war’s. In seinem bretternen Tuskulum war’s ihm zu kalt geworden,
und so hatte er sich in Friedrichshagen ein Stübchen gemietet. Ich
erriet, was ihm der Abschied vom Gute Rahnsdorf bedeute: Seine Diotima
war ihm ferner gerückt. Ich erzählte ihm von Pyramus und Thisbe und
der Distanceliebe. Er lächelte, als fühle er sein süßes Geheimnis
durchschaut. Da ich ihm somit näher gekommen war, schien er mich
belohnen zu wollen: „Ich wüßte eine Ablösung für Ihre beiden Grillen,
die verstummt sind. Was meinen Sie, wenn nächstens ein paar andere
Zirper dem Gefangenen eine Serenade brächten? Das heißt: der eine
Musikant ist ein Flötist, der andere ...“ Da er verstummte, ergänzte
ich: „Diotima?“ Seine Antwort war freudiges Erröten: „Ich sprach schon
mal davon.“
Ich wollte danken und Näheres vereinbaren -- indessen hatte es
das geheimnisvolle Walten, in dem wir leben, weben und sind, ganz
anders gefügt. Onkel Pofke war eingetreten, er sah verstört aus und
stammelte: „Hier is -- ob hier Herr Eckehart --? ’ne Dame fraacht
nach Sie -- hier is se.“ Indem er sich zurückzog, trat eine weibliche
Gestalt ein, schlank, in Wintermantel und Pelzbarett. Es war Diotima
-- aufschluchzend warf sie sich an Eckeharts Brust. Er hielt sie
umschlungen und blickte angstvoll. Das Taschentuch vor die Augen
gepreßt, wimmerte sie: „Großmutter!“ -- „Was ist mit Großmutter?“ Da
kam ihr Aufschrei: „Tot!“
Krank war die gute Alte nicht gewesen -- nur daß heute ihre Mattigkeit
und Wortkargheit aufgefallen war. Als gegen Abend die Wildgänse
geflogen kamen, hatte sie gewünscht, vors Haus geführt zu werden.
Am Arm der Enkelin hatte sie emporgelauscht, wie das Keilgeschwader
schattenhaft am Himmel dahinzog, Rufe der Sehnsucht raunte und
schwirrend mit den Fittichen ruderte. Zufrieden war sie dann ins
Stübchen zurückgekehrt und auf dem Lehnstuhl eingenickt. Als der
lautlos starre Schlaf das Mädchen befremdete, war die Greisin ohne Atem
und kalt. In ihrem ratlosen Weh war Diotima sofort nach Friedrichshagen
geeilt und hatte in Eckeharts eben gemieteter Wohnung vernommen, er sei
bei mir.
Jetzt drückte mir Eckehart schweigend die Hand zum Abschied -- weinend
hing ihm Diotima am Arm ...
Am dritten Tage ging ich zu Großmutters Begräbnis, begleitet von Onkel
Pofke, der die Amtsmütze trug. Hinter der Rahnsdorfer Mühle brachen
wir abgeblühtes Heidekraut und einen stattlichen Wacholderzweig. Als
Leidtragende waren fast alle Bewohner des Dörfchens und der Rahnsdorfer
Mühle erschienen. Die Männer trugen den Sarg über den Wiesenweg nach
dem wacholderumhegten Friedhof. Diotima weinte an Eckeharts Arm. Der
Prediger sprach von den Ähren, deren Bestimmung es sei, unter der
Sichel zu fallen. Mag das zeitliche Gewand vergehen, die Ernte kommt,
wohin sie gehört: zur Scheuer der Ewigkeit, zu den Schätzen, die nimmer
schwinden. So zu herbsten, ist alles Lebendige berufen. Drum rette dich
aus dem Taumeln des Novemberlaubes, fühle dich heim zum Frieden! --
Als Abschiedsgruß warfen wir Heidekraut und Wacholder ins Grab. Eine
Kindergruppe sang: „Es ist bestimmt in Gottes Rat ...“
Als ich mit Onkel Pofke heimging längs des Müggelsees, erblühten am
klaren Himmel die Sterne. Onkel Pofke meinte weich: „Da liecht se nu in
ihren helzernen Schlafrock -- un det is unsre nobelste Uneform ...“
Die Herbstnachtigall schwieg ... Schlafe! Bist jetzt abgelöst von einer
