Als mich andern Tages Bölsche besuchte, erzählte ich meinen Traum.

„Die Verse, die ich im Traum gedichtet, vom Olymp und vom Maulwurf,

habe ich gleich nach meinem Erwachen zu Papier gebracht. In voller

Genauigkeit ließen sie sich nicht erfassen und verkümmerten bei der

Niederschrift -- unsere Vernünftigkeit scheint unzulänglich, wo das

Wundersamste aus unserer Tiefe hervor soll.“ -- „So bleibt alles

Schöne schließlich Mystik“, antwortete Bölsche. Dann zergliederte er

meinen Traum: „Mit Hölderlins Liebe zum Griechentum fühlt sich dein

Humanismus verwandt. Auch du sehnst dich nach Menschen, die in Freiheit

schön und stark sind.“ -- „Aber nicht bloß sehnen soll man sich, auch

handeln, praktisch arbeiten!“ -- „Schon recht!“ lächelte Bölsche --

„na, du +hast+ ja auch praktisch gearbeitet an der Volkserziehung,

+so+ praktisch, daß du ins Gefängnis gekommen bist! In einsamer

Zelle spinnst du nun wehmütige Vergleiche zwischen preußischen Barbaren

und den alten Griechen. Übrigens ist deine klassische Walpurgisnacht

ein Gegenstück zu jenem andern Traum, den du mir neulich erzählt

hast -- ich meine den Traum von der ollen Konservenkiste. Während

dieser das Gespenst der Vergangenheit zeigt, wie es unheimlich in der

modernen Zeit herumspukt, hat dich jetzt jene +Sehnsucht+ nach

der Vergangenheit gepackt, der süße Traum von entschwundener Jugend,

von Helden lobebären, vom goldenen Zeitalter. Aber hast du nicht aus

Goethes Faust gelernt, daß die schöne Helena ein Gespenst bleibt, das

kein Totenbeschwörer zu leibhaftiger Gegenwart zwingen kann? Du hast

des öftern reflektiert über mancherlei Gefängnisse, in die man sich

eingesperrt fühlt. Zähle dazu auch das Gefängnis Zeitlichkeit! Klüfte

im Raum lassen sich überbrücken -- unüberwindlich bleiben Schranken,

mit denen das Jetzt uns vom Ehedem absperrt.“

„Schon recht! Aber kennst du das Bild von Schwind: der Traum des

Gefangenen? Im Kerker liegt ein bärtige Mann. Sehnsüchtig verfolgt

sein Auge, wie ein Zwergenkönig von seinen Heinzelmännchen das

Fenstergitter durchfeilen läßt. Dieser Zwergenkönig existiert --

erlösen kann er aus dem Kerker Gegenwart, eine Brücke schlagen über

Klüfte der Zeitlichkeit. Die Vergangenheit ist eben doch nicht

eigentlich tot.“ -- „Tot -- und auch wieder lebendig! Ich habe mal die

Vermutung ausgesprochen: Was wir Erinnerung nennen, ist ein Sinn neben

den fünf Sinnen, eine Art Schauen: es dringt in eine heimliche Welt,

entdeckt aufs neue eine Existenz, die wir entschwunden nennen -- alles

Vergangene existiert noch irgendwo.“ -- „Und darum ist das Erlösende,

was uns aus diesem Kerker der Zeitlichkeit erlöst, die Ewigkeit“,

folgerte ich mit Bestimmtheit.

„Wann denn aber? Muß man erst zum Nirwana eingegangen sein?“ -- „Das

wäre radikale Erlösung. Sokrates, der den Giftbecher trinkt, freut

sich auf die Gespräche, die er mit den Weisen der Vorzeit führen wird.

Weil aber die Heinzelmännchen die Sprossen unseres Kerkers noch nicht

zerbrochen haben, nehmen wir vorlieb mit einem Durchblick durch unsere

Kerkersprossen. Idealismus heißt der Durchblick.

