Bald darauf trat der Amtsdiener zu mir ein. Sonst sagte er immer

„Scheenen juten Morjen, Herr Dokta“ -- diesmal nur kalt: „Morjen!“

-- „Schönen guten Morgen, Herr Amtsdiener Bolle!“ Er stutzte --

schon milder kam es heraus: „Det Ibelnehmen jeheert doch woll uf

+meine+ Seite.“ -- „Wieso denn? Ich kann doch nichts dafür,

wenn die Müggelpiraten ... Oder wollen Sie mich dafür verantwortlich

machen, daß der Herr Amtsvorsteher Sie beordert hat, Ihren Häftling

sich selbst zu überlassen?“ -- Bolle geriet in die Wolle: „Nu aber brat

mich eena’n Storch! Sich selbst? So war et nich jemeent! Sie sollten

doch jleich in Ihre +Zelle+ zurick, scheen +ordentlich+, wie

sich det +jeheert+. Aber wat jeschieht? Um Uhre zwee klingeln

Se mir aus Morpheus Arme -- un denn haben Se ooch noch det amtliche

Schlisselbund valoan! un ick, ick ... Denken Se mal an, wenn ma nu

so’n Piraten erwischt hätten, un hätten ihm inhafti’an sollen -- un

ick hätte hier wie’n oller Dussel jestanden -- un keen Schlissel

da --? Un ick hätte sagen missen, det ick +Sie+ den Schlissel

iebajeben hätte, Sie aber wären denn +ooch+ noch futsch jewesen!

