selber durchgemacht hatte. Am Himmelfahrtstage war in einer
Arbeiterversammlung ein Geistlicher erschienen und hatte in der
Diskussion auf die Frage, wie Christi Himmelfahrt zu verstehen sei, die
Antwort erteilt: „Wörtlich, wie die Bibel es beschreibt -- leibhaftig
ist unser Heiland aufgefahren, sitzet zur Rechten Gottes.“ Durch solche
Glaubensstarrheit gereizt, hatte Spornreutter erwidert: Der Sternenraum
ist so unermeßlich, daß vom Nebelfleck der Andromeda das Licht eine
Million Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen. Wenn also die Fahrt
gen Himmel mit der größten uns bekannten Schnelligkeit, mit der des
Lichts, stattgefunden hat, so ist sie zurzeit noch lange nicht über den
Sternenraum hinaus; erst in neunhundertachtundneunzig Jahrtausenden,
von heute an, wird der Himmelsfahrer beim Nebelfleck der Andromeda
angelangt sein -- und wer weiß, wie lange er dann noch zu fliegen hat,
bis die Welt mit Brettern vernagelt ist und das übernatürliche Reich
anfängt! Der Gendarm, der die Versammlung überwachte, mißdeutete die
Heiterkeit, die auf diese Ausführung laut wurde, und die Folge war
Spornreutters Verurteilung zu acht Wochen Gefängnis wegen sogenannter
Gotteslästerung.
„+Mein+ Gefängnis war +nicht+ so fidel, wie das Ihre,“
erzählte er, „dennoch möchte ich es nicht +missen+ in meiner
Lebensgeschichte, schon deshalb nicht, weil ich so schöne Ruhe zum
Lesen und Schreiben hatte. Ich habe im Gefängnis neugriechisch gelernt
und Werke des Dichterphilosophen Polytropos übersetzt. Wissen Sie,
was der zum Beispiel sagt? Ein Gott, der sich schämen muß über den
Zustand seiner Anbeter, +ist+ kein Gott! Der Gott eines Volkes
in +Lumpen ist+ kein Gott!“ -- „Und erst recht nicht, wenn’s ein
Volk +von+ Lumpen ist,“ fügte ich hinzu; „doch lassen wir die
Bosheiten! Erzählen Sie von Ihrem Gefängnis! Besuch war Ihnen wohl
selten gestattet?“ Spornreutter erwiderte: „Ich fühlte mich nicht
einsam -- habe soviel mit Gefangenen geplaudert, daß es mir oft zuviel
wurde. Kennen Sie die Klopfsprache? Mit ihr verständigt man sich durch
die Kerkerwände. Besonders eignen sich hierzu die Heizungsröhren. Wenn
unten, oben oder nebenan ein Gefangener daran klopft, so hört man’s in
den Nachbarzellen. Das Abc wird so abgeklopft, daß Worte rauskommen.
Das ist zwar etwas umständlich, aber bald geht die Unterhaltung
ziemlich flott, zumal angefangene Sätze oft erraten werden. Was haben
wir uns nicht alles auf diese Weise erzählt!“
Schweigend schritten wir den Waldpfad dahin. Sterne leuchteten.
Ein Käuzchen schrie. Dann kam wieder das aufstöhnende Sausen der
Kiefern. „Wissen Sie, woran mich Ihre Geschichte in Verbindung mit
dem Biedermaxentum gemahnt?“ fragte ich. „Der Mensch ist in die
+Ichform+ eingesperrt wie in ein Gefängnis. Wohl ihm, wenn er
wenigstens Klopflaute findet zur Verständigung mit seinesgleichen. Aber
es gibt auch Isolierzellen -- gibt isolierte Ichlinge, die gar nicht
aus ihrem dicken Fell herauswollen. Am besten hat es ein Gefangener,
der über den Kerkerschlüssel verfügt, beliebig aufschließen, sogar
Sparziergänge ins Freie machen kann. Reizt euch das nicht, ihr
Gefängnishocker? Wann werdet Ihr Lust zur Freiheit kriegen? Sehn Sie
mal, Spornreutter, da oben ist Ihr Sternenbild Andromeda -- mit dem
Nebelfleck, dessen ketzerische Betrachtung Sie ins Gefängnis brachte.