O selig, wer dorthin schwebt,

Wo Träume, hier noch Spott der Leute,

Könige sind und das Reich vollenden!“

Italienische Nacht

„Die Ausgabe meines Flugblattes soll im Rahmen eines Festes erfolgen.

Auch muß meine Bude eingeweiht werden. Übermorgen abend acht Uhr! Aber

schleppt nicht zu viel Leute her, sonst gibt’s Krach mit dem Hotelier.“

Andern Tages brachte der Briefträger nebst der Flugblattkorrektur

ein Schreiben, das meine Freunde als Einladung an die Gäste

versandt hatten. Ein Fries von Karikaturen, ein echter Bölsche,

deutete vielversprechend an, wie die „Italienische Nacht im Kerker

der Inquisition“ verlaufen sollte: Ich sitze lächelnd auf einem

Scheiterhaufen, in der Linken eine Wurst, den schäumenden Krug zur

Ministerloge erhoben, wo besternte Würdenträger durch Monokel und

Opernglas die Szene bestaunen. Mitglieder meines Freundeskreises tanzen

um den Scheiterhaufen, den Hartleben aus einer Flasche Aquavit tränkt.

Ein Kerl in Ballonmütze verteilt das „Flugblatt an die Menschheit“, ein

Kater kaut an einem Hering. „Illumination des Kerkers und Pickenick,

unter Verwendung mitgebrachter Liebesgaben. Ausgabe des Flugblatts,

Anzünden der Volksbegeisterung.“

Die unheimliche Großartigkeit dieses Festplans ließ mein Herz höher

schlagen -- nur daß mich eine Gänsehaut überlief, wenn ich die

Platzfrage erwog. „Frau Bolle, seien Sie ein rettender Engel!“ -- „Wat

is’n los?“ -- „Ich habe heute Geburtstag!“ -- „Na also! Warum machen Se

denn da so’n schiefet Jesichte?“ -- „Ach Frau Bolle! Ich möchte doch

gern ein bißchen feiern, und nun wollen so’n Stücker zehn oder zwanzig

Freunde auf den Abend kommen -- wo soll ich die alle unterbringen?“ --

Die Amtsdienerin prüfte den Raum: „Drei uff’s Bett -- zwee bis drei uff

Stiehle -- also sechse zur Not lassen sich rin quetschen. Die andern

missen schon in den Flur bleiben -- det heeßt, mehr wie sechse finden

da ooch nich Platz.“ -- „O jehmineh, Flur! Der ist gar zu öde! Und da

wollte ich das Bierfaß auflegen!“ Nun kam der Amtsdienerin der Einfall:

„Die Zellen hier neben sinn ja frei -- da kennte man eene uffmachen.“

-- „Beide!“ sagte ich entzückt -- „gute Frau Bolle, ach schließen Sie

doch mal auf!“ Der Raum dieser Zellen übertraf meine Erwartung, da sie

keinen Ofen hatten. „Nun aber, Frau Bolle, sorgen Sie dafür, daß unser

Amtsdiener kein Störenfried ist.“ -- „Der weeß von nischt! Ik wer’

schon machen -- der verduftet heite Abend.“

Es würde zu weit führen, wollte ich schildern, was alle zu besorgen war

und mit welcher Hingabe meine Frau, Frau Pape, selbst Frau Bolle sich

den Vorbereitungen des Festes widmeten. Genug, um acht Uhr abends sah

das Gefängnis aus, als wäre ein verwunschenes Schloß entzaubert. In

allen Winkeln hatte es geknackt; lockender Flitter verhüllte die graue

Öde.

Wacholderbüsche flankierten den Gefängniseingang wie Ehrenposten. Oben

hing umkränzt das Transparent:

„Willkommen, Kerkergäste,

Zum flammenden Freiheitsfeste!“

Den Flur, wo neben Blumenschmuck ein schwungvoller Karton von Fidus

angebracht war, durchsprühte rotes Licht von einer Papierlaterne.

