„Erst möchte ich wissen, wer heute Nachmittag mit mir spazieren

geht. Mein Ausgehrecht lass’ ich mir nicht verkümmern. Bei diesem

herrlichen Wetter schon gar nicht.“ Der Amtsdiener, etwas verlegen,

meinte nach etlichem Besinnen: „Bei die Tante sind ma bloß zum Diner

-- wissen Se, in de Brauerei Feffaberch, Uhre zwelfe. Un so kennen ma

um drei retur sind. Aber offen jestanden, will’k nachmittachs selber

eenen Spazierjang machen, mit meine Familie. Ick dachte so nach de

Rawensteina Miehle. Da jiebt et Kaffeeklatsch mit frische Fannkuchen.“

Dies Vergnügen, auf das sie sich schon gespitzt hatten, mochte ich

Bolles natürlich nicht nehmen. Doch ich wußte Rat: „Vorschlag zur Güte!

Sie nehmen mich einfach +mit+ nach Rawenstein!“ Bolle blickte

unschlüssig, meinte aber schließlich: „Scheeneken, scheeneken!“ Dann

führte er mich zur Kerkertür und steckte den Schlüssel nach innen:

„Riejeln Se eenfach zu! Un wenn Besuch kommt, heern Se ja de Klingel.“

Ich wünschte viel Vergnügen und sah Bolle bald losziehn, nebst seiner

geputzten Frau, die den weißgekleideten Einjährig-Freiwilligen trug.

Dem Knaben Anton folgte Onkel Pofke mit seinem hohen Zylinder.

Keine halbe Stunde nach Abzug der Familie, und es ging die Glocke.

Durchs Fenster sah ich den Vorsitzenden der freireligiösen Gemeinde.

Sein Gesicht, gewöhnlich von unerschütterlichem Ernste, hatte einen

besonders düstern Ausdruck. Wie er so wartend zu Boden starrte, das

Kinn mit dem ergrauenden Knebelbart auf die Brust gesenkt, sah er aus

wie jemand, der am offenen Grabe eine Rede halten soll. Ordentlich leid

tat er mir, ermunternd rief ich: „Heda Friederici!“

Er fuhr zusammen und blickte sich nach der Stimme um. Wie er mich

hinter meinem Fensterlein erkannte, errötete er. „Friederici! Hier

bin ich! Kommen Sie doch!“ Er tat einen scheuen Wink, als wolle er

andeuten: Auf Unterredungen in so formloser Weise darf man sich nicht

einlassen! Und zog wieder die Glocke. „Der Amtsdiener is ja nicht zu

Hause!“ rief ich, -- „is ausgegangen, mit der ganzen Familie! Keiner

sonst is da, als höchstens die Schmalzjuste. Aber die hat in der Kneipe

zu tun. Ich bin heute Herr im Hause. Kommen Se man zu mir ’rein!“

Unsicher hatte er sich mir zugewandt. Ich ging in den Gefängnisflur,

schob den Eisenriegel von der Tür und trat munter auf den Hof, dem

Besucher die Hand entgegengestreckt. Außer Fassung hielt er starr die

Arme vor, wie zur Abwehr: „Aber wa? was is denn +das+?“ Lachend

ergriff ich seinen Arm