Wissen Sie, was Sie den Leuten über die Himmelfahrt +auch+ hätten
sagen können? Jeder Mensch steckt in einer Höhle, soll aber gen Himmel
fahren. Wie man das +macht+? Dazu braucht man nicht den Flug
des +äußern+ Lichts, sondern den Gedanken, der die Trennungen
überwindet. Heute im Walde sind wir aus uns herausgegangen. War’s
nicht köstlich, wie wir uns in die Landschaft vertieften? So soll man
sich in die Mitmenschen einfühlen, soll kein Gemütskrüppel sein wie
der Biedermaxe. Wie aus seiner Puppenhülse der Schmetterling, soll aus
dem Ichgefängnis ein besserer Mensch hervorgehen. Wenn wir einander
+verstehen+, +dann+ ist das Friedensreich da, wo das Lamm
neben dem Löwen schlummert.“ -- „Aber nun der Biedermaxe! Sollen wir
auch +ihn+ duldsam verstehen? Und nicht lieber zum Kuckuck jagen?“
-- „Tun Sie +Beides+! Schwingen Sie die Geißel wie Christus, als
er das Gesindel aus dem Tempel trieb. Tun Sie’s aber ohne Haß -- tun
Sie’s lachend! Mit Humor!“
Einsamkeit
Auf sein Bett gestreckt, fühlte sich der Gefangene vereinsamt, der
graue November weinte ihm etwas vor. Kalter Wind schnob -- der Regen
rann, mit Schnee und Schloßen untermischt. Die Blechrinne schluchzte,
in die untergestellte Tonne plätscherte das Naß. Um noch verlorener zu
erscheinen, war dieser Tag ein Sonntag. Alle Welt sucht sich feiertags
eine besondere Freude, mit der Geselligkeit wird dann geradezu ein
Kultus getrieben. Der Gefangene blieb heute ganz allein. Seine Frau
war erkältet und hütete das Zimmer; kein Freund ließ sich sehen, kein
Hund, keine Katz. Na ja, verständlich war’s; bei dem unwirtlichen
Wetter hockte jeder gern zwischen seinen gemütlichen Pfählen, Kaffee
schlürfend bei der Hausfrau oder bei seiner Freundschaft. Die Gefährten
der literarischen Kolonie schwatzten gewiß, wie gewöhnlich, bei
Streitmüllers, und ihnen ging der Humor nicht aus. Vielleicht hatte
einer den Vorschlag geäußert: „Besuchen wir Bruno!“ Aber dann war
eingewendet: „Ach wir sitzen so gemütlich beisammen -- und bei Bruno
war ich erst vor einer Woche. Dem wird’s ja auch nicht fehlen an Besuch
-- heut’ am Sonntag ist seine Zelle selbstverständlich voll wie eine
Heringstonne! Bleiben wir also hier -- Prosit!“
Ich hörte mich seufzen -- immerfort wimmerte draußen die Rinne, der
Abend dämmerte schon, und ich blieb allein.
Es kam mir in den Sinn, daß der gutmütige Eckehart zu Beginn meiner
Gefangenschaft angedeutet hatte, mit Diotima wolle er mir ein Ständchen
bringen. Der wimmernde Wind war nun mein Ständchen.
Weil aber Schwermut bitter, Bitterkeit mißtrauisch macht, so kamen
mir argwöhnische Gedanken. Im Geiste sah ich den Freundeskreis, hörte
einen Witz über mich, der mir boshaft vorkam -- und alles lachte. Wer
den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und die Krähen
hacken drauf los, wo eine anders aussieht als die andern. Manchem ist
es nicht völlig ernst, wenn er mir die Hand drückt: „Wacker!“ Sitzt er
dann mit andern zusammen, so kommt der Herdensinn heraus, und nun heißt
es von oben herab: „Kurios, was Wille da auf sich nimmt! Mein Geschmack
wär’s nicht, den Märtyrer zu spielen.“ Ein anderer meint superklug:
„Ein Märtyrer für seine Überzeugung -- wie Sokrates, der den Giftbecher
trank -- ~à la bonheur~! Das war ein Kerl! Aber Fritzenwalde ist
kein Athen -- nicht mal ein Abdera -- und Bruno Wille kein Sokrates.“
-- „Nicht Schierling trinkt er, sondern Grog!“ rief jemand -- alles
lachte, und dann hieß es: „Ein fideles Gefängnis! Solch ein Martyrium
ist ja ein wahres Vergnügen, ein Studentenulk!“ Zwar machte ich mir
selber dies Gerede vor, doch ich glaubte daran. Ich tat, was man vom
Hasen sagt, ich schlief mit offenen Augen, und meine innerlichen
Gesichte hatten eigenes Leben ...
