- ich fühle mich versinken in seligen Tod,
abgestorben aller Enge, aller Unrast, geborgen im Schoße des Friedens.
Die Sterne sind ein wundervolles Orgelspiel. Keine Kartoffelkomödie.
Sie sind Zeugen einer unbegrenzten Möglichkeit. Wie Kolumbus möcht
ich fahren zur Neuen Welt. Die alte paßt mir nicht mehr recht.
Ist mir zu eng, ein richtiges Gefängnis -- eine Schildbürgerei
und Kartoffelkomödie, aus der ich mal beurlaubt werden möchte --
auf unbegrenzte Zeit.“ -- „Ach ja!“ seufzte Bölsche -- „wer in
unserer Lebensenge nicht verkommen ist, spürt dies Heimweh nach dem
Sternenfrieden. Doch spürt man auch immer wieder, daß man ein Kind
der Erde bleibt, gefesselt mit Ketten -- oder mit Rosenketten. Wir
Schwärmer alle sind Häftlinge auf Urlaub, sind wie der Kartoffelkasper
pensionierte Verbrecher. Auf denn, mit guter Laune! Kann’s was Schönres
geben als Gefängnisleben? Wenigstens Schilda hat seine fidelen
Molligkeiten ... Hier draußen im Weltall wird’s unwirtlich. Unsere
Kerkergenossen haben was von Glühwein gemunkelt -- dicht gedränget Mann
und Weib, wärmen sie mit Punsch den Leib.“ -- „Ach ja!“ seufzte ich --
„der Frost beginnt mir die Ohren wegzuschneiden.“ -- „Ha, mit einmal
sehnst du dich nach deiner warmen Kerkerklause ... O Fauste, wo blieb
deine Sternenmystik? Kehre zurück zu Bollen, es ist alles vergeben! Die
Wunden der Knechtschaft schmerzen nicht wie diese Hundekälte. Waren
nur leichte Dornenrisse -- von den Rosenketten des Preußischen Adlers.
Schon vernarben sie -- schon liegen die paar Gefängnismonde verklärt
in deiner Seele ... Es schwellen die Herzen, es blinket der Stern --
gehabte Schmerzen, die hat man gern.“
Eugen Diederichs Verlag in Jena
Bruno Wille, Die Abendburg/Chronika eines Goldsuchers. 17. Taus. br. M
5.--, in Leinwand geb. M 6.50
Dies Werk krönten die Preisrichter (Paul Heyse, Rud. v.
Gottschall, Gust. Falke, Rud. Greinz, Hans Land) mit dem
Dreißigtausend-Mark-Preis, den Phil. Reclams Verlag für den besten
deutschen Roman ausgeschrieben hatte.
+Wilhelm Bölsche+: Wer mit einem Herzen voll Sehnsucht, Liebe
und Müdigkeit aus den Sturm der Welt in der Ebene unten heraufkommt
auf die Vorhöhe des Riesengebirges und nun Tag um Tag diese ruhende
Weite mit ihren unnahbaren Rauchsäulen erlebt, den muß dieser Anblick
zuletzt mit einer schmerzlichen Süßigkeit erfüllen wie ein Symbol
der ewigen Ferne selbst, des lieblich Unerreichten, von dem uns ewig
tiefe, dunkle, wasserdurchrauschte Klüfte trennen in dieser Welt der
Resignationen -- und von dem doch ein milder Frieden uns anweht -- der
Frieden des Nichtbesitzes, aber der reinen, beseligenden, wunschlosen
Schau. Diese +Stimmung der läuternden Ferne+ ist es, mit der
die Dichtung von der Abendburg ausklingt. Um ihre Wirkung, auf der
zuletzt die höchste dichterische Bedeutung des Werkes beruht, in ganzer
Kraft herauszubringen, bedurfte sie eines dunkelsten Kontrastes. Eine
Nacht mit roten Flammen mußte da unten durch den Talgrund geschritten
sein, um verständlich zu machen, daß zwei leidenschaftlich brennende
Seelen zuletzt nichts mehr suchten als den Frieden solcher im Duft
vergehenden Sonnenferne. Vor des Dichters Auge zogen die Motive des
Dreißigjährigen Krieges vorüber. Jagd nach vergänglichem Glück, nach
Gold, verirrter Glaube, der im vermeintlichen Kampf um das Höchste
unschuldige Menschen unter dem Zusammenbruch brennender Kirchen begrub.
