Da ich die Tafel erwähnt habe, so interessiert es vielleicht, daß

sie schwedisch hergerichtet war -- als Buffet, wo bei einem Rondell

von Tellern, einem Wall von Messern und Gabeln pikante Konserven und

allerlei kalte Schüsseln den Appetit herausforderten. Der Fisch spielte

die Hauptrolle; es gab Ölsardinen, Sylt und Geleefisch, geräucherten

Lachs und sogar ein Kleckschen Kaviar, dann natürlich Hering, viel

Hering -- Hering in verschiedener Bereitung: salzig, sauer, geräuchert,

gebraten, auch als Salat. Neben all diesem zarten Fleisch der See war

auch solches von Land- und Lufttieren vertreten: Bratenreste, Schinken,

kaltes Huhn ... Obwohl es Winter war, hatte Frau Flora eine Deputation

gesandt: Sellerie als Salat, rote Rüben, Salzgurken, sogar etliche

Scheibchen Gurkensalat, dazu Petersilie als garnierende Augenweide.

Den Haupteffekt dieser Schlemmertafel bildete ein warmer Gang, den

plötzlich die Walküre Ingrid auftrug; ihre Wangen glühten vor Stolz

über ihre Leistung. Für Gulasch hielt ich dies geschmorte Fleisch, doch

sonderbar, nicht pfeffrig war’s, sondern süß -- und Strindberg liebte

es +noch+ süßer, er tat aus einer Streubüchse Zucker darüber.

Vollends wie in Schweden fühlte er sich, als Ingrid gezuckerten

Käse und selbstgebackenes Anisroggenbrot anbot. Fleißig ging die

Aquavitflasche herum; für den massiveren Durst sorgte eine Bierbatterie.

Während dieser Schlemmerei blieb die Unterhaltung einsilbig auf

Seiten der Herren, die sich ans Materielle hielten. Unermüdlich

haspelte Frau Lina allerhand Geistreichigkeit herunter. Von nordischen

Literaturgrößen plauderte sie. Vom apothekerhaften Analytiker

Ibsen mit der beobachtend scharfen Brille und den verkniffenen

Satirikerlippen. Vom deklamierenden Freiheitsprotzen Björnson. Vom

dänischen Literaturdiktator Brandes und seinem Lieblings-Café in

Kopenhagen. Nun sprang Frau Lina auf die Geschichte der deutschen

Dichtung über. Ich hatte den Hainbund erwähnt, da orakelte sie von der

„Pariser Matratzengruft“, wo es nicht so viel Rückenmark gebe, wie in

den „Barden-Konventikeln von Göttingen“. Als ich um Deutung dieses

Tiefsinns bat, stellte sich heraus, daß sie Heine für den Gründer

des Hainbundes hielt. In seiner Pariser Matratzengruft habe er immer

noch Esprit genug besessen, um dem Barden Klopstock, der sich von

abgefallenen Eicheln deutscher Urwälder gemästet habe, endlich den

verdienten Genickfang zu versetzen. Przscki, der genug von deutscher

Literatur verstand, prustete in diesem Momente, daß wir glaubten,

Aquavit sei ihm in die unrechte Kehle gekommen. Dann faßte sich der

edle Pole aus der Polackei und wollte der Dame des Hauses seine

jubelnde Huldigung zu Füßen legen. Olaf Norskeborg, wie ein junges

Mädchen errötet, berichtigte die phantasievolle Gattin dahin, daß der

Hainbund ja bereits dreißig Jahre vor Heines Geburt, in einem Haine bei

Göttingen, gegründet worden -- und so weiter. Frau Lina machte große

Augen und meinte in ihrer ostsee-russischen Mundart: „Näin, werklich?

Ech dachte ümmä, der Häinbund wäre von Häine jejründet ... Abä Olaf,

was starrst de mech an wie Jrillparzers Ahnfrou? Schräib lieber äin

Feuilleton über däine phänomenalen Kanntnisse!“ Verlegen zuckte Olafs

Schnurrbart über der schmollenden Oberlippe.