Hinten das bekränzte Bierfaß in Eis gebettet, Gläser in Reih und Glied

auf weißgedecktem Wandbrett. Da gab es Schüsseln und Teller, Messer und

Gabeln. Die Nebenzellen mit Ampeln, Girlanden und Bildern geschmückt,

die Pritschen von Plüschdecken verhüllt.

Der Eingang meiner Mittelzelle drapiert mit rotem Fahnenstoff,

gegenüber der Fenstervorhang von gleichem Knallrot. Nach außen mußten

die Eisenstäbe auf dem flammenden Grund wirken, als sei hier eine

Abteilung der Hölle. Doch war innen alles gemütlich und nett. Mein

Bett durch die übergebreitete Plüschdecke und etliche Sofakissen zum

Pfühle hergerichtet. Von oben strahlte eine bunte Japanlaterne. An

der Wand ein Tierfell und Böcklins Einsiedler, daneben ein Wandbrett

mit Büchern. Die gegenüberliegende Wand hüllte ein Perserteppich. Der

Leuchter mit den drei Kerzen neben der Tür hatte etwas Feierliches. Die

Zither auf dem Tischchen beim Fenster schien zu sagen: „Mein Stimmchen

ist dünn, doch fröhlich wird es mit Fröhlichen singen.“

Ich weiß nicht, ob ich von meiner Hantierung heiß geworden oder

ob der Ofen es zu gut meinte -- genug, ich suchte durch Aufhalten

der Gefängnistüren etlichen Durchzug herzustellen. Jetzt erschien

meine Frau nebst Frau Pape. Aus Körben holten sie einen Napf

Heringsalat, Platten mit belegten Brötchen, auch Pfannkuchen und eine

Kaffeemaschine. Als meine Frau ihr Festgewand enthüllte, war kein

Platz zum Ablegen der Garderobe. Wohin nun mit den Wintermänteln und

Hüten all der Gäste? „Uff de Kejelbahne! Aus det Restaurang hol’n ma

een’ Jarderobenstända un Stiehle in de Kejellaube.“ Und die treuen

Helferinnen gingen ans Werk; in ihren weißen Schürzen machten sie sich

blitzsauber.

Kaum war die Garderobe hergerichtet, so erschienen Gäste. Julius Hart

mit seiner Gattin und seinem Bruder Heinrich. Mit ihrem stillen Lächeln

händigte mir die zartschöne Frau Martha eine Chrysanthemumstaude mit

weißlodernden Blüten ein, Julius unter Bücklingen eine Papierdüte

mit Zigarren. Heinrich hielt es für angebracht, den vereinsamten

Katzenfreund durch eine Porzellankatze zu trösten. Willi Bölsche hielt

mir eine Flasche Burgunder vor die Nase und las lächelnd das Etikett:

„Sei klug und neige die Nase

Nicht nieder zum Erdenkot!

O färb’ im duftigen Glase

Sie lieber burgunderrot!“

Benno Streitmüller, als Biedermeier gekleidet, widmete mir eine alte

Ausgabe von Kants Schrift „Religion in den Grenzen bloßer Vernunft“.

Aufsehen erregte seine Versicherung, eine beigeklebte Haarlocke sei

auf dem Haupte jenes preußischen Ministers Wöllner gewachsen, der dem

Königsberger Philosophen verbot, die Schrift drucken zu lassen, weil

sie gewisse Grundlehren der Bibel und des Christentums herabwürdige.