Denken Se bloß det Theata! Un da soll man zu +schweijen+? Un keene

Jardinenpredigt halten?“ -- „Bedenken Sie, ich habe eine +rote+

Gardine -- bin ein Ketzer! +Mein+ Gewissen kriegen Sie so leicht

nicht unter. Was ich wollte, war ja ganz brav -- daß die Geschichte

anders ablief, war ~Force majeur~! Haben Sie nicht vernommen, wo

der Kerkerschlüssel war? Im Kastanienbaum hängen geblieben! Ist das

nicht höhere Gewalt? Sie wissen doch aus der Bibel, daß kein Sperling

vom Dache, kein Haar von unserm Haupte fällt ... Sehn Sie, Bolle, nu

bin +ich+ der Fromme!“ -- „Keene Zicken, Herr Dokta! Der Fall is

ernst! Ick will zujeben, mit die Schlissel, det mag Forsse jewesen

sind ... Aber wat jing denn vorhea? +Jekneipt+ haben Se -- int

Waldhaus haben Se +Pilsena+ jekneipt -- un +jesungen+ haben

Se un +jestampft+. War det +ooch+ Forsse? +Leichtsinnig+

war det! Denn nu hören Se mal, wat jeschehn is! Uff die Stunde, wo

Sie kommerßi’an wie’n Studente, kommen wir Beamtens von unsere Razzia

zurick -- und wie ma nu in’t Restorang det Singen un Klawezimbeln

heeren, da kricht unser stellvatretender Amtsvorsteha nich iebel Lust,

+ooch+ een Pils zu jenehmigen. Mein juta Jeist raunt mich zu, det

ick abraten soll. Erlauben Se, Herr Amtsvorsteha: de Polizeistunde

is längst vorbei, un wenn Sie inkehren täten, könnten unsre

Friedrichshäjer skandali’an von wejen det beese Beispiel ... Ja sehn

Se, Herr Dokta, det hat jeholfen -- Kuhlicke stand von sein Vorhaben ab

-- un ick war jerettet. Aber um +een+ Haar ... Ja ja, Herr Dokta,

stellen Se sich vor, unsa Staatsjefangena, wo den doch janz Balin un

de deitsche Presse ins Ooge behält, der wäre, statt hinta Schloß un

Riejel zu brummen, von den Amtsvorstand nachts quietschverjnügt in de

Kneipe anjetroffen! Haste Töne? Hurrejott, eenen Weltskandal hätte

det jejeben! Un Ihnen? ja wat meenen Se woll, wohin man +Ihnen+

jestochen hätte?“ -- „Ergreift ihn, Knechte, bindet ihn!“ deklamierte

ich -- „bringt ihn zu Schiff nach Küßnacht -- wo weder Mond noch Sonne

ihn bescheint!“ -- „Spotten Se man noch! Wenn ick nu die janze Zicke

zur Meldung brächte, wat? Un wenn der Amtsvorsteha nu selbstmurmelnd

saachte: jetzt hat et jeschnappt mit de Vajinstejungen? Wat meenten

Sie denn +da+derzu, Herr Dokta, wat?“ -- „Ich würde protestieren

-- würde laut erklären: das ist ungerechtfertigt! Daß ich mich nicht

absichtlich von meiner Haft gedrückt habe, liegt auf der Hand. Bedenken

Sie doch, Bolle, wie brav ich mich gehalten habe, als Sie mir damals,

ganz aus freien Stücken, den Kerkerschlüssel eingehändigt hatten --

wenn ich das nun geltend machte?“ Ängstlich starrte mich Bolle an und

meinte bitter: „Kiekste aus +die+ Luke? Ha’k Ihnen nich jebeten,

halten Sie det jeheim?“ -- „Will ich ja auch, Bolle! Aber Sie selber

rollen diese Akten auf.“ -- „Ach, ick rolle nich!“

In diesem Augenblick erscholl es vom Gefängnisflur wie Echo, in

männlichem Baß nach bekannter Opernmelodie: „Ich ’rolle nich! Dreimal

verlornes Lieb, ich grolle nicht!“ Der Kreispfiffikus natürlich.

„Was is denn los bei Ihnen? Ich traue meinen Ohren nicht, wie ich

dieser Klause nahe. Ein Lyriker freilich haust darin -- aber daß er

nun auch noch unsern Bolle angesteckt hat, und daß der Reime macht

wie Rolle auf Bolle ... Was gibt es denn hier zu rollen? Diese Zelle

war allerdings früher eine Waschküche -- wollen Sie auch noch eine

Rollkammer draus machen, wie?“ Bolle belächelte die Kalauer des Arztes

und sah ihn forschend an -- ob er auch nicht zuviel gehört hätte. „Ja

gucken Se man, Bolle! Sie haben allen Grund, mißtrauisch zu spähen, ob

man’s Ihnen gegenüber nicht despektierlich meint. Ach Himmel, erbarm

dich! Sind +Sie+ ein forscher Polizeier! Und überhaupt Ihr von

der Greifgarde! Nein, diese nächtliche Treibjagd auf Müggelpiraten!

Unser Häftling ist natürlich Unschuldswurm -- in die Klausur seiner

Eremitage dringt nicht das Lärmen der wüsten Welt -- wo man nachts

in den märkischen Wäldern mit Pistolen Löcher in die Natur schießt

... Also vernehmen Sie, stiller Klausner, was für Romane unsre sonst

unromantischen Landsleute von Abdera anrichten! Klingelt da gestern

Abend im hiesigen Amtsbüro wie besessen das Telephon. Klempnermeister

Kuhlicke, von diesem Lärm gleich aufgeregt, fragt: was is denn los?