Genossin -- einer himmlischen. Die singt wie Orgelsummen; droben aus
dem Reigen der Funken singt sie -- und ladet meine Seele zum Flug ins
Grenzenlose. Und wie vor Wochen zu meiner Grille eine angelockte sich
gesellte, so antwortet jener Friedensstimme, die vom Sternenhimmel
flötet, als Echo noch eine andere. Hienieden in meinem Gemüte hat sie
sich niedergelassen -- gehört aber beiden Welten an, der Erde und dem
Himmel. Eine Prophetin ist sie höchsten Menschentums; sie wohnte einst
in einem schönen, beschaulichen Greise, der es verstand, aus seinen
Lebenstagen Musik zu machen; und das feierliche Finale ist sein hohes
Lied von der Lebensreife: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“ Ja
Fruchtbarkeit -- der Baum, der aus vergilbten Wipfeln köstliche Keime
in den Schoß der treuen Erde wirft -- das ist die Wahrheit im Wahn
des Lebens, ist aller Wesen und aller Welten ewiger Sinn. Drum jubelt
sieghaft die weise Herbstnachtigall:
„Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig --
Der Augenblick ist Ewigkeit!“
Von Badewannen und Müggelpiraten
In meiner Kindheit ging das geflügelte Wort, ein Gradmesser der Kultur
sei der Verbrauch von Seife. Der deutsche Michel war stolz, daß auf
Geheiß seiner Hausfrau jeden Samstag nicht bloß Ausklopfen der Teppiche
und Scheuern der Dielen stattfand, sondern auch große Reinigung der
ganzen Familie. Wenn dabei die Seife üppig schäumte, hatten die Kleinen
viel Spaß. Damals reichte die Wasserleitung -- in den Städten, die
sich dazu aufgeschwungen hatten -- nur bis zum Straßenbrunnen, der
sogenannten „Kunst“. Hatten dort die Mägde das Wasser in ihre Eimer
gelassen, so plantschten sie ein Drittel wieder heraus, während sie es
die Treppen heraufschleppten. Man kann ermessen, wie umständlich es
damals war, die Badewanne zu füllen.
Doch was sage ich? Eine Wanne war ja schon Luxus. Die meisten Familien
benutzten zum Baden den großen Wäschezuber aus Holz, eimerweise mit
dem dampfenden Naß versehen. Der alte Kaiser Wilhelm hatte -- wie aus
seinen Haushaltungsbüchern hervorgeht -- keine eigene Wanne, sondern
ließ Sonnabends vom benachbarten Hotel de Rome eine holen, und dafür
wurde Leihgebühr entrichtet. In den Gemächern, die Friedrich der Große
in Sanssouci bewohnte, sieht sich der Besucher vergebens nach einer
Badegelegenheit um, und so sparsam wandte man damals das Wasser an, daß
die Waschschüssel in der Schlafkammer nicht viel größer war als ein
Vogelnapf. Hinein war ja auch nur ein Schwämmchen zu tauchen, um Augen
und Nase zu netzen -- mehr Waschung hatte ein waschechter Aristokrat
damals nicht nötig, zumal Puder und Schminke die Creme seiner Toilette
ausmachten.
„Eins zwei drei, im Sauseschritt
Läuft die Zeit -- wir laufen mit.“
Bei solchem Fortschrittstempo nimmt es nicht Wunder, daß ein
Jahrhundert nach dem Tode des Alten Fritz in seiner Kolonie am
Müggelsee der obrigkeitliche Sinn für Waschen und Baden schon annähernd
so entwickelt war wie am Hofe des alten Kaisers Wilhelm. Will sagen,
daß das Amt Friedrichshagen wenigstens grundsätzlich zugestand, ein
Sonnabendbad gehöre zu jenen Menschenrechten, auf die selbst ein
armer Gefangener Anspruch hat. Für ihn geliehen wurde allerdings
keine Badewanne. Zuerst war das Amt Friedrichshagen überhaupt etwas
schwerhörig ~in puncto~ „Baden“. Doch auch in dieser Hinsicht
„Umstürzler“, räumte ich auf mit der „verdammten Bedürfnislosigkeit“.