Im Lehnstuhl thronend, genehmigt Otto Erich Hartleben einen Schluck und
meint blasiert: „Ich wußte mir von je bessere Studentenulke. Daß Wille
ins Gefängnis ging, finde ich einfach geschmacklos.“ Gereizt entgegnet
Paul Streitmüller, der ältere der Brüder: „So’n einseitiger Ästhet wie
du will natürlich immer genießen; aber sind wir denn dem tätigen Leben
nicht +auch+ was schuldig?“ -- Hochtrabend Hartleben: „Meinen
Gläubigern bin ich was schuldig, das muß ich schon anerkennen, sie
schicken mir ja den Gerichtsvollzieher. Aber das Leben soll mir nicht
kommen mit idealen Forderungen! Um die bessere Zukunft zu düngen, euren
sozialen Staat, dazu bin ich mir denn doch zu gut!“
„Prosit“ stimmt ein anderer Gast bei, ein Nietzscheaner und
Individualist -- „mögen sich die Sozialisten oder Christen -- das ist
ja im Grunde ein und dasselbe -- verbrauchen lassen von ihren Genossen
oder Nächsten, -- ich lasse mich nicht vom Leben verbrauchen, sondern
ich verbrauche das Leben -- wie es mir beliebt!“ -- „Weißt du, guter
Streitmüller, was mein Ästhetentum bedeutet?“ fuhr Hartleben fort --
„ein ganzer Künstler will ich sein!“ -- „In Schönheit sterben!“ ulkt
Streitmüller -- „und Cerevisia von Pilsen heißt Otto Erichs vornehme
Schönheit, Prost Kinder!“
Hartleben läßt sich nicht aus seiner Sicherheit bringen und blickt
herausfordernd im Kreise umher: „Cerevisia von Pilsen, so heißt
allerdings meine Dame -- daß Otto Erich ihr Ritter ist, weiß also
selbst der Adel von Berlin-Ost und die Fritzenwalder Ritterschaft vom
Geiste. Aber noch nicht scheint sie zu wissen, daß ich diese Dame nur
aus dem Grunde liebe, weil sie meiner Königin aufwartet. Die Königin
heißt Träumerei. Cerevisia, der goldige Stoff aus Pilsen, dient meiner
Träumerei. Nach meinem Geschmack träumen will ich, das ist mein wahres
Leben. Ihr Banausen begreift nicht, warum ich saufe. Die Wirklichkeit
ist mir zu pöbelhaft -- das ist mein tiefer Grund! Heil!“ -- „Heil!“
echoen die Spezialjünger und schlucken eifrig. Einer intoniert:
„Meine Mus’ ist gegangen
In des Schänken sein Haus ...“
„Haltet die Mäuler, Füchse!“ ruft Paul Streitmüller -- „die Diskussion
ist noch nicht zu Ende. Was Otto Erich Träumerei nennt, ist eigentlich
Schlemmerei. Ich gönne euch allen ja etwas davon und ihm noch seinen
Extrakübel mit dem prickelnden Labequell von Pilsen. Wenn aber der
flotte Jenenser Bursch zum Riechfläschchen greift und sich in den
Artistendusel der Nurkünstler hineinschwindelt -- dann freilich wird
Goethe zum Bierjungen -- und Stephan George zum Schönheitspapst! Ein
ganzer Kerl soll im Dichter stecken, einer der Menschentum offenbart,
höheres ...“ -- „Mein lieber Genosse!“ entgegnet Hartleben von oben
herab -- „schreibe du über die Gewerkschaft der Steinträger und andere
Sozifragen -- auch über Ethik und so was Höheres -- davon verstehst du
was. Von klingender Traumkunst aber ...“ -- „Versteh ich allerdings
nicht die Bohne!“ pariert Streitmüller. Hartleben setzt nun erst recht
die Meistermiene auf -- herausfordernd blickt er im Kreise umher:
„Sind hier etwa noch +mehr+ solcher Barbaren, die ein lyrisches
Gedicht +verstehen+ wollen?“ -- Streitmüller läßt sich nicht
verblüffen: „Kokettiere nicht! Wer ein Drama in philistros geschrieben,
braucht sich nicht darüber aufzuhalten, daß Wille die Philister auf
+seine+ Art bekämpft -- indem er unter den gegebenen Verhältnissen
ein Karzer auf sich nimmt, das allerdings kein Tempel der Schönheit