Das Peinliche der Situation suchte ich wegzuscherzen: „Solche

kleinen Verwechslungen sind oft lustig. Sie beruhen auf einer

Ideen-Assoziation, die an Stelle einer Vorstellung eine ähnliche

schiebt -- was bei geistreichen Leuten vorkommt. Die Geschichte vom

Oranienburger Bürgermeister gehört hierher -- kennen Sie die?“ --

„Ach bette, Dokterchen, scheeßen Se los!“ -- „Na also! Es war zu den

Zeiten, als Amadeus Hoffmann mit seinem Freunde Devrient nach dem

Theater in der Weinstube von Luther und Wegener kneipte. Hier fanden

sich allerlei Musenjünger zusammen, es kamen auch Neugierige aus der

Provinz. In einer süffigen Sommernacht, als die Wellen der Unterhaltung

gemütlich plätscherten, wandte sich ein Fremdling, ein Aktuarius, an

seinen Nachbar: ‚Hären Se, mei Kudester! Wer is Sie tenn eechentlich

der keistreiche Herr triebn, der son Kopp hat wie Alegsander von

Humpoldt?‘ -- ‚Ah, Sie meinen den Tieck!‘ -- ‚+Was+ saachen Se?

Ter Dieck is tas? Ter beriehmde Ginstler? Ei Herrjemersch! Un ta pleibt

alles meisjenstill? Keener, der sich uffschwingen duht zu eenem gleenen

Doaste uff Diecken un die scheenen Ginste? Mer wärn uns toch nich

lumben lassen!‘ Und entschlossen klingte er an sein Glas, erhob sich

und sprach mit verzücktem Lächeln: ‚Wenn geener nich ne Lippe riehren

duht, nähmen Se mersch nich iepel, ich pin so frei -- un tie Kefiehle,

die uns pei tiesem eenzichen Rendezvous erläsener Scheenkeister

besälichen duhn, lassen Se mich tiese Kefiehle zusammenfassen in tas

wunterscheene Schillerwort: Seid umschlungen Millichonen! Stoßen Se

alle prieterlich an -- un verstehn Se meine zarde Anspielung, wenn

ich nu eenfach rufe: Fifat Oranichenburch!‘ Willig erhob sich alles

-- obwohl man nur stutzig in das rätselhafte Vivat einstimmte. Mit

stolzer Begeisterung aber sprang unverzüglich ein dickes Männchen auf,

das wie ein wohlhabender Ackerbürger aussah: ‚Meine Herren! Ihr Vivat

ehrt un rührt mir. Ja doch, ick bin der Bürjermeester von Oranienburch,

wo heite Jeburtstag feiert, un bin aus mein obskuret Städtken nach

Berlin jereist -- un wollte mal diesen illustren Kreis von Schenies

sehn. Meine Herren, ermessen Se meine Freide, wie mir nu so unerwartet

diese Ovation widerfährt! Meine Herren, ick lade Ihnen alle zu eene

Punschbowle in, von die wir uns schließlich abkühlen wollen mit een

Jläsken Schlampagnerwein.‘ Allerseits frohe Bewegung. Um den Aktuar,

der mit seinem Toaste diesen Erfolg zustande gebracht, bildete sich

eine raunende, staunende Gruppe, doch man hörte ihn protestieren: ‚Ich

+genne+ geenen Berchermeester von Oranichenpurch! Wie soll ich’n

taderzu gommen, eene so elentichliche Gleenstadt läpen zu lassen?