Bereits in den ersten Tagen meiner Gefangenschaft hatte ich dem
Amtsdiener eröffnet: „Hören Sie mal, bester Bolle -- wie steht’s in
Ihrem Hotel mit der Badegelegenheit?“ Er lächelte, als wolle ich
scherzen. Als er merkte, daß sich ernstlich eine Kulturforderung
geltend mache, brachte er eine Kanne warmes Wasser. „Sehr angenehm,
Bolle, -- aber hoffentlich mutet das Amt einem Manne von meiner Länge
und Breite nicht zu, in dieser Waschschüssel zu baden.“ -- „Ja, aber
nee, Herr Dokta! Se wollen doch nich wirklich ne Badewanne? Die ham’ ma
selbst in det Hotel nich -- un hier hinten is ja kaum Platz fier Bett
un Ofen un Emmer. Wat muten Se uns zu?“ -- „Was muten Sie +mir+
zu, Bolle? Melden Sie gefälligst dem Herrn Amtsvorsteher, daß ich
auf Sauberkeit halte und hier nicht verkommen will -- widrigenfalls
ich die Flucht in die Öffentlichkeit nehme.“ -- Sein Amtsgesicht war
plötzlich versteinert: „An Flucht denken Se, an Flucht? Un bloß von
wejen de Badewanne?“ -- „Ich denke daran, daß meine Freunde von der
Presse demnächst öffentlich beleuchten werden, was für Zustände hier
herrschen.“ -- „Himmelkaldaunen, man bloß nich! Un mit det Baden wer’
ma schon Rat schaffen. Vielleicht jenehmijen se bei Dokta Jacobyn een
Zellenbad -- wenn Se fufzig Fennije rieskian wollen.“ -- „Riskier’
ich gern! Ist aber nicht nötig. Ich habe ja in meiner Wohnung eine
Badestube.“ -- „Na ja doch! Sehen Se! Bade zu Hause! Koche mit Jas!
Drinke Lippentriller! Warum ha’m Se det nich +jleich+ jesaacht?
So wird et jehn! Jedenfalls sprech ick noch heite mit’n Herrn
Amtsvorsteha.“
Und richtig, bald darauf meldete mir Bolle, ich könne jeden Sonnabend
in meiner Häuslichkeit baden, er müsse mich allerdings hinbegleiten.
„Schön! Sagen Sie dem Herrn Amtsvorsteher meinen Dank. Ha, wie sehn’
ich mich danach, den Kerkerstaub von mir abzubrausen! Und darauf, Herr
Bolle, tun Sie mir Bescheid! Nehmen Se man ein Gläschen auf Ihren
Diensteid!“ Solche bescheidenen Genüsse sollten für ihn die Korinthen
im nüchternen Teige der Amtlichkeit sein. Doch dieser altpreußische
Spartaner entgegnete: „Bloß keene Beamtenbestechung!“ Übrigens verdient
er auch nicht den Verdacht materialistischer Genußsucht; denn die
Wonnen des Geistes fanden in ihm einen dankbaren Verehrer -- wie er
beispielsweise in meinem Schreibzimmer, während ich badete, alte
Jahrgänge der „Fliegenden Blätter“ mit Hingabe studierte und hinterher
rühmte: „Et war zum Piepen!“
In solcher Gemütlichkeit hatte sich das Baden etlichemal abgespielt,
als an einem Dezembersonnabend ein Abenteuer geschah. Kaum war ich in
die laue Flut getaucht, als an der Flurklingel gerissen wurde. Ich
hörte, wie Frau Pape die Flurtür öffnete und wie weibliche Stimmen
aufgeregt verhandelten. Dann der Amtsdiener: „Wat is denn los?“
-- „Du mußt jleich nach’n Kurpark!“ Das war Frau Bolles Stimme --
„aber flott -- da treten alle Amtsdieners an, ooch die Schandarme --
Klempnermeester Kuhlicke veranstaltet eene Razzia uff de Müjjelpiraten
-- die ha’m wieda wat ausjefressen -- bei Rahnsdorf eenen Renntieh
ausjeplindat -- un treiben sich nu bei Scheeneiche rum -- von da is
tellefonniert -- un nu soll de Heide abjesucht werden -- du mußt
fix nach’n Kurpark, von da jeht de Razzia los.“ In die örtlichen
Verhältnisse eingeweiht, begriff ich die Bedeutung dieser Worte.
Kuhlicke war Stellvertreter des zur Zeit beurlaubten Amtsvorstehers
Kloß. Als Vorsitzender des Kriegervereins fühlte er den Beruf, mit
soldatischer Schneidigkeit einen Schrecken der Umgegend hinwegzufegen:
jene Bande halbwüchsiger Burschen, die im Gebiet der Oberspree unter
dem Namen „Müggelpiraten“ Einbrüche und Räubereien verübte.
Dem Amtsdiener kam der Befehl seines Vorgesetzten recht ungelegen; da
sollte er nun sein behagliches Lesestündchen vertauschen mit einem
Streifzug durch winterlichen, finstern Wald. Ich hörte sein nörgelndes
Brummen, er habe doch einen Arrestanten zu versehen. Frau Bolle
entgegnete: „Ach, det macht nischt! Der Herr Dokta kann +alleene+
in seinen Arrest jehn.“ Aber nun hatte Bolle ein ernstes Bedenken:
„Hurre Jott! Ick habe nich mal meine Pistole! Nee, so wat, Karline!
Warum haste mich meine Pistole vajessen! Ick muß mir doch vateidijen
jejen de Piraten. +Die+ Brieder fackeln nich, die schießen
unsaeenen paff ieban Haufen.“ Ich hörte, wie Frau Bolle die Hände
zusammenschlug und weghastete: „Ick +hole+ die Pistole, ick bringe
se +eejal+ nach’n Kurpark.“ -- Bolle rief ihr nach: „Un nich
de Patronen vajessen! Ick trolle mir so sachteken nach’n Kurpark --
Ordnung rejiert de Welt, un der Knüppel de Leite.“
Nun hörte ich meine Frau mit Frau Pape aufgeregt über die Piraten
verhandeln. Dann klopfte es an die Tür des Badezimmers. „Se haben woll
jeheert, Herr Dokta,“ sagte Bolle, „ick muß Ihnen leider im Stich
lassen, von wejen det vadammtichte Piratenjesindel.“ -- „Habe alles
gehört, Bolle! Meinetwegen können Sie getrost auf Ihre Räuberjagd gehn
-- ich finde mich allein ins Hotel zurück.“ -- „Na ja doch, +sind+
Se so jut! Un wat de Arrestschlüssel sinn, die leje ick hier vor Ihre
Badestube -- uf de Schwelle in de Ecke.“ Und ich hörte die Schlüssel
klappern. „Schon gut, Bolle! Übereilen Sie sich nicht! Meine Frau soll
Ihnen eine Herzstärkung mitgeben -- ein paar Stullen und einen guten
Tropfen -- das ist Seelenpatrone -- die Seele muß mit Feuer geladen
werden.“ -- „Nehm ick ausnahmsweise an, als patriotische Liebesjabe.
Man kann ja nich wissen ...“ Bald stapfte Bolle die Treppe hinunter,
während ihm Frau Pape nachrief: „Kommen Se man heil retur!“ --
„Du hast es doch nicht eilig,“ meinte meine Frau, als ich nach dem
Bade meine Absicht äußerte, bald ins Gefängnis zurückzukehren. Ich
gab die brave Antwort: „Möchte mir nicht nachsagen lassen, ich hätte
die Situation ausgenutzt. Und du bist ja heute Abend bei Norskeborgs
eingeladen.“ -- „Damit hat es noch gute Weile -- ich habe gesagt, daß
ich erst nach dem Abendessen komme, auf ein Stündchen. Übrigens passe
ich nicht zu diesen ausländischen Literaten. Norskeborgs haben als
Logiergast einen Schweden -- er wird dir wohl dieser Tage einen Besuch
im Gefängnis machen.“ -- „Wie heißt er denn?“ -- „Na, so’n verkannter
Dichter soll er sein -- Stinte, glaub’ ich, heißt er.“ -- „Du meinst
doch nicht etwa Strindberg?“ -- „Ganz recht! so war der Name! Und denke
dir, einen höchst wertvollen Koffer hat man ihm auf einem Berliner
Bahnhof gestohlen -- und er soll ohnehin schon ein armer Teufel sein.“
-- „Na, dann wird der Koffer nicht gar so wertvoll gewesen sein.“ --