ist. Aber das war euer Jenenser Karzer auch nicht! Und dahin ließet ihr
euch sperren wegen einer besoffenen Lappalie. Wille hingegen ...“ --
„Ist Giordano Bruno redivivus -- foltern läßt er sich -- bei lebendigem
Leibe verbrennen“ -- spottet Hartleben, dem es willkommen sein mag,
einen Blitzableiter gegen Streitmüllers Donnerwetter zu haben. --
„Na gut! Aber wenn unser Bruno sich mit Bravour hineingestürzt hat,
so kann ich nur sagen: Er kommt mir ein wenig wie Fritzchen vor,
als der sich bei Hundekälte die Pfoten erfrieren ließ, um anklagend
zu heulen: Geschieht meiner Mutter ganz recht! Warum läßt sie ihren
Jungen ohne Handschuh! Wille hat sein Ideal, na ja! Idealismus heißt
das wunderlichste Menschengefängnis -- freiwillig begibt sich der gute
Schwärmer hinein -- und mag gar nicht mehr ’raus, vor lauter Verachtung
für das Gesindel, das sich draußen wohl sein läßt ...“ -- „Spuk und
Sparren!“ ruft ein Jünger Stirners und ein Ibsenide: „Lebenslüge!“ --
Aber Paul Streitmüller: „Mancher scheint +die+ Lebenslüge nötig
zu haben, +sein+ Ich sei etwas einzig Kostbares, erhaben über die
dämlichen Sozialpflichten. +Sein+ Gefängnis ist wie eine Schachtel
voll Watte, drauf er als Perle ruht -- ist faule Gewohnheit!“ -- Otto
Erich tut, als habe er nichts gehört, und spottet weiter: „Heine
erzählt von einem wunderlichen Matrosen, der plötzlich vom Gipfel des
Mastes schrie: Ich sterbe für den General Jackson! drauf kopfüber aufs
Deck sprang und -- prompt das Genick brach. Wie dem General mit solchem
Sterben gedient sei, hat niemand begriffen, man wußte nicht mal, wer
der General Jackson war.“ -- Allgemeines Gelächter, in das auch meine
Freunde einstimmen.
So ging das Spiel meiner Phantasie, und alles war, als ob es sich
wirklich so zutrüge. Beim Spott der Gefährten blutete mir das Herz. Und
was das Peinlichste war, meinen eigenen Zweifel liehen sie Worte -- ich
stöhnte. Und in einem fort das Regenplätschern draußen -- und niemand
kam, mich zu trösten -- ich blieb mutterseelenallein.
Nicht weil ich im Gefängnis war, fühlte ich Vereinsamung, sondern weil
jedes Ichwesen eigentlich in Einzelhaft gebannt ist, mag es sich auch
darüber hinwegtäuschen durch Geselligkeit. Was innerlich im Einzelnen
vorgeht -- sein Fühlen und Begehren, sein Träumen und Sinnen -- erlebt
in unmittelbarer Weise nur er selbst, der Vereinzelte! Oft ist er
sogar sich selbst ein Rätsel. Um wieviel mehr den anderen, die ihn
doch nur äußerlich beobachten! Seine Mienen und Geberden sehen sie,
seine Stimme hören sie -- und das heißt: rein äußerliche Wirkungen
empfangen sie von ihm, nichts unmittelbar Geistiges! Nur Wellenzüge des
Äthers und der Luft! Zugegeben natürlich, daß ich die Mienen meines
Mitmenschen seelisch deute. Doch schließlich nur aus meinem eigenen
Ich schöpfe ich diesen Sinn, lege mir das Benehmen des Mitmenschen
nach meinem Muster zurecht, finde immer nur mich selbst im Mitmenschen
wieder; nichts anderes weiß ich von seinem Innern, als was ich von mir
selbst hineinspiegele. Niemals kann ich der Schlange gleichen, die
sich häutet. Kann nie aus der Haut meiner Subjektivität schlüpfen. Mit
mir allein bin ich immerdar -- und eben darin besteht meine tiefste
Vereinsamung. Als der Weltgeist die Kreatur aus dem Garten Eden trieb,
da hat er sie verbannt in die Einzelzelle „Ich“. Nun seufzen wir und
sehnen uns zurück nach der verlorenen All-Gemeinschaft. Und schmachten
nach fremden Seelen, -- bleiben aber im Grunde isoliert.