Da meldet jemand, bei Rahnsdorf hätten die berüchtigten Müggelpiraten

einen Rentner ausgeplündert, und es wäre nötig, eine Razzia auf sie zu

veranstalten -- von Osten her würden Freiwillige aus Schöneiche den

Wald absuchen, von Westen her sollten die Friedrichshäger kommen. Also

gut! Von heiligem Eifer besessen, sammeln sich Gendarme, Amtsdiener,

Feuerwehrleute unter der Führung unseres schneidigen Kuhlicke. Scharf

geladene Pistolen sind dabei -- und man zieht los -- mit zwanzig

Schritt Abstand -- wie eine Treibjagd. Rehe und Karnickel haben sie

aufgescheucht, von Piraten keine Spur. Wie schließlich unser tapferer

Bolle seine Pistole losgebrannt hatte, gab die Obrigkeit die letzte

Hoffnung auf, eines Piraten habhaft zu werden.“ -- „Ei, Herr Bolle?“

fragte ich, „auf wen haben Sie denn geschossen?“ Zögernd kam die

Antwort: „Na, wenn man so im Dustern nach Raibers sucht un pletzlich

wat kauern sieht, da soll man nich jraulich werden? Ick also rufe an

-- un damit der Pirat mich nich zuvorkommt, brenne ick los. Nu kommen

meine Kameraden jerennt: Wo denn? Die Jestalt kauat noch immer un

riehrt sich nich.“ -- „Na und? Haben Sie ein Tier totgeschossen?“ Und

Bolle mit wehmütigem Lächeln: „Een’ Wacholdabusch! In die Finsternis

sieht so’n Aas wie’n Indevidejum aus.“

Das Lachen des Kreispfiffikus klang hinterhaltig. Dann stand er

breitspurig vor Bolle: „Ist das alles? Offenbar haben Sie noch keine

Ahnung von dem, was jetzt als Gerücht wie ein Steppenfeuer durch

Fritzenwalde eilt und bereits von den Setzern des Lokalanzeigers

schnellfingerig verarbeitet wird. Eben, wie mein Wagen durch die

Wilhelmstraße fährt, ist neben dem Hause des Klempnermeisters Kuhlicke

ein Auflauf. Da ist doch die Villa der emeritierten Sängerin, die bloß

im Sommer hier wohnt. Und ich höre von den Leuten: Erbrochen ist die

Villa -- gründlich ausgeplündert -- und alles ist sich darüber einig,

kein anderer war das als die Müggelpiraten. Um euch Ordnungshüter

abzulenken, haben sie selber ans Amt telephoniert -- und während

ihr Greifpolypen auf Wacholderbüsche knalltet, haben sie in aller

Gemütlichkeit ihr Handwerk ausgeübt.“ -- An den Kopf griff sich Bolle:

„Au Backe!“ und stürmte fort. Nicht einmal, daß er die Frage erledigte,

wer denn mein Gefängnis abschließen solle.

Aschenputtel und der Lizentiat

Als Aschenputtel nach seinem Tanz mit dem Königssohn das Ballkleid

zum Grabe seiner Mutter zurückgebracht hatte, saß es wieder in seinem

grauen Kittelchen am Küchenherde, wo es in der Asche schlafen mußte,

und klaubte beim trüben Öllämpchen die verschütteten Linsen aus der

Asche. -- Dies Märchen handelt von der ganzen Welt. Träumen wir nicht

von einem Reiche Gottes, wo alles, was Menschenantlitz trägt, von

Verachtung erlöst, mit Hoheit bekleidet wird? Der Mensch unserer

Wirklichkeit aber, wofern er nicht wie Aschenputtels Stiefschwestern

Gold und Diamanten hat, darbt in Schmach, und da mag er selber sehen,

wie er sich aufrafft.

Anlaß zu solchen Betrachtungen bietet nicht bloß ein großes Gefängnis,

wo massenhaft Krüppel unserer Gesellschaft hausen, sondern selbst ein

dörfliches Arrestlokal, wie ich eins bewohnte. Während des milden

Spätherbstes war ich der einzige Insasse. Als ich meine Verwunderung

darüber äußerte, meinte Bolle: „Warten Se man! De Kundschaft wird

schonstens kommen. Wo jetzt noch so’n richtija Olleweibasomma is, da

sinn de Walzbrieda noch bei Mutta Jrien oder uff’n Heiboden. Spaß macht

det Fechten bloß in de +milde+ Jahreszeit. Wenn se aber Schnee

riechen, denn beißen se in den sau’an Appel un kriechen zu uns -- wie

Kieken bei ihre Klucke untakrauchen. Also uffjepaßt, Herr Dokta, wenn’t

kalt is, denn blüht hier det Jeschäft.“

Ich glaubte bereits, das Geschäft beginne zu blühen, als ich durch

Getümmel aus dem besten Schlafe gescheucht wurde. Und doch war

noch laues Wetter, nicht einmal Regen -- der Mond beleuchtete den

Gefängnishof. Am lärmenden Wortwechsel, der hier stattfand, merkte

ich, daß ein Widerspenstiger in Haft kommen sollte. Zwei Nachtwächter

hielten ihn gepackt, mit Fußtritten wehrte er sich, die Hände waren

ihm auf dem Rücken gefesselt. Ein fortwährendes Stoßen, Balgen und

Schimpfen. „Ihr Hunde, ick habe mit eich noch nich de Schweine jehüt’t.