„Der Koffer enthielt ein Manuskript, sonst nichts.“ -- „Ha ja, dann
natürlich --“ „Und Frau Norskeborg sagt, das Manuskript handelt von der
Kunst, Gold zu machen.“ -- „Es scheint ihm aber noch nicht gelungen zu
sein, Gold zu machen.“ -- „Etwas seltsam ist er, sagt Frau Norskeborg
-- aber der bedeutendste Dichter Schwedens.“ -- „Wenn ihr Mann so
urteilt -- er versteht natürlich was davon.“ -- „Norskeborgs sind doch
selber Schweden, wie?“ -- „Er ist Schwede -- sie Deutsch-Russin. Olaf
Norskeborg hat als Kritiker wie als Dichter etwas los. Frau Norskeborg
ist zwar eine geistreiche Frau, versteht aber nicht alles, wovon
sie schwätzt. Von Strindberg kenne ich eine hübsche Schilderung der
Insellandschaft bei Stockholm -- außerdem Dramen, die das weibliche
Geschlecht grimmig beurteilen.“ -- „Stimmt! Frau Norskeborg nannte ihn
einen Weiberfeind -- sie hat ihre liebe Not mit seinem Mißtrauen.“ --
„Um so mehr ist es anzuerkennen, daß Norskeborgs ihm Gastfreundschaft
gewähren. Es ist auch nett von ihnen, daß sie mich dabei haben möchten,
und es tut mir recht leid -- ich verpasse da was. Bedanke Dich bestens
für mich und grüße allerseits! Und wenn Norskeborgs mir ihren Gast
in mein Gefängnis bringen, möchten sie sich doch vorher anmelden.
Schwedens größtem Dichter müssen wir einen gebührenden Empfang
bereiten, mindestens mit schwedischem Punsch. Na also -- viel Vergnügen
und gute Nacht!“
Wie gewöhnlich ging ich, um nicht aufzufallen, einsame Wege. Als ich
in die Müggelstraße bog, stutzte ich: Die Gefängnisschlüssel! Die
habe ich ja vergessen! Vor der Badestube sind sie liegen geblieben!
Nun muß ich wohl wieder umkehren? Zum Kuckuck nein! Vielleicht ist in
Bolles Wohnung ein zweites Paar Schlüssel. Sonst mag jemand für mich
zurücklaufen!
Ein zweites Paar Schlüssel hatte Frau Bolle nicht -- aber sie
sagte zu ihrem Anton: „Hopp nach de Kastanien-Allee und von Frau
Doktan de Schlissel jeholt!“ Für den Fall, daß meine Frau schon
weggegangen wäre, gab ich dem Jungen die Adresse Norskeborgs an. Meine
Wartezeit bei Frau Bolle wurde natürlich durch ein Gespräch über die
Müggelpiraten ausgefüllt. Grauliche Einzelheiten berichtete sie über
die Ausplünderung des Rentiers -- einen Knebel im Mund sei er im Forst
bei Schöneiche an einen Baum gebunden und fast erstickt gewesen. Aber
der Klempnermeister Kuhlicke werde die Müggelpiraten schon fassen --
er habe auch Freiwillige aufgeboten, vom Kriegerverein und von der
Feuerwehr.
Der Knabe kehrte zurück -- aber die Schlüssel hatte er nicht. Weder in
meiner Wohnung noch bei Norskeborgs habe er meine Frau angetroffen,
bei mir sei überhaupt keiner zu Hause. -- „Meine Frau wird gegangen
sein, um noch irgend was zu besorgen. Dumme Geschichte! Was ist da
zu machen, Frau Bolle? Ich kann Sie doch hier nicht länger stören.
Obdachlos will ich aber auch nicht sein.“ -- „Aber wat kann denn ick
dafier, Herr Dokta, det Se den Schlissel ...“ -- „Soll ich meines
Kerkerschlüssels Hüter sein? Das geht zu weit! Und nun beachten Sie,
Frau Bolle: Sie sind in meinen Augen jetzt die Polizei. Wohlan, hier
stelle ich mich pflichtschuldigst meiner Polizei. Nimmt sie mich an?
Oder weist sie mich ab? Tut sie das letztere, so ist sie für die Folgen
verantwortlich. Mir soll man keinen Vorwurf machen.“ -- „Ach, vakohlen
Se mir nich! Wat soll denn weiter sinn? Se brauchen bloß Ihre Frau zu
suchen, un wenn Se den Schlissel haben, denn kommen Se rasch, wohin Se
jeheeren. Mit Ihre Obdachlosigkeit is det nich weiter schlimm. Mein
Mann, +det+ is der Bedauernswerte. Da muß er nu nach Piraten
schnüffeln -- in de finstre Haide -- un die Brieder kriejen fertig,
ihm anzuschießen ... Mein Jott, wenn ick mich det so vorstelle ...“ --
„Mag er selber doch schießen! Seine Patronen hat er ja! Na also! Legen
Sie sich getrost schlafen!“ -- „Schlafen? Keen Auge kann ick zuduhn,
solange mein Mann nich heil zurick is. Ohne Mann is de Frau wie’n Hund
ohne Schwanz!“
Stillvergnügt warf ich die Tür, die vom Hofe zur Straße führte, in
ihr wackeliges Brettergestell. Auf, zu Olaf Norskeborg und Schwedens
größtem Dichter! Wie einem Studenten, der bummeln geht, hüpfte mir das
Herz bei der Aussicht auf die gemütliche Gasterei. Ich war skrupellos;
ohne mein Zutun fügte sich alles, als habe sich Fortuna kapriziert,
mir diesen Urlaub aufzudrängen. Fortünchen, du Schelm, was führst du
im Schilde? -- Um nicht erkannt zu werden, zog der Durchgänger den
Schlapphut in die Augen und vermummte sich in den Mantelkragen, was
auch sonst angebracht war, da die Nacht frostig schnob.
Schwedische Schüssel mit Konfusionen
Strindberg -- so ging es mir durch den Sinn -- kann hoffentlich
deutsch. Diese Skandinavier sind zurzeit Mode. Ob sie wirklich so viel
Talent haben? Bei den Tannen und Birken der Mitternachtssonne gedeiht
künstlerische Urwüchsigkeit allerdings besser als im Nachtcafé von
Berlin-W. Auch ist der nordische Naturalismus insofern gangbar, als der
deutsche Verleger ihm nur geringe Honorare zahlt -- oh, ein wichtiger
Punkt! Denn hat ein Journal einen Roman von Bjarne Knudsen für ganze
dreihundert Mark erworben, so erfordert es natürlich des Verlegers
Geschäftsinteresse, daß besagter Bjarne Knudsen der gläubigen Lesewelt
als neuster Stern der Weltliteratur angepriesen wird. Übrigens liebt
unser Michel grundsätzlich das Ausländische -- und heißt einer Runeholm
oder Sigurdson, so stellt sich das deutsche Publikum darunter gleich
einen ollen Skalden vor.
Unter solchem Sinnieren war ich zu dem Häuschen gelangt, das Olaf
Norskeborg gemietet hatte. Da er sich in Schweden nicht hinreichend
anerkannt fühlte, so hatte ihn seine lebenskluge Frau nach Berlin
gebracht, wo das Skandinavische gerade Trumpf war. Durch Bölsche,
der die Zeitschrift „Freie Bühne“ herausgab, war Norskeborg für
Friedrichshagen interessiert und Mitglied der „Kolonie“ geworden, um
sich, was ihm keiner übel nimmt, in Deutschland entdecken zu lassen, wo
schon mancher Prophet, der bei den eigenen Landsleuten wenig galt, den
Grundstein zu seinem Ruhmesmonument gefunden hat. War nun Strindberg
in solcher Absicht gekommen? Nicht doch! Das wäre zu klein gedacht von
diesem Wickinger, den man naiv, nicht raffiniert nennen mag. Übrigens
war er nur vorübergehend hier, wie meine Frau sagte -- sonst in Paris
ansässig.
Als ich bei Norskeborg die Türklingel gezogen, öffnete mir die
Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauerntochter aus Schonen.