Es war längst Nacht -- doch ich mochte die Lampe nicht anzünden --
lieber im Dunkeln weiter träumen. Auskosten bis auf den Grund den Kelch
der Vereinsamung -- um dann einmal ganz fertig zu sein mit dieser
Bitternis. Ich ahnte, daß in allem Leid ein Durchbruch gelingen müsse
zu Schatzkammern der Seele. Meine heiße Schläfe lehnte ich an die
Gefängniswand, der Novemberwind schnob lauter, immer noch wimmerte
die Regentraufe ... Und horch, auf einmal kam ein Laut aus einer
geheimnisvollen Welt -- ein Gruß vom ersehnten Reiche freier Geister:
Dumpfer Hufschlag -- das war er ja wieder, der rätselhafte Reiter, den
ich manche Nacht belauscht. Und er galoppierte dunkle Wege dahin --
stürmte in die Weite -- während ich im Gefängnis einsam seufzte.
Nachtodem braust mit Regen und Schloßen
Und haucht herein durch die Kerkersprossen.
Drin lehnt ein heißes Haupt an der Mauer,
Das kostet die Kühle mit süßem Schauer.
Es lauscht dem wilden Rütteln und Dröhnen
Des Sturmes, dem langgezogenen Stöhnen.
Es lauscht, wie der Regen von Dache rinnselt,
Wie die Traufe im Hofe schluchzt und winselt.
Es lauscht, wie ferne die Föhren sausen
Und am Seegestade die Wellen erbrausen.
Nun horch, da nahen hurtige Schläge
Von Rossehufen auf nächtigem Wege.
Vorüber stürmt galoppendes Reiten
Hinaus in geheimnishüllende Weiten ...
So lauscht ein heißes Haupt an der Mauer
Und kostet die Kühle mit süßem Schauer.
Nachtodem braust mit Regen und Schloßen
Und haucht herein durch die Kerkersprossen.
Ach, wer so fliegen könnte ins Schrankenlose -- wie dieser Reiter!
Und wie der wilde Novemberwind! Einmal war’s, da durft ich so ins
Freie galoppieren: Um die Mitte meiner zwanziger Jahre begleitete ich
den Geographen Kiepert auf einer Expedition durch Anatolien, und zu
Pferde ging es Tag für Tag. Da gab es keinen Gram -- jeder Laune meines
Zügels, dem herrischen Druck meiner Schenkel gehorchte das zottige
Pferdchen -- und ich schaute in heiliger Heiterkeit; wie dem Auge des
Äthers lag mir frei und offen das Wunderland Homers. Über Ilion reisten
wir nach Pergamon. Als ich vom hochgelegenen Amphitheater eine Aussicht
schaute, deren einfach große Formen die Inschrift bezeichnete: „Im
Angesicht des Landes und des Meeres“, -- empfand ich die selige Ruhe
eines kraftvoll harmonischen Menschentums. Und fühlte innig, weshalb
Faust, mittelalterlicher Enge und Dumpfheit entwachsen, sich nach
Helenas Heimat sehnt und den Rücken jenes centaurischen Pferdemenschen
Chiron besteigt, der einst sie trug und der mit seinem Saitenspiel
Heroen erzog ...