Bin een +ordentlicha+ Kerl! Wat duht ihr eich dicke mit eire

Uneform? Der eene Nachtrat is in Balin Kanalrutscha jewesen -- un

der andere ...“ -- Diesen Zornerguß unterbrachen ein paar schallende

Hiebe; der Verhaftete hatte sie weg. Nun war Bolle mit der Laterne da,

dann rasselte das Gefängnisschloß. Von den Nachtwächtern gestoßen,

flog der Verhaftete brüllend vor Wut in die Nebenzelle -- auf die

Pritsche krachte er hin, als prassele ein gefällter Baum. Die Beamten

hatten sich nicht aufgeregt, raunend entfernten sie sich, Bolle schloß

zu, der Laternenschimmer, durch einen Spalt des Fenstervorhangs

sichtbar, erlosch. Der Kerl nebenan tobte noch immer, schimpfte in

Kraftausdrücken und heulte vor ohnmächtiger Wut. Allmählich wurden

seine hervorgestoßenen Worte undeutlich, dann hörte ich ein Geräusch,

als ob er an seiner Tür herumsäge. Er schnarchte -- der Schlummergott

hatte seinen Mantel über ihn gebreitet.

Als morgens Bolle aufschloß, war der Häftling kirre. Bolle, der ihm

Mehlsuppe brachte, redete ihm gütlich zu, und der Häftling bat um

seine Freilassung. „Blechen Se man -- denn is allens jut! Sonst missen

Se weitabrummen.“ -- „Drei Mark is zu ville, +eene+ will ick

zahlen.“ -- „Se sinn woll überkandidelt?“ Nachdem der Disput noch eine

Weile fortgegangen, klimperte das Strafgeld, und der Bestrafte trollte

in seine Freiheit zurück. Bolle kam zu mir herein: „Wat +hat+

nu so’n Schafskopp dadervon?“ -- „Was hat er denn angestellt?“ --

„Ruhesteerenden Lärm! In seine Besoffenheit macht det Luda allemal

Krach. Un denn will e’ nich blechen. Nu is e’ seinen Dahler los --

aber freilich bloß seine Familie hat den Schaden. De Frau schuftet,

un de Kinder ham keen Schmalz uff de Stulle.“ -- „Der Nutzen Ihrer

Strafanstalt kommt mir ziemlich fragwürdig vor.“ Der Amtsdiener zuckte

die Achseln. --

Der Winter war hereingebrochen. Verschneit lag der Hof, im pfeifenden

Winde stöberten Flocken aus finsterem Gewölk. „Son richtijet Wetter for

arme Leite! Nu jeht det Arrestjeschäft los.“ Und Bolle brachte einen

Landstreicher. Als ich das Gesicht zu sehen bekam, war ich erstaunt.

Dieser Greis hatte etwas Ehrwürdiges -- mit dem langen, weißen Bart sah

er wie Lear aus, der irre König bei Regen und Wind. In die Zelle seines

Vorgängers eingeliefert, benahm er sich still.

Bolle kam zu mir herein. Auf meine Frage nach dem Ankömmling gab er

den Bescheid: „Wat soll so’n oller Mensch anders machen als betteln,

wo ihn +doch+ keener zum Arbeeten annimmt.“ -- „Warum bleibt er

nicht am Orte, wo er Heimatsberechtigung hat?“ wandte ich ein. Der

Amtsdiener schüttelte den Kopf: „Seine Verwandten sinn doht -- un eene

Flebbe hat e nich -- will sagen, keenen Ausweis ieba seine Personalien.