Ich meene toch nadierlich tas +perihmde+ Oranichenburch!‘ Was

er mit dem ‚berühmten‘ Oranienburg meinte, kam erst heraus, als sich

bei dampfender Bowle der zierliche Kammergerichtsrat Hoffmann erhob,

während seine Kateraugen funkelten und über sein nervöses Gesicht

ein Wetterleuchter guter Laune zuckte: ‚Meine Herren! Wir kommen zu

dieser Bowle wie die Magd zum Kinde. Doch weil sie nun einmal ihr

lockendes Arom in unsre Nüstern haucht, wollen wir dankbar trinken

auf das Wohl des Geburtstagskindes und seiner ehrenfesten Stadt. Aber

das Vivat Oranienburg, das vorhin der Herr Aktuarius ausgebracht

hat, beruht auf einer Kette von Verwechslungen. Anlaß dazu gab der

an unserer Tafel sitzende +Bildhauer+ Tieck. Als der Herr aus

Leipzig diesen zwiefach berühmten Namen hörte, verwechselte er ihn

mit dem +Dichter+ Tieck, verwechselte diesen auch noch mit dem

Dichter +Tiedge+, verwechselte Tiedges Dichtung ‚+Urania+‘,

die heutzutage in aller Munde ist, mit +Oranien+ -- verwechselte

dieses endlich mit dem reizenden Städtchen +Oranienburg+ --

dessen Bürgermeister zufällig -- doch nein: der nach dem feinsinnigen

Ratschluß der olympischen Tafelrunde heute seinen Geburtstag feiert,

ausgesucht an dieser Stätte, und ...‘“

Hier unterbrach mich Frau Linas robustes Gelächter.

Goldmacherei und Strindbergs Koffer

Da Przscki aufsprang und mir einen schelmischen Wink gab, folgte ich

ihm ins Nebenzimmer: „Hörren Sie!“ sagte er lebhaft, „ich habbe serr

einen gutten Witz -- Sie müssen dichten parr Verse auf Strindberg

... Sie habben doch gehörrt von sein Koffer -- den man soll habben

gestollen --? Abber is nich warr -- is sich geblibben stehn auf Bannhof

Friedrichstraß -- und hirr is er nun! Jetz abber der Strindberg! Das

alles er weiß nicht! Soll sein Überraschung. Wirr machen dramattische

Szenne.“

Vergnügt ging ich auf den Plan ein, während Fröken Ingrid die Tür nach

dem Speisezimmer abschloß und mit dem Polen das festliche Arrangement

des Koffers vornahm. Außer den gewünschten Versen verfaßte ich noch

einen Brief, mit dem der Dieb die Rücksendung des „wertlosen“ Koffers

begleitete. Przscki schmunzelte: „Serr gutt“, und nach Verabredung der

Rollen kehrten wir ins Speisezimmer zurück.

Hier fand ich nun endlich meine Frau. Bei einem Abendbesuche, den

sie Streitmüllers Tante gemacht hatte, war sie etwas lange verweilt.