Während ich so in meinem Gefängnis sann, hielt ich es für angebracht,
das Gedicht vom freien Reiter aufzuschreiben, damit es nicht dem
Gedächtnis entfalle. Ich wollte Licht machen; doch etwas lähmend
Berauschendes hatten die Erinnerungen an Pergamon -- noch ein Weilchen
gab ich mich ihnen hin ... Da war mir, als rege sich jemand draußen am
vergitterten Fenster, und es kam mir der Gedanke: Jetzt haben sich die
Freunde besonnen und wollen dir wohl gar eine Serenade bringen! O diese
Witzbolde! Aus trostloser Vereinsamung möchten sie den Gefangenen in
ein Elysium von Wohllaut, von liebreicher Geselligkeit versetzen. Da
lauern sie nun und kichern in Verstecken über meine Verblüffung. Gute
Schelme! Also losgeschossen! Artig will ich auf euer Programm eingehen.
-- Ich lausche -- nur den Wind höre ich und das Regenrieseln --
irgendwo klappert ein offenes Fenster. Habe mich also wohl getäuscht!
Wer wird denn auch solch eine Regennacht zum Ständchen aussuchen!
Doch horch, ist das nicht Flötenmusik? Und sieh, da glüht es rot!
Wahrhaftig, nun kommen sie! Gar mit einem Fackelzug! Ein Mummenschanz,
eine dramatische Szene. Lauter Griechenvolk -- famose Gestalten. Im
Halbkreis gruppiert um mein Gitterfenster. Ich erkenne sie alle --
Willi Bölsche, am Arme hängt ihm eine Mänade, Julius Hart mit einer
flotten Schauspielerin vom Residenztheater -- Heinrich Hart, die
Eulenspiegelkappe über den Kopf gezogen. In der Mitte der taumelnde
Hartleben als Gott Dionys, mit Epheu umkränzt, einen Pokal in der Hand,
sucht er Halt an einem Greis -- das ist Sokrates. Und es winkt der
olympische Schlemmer mit dem Thyrsosstab, alles lauscht: „Pfahlbürger!
Zu Ehren unseres Bruno Wille, den wir wegen seines freiwilligen
Kerkers hier zum Ehrenpfahlbürger ernennen, lasset die Serenade höhern
Stumpfsinns erschallen, den mit Recht so beliebten Pfahlbürger-Reigen!“
Sich in den Hüften wiegend, hebt nun Hartleben Thyrsosstab und Pokal
und beginnt im Baß:
„Ra--ria--rulla! Ra--ria--rulla!
Dreck--Speck--Zweck überhaupt!
Reia, reia, reia, humpa, humpa ...“
Dröhnend schwillt der Gesang, unter Lachen und Stampfen ordnet man
sich zur Fackelpolonäse. „Nicht zu laut, Kinder!“ rufe ich -- „sonst
blasen die Feuerkälber, und die Fritzenwalder Feuerwehr kommt uns mit
kalten Wasserstrahlen über den Brausekopf. Ihr dürft nicht vergessen,
daß hier ein Gefängnis ist!“ -- „Dummes Zeug!“ schilt der dionysische
Hartleben. „Ich schwinge hier das Skeptron der Freude und Freiheit. Du
bist zur Stunde frei und kommst mit! Vernimm, erhabener Volkserzieher,
Gründer der freien Volksbühne, wir überstrahlen dein Verdienst. Haben
etwas gegründet, das all der Muffigkeit heutzutage ein Ventilator ist:
die freie +Luft+bühne! Wir führen dich hin, wohlan!“ -- „Aber
ich bin ja eingesperrt.“ -- „Dieser Weise wird deine Kerkertür sofort
entriegeln“, entgegnet Hartleben würdevoll. Auf seinen Wink tritt
Sokrates vor; wie der ein wohlbekanntes Schlüsselbund emporhält, geht
mir ein Licht auf: „Der Tausend! Das ist ja unser Jacoby!“ Schlagfertig
kalauert er:
„Ich Greis
Und Metaphysikus,
Bin hier vom Kreis
Der Pfiffikus.“
Beifallsgelächter. Nun rasselt er mit den Schlüsseln und kommt mir
aufzutun. Wie ich eben das Gefängnis verlassen will, rufen die
Versammelten: „Platz da! Der freie Reiter kommt!“ Indem sie eine Gasse
öffnen, vernehme ich den geheimnisvollen Hufschlag. Näher stampft es,
und auf einmal galoppiert ein Centaur in den Hof, bäumt sich und steht
nun schnaubend. „Chiron!“ ruft man, und Hartleben-Dionys: „Bravstes
Vieh der klassischen Walburgisnacht! Nimm diesen Fritzenwalder Faust
auf deinen Rücken, dann fort mit ihm zum alten Griechenland, wo du
mit deiner Musik-Magisterei Helden und Halbgötter erzogen hast.“ Von
etlichen Händen gepackt, sitze ich auf dem Rücken des Pferdemannes,
halte mich an seiner Mähne fest, und los geht die wilde Jagd ...