In ein Dorf bei Kistrin will e geboren sind, aber da antworten se:

det kann +jeda+ sagen! ma wissen von nischt!“ -- „Er hätte doch

eine +neue+ Heimatsberechtigung erwerben können.“ -- „Ja, wenn

e’ zwee Jahre an eenen Ort jearbeet hätte -- aba so lange hat e keen

Sitzefleisch nich gehatt -- oda man hat ihm nich behalten -- un nu

heeßt et: een jewohnheitsmäßija Landstreicha -- un alt un jrau is e

dabei jeworden -- un bleibt ihn nischt iebrig als zu fechten. Wenn e

denn nu jefischt wird, denn wird e injespunnt un wird zu Arbeetshaus

vaknackt. Kaum is e’ wieda frei, denn jeht det Jeschäft uffs Neie

los -- imma so im Kreise rum, wie son olla Jaul, wo den Jeepel von

die Dreschmaschine dreht.“ -- Düster fügte ich hinzu: „Mit dem

Unterschied, daß im vorliegenden Falle der Göpel leeres Stroh drischt.

Bei dieser Art, das Volk zu bessern, kommt nichts heraus als Unsinn,

gesteigertes Elend, völlige Zerrüttung der Sitten.“ Bolle mochte nicht

widersprechen, ich fuhr fort: „Sind in Ihrer Praxis mehrere solcher

Fälle vorgekommen? so verzwickter, verzweifelter Art?“ -- „Dausende un

aber Dausende von sonne arme Leite walzen durch de Welt, un wenn all

ihre vajossenen Tränen zusammenkämen, eenen +See+ jäbe det wie

unsre Müjjel. Wenn +mich+ so wat passierte wie den ollen Mann, ick

wüßte bloß +eenen+ Ausweg: +Strick+ um ’n Hals!“

Das Schicksal, das auf meinem Zellennachbar lag, erstreckte seinen

Druck gewissermaßen auf mich. Ich war den Rest des Tages trübsinnig,

bis mich schließlich Goethe tröstete, das Lesen in seinem Faust: „Solch

ein Gewimmel möcht’ ich seh’n -- auf freiem Grund mit freiem Volke

stehn!“ Aus dem Schlafe weckte mich lautes Jammern einer männlichen

Stimme. Über Faust eingeschlummert, mußte ich an den Türmer denken,

wie er, zum Schauen bestellt, von seiner Warte soeben gejubelt hat:

„Es sei, wie es wolle, es war doch so schön“ -- und wie er dann auf

einmal wehklagen muß, weil dem alten Ehepaar freventlich die Hütte

eingeäschert ward.