„Sei dir die Locke Amulett! Wenn in der Homöopathie ein brauchbarer

Kern steckt, so mag das eine Ministerübel das andere verscheuchen!“

Unter Halloh langte ein Haufen Gäste an -- es waren die Berliner, von

meinem Friedrichshagener Freund Bartels hergeleitet. Außer dessen Frau

waren da noch ein paar Damen, besondere Verehrerinnen des Dichters

Marcus Fischlen, mit dem sie gekommen. Otto Erich Hartleben fehlte

nicht -- sein Nerogesicht mit dem Doppelkinn fahl, durch das dunkle

Glas des Schildpattkneifers lugte mürrische Schwermut, wie Beileid

machte sich sein Händedruck. „Nanu?“ fragte ich, „du wärst der erste,

der mein Gefängnis tragisch nimmt.“ -- „Wieso?“ meinte er finster. „Na,

du siehst so elegisch aus.“ -- „Doch nicht deinethalben!“ gab er patzig

zurück -- „ich bin immer elegisch, solange ich noch nüchtern bin.“

-- „Dies aufrichtige Wort sei uns Signal, mit schäumendem Trunk die

Festlichkeit zu beginnen!“ Meine Klause musternd, trat die Gesellschaft

ein und staunte belustigt: „Ah!“ Als geschickter Regisseur zapfte

Bartels die Gläser voll, mit guten Wünschen trank man die Blume und

verteilte sich unter Geschwätz. Kichernd kam Frau Martha zur meinigen:

„Denke dir, Paulchen Scharbock hält das für eure +richtige+

Wohnung.“

Wir drängten uns in Scharbocks Nähe. Diesen Dichter habe ich noch nicht

beschrieben. Einer aus Keenichsbarch, der mit seinem phantastischen und

schwelgerischen Polackentum die tiefsinnige Schwärmerei des Deutschen

verband, eine gewisse Mystik -- die sich humoristisch gab, weil die

ganze Art den spielerischen Launen eines gutmütigen Kindskopfes

gehorchte. Dabei sah er wunderlich ernsthaft aus: Unter der breiten

Grüblerstirn loderten hinter dem Kneifer blaue Augen, schmachtend

groß, und der blonde Vollbart, niederwallend und zugespitzt,

vervollständigte den Eindruck eines Zauberers. Scharbock wäre dem

Wüstenprediger Johannes ähnlich, hätte dieser nicht mit Wasser getauft,

sondern eine stärkere, mehr innerlich wirkende Flüssigkeit beliebt.

Dieser Dichterprophet wandte sich mit Begeisterung mir zu: „Häil,

mäin Liebä! Du housest janz idyllisch, Mansch! Aber Frou Leeschen!

Wo is dann die Küche, wo so köstlich für uns sorcht? Un noch äins

-- antschuldigt! Wo habt Ihr öier Schlafjemach? Ach woll oben! Ich

sah droußen so was wie’ne Trappe. Da jeht es also, met Erloubnes zu

sagen, zu öiren Batten?“ Kopfschüttelnd starrte alles den Poeten

an. „Aber Scharbockchen!“ gab ich zur Antwort, „das ist doch mein

Gefängnis!“ Das Auge aufgerissen, spähte er stutzig im Kreise umher:

„Was bedöitet das?“ Staunend entgegnete Marcus Fischlen: „Aber Mensch!

Woischt denn Du wirkli net? Unterwegs han i dir doch gsagt, was los

isch. Den Bruno Wille hät der Minischter ei’glocht! Dees da isch sei

Gfängnis! Scharböckle! bisch goischtesabwesend?“ In der Tat blickte

Scharbock fast einfältig: „Ich höre da ümmä was von Jefängnis -- aber

wir sind doch nech in Moabit!“ -- „Dee’scht ja grahdezu badologisch!“

-- „Ech tröüme doch nech!“ trumpfte Scharbock auf -- „wir sind doch zur

italienischen Nacht jeladen -- und das sind Lampions -- das is doch

rechtijes Bier -- un wir knäipen in Willes Jartenhous -- wir sind fräie

Manschen!“

Brüllendes Gelächter -- und der weltfremde Träumer, der nicht mal

Zeitungen las, wurde zum Fasse geführt. Nun boten die Damen Imbiß

an. Von Hartleben war eine gewaltige Blechdose mit Hummermajonnaise

gestiftet. Dazu wurde Chartreuse gereicht, man schlürfte auch Bölsches

alten Burgunder.