Daß sie mich hier antraf, stimmte sie zu lebhafter Lustigkeit, und

selbst die trockenen Schweden waren davon angesteckt, nachdem sie die

Einzelheiten des Schlüsselabenteuers vernommen. „Der Karkerschlüssel

liecht also noch ümmä vor Ihrer Badestube?“ fragte Frau Lina. „Ja

doch“, versetzte ich, -- „und so konnte ich nicht in mein Gefängnis

zurück -- man hätte den Schlosser holen müssen -- aber das hätte

Aufsehen gemacht.“ Przscki erhob eins der dampfenden Toddygläser,

die Ingrid jetzt auf einem Präsentierteller nebst Zucker und

Zitronenscheiben anbot: „Feiern wirr also Heimkerr von verlorrene Sohn

-- verlorrene Kerkerschlüssel -- und, hoffen wirr, auch von verlorrene

Koffer.“ Aus seiner siegesgewissen Miene entnahmen Norskeborgs, die

ja in unsern Plan eingeweiht waren, daß die Vorstellung beginne, und

Frau Lina meinte mit gespielter Wehleidigkeit: „Ja dänken Se sich,

Dokterchen, Strindbarjen säin Koffer is ouf em Bahnhof Freedrichstraße

jestohlen.“ -- „Wirklich gestohlen?“ antwortete ich zweifelnd --

„haben Sie denn schon auf dem Fundbüro angefragt?“ -- Düster winkte

Strindberg ab, als sei die letzte Hoffnung entschwunden. -- „Werr kann

wissen!“ Und der Pole stimmte eine Gitarre. „Ach ja! Speelen Se!“

animierte Frau Lina, und Przscki deutete auf mich: „Hirr derr freie

Voggel, aus Käfig ausgeschlüpft, muß singen -- ich begleite -- singen

wirr Volkslid schweddisches mit Text deitsches -- frisch verfaßt von

deitsche Lirriker.“ Und sein Präludium leitete die schwedische Weise

ein: „Mägdelein hielt Tag und Nacht -- traurig an dem Spinnrad Wacht

...“ An des Polen Seite sang ich die improvisierten Verse: „Strindberg

hielt Tag und Nacht -- grübelnd an dem Schreibtisch Wacht ...“ Ich

schilderte seine Sehnsucht nach dem Liebchen Gold, wie er in Paris

das alchymistische Rezept zu Papier gebracht habe und siegesgewiß

gen Osten gereist sei, um mit seinem Freunde Olaf im verschwiegenen

Fritzenwalde ganze Klumpen Goldes zu bereiten. Tremolierend besang

ich, wie ihm dicht vor dem Ziel ein Berliner Spitzbube den Koffer samt

dem Goldrezepte gestohlen habe, und wie er diese Untat wohl noch

übertrumpfe, indem er die Manuskriptblätter als Fidibus für seine

Tabakspfeife verwende ... In tiefer Schwermut schloß das Lied unter

harfender Begleitung: „Hoffe, Alchymiste mein! Morgen kommt der Koffer

dein! -- Strindberg sann, die Zähre rann -- nie doch kam der Koffer

an!“ Da saß nun der Goldmacher am Grabe seiner Hoffnung und zerwühlte

die Lockenmähne. War bei den ersten Strophen ein gequältes Lächeln über

sein Gesicht geschlichen, so rann jetzt eine wahrhaftige Zähre herab.

Da war es an der Zeit, das grausame Spiel in Wohlgefallen aufzulösen.

Auf einen Wink des Polen öffnete Fröken Ingrid die Tür -- und sieh, auf

einem Schemel stand der betrauerte Koffer, mit Tannenreis umkränzt,

mit brennenden Lichtlein besteckt, daß man meinen konnte, es sei hier

Weihnachtsbescherung. Ungläubig staunend starrte Strindberg auf den

Koffer und auf das beiliegende Manuskript, streifte die Anwesenden

mit einem durchbohrenden Blick und schlich mißtrauisch zum Koffer.

Aufleuchtenden Auges ergriff er das Manuskript, blätterte hastig darin,

drückte es an sein Herz und begann einen stampfenden Tanz, den sein

Landsmann Olaf sofort verständnisvoll begleitete.

Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel

Von Stund an war Strindberg verwandelt. Seine Augen lächelten

kindlich, heimische Weisen trällerte er vor sich hin, seine mürrische

Schweigsamkeit war einer verbindlichen Plauderei gewichen. Nun ließ

er auch in sein Ideenreich blicken. Zur Begründung seiner Lehre von

der Goldbereitung führte er an, Gold sei kein Element, es gebe im

Naturreiche kein starres Gefängnis, alles entwickele sich, lasse sich

umwandeln. Silber in Gold.

Auf Norskeborgs Zureden holte Strindberg, der sich Veranlagung zur

Malerei zutraute, ein Ölgemälde, mit dem er der unverstandenen

Genialität der Stoffe seine Huldigung darbringen wollte. Eine

Stranddistel wuchs auf bleicher Düne. Silbergrün glomm sie durch die

Nacht, als lodere hier ein mystisches Sehnen des geringen Sandes,

zum milden Silber des Mondes umgewandelt zu werden. Strindberg war

befriedigt, als ich den Cherubinischen Wandersmann zitierte:

„Mensch, was du liebst, in das

Wirst du verwandelt werden:

Gott wirst du, liebst du Gott,

Und Erde, liebst du Erden ...“

„Oh jö-hö, gewiß“, versicherte Strindberg, „wenn der Mensch sich

transmutiert zu Gott, das ist oberste Alchymie.“ Mir war noch ein

ähnlicher Spruch desselben Mystikers eingefallen:

„Die Goldheit machet Gold,

Die Gottheit machet Gott --

Wirst du nicht eins mit ihr,

So bleibst du Blei und Kot!“ --

Strindberg wurde wieder tiefsinnig und meinte fast düster: „Blei und

Kot! Jö, das sind wir -- wollen aber nicht bleiben so! Und die einsame

Silberdistel -- wissen Sie, was die ist? Unsere Sehnsucht.“ Seufzend

fügte er hinzu: „Und ist meine Dornenkrone -- jö-hö!“

Was nun den Polen betrifft, so schien er die Transmutation seines

Wesens mehr auf flüssigem Wege erreichen zu wollen, und Olaf vertraute

mir die Hypothese an, nach dem Rezepte des Cherubinischen Wandersmanns

werde dieser Kognakfreund im Himmelreiche ein Destillierkolben sein.

Indessen bewährte sich rührend der musische Adel, der die Söhne Apolls

-- und Przscki gehörte ja zu ihnen -- auch in ihrer Bezechtheit

irgendwie an das Schöne gefesselt hält. Przscki behauptete, er müsse

jetzt unbedingt ein Klavier haben, um die mystische Stranddistel in

Tönen zu feiern. Übrigens sei es an der Zeit, daß man sich in Pilsener

abkühle, und ich solle die Gesellschaft in eine Kneipe führen.

Da selbst die Dame des Hauses geneigt war mitzutun, so zogen wir

allesamt ins Waldhaus, wo unter der hingebenden Obhut des dicken Wirtes

ein tadelloser Urquell verzapft wurde und selbst zu vorgerückter

Stunde ein fideler Kreis willkommen war. Diese Nachsitzung erquickte

auch insofern, als der musikalische Pole dem Klavier seltsame Welten

wühlender Töne entlockte, Schöpfungen Chopins. Von der dionysischen

Nachtfeier erwähne ich nur noch, daß Strindberg mit Przscki Schmollis

trank, weil beide den Russen haßten, der die Finnen wie die Polen

tyrannisiert. Nun sollte Strindberg ein deutsches Lied nach der Melodie

des Chopinschen Trauermarsches verfassen. Nachdem er seine Notizen

gemacht, sang er zu den schleppenden Akkorden mit dem Ausdruck heißer

Empörung -- die Scheltworte wurden durch Stampfen hervorgehoben --:

„Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab --

Speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab!

Der Tyrann ist mausetot

Und zu Ende unsre Not.

Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“

Wär’s Sommerzeit gewesen, so hätte in der Tat das Morgenrot zu unsrer

Freiheit geleuchtet; doch mit ihrer langen Finsternis hielt die

Winternacht unsre Schwärmerei nachsichtig verhüllt.

Es war mir nun doch lästig, ins Gefängnis zurück zu sollen, und

ich entwickelte meiner Frau rebellische Ideen. Sie aber wies auf

Gesetzlichkeit und Ordnung hin. Bei der Ankunft vor unsrer Wohnung

wollte ich mir das Treppensteigen ersparen, meine Frau sollte den

Kerkerschlüssel auf die Straße werfen. Harrend blickte ich zum Balkon

-- die kahlen Äste der Kastanienallee zeichneten sich vom Wolkenflor

ab, den matt der Mond durchleuchtete. Nun ging die Balkontür, meine

Frau sagte: „Hier ist der Schlüssel! In ein Taschentuch gewickelt!