Jetzt wurde mir bewußt, die Wehklage komme von dem Greise nebenan. Der

Morgen dämmerte. Das Schluchzen war herzzerreißend -- zwischendurch

erfolgten grollende Flüche. O welch ein Morgengebet! Ich konnte das

nicht untätig anhören und fuhr in die Kleider. Da meine Tür nicht

verschlossen war, ging ich auf den Gefängnisflur und klopfte an die

Nebenzelle. Das Weinen verstummte, und ich fragte: „Kann ich etwas für

Sie tun?“ Kleinlaut kam die Antwort: „Wer sind Se denn?“ -- „Ich bin

der Arrestant nebenan!“ -- „Ach so! Da ha’k Ihnen woll +jesteert+

mit mein ollet Jeflenne?“ -- „Ich meine bloß, ob man Ihnen irgendwie

helfen kann? Mit etwas Geld?“ Hohl wie aus einer Höhle scholl es

zurück: „Mich kann keener helfen! Int Arbeetshaus schon wieder! Un

+immer+ wieder! Un ick bin schon so’n +oller+ Mensch --

helfen kann mich bloß der +Dod+.“ Er schluchzte auf und weinte vor

sich hin. Erschüttert schwieg ich. Dann meinte er etwas ermutigt: „Von

Jeld sprachen Se? Aber wat ha’k jetzt dadervon! Meine Barschaft muß ick

doch +abliefan+. Wenn wenigstens noch wat in meine +Pulle+

wäre! Haben Sie denn keenen Droppen?“ -- „Den sollen Sie haben, sobald

der Amtsdiener kommt -- das heißt, wenn er’s erlaubt. Aber halt! Hat

Ihr Fenster eine Klappe? Dann greifen Se mal raus, nach unten! Ich

werde die Flasche an einen Faden binden und aus dem Fenster raus zu

Ihnen rüber schwenken.“ -- „Duhn Se det, juter Herr!“

Wieder in meiner Zelle, nahm ich eine Flasche Turiner Wermut, die ich

gerade vorrätig hatte, wickelte sie in Packpapier und schlang einen

Strick herum, mit dem ein Paket verschnürt gewesen. Dann ließ ich die

Flasche aus meinem Fenster hängen und schwang sie pendelartig. „Höher!“

rief mein Nachbar -- nun wurde der Strick mir aus der Hand gezogen, die

Flasche war angelangt. Ich ging abermals auf den Flur und hörte den

Alten lachen: „Jesehn hat keena wat -- so’n Rotkragen is +doch+ ’n

dummet Luda! Ha, is +det+ n’ Droppen! Der wärmt! ’n Jlühstrumpf

is jut for Eisbeene!“ So war der Sorgenbrecher nebenan eingekehrt --

vielleicht der einzige, den es im vorliegenden Falle gab. Doch nein --

es sollte noch ein anderer kommen.

Als mein Nachbar lange Zeit still geblieben war, kam mir der Verdacht,

er könne sich ein +Leid+ angetan haben. O weh, ich hatte ihm mit

der Flasche einen +Strick+ beigebracht! Ich mußte Gewißheit haben

-- und für den Fall, daß noch nichts Schlimmes geschehen, wollte ich

mir den Strick zurückgeben lassen. Nicht doch, das hätte den Mann

stutzig machen und erst recht auf Selbstmord-Gedanken bringen können!

Ich horchte -- da hörte ich ihn schnarchen -- tief atmete ich auf.

Gleich darauf kam Bolle und ließ zu mir einen Herrn eintreten. Es

mochte ein Dreißiger sein, er war lang und hager, trug einen nagelneuen

Überzieher und, bei dem Schneegestöber etwas befremdend, Zylinderhut

und Glaceehandschuhe. „Szteinßpängler ist mein Name!“ sagte er mit

einer Verbeugung. Ein freundliches Gesicht. Bis auf den blonden

Backenbart rasiert. An einen Lakai zu den Zeiten des alten Wilhelm

hätte er gemahnt, wäre nicht ein kindlicher Zug gewesen und das

Kennzeichen des Gelehrten, die Brille. „Lizentiat Szteinßpängler!“

fügte der Besucher hinzu.

Ein Theologe? Was wollte der von mir? War auch er der Kirche abtrünnig?

Oder wollte er mich zurückbekehren? -- „Legen Sie gefälligst ab, Herr

Lizentiat!“ sagte ich, und Bolle fügte gönnerhaft hinzu: „Ja woll, hier

is injekachelt, da kann man sich de Lamängs anwärmen. Aber draußen,

hu hu, da jibt et Eisbeene jratis!“ Steinspängler ließ sich seine

Garderobe abnehmen, Bolle hing sie auf den Flur und verließ uns. „Womit

kann ich dienen?“ fragte ich, als der Gast auf dem Stuhl Platz genommen

hatte, während ich auf meinem Bette saß.

Verwundert glitten seine Blicke über die Ausstattung meines

Gefängnisses. „Ihren Konflikt mit dem Kultusministerium habe ich

verfolgt. Wir bedauern lebhaft -- das heißt, wenn ich sage: +wir+,

so meine ich die Familie, wo ich als Hauslehrer angeßtellt bin -- ein

Sztaatsbeamter in hoher Sztellung! Ungewöhnlich liebe Menschen! Die

Mutter meiner Zöglinge, eine gemütvolle Dame, interessiert sich sogar

für Ihre soziale Lyrik. Der Hausherr, mein väterlicher Freund, hat

alle Achtung für Ihr Verhalten ... Näheres möchte ich nicht verraten

-- seine Sztellung ist der Kritik ausgesetzt, er kann nicht immer, wie

er möchte, muß gewisse Rücksichten nehmen -- ist aber ein wahrhaft

christlicher Mann -- zuweilen kommt es mir vor, er hat den inneren

Christus ... Sie ßtutzen?“ -- Befremdet mochte ich nicht zurückhalten

mit der etwas unhöflichen Einrede: „Den inneren Christus? Glauben

Sie, daß Christus gewisse Rücksichten genommen hat? Hat nicht der

Bergprediger gesagt, man solle sein Licht, also die innere Überzeugung,

nicht unter den Scheffel stellen?“ -- Nach etlichem Schweigen versetzte

Steinspängler mit leiser Stimme: „Aber Christus hat auch gesagt:

Richtet nicht und verdammet nicht! +Sie+ haben gut reden, Sie

sind ein +freier+ Mann.“ -- Ich mußte lächeln: „Ein freier Mann

-- im Gefängnis? Nun ja, dahin gehören heutzutage -- so scheint’s --

die freien Männer. Wissen Sie, was der Amerikaner Thoreau sagte, als

er wegen Steuerverweigerung im Gefängnis saß und sein Freund Emerson

ihn besuchte?“ Da der Lizentiat aufhorchte, fuhr ich fort: „Emerson

meinte: Es tut mir leid, daß du im Gefängnis bist! Thoreau erwiderte:

Und +mir+ tut es leid, daß du +nicht+ im Gefängnis bist. Als

anständiger Kerl gehörst du heutzutage ins Gefängnis, wie auch ich

hingehöre.“ -- Der Lizentiat machte ein verdutztes Gesicht -- lächelte

dann schalkhaft: „Na! Wissen Sie, Ihr Gefängnis ist nicht grade das

schlimmste -- lernen Sie mal andere Gefängnisse kennen!“ -- „Ich weiß,“

gab ich zurück, „hier nebenan wartet ein Stiefkind unserer Gesellschaft

darauf, wieder mal ins Arbeitshaus abgeführt zu werden -- es ist ein

hilfloser Greis!“ Mit echter Teilnahme entgegnete der Lizentiat:

„Ein Greis? traurig! Ich will mich erkundigen, vielleicht kann ich

helfen. Ach ja, Arbeitshaus ist hart. Doch als ich von Gefängnissen

ßprach, dachte ich an etwas anderes. An die Zellen, von denen Menschen

eingeengt sind, die jene gewissen Rücksichten nehmen sollen. Der Vater

meiner Zöglinge ist in solch einer. Wollte er sich ganz frei äußern, er

würde oben anßtoßen, würde unten anßtoßen, nach allen Seiten anßtoßen.

Da muß er sich mit einem anderen Wort unseres Heilandes trösten: Seid

klug wie die Schlangen! Im vertrauten Kreise ist er offen wie ein Kind,

sonst freilich Diplomat. Zu Ihnen komme ich mit seiner Billigung, und

ich darf Ihnen mitteilen, daß er unter Ihrem Fall geradezu gelitten

hat. Sein Gewissen ... Man muß eben seine Sztellung bedenken -- er ist

ein hoher Sztaatsbeamter ...“

Da wurde die Nebenzelle aufgeschlossen, und Bolle sagte: „Nu machen Se

sich man fertich so sachteken.“ -- „Kommen Sie, Herr Lizentiat!“ meinte

ich aufstehend, „Sie sind geneigt, etwas für den Mann zu tun. Ich höre

da eben, daß er gleich abgeführt wird.“ Willig sprang Steinspängler

auf und folgte mir auf den Flur. Da sah er nun den weißbärtigen Alten

und fragte freundlich: „Na Großvater? zur Arbeit langen wohl die

Kräfte nicht mehr?“ Der Alte begann zu schluchzen: „Zu +leichte+

Arbeet +doch+ woll noch! Aber +mir nimmt keener+!“ -- „Soll

ich Ihnen Arbeit +verschaffen+?“ fragte der Lizentiat, „Sie

hätten es ganz erträglich. Haben Sie mal von Bielefeld gehört? von

Pastor Bodelschwingh? Sie machen ein langes Gesicht. Sie denken wohl,

da sollen Sie ein Duckmäuser werden und immerfort frömmeln? Weit

gefehlt!“ Etwas mißtrauisch blickte der Alte und zuckte die Achseln:

„Wie soll ’k denn nach Bielefeld kommen? Det is doch hinter Hannover?