Oben in den Einsamkeiten des Riesengebirges war aber ein uraltes
Goldland so gut wie ein Zauber- und Geheimglaubensland. Hier fanden
sich noch die rätselhaften Walenzeichen, auf Geheimsprachen fremder,
italienischer Goldsucher gedeutet. Eine Felsengruppe bezeichnet der
Volksmund als die „Abendburg“. Natürlich ist sie ihm ein verzaubertes
Schloß. Unermeßliche Schätze eines Sagenkönigs ruhen in ihrem Grunde.
Ein Schatz, in die Hand eines Goldsuchers gegeben, eine Trutzburg,
aufgebaut hier oben im freien Gebirge, -- das waren Motive, die dem
Dichter aufsteigen mußten, wenn er einsam im hohen Heidelbeerkraut
unter diesen Zyklopenmauern saß. Das Gold war es nicht, was erlöste,
auch wenn es wie ein Wunder aus der Erde quoll. Der Glaube war
es nicht, einerlei ob Kirchenglaube oder uralter, neu erweckter
Naturglaube, wenn er zu Fanatismus wurde und die Liebe immer wieder
kreuzigte. Und dann der höchste Einschlag: wie zwei Menschenseelen,
die sich aus all diesen Grauen und Enttäuschungen endlich, endlich
herausgerungen, sich selber befreit haben von allem Rauch und aller
verheerenden Glut des finsteren Tales -- wie diese Menschen doch die
Schuld der Welt selber noch darin ganz zuletzt wie eine Erbsünde
abbüßen müssen, daß auch ihnen beiden nicht das Glück wenigstens der
letzten irdischen Vereinigung nach unendlicher Pilgerfahrt wird.
Eugen Diederichs Verlag in Jena
Bruno Wille, Offenbarungen des Wacholderbaums
Roman eines Allsehers. Fünftes Tausend. Zwei Bände. br. M 8.--, geb. M
10.--.
Kunst, Philosophie, Naturwissenschaft und Religion schließt dies Buch
zu einer harmonischen Weltanschauung in Romanform zusammen.
+Friedrich Paulsen+: Es ist ein eigenartiges, man wird sagen
dürfen einzigartiges Buch, Roman, Lebenserinnerungen, philosophische
Dialoge, spekulative Reflexionen, Traumbilder, endlich Gedichte,
Gedichte von wunderbarer Stimmungskraft und Gewalt der Sprache,
alles dies ist hier zu einem erstaunlichen Ganzen verwoben. Th.
+Storm+ hat nicht mit größerer Sicherheit und Kraft den Leser die
Enthüllung eines furchtbaren Geheimnisses vom ersten Aufdämmern bis zur
vollendeten Gewißheit miterleben lassen, als es hier geschieht. Und
ein anderes erinnert mich an den Dichter meiner Heimat: die vollendete
Meisterschaft, womit Natur, Boden und Menschenschicksal zur Einheit
verflochten sind. Der Boden, auf dem diese Geschichte spielt, ist die
Mark; die schwermütige Seele der märkischen Landschaft, die Einsamkeit
und Stille von See und Wald, von Heide und Moor, von Sumpf und Fließ,
sie ist nie so rein in poetisch-musikalische Stimmung umgesetzt als in
diesen Schilderungen und Gedichten.
Bruno Wille, Der heilige Hain. Gedichte br. M 3.--, geb. M 4.50
+Julius Hart+: „Der heilige Hain“ heißt der Band der Gedichte, in
dem Bruno Wille die ganze Ernte seines lyrischen Schaffens darbietet.
In voller herbstlicher Reife, mit Früchten behangen, steht der Baum
einer Dichtung vor uns. Alles, was der Künstler und Mensch besitzt
und uns geben kann, gibt er uns auch in diesem Buche: die Quintessenz
seiner Persönlichkeit, seinen Lebensgrund und sein Lebensgrundwerk. Und
mit höchstem Rechte redet er vom heiligen Hain. Kein anderes Titelwort
gebührt dem Buche so sehr wie dieses. Die Willesche Dichtung, ein
Hirten- und ein Schalmeiengesang, eine aus dem tiefsten Naturgefühl und
Naturbewußtsein hervorgeholte echt-arkadische Weise, schwärmerischer
und naiv-sentimentaler Ausdruck des polytheistischen Pantheismus,
der den Anfang und den Urgrund aller unserer Religionen ist, mit dem
der Mensch religionschöpfend auftrat -- diese Willesche Kunst ist
ein einziges großes Gedicht auf jene älteste Welt, in der alle Dinge
beseelt sind. Sie ist durch und durch Naturmythik, der mythologische
Ausdruck, wie er eine Rigveda-, eine skaldische Poesie beherrscht.