Achtung!“ Und fliegen sah ich das schimmernde Tuch. Verdächtig war

es, daß es flatternd niederschwebte, ohne daß etwas Schweres gefallen

war. „Da ist nur das Taschentuch! Wo bleibt der Schlüssel?“ „Ich habe

ihn doch eingewickelt!“ -- „Dann ist er unterwegs rausgefallen.“ --

„Na, das fehlte noch! Warte, ich komme mit der Lampe!“ Sie tat es;

aber die Lampe wurde vom Wind verlöscht -- und wie wir auch suchten,

kein Schlüssel zu finden! Als habe er beim Fluge durch die Luft einem

Freiheitsgelüst nachgegeben und sich wie ein Vogel davongemacht.

Vergnügt brummte ich: „Auch das eine Transmutation! Jö, begießen

wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“ -- „Es klingt doch kaum

glaublich, daß der Schlüssel abhanden gekommen ist; für eine faule

Ausrede wird man das halten. Hilft nichts, Bruno -- du mußt zurück --

mußt Bolle rausklingeln. Wenn er’s erlaubt, kannst du ja zurückkommen

und hier schlafen.“

Mir blieb nichts andres übrig, und ich trollte mich. Traulich,

begehrenswert kam mir jetzt mein Gefängnis vor, wie es mondbedämmert

mich grüßte mit seinen Gitterfenstern, und wie ich mir die mollige

Robinsonklause ausmalte. Und jetzt sollte ich nicht hinein können?

Sollte frieren wie ein Obdachloser? Ich zog die Glocke, gleich darauf

wurde es hell bei Bolles, und aus dem geöffneten Fenster fragte

der Amtsdiener scharf: „Sinn +Sie+ det? Na, endlich!“ Als ich

mein Mißgeschick gebeichtet hatte, meinte er: „Det fehlte noch! Die

Schlissel fort! Is +det+ ne Zucht!“ Dann klappte er das Fenster

zu, redete unwirsch mit seiner Frau und kam mit einer Laterne herunter:

„Bleibt nischt iebrig, Herr Dokta, Se missen int Vorderhaus kampia’n un

det Hotel jarnie bei Onkeln berappen. Verrickt und drei macht neune!“

Er führte mich eine Treppe hoch, öffnete ein Zimmerchen und zündete

die Kerze an. Vergebens suchte ich ein Gespräch über die Müggelpiraten

in Gang zu bringen, er blieb einsilbig und verließ mich murrend. Na

ja, du geplagter Ordnungshüter, die Böcke deiner Herde haben dir heute

arg zu schaffen gemacht. Bis in die späteste Nacht haben sie dich

herumgehetzt, all diese frechen Rebellen, jö-hö ... Wir begießen unsre

Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!

Aber nun ist ja alles ziemlich wieder in der Reihe. Strindbergs

Koffer mit dem Goldrezept, das uns vielleicht das Goldene Zeitalter

zurückzaubert, hat sich eingefunden; gerührt durch dies Tugendmuster

bin ich zu meinem Kerkermeister heimgekehrt; dieser endlich, den

Gefahren des dustern Räuberwaldes entronnen, ruht bei der getrösteten

Ehehälfte ... Bloß der Kerkerschlüssel, der verflixte! Böse Beispiele

verderben gute Sitten. Ich habe den Schlüssel zur Durchbrennerei

verleitet! Und jetzt kichere ich noch über meine Schandtat?

Ich pustete das Licht aus und bettete mich in die Federn: „Jetzt woll’n

wir legen einen Schuft zu seinem Grab! speit ihm eure Flüche in den

Höllenschlund hinab.“ -- „Jö-hö!“ krähten die Hähne -- „jöhöhö höhö!“

Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels

Im Traum hatte ich mit den Müggelpiraten zu tun. Strindbergs Koffer

nebst dem Goldrezept war in ihren Händen -- ich war als Parlamentär der

schwedischen Regierung zu ihnen gegangen. Während wir verhandelten,

hörte ich meine Frau lachen ...