Un det Fahrjeld?“ -- „Kriegen Sie von +mir+. Aber Sie müssen

auch wirklich hinfahren! Aufgenommen werden Sie, auch wenn ich Ihnen

+keine+ Empfehlung mitgebe. Doch das soll +auch+ geschehen.

Also +wollen+ Sie? Sie werden ein neuer Mensch, auf Ihre alten

Tage.“ Nun mischte sich Bolle eifrig ein: „Jreifen Se zu, Jroßvata!

Weisen Se de Rettahand nich zurick!“ Und zum Lizentiaten gewandt:

„Fier den Momang allerdings muß die Sache den Amtswäch loofen, un

ick bringe den Ollen nach Ceepenick. Wenn Se mich aber Ihre Adresse

jeben, will ick Meldung duhn, det Se den Mann nach Bielefeld schaffen

mechten.“ -- „Einverstanden!“ sagte der Lizentiat und gab seine

Visitenkarte. Nachdem er nochmals dem Greis zugeredet, wurde dieser

abgeführt, und wir andern zwei kehrten in meine Zelle zurück.

Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger

Der Lizentiat hatte Platz genommen und hielt sein Gesicht in den

Händen. Das Erlebnis hatte ihn bewegt, er schien sich zu sammeln.

Ich sah durch’s Fenster, wie der Schnee immer dichter stöberte --

Regentonne, Hackeklotz, Kegellaube, alles hatte weiße Kapuzen auf.

„Da stapft nun der alte Mann mit der Polizei nach dem

Gerichtsgefängnis! Stapft durch dicken Schnee, der den lebendigen

Busen der Erde verschüttet. Auch das Herz der Menschheit liegt unter

einer frostigen Hülle -- sie heißt Egoismus, Genußsucht, Habgier ...

Und das schon halb erstarrte Herz bildet sich noch was darauf ein,

daß es kühl und hart ist.“ Wie zu mir selber hatte ich so gesprochen.

Das Schweigen des Lizentiaten nahm ich für Zustimmung und fuhr fort:

„Die Ordner unserer Gesellschaft sind in der Schätzung des Egoismus

so weit, daß sie ihn ziemlich als einzige Triebkraft ansehen und ihre

große Maschinerie immer mehr nach dem vermeintlich klugen Prinzip

organisieren. Das nennen sie Zivilisation. Der gläubigen Menge reden

sie vor, ihre Art Politik verbessere unsere Glückseligkeit. Doch ich

kann mir nicht helfen, unsere Zivilisation hat etwas schaurig Ödes,

erbarmungslos Gewalttätiges, unnatürlich Enges, geradezu Gemeines.

Unsere Zivilisation ist eine Zuchthauszelle, und sie bleibt es, wenn

sie auch den Bedürfnissen der Neuzeit entspricht, wie die Hotelbesitzer

von ihren ‚erstrangigen‘ Häusern zu sagen pflegen. Heutzutage wird

die Persönlichkeit immer mehr ausgeschaltet. Es gibt keine Wirte,

sondern Hotelbesitzer.“ -- Jetzt nickte der Lizentiat und fügte

hinzu: „Schließlich wird es nur noch Hotel-+Aktionäre+ geben! Das

Geld verdrängt die Persönlichkeit.“ -- „Ich rede aber nicht bloß vom

Hotelwesen,“ fuhr ich fort -- „das ist nur ein Symptom. Ich meine Staat

und Gesellschaft. Sie, Herr Lizentiat, sagten von dem Herrn, bei dem

Sie Hauslehrer sind, er sei Diplomat. Da wird er also nach den Gesetzen

regieren, wohl gar selber Gesetze machen. Alle Gesetze aber wenden

sich an die Ichsucht und sind von der Ichsucht diktiert. Egoismus

heißt der Fürst dieser Welt, seine Herrscherfaust hält alles Leben

unterjocht. Es liegt mir natürlich fern, Ihrem väterlichen Freunde

einen persönlichen Vorwurf zu machen -- auch die Schuld wird heutzutage

immer unpersönlicher, wir stecken eben alle in dem furchtbaren Getriebe

... Aber der innere Christus ...“

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 16 / 19 段