Erneuter Tumult. Der Setzerlehrling brachte die Flugblätter. Man

riß sich drum. Bei der Flurampel las Bartels vor. Er kam freilich

nicht weit -- Zwischenrufe platzten los, aufgeregt debattierte alles

durcheinander. „Ein Pantheist oder Atheist darf in Preußen keinen

Jugendunterricht erteilen!“ „Darauf läuft die Maßregelung hinaus.“

„Pantheist is antschieden jedä Poet! Saacht nicht Schiller: Jott un

Natur send äins? Un Joethe ...“

„Chaja natürlich Choethe und so weiter!“ sprühte Julius, der

Westfale. „Stellen wir uns vor, Choethe möchte seinen Knaben in seine

Weltanschauung und so weiter einführen. Und Choethe hätte das Pech,

preußischer Untertan zu sein. Dann müßte der Kultusminister Bosse

einwenden: Bei aller Verehrung für Ihre Dichtung, Herr Choethe,

verbiete ich Ihren Chuchendunterricht. Sie haben dazu nicht die

erforderliche Sittlichkeit und Korrektheit der Chesinnung -- denn

Sie sind Pantheist -- chaja natürlich Choethe!“ -- Hohl deklamierte

Scharbock: „Wer darf ihn nannen -- und wer bekannen: Ich jloub ihn?“

-- Doch Hartleben machte Gretchens Einrede geltend: „Wenn man’s so

hört, möcht’s leidlich scheinen -- steht aber doch schief darum --

denn du hast kein Christentum.“ -- „Ja zum Teufel, welcher Gott gilt

denn in Preußen? Muß man, um Kinder unterrichten zu dürfen, an den

Greis mit dem langen Bart glauben? Oder ...“ -- „Hier kommt er ja mit

seinem langen Bart!“ rief Hartleben -- „Jehovah, wie er im Garten Eden

wandelte, in der Kutte aus Kamelshaar ... Doch nein, unser Peter sieht

eher dem Wotan ähnlich, zumal wenn er seinen Schlapphut aufhat.“ --

Der Ankömmling war der Dichter Peter Hille. Weltfremd stand er vor dem

Eingang meiner Zelle, eine hagere Gestalt in braunem Havelock. Unter

dem breiten Hut wallten braune Locken, und vom wachsbleichen Gesicht,

in dem nur das Auge Leben hatte, floß der weiche Bart nieder. Verlegen

nahm Peter den Hut ab und bot den Gruß, mit dem er sich gern an sein

Vagabundieren in Italien erinnerte: „Bona sera!“ Bartels nahm ihn

sofort zum Büffet; Speis und Trank waren immer angebracht bei diesem

Literaturzigeuner, der von den Gaben seiner Verehrer lebte.

Auf einmal im Hof ein Zischen und Knattern -- Funken sprühn.

Wir stürmen auf den Hof -- da wirbelt vor meinem Fenster eine

Funkenspirale, ein sogenanntes Feuerrad, befestigt an der Holzschranke,

die den Müllhaufen umhegt. Und es hüpfen knatternde Frösche. „Bist

du toll?“ fahre ich Bartels an, der um die Feuerwerkskörper bemüht

ist -- er antwortet trocken: „Im Programm heißt es doch: Anzünden der

Volksbegeisterung!“ -- „Den Unwillen des Amtes wirst du mir anzünden!

Du alarmierst die Leute!“

Und in der Tat! Nicht bloß, daß Frau Bolle und Onkel Pofke zeterten,

auch ein ältlicher Mann war auf dem Hof erschienen, er trug ein

dütenförmiges Rohr aus Leder. Als stiller Beobachter lungerte er

herum. Der Kuhhirt Kuschel war’s, der den Giebel des Nachbarhauses

bewohnte. Er hatte die Funken gesehn und war sofort mit seinem

„Feuerkalb“ gekommen, wie man das Tuterohr zum Alarmieren nannte.