Ich erwachte; verdutzt betrachtete ich die mir fremde Tapete und

die Waschschüssel in dem Gußeisengestell. Wo bin ich? Einen Moment

glaubte ich, in der Krone zu Alt-Strelitz zu logieren, aus Anlaß

eines Vortrages, den ich dort im Technikerverein gehalten. Doch ich

orientierte mich, als ich draußen Frau Bolles Stimme vernahm. Sie

sprach mit meiner Frau -- gleich darauf klopfte es an der Tür, und

richtig, da stand meine Frau. In Hut und Mantel. Sie lachte mich

an -- und hinter ihr erschien Frau Bolle, eine Kaffeekanne auf dem

Präsentierteller. „Na aber!“ drohte meine Frau mit dem Finger. „Das

müßte dein Kultusminister wissen!“ Dann nahm sie Frau Bolle den

Präsentierteller ab und stellte ihn auf das Nachttischchen. „Nicht

wahr, Frau Bolle? wenn’s drüben warm is, geht mein Mann rüber.“ Ich

richtete mich auf und sah meine Frau erwartungsvoll an: „Na und?“ --

„Was für’n Und meinst du? Die Piraten oder den Schlüssel?“ -- „Zunächst

den Schlüssel! Du hast ihn also? Wo war er denn?“ -- „Wie heute

früh Frau Pape kommt, schicke ich sie gleich auf die Straße, um den

Schlüssel zu holen. Die Straße sucht sie ab und den Vorgarten, Schritt

für Schritt. Kein Schlüssel ist da, und sie meint, der Bäckerjunge wird

ihn aufgegriffen haben. Ich ziehe mich an und gehe auf den Balkon.

Da sehe ich den Schlüssel -- nein, zwei Schlüssel, große, dicke,

richtige Gefängnisschlüssel -- und der Ring, der sie zusammenhält,

ist über einen Zacken des Kastanienbaumes geglitten -- da hängen nun

die Schlüssel wie an einem Nagel. Dann ist Frau Pape mit dem Besen

hingegangen und hat die Schlüssel runtergeholt. Und ich sagte: nun muß

ich rasch hin -- damit er endlich wieder in sein Gefängnis kommt. Aber

nun hast du ja hier ein passables Logis gehabt. Laß den Kaffee nicht

kalt werden -- wie schmeckt er denn? Zichorienbrühe? Brauchst ihn nicht

zu trinken. Mach dich lieber fertig. Inzwischen gehe ich auf den Markt.

Wenn ich eingekauft habe, komme ich wieder, und wir trinken unsern Tee

in deiner Robinsonklause.“ Ich war’s zufrieden, sie ging.

Als ich angekleidet war, fand ich auf dem Hof den Wirt zum Preußischen

Adler. Auf dem Hackeklotz zerkleinerte er einen Stubben. Ich benutzte

die Gelegenheit, mein Logis zu zahlen, und ging vergnügt in meine

mollige Klause. Auf dem Arbeitstischchen lagen die eingelaufenen

Postsachen, ich vertiefte mich hinein.

Eine Zeitungsnotiz über den neusten Raubanfall erinnerte an die

Müggelpiraten. „Na Frau Bolle? wie ist denn die Razzia abgelaufen?“

Sie erhob sich von ihrer Ofenhantierung. „Weeß ’k denn? Et muß woll

Essig jewesen sind -- sonst, wenn se wen hätten erwischt, denn wäre

mein Mann schon janz jewiß jesprächig. Nich een Sterbenswort war aus

ihn rauszuquetschen, immer bloß jebrummt hat e -- un wie e nu heerte,

det +Sie+ noch nich zu Hause wären, da war e nu erscht recht

finsta. Jradezu unheimlich war e -- un wie e in de Fedan laach, hat

e sich immer so jewälzt und jeröchelt, als ob ihm son Pirat an de

Jurjel hätte. Det is ooch keene Kleenigkeit -- so ’ne Treibjagd uf

Piraten durch den dustan Wald. Ach richtig, det muß ick noch varaten

-- jeschossen hat e mit seine Pistole -- janz schwarz is se von

Pulverschleim, un ick soll ihr nu putzen. Scharf muß det zujejangen

sind. Hauptsache, det e heil zurick is! Aber da kommt e ja!“ Und Frau

Bolle hastete weg.

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 15 / 19 段