Von dort stammte auch Olaf Norskeborg, der Sprosse eines alten
Bauerngeschlechts. Eben trat er zu mir auf den Flur, wo ich den Mantel
ablegte. Ein schlanker Dreißiger, blauäugig, mit blondem Schnurrbart,
etwas nervös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen ließ merken, daß
er animiert war -- sonst bewahrt das Angesicht dieser Skandinavier
frostige Unbeweglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus: „Ssie
ßind nicht im Gefängnis? Ihre Frau ßagte doch, wie?“ -- „Ich gehöre
allerdings hinein -- doch es behielt mich nicht -- hat mich ausgespieen
wie der Walfisch den Propheten Jonas -- und, was komisch ist,
momentan kann ich nicht zurück -- der Kerkerschlüssel ist verlegt.“ --
„Ssonderbare Ssasche,“ lächelte Norskeborg -- „aber famos! Kommen Sie!
Strindberg ist da -- auch Przscki -- Sie kennen doch den Polen?“ --
„Aus der Freien Bühne, ja! Und wie steht es mit meiner Frau? Ist sie
da?“ -- „Noch nicht -- hat aber zugeßagt.“ -- „Immer noch nicht? Welche
Verwicklung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen
Wellenspiel!“
Norskeborg führte mich ins Speisezimmer, es war eng, wie das ganze
Häuschen. Mit lärmender Heiterkeit empfing mich Frau Lina Norskeborg.
An dem Ehepaar war ersichtlich, wie sich die Extreme anziehen und
verbinden. Jedenfalls ergänzte sie seine Mädchenhaftigkeit durch
männliche Massivität, seine sanfte Stimme und Wortkargheit durch eine
derbe Beredsamkeit.
August Strindberg, dem ich nun vorgestellt wurde, war mittelgroß und
kräftig, schlank und elastisch, obwohl er hoch in den Vierzigern war.
Hinter seiner felsenhaften Stirn lauerte finstres Grübeln. Die Locken
verrieten rebellische Wühlerei. Das graublaue Auge schien nicht nach
außen gerichtet, sondern mit verstecktem Innenleben beschäftigt; wenn
es aber die Außenwelt fixierte, fehlte selten ein Zug des Mißtrauens.
Die kartoffelförmige, oben etwas platt gedrückte Nase ließ auf
lappländisches Blut schließen. Eine Mischung von Trotz und Geziertheit
sprach aus dem kleinen, dicklippigem Munde. Nach oben spreizte sich ein
kurzes Schwedenbärtchen, eins aus dem Dreißigjährigen Kriege, während
über dem zurückliegenden Kinn, das winzig wie ein Knopf war, eine
sogenannte Fliege saß.
Darf man Persönlichkeiten mit Getränken vergleichen -- und in mancher
Gesellschaft liegt dieser Vergleich gewiß nicht fern -- so hätte für
Strindberg das schwere und zähe, dunkle, bittere Porterbier gepaßt.
Was ferner den Polen Przscki betrifft, so würde ihm moussierender
Schnaps entsprechen, wenn es welchen gäbe. Ich meine etwas brennend
Prickelndes und Aufrüttelndes. Wenn er zu mir sprach, kitzelte es
in meiner Nase wie Kohlensäure oder Schnupftabak. Schon sein Name
wirkte so -- sieben zischende Konsonanten mit dem Fistelgezwitscher
des einen Vokals -- in echter Aussprache klang es fast wie „pschih!“
Als ich ihm zum erstenmal begegnet war und er sich mir vorstellte,
meinte ich, dieser Herr, der sich vor mir verneigte und dabei „pschih“
sagte, wäre von einem +Nies+-Kobold überfallen, und so hatte ich
mit lächelnder Höflichkeit erwidert: „Pröstchen!“ Übrigens tränten
die mattblassen Augen des Polen, als habe er Schnupfen. Paßte das
Schlagwort Decadence nicht im mindesten auf Strindberg, so desto besser
auf Przscki. Seine schmächtige Gestalt hatte etwas Zusammengesunkenes.
In den bleichen Zügen des schmalen Blondkopfes verschmolzen slawische
Sinnlichkeit und romantische Träumerei mit dem ironischen Aufbegehren
eines geknechteten Edelvolkes, und es war, als müsse dieser polackische
Byron seine schwermütige Schlaffheit immer von neuem aufpeitschen
durch einen Ruck seines Motors -- will sagen durch einen Schluck aus
dem Weinglas, das er hin und wieder mit Kognak füllte. Überhaupt hatte
an Norskeborgs Tafel die Abstinenz nichts zu schaffen, zumal sie auch
sonst in jener guten alten Zeit fast bedeutungslos war.