Ich trat ihm entgegen: „Nicht blasen! ja nicht!“ Begütigend winkte

Kuschel: „Ick wollte man bloß sehn, ob hier nich ’ne Mark locka is

-- wer fix tuten tut, kricht bei uns Feiertutas ’ne Extrawurscht!“

-- „Hier is Ihre Extrawurscht!“ Und Bartels drückte ihm Geld in die

Hand. „Was ist dann das für äin Dings?“ fragte Paulchen Scharbock

und nahm dem Alten das Tuterohr ab. „Det is ’n Feierkalb!“ -- „Was

für’n Kalb? Wird das Kalb jeschlachtet? Dazu schäint es mir etwas zu

zäh! Ach so, +Fäiä+kalb sagen Sie! Se mäinen, es paßt zu unsrer

Fäiä? Es wird woll hinäinjetutet? Hier oben bäi dä Schnouze?“ Und

ehe man ihn hindern konnte, hatte der Unselige aus voller Lunge ins

Tuterohr gestoßen: „Puh!“ Mich verblüffte nicht bloß dieser schnöde

Mißbrauch des Fritzenwalder Feuerkalbs, sondern noch mehr die Kraft der

Scharbockschen Lunge; dann aber die verheerende Wirkung, die von ihr

ausging. Kaum eine halbe Minute später antwortete es von einer nahen

Straße: „Puh!“ -- dann mehr entfernt: „Puh!“ Schließlich scholl es nah

und fern: „Puh!“ -- „Puh!“ -- „Puh!“ Das Feuerkalb war dem Attentäter

entrissen; mit kindischem Lachen hob er die Hand und deklamierte:

„Unhäil! du bist em Zuge! nemm walchen Louf du wellst!“

„Meinen Sie mich?“ sagte der Kreispfiffikus, der plötzlich in unsrer

Mitte stand. „Man nennt mich Heilkünstler, doch bin ich ehrlich genug,

mich getroffen zu fühlen, wenn es hier heißt: +Un+heil, du bist

im Zuge. Gegen Zugluft bin ich allerdings kaum empfindlich.“ -- „Um

Jotteswillen, Herr Dokta!“ kam Frau Bolle händeringend -- „helfen

Se! Mit’s Feierkalb hat eena jetutet, aus Jebamut, eena von die

Jäste!“ -- „Aus Übermut?“ versetzte Doktor Jacoby und schnüffelte:

„Aber hier riecht es doch nach Rauch. Ich spiele nicht auf die

anwesenden Herren Raucher an, sondern meine etwas minder Edles. Es

riecht nach angebrannter Müllgrube. Ich ahne, da hat jemand einen

Zigarrenstummel reingeworfen. Was starren Se mich an, Herrschaften?

Bin ich’s etwa gewesen? Dann entschuldigen Se!“ Und der Kreispfiffikus

lief zur Hoftür, die eben aufgerissen wurde. „Wech da!“ herrschte er

die Eindringenden an. „Blinder Lärm! Hier hat keener wat zu suchen,

Bengels! Ihr sollt euch lieber nützlich machen! Lauft mal jleich de

Feuerwehr entjejen. Schönen Jruß von mir, un es wäre blinder Lärm --

sie sollen sich den Weg sparen -- das Tuten muß aufhören, schleunigst

aufhören!“ -- Die eifrige Dorfjugend verfuhr nach der Weisung des

beliebten Mannes, und nicht lange, so kam ein Junge gehastet, um stolz

zu melden, er habe die Feuerwehr zurückgeschickt. Dann verstummte das

Tuten.