Dann ist die Szene verwandelt: Vom blauen Himmel flutet goldner Äther
auf ein Amphitheater. Wie Blumen in endlosem Kranzgewebe schimmern auf
den Rängen die bunten Gewänder des schautrunkenen Griechenvolks. Unter
Tubaschmettern tritt eben ein Grieche auf, schön wie Apoll, blondlockig
-- und ein Flüstern geht durch die Versammlung: „Hölderlin, er ist’s!
Er wird Flöte spielen -- Diotima trägt dazu eine seiner gotterfüllten
Oden vor.“
In der Tat hebt Hölderlin, der niemand anders ist als mein Freund
Eckehart, die Flöte an die Lippe, und ein Präludium stimmt zu süßer
Wehmut. Während dieses Vorspiels ist Diotima aufgetreten -- alles
versinkt in ihren Anblick. Der Sixtinischen Madonna ähnlich, überschaut
sie, an den Altar gelehnt, das versammelte Volk. Träumende Sehnsucht im
dunkeln Auge. Und zu den Flötenklängen spricht ihre Altstimme:
„Rosen kränzen den Berg, heiliges Frührot lacht.
Auf, gefangener Mann! Suche, was adlig macht!
Brich die Kette! Laß schnarchen
Gassenbürger in Winkelnacht!
Dir zu Füßen die Welt, klimme den Fels empor
Zu Heroen! Erweckt werden dir Aug und Ohr!
Tief das murrende Chaos
Droben tönt es wie Sternenchor.“
Diotimas Augen sind geweitet, aus ihrer Rätseltiefe leuchtet die
Vision der Seherin. Tausend Blicke bohren sich glühend hinein -- und
wie fragend sind der Versammelten Lippen halb geöffnet, schmachtend
nach dem Wasser des Lebens. Und sieh, während Hölderlins Flötenhauche
zitternd ersterben als verglimme Abendgold, hebt Diotima ihr Antlitz
und breitet seufzend die Arme empor ...
Da hat ein Zauber alles verwandelt. Nur noch eine Ruine das
Amphitheater. Öde, von allem Leben verlassen. Und Finsternis hält alles
umfangen, mit riesigen Fledermausflügeln. Ein Glied der dumpfigen Erde
haben die schwarzen Trümmer etwas von einer Höhle, von einer Gruft,
einem Kerker. Und auf einmal kommt es mir vor, dies sei mein Gefängnis.
Durch die Eisensprossen des Fensters erkenne ich den Gefängnishof
mit der Pfütze -- vom Regenguß ist sie vergrößert, Sterne spiegeln
sich darin. Klar ist nun der Himmel. Über dem Dache des Vorderhauses
leuchtet das Sternbild Orion -- wie ein Krondiadem. Oder wie
Tauperlen, sie flimmern gelb und blau, grün und rot. Die Sternstrahlen
sind haarfeine Saiten einer Harfe. Sie summen, es klingt wie eine
Mondscheinlerche. Von meiner Lippe beben rhythmische Hauche und formen
sich zum Gedicht:
Es wühlt und tappt in dumpfiger Höhle blind
Der Maulwurf; ihn verschüchtert die Oberwelt.
Mir gab ein Gott dies Auge: aufblühn
Soll es, versippt mit den Sternen droben.
Dein Funkenzauber, hoher Orion, sprengt
Den Kerker mir. O selig, wer dorthin schwebt,
Wo Träume, hier noch Spott der Leute,
Könige sind und das Reich vollenden!
Wer in dieser rauhen Novembernacht das Gesicht des schlafenden
Einsamen beobachtet hätte, wäre inne geworden, wie nicht bloß über
dem Nachtgewölk, sondern auch hinter Gefängnisgittern Sterne blühn,
sehnsüchtige Träume, die das Reich vollenden ...