Doch nun kam eine neue Verwickelung: Der Biedermaxe stand plötzlich

unter uns und schnüffelte mit Polizeiblicken herum: „Was geht

hier vor?“ -- „Was wollen +Sie+ denn hier?“ wandte sich der

Kreispfiffikus an ihn -- „gehen Sie lieber nach Haus -- ich habe jemand

für Ihr Grundstück interessiert. Der wird gleich kommen. Oder war er

etwa schon da?“ -- Der Biedermaxe stutzte: „Wegen meines Grundstücks?“

-- „Na ja doch -- und ich vermittle den Kauf. Ich erwähne das, um mir

die Provision zu sichern. Ich nehme doch an, -- wie?“ -- „Aber mit

Kußhand!“ erwiderte der Biedermaxe wie umgewandelt. -- „Na denn jehn

Se man fix! Sonst verpassen Se den Koof! Hier is ja doch nischt weiter

los, als daß ick ne Ziehjarre in de Mülljrube jeworfen habe.“ Und der

Kreispfiffikus schob den Biedermaxe ab. Als ihm das gelungen war,

wandte er sich zu uns: „Nun aber, meine Herren, muß einer die Rolle des

Kauflustigen übernehmen und zu dem Biedermaxe hin. Das ist sonst ein

gefährlicher Kunde -- der zeigt an, was hier für ne Bescherung war. Den

müssen wir engagieren.“ -- „Paulchen!“ sagte Hartleben zu Scharbock,

„geh du mit Petern hin! Peter Hille soll den Kauflustigen mimen -- muß

sich das Grundstück dieses Biedermaxen besehn.“ -- „Also los, Kinder!“

sagte Bartels -- „ich bringe euch hin und instruiere euch des Näheren.

Übrigens, Onkel Pofke, legen Sie doch ein Achtel Freibier auf, für die

Feuerwehr.“

Mit schelmischer Liebenswürdigkeit reichte der Kreispfiffikus zwei

Damen den Arm: „Aber Herrschaften, hier verkühlt man sich. Rinn ins

Verjnüjen!“ Und lachend kehrten wir ins Gefängnis zurück. Einen

hübschen Einfall hatte Frau Martha: wir machten uns Kränze aus dem

geröteten Laube des Wilden Weins und aus Epheu, der bei der Kegellaube

rankte. Bald saß alles bekränzt, wie Griechen beim Symposion, lauter

frohe Gesichter, es duftete aus den Pokalen. Passend zur italienischen

Nacht klimperte meine Zither die Sicilianerweise Santa Lucia, und wir

sangen Fischlens Lied:

„Sind es nicht Toren,

Die da stets zittern

Und sich das fröhliche

Leben verbittern?

Wein-, lieb- und liederfroh

Horas non numero

Nisi serenas!“

Herbstnachtigall

Die Farbe rosa kennzeichnet eine Gemeinde von Gläubigen: Mädchen

gehören ihr an, die gern eine seidene Schleife im Haar tragen;

Jünglinge, die beim Buchbinder unter Erröten zartbuntes Briefpapier

kaufen; Matronen, die bei einer Trauung an der Kirchenpforte harren, um

die Braut im Schleier zu sehen. Diese Rosagläubigen möchten natürlich

vernehmen, was des weiteren aus dem Grillenroman geworden. Zwar sind

sie davon überzeugt, daß die Hauptfrage zweier Herzen bereits gelöst

ist, sobald sie einander kriegen. Indessen hat man es gern, wenn der

Roman auch noch einen Ausblick eröffnet auf das Familienglück, das

selbstverständlich nun anhebt. Auch meinerseits ein wenig befangen von

solcher „Selbstverständlichkeit“, hatte ich meinen Grillen die Namen

gegeben „Philemon und Baucis“. Wie dies weltberühmte Paar in seiner

Hütte, sollten meine Grillen in glücklicher Gemeinschaft zirpen bis ins

äußerste Alter.

Auf das Rosapapier dieser Erwartung fiel freilich am Tage nach der

Grillentrauung ein dicker, schwarzer Klecks. Ich sah, wie Baucis

stumpfsinnig am Gittergewebe saß, während Philemon zum Fressen

aufgelegt schien. Schließlich hatte Philemon der geschabten Mohrrübe in

einer Weise zugesprochen, daß sie ihm nicht bloß Embonpoint verlieh,

sondern auch noch durch sein Eingeweide hindurchschimmerte. Wo war nun

der Grüne Donnerstag geblieben? Ziegelrot sah er aus. Baucis wie eine

vertrocknete Jungfrau, dabei so mürrisch und geistlos, daß ich den

Futterexzeß ihres Verlobten verständlich fand. Der Exzeß sollte ihn

dafür entschädigen, daß er mit der Braut reingefallen. Was aber das

Elendeste an diesem Conjugium war: das Singen hatte aufgehört; weder

Philemon noch Baucis brachte auch nur ein einziges „Zirp“ heraus. „Das

geht zu weit! Zur Lästerung wider Apoll und seine Musen darf eure Ehe

nicht ausarten. Laßt euch scheiden!“ Und ich machte kurzen Prozeß:

Durch Anton Bolle ließ ich die vertrocknete Jungfer Baucis zurück auf

den Akazienbaum bringen. Meinen entarteten Donnerstag sollte eine

Fastenkur wieder schlank, grün und poetisch machen. Und sieh, das half!

Nicht bloß, daß er am nächsten Tage schon etwas vergeistigt aussah, er

kroch auch lebhaft umher und hüpfte ein paar Mal. Und wie mittags die

Sonne durch den Herbstnebel drang, legte er mit seiner silberhellen

Geige wieder los. Da horch, vom Akazienbaum antwortete Baucis. Bravo!

Unermüdlich schmetterte das Duett. Ich sah nun ein, daß die Grillen

nicht mit Philemon und Baucis zu vergleichen seien, sondern mit

Pyramus und Thisbe, rührenden Vertretern einer „Distanceliebe“, wie

Bölsche so was nennt: ohne einen Kuß oder auch nur einen Händedruck

liebt man einander und wispert zärtlich durch den Spalt der trennenden

Wand. Sankt Plato, wie fein hast du das Wesen der Liebe gedeutet!

Vom göttlichen Eros lässest du deine Diotima sagen, er sei der Sohn

des Reichtums und der Armut, schwärme daher immer für etwas, das ihm

fehlt. Nicht, wo man hat und satt ist, nein, wo man darbt, sich nach

Entferntem sehnt, nur da zittert das Beten der Liebe zur Ätherwelt

empor. Es ist üblich, für den Mai zu schwärmen, und ich will blühende

Syringen, Nachtigallenflöten und verzückte Pärchen im Mondschein nicht

verachten. Doch der erfahrene Feinschmecker des Lebens schwelgt in den

letzten Sommertagen, im Vergilben und Erröten des Laubes.

Noch immer Sonnengold und Milde haben diese Novembertage. Der wilde

Wein über der Kegelbahn hat blutrote Blätter. Von den schneeweißen

Seidengespinsten schwebt noch eins durch die stille Luft zur

vergilbenden Akazie. In deren Krone sitzen zu Dutzenden die Stare,

versammelt zur Wanderschaft südwärts. Sie schwatzten, daß es wie Blech

rasselt. In hoher Luft aber raunt es, schnarrt und krächzt; keilförmige

Geschwader, Schulter hinter Schulter, rudern Wildgänse mit surrenden

Fittichen durch mattblauen Äther.

Horch, nur noch wie ein Säuseln singt meine Herbstnachtigall. War ihre

Weise ehedem dionysischer Taumel, jetzt ist sie seraphisches Schweben.

Und überhaupt eine andere ist sie geworden. Keine Nahrung nimmt sie

mehr, ihr Körper ist verschrumpft und verfällt vor Altersschwäche;

ein Bein ging bereits verloren und ein halbes Fühlhorn. In der

Ekstase fühlt sie sich erhaben über Körpergebreste. Die Außenwelt

ist ihr versunken, ihr Zirpen ist alles -- sie geigt pianissimo, mit

abgewetzten Flügeln. Als summe eine Greisin mit heiserer Stimme. Auch

an jenen Derwisch muß ich denken, dem ich in Kleinasien begegnete -- in

mystischer Hingabe neigte sich der Alte unaufhörlich wie ein wankender

Halm und lallte immerfort: „Allah! Allah!“ -- Verglommen das Abendrot,

kühl bricht die Nacht herein. In den Gefängnishof lugen erglimmende

Sterne. Verstummt ist die gute Grille Baucis; wer weiß, ob sie nicht

morgen erfroren unter der Akazie liegt, während Rauhreif an den

Blättern hängt.

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 13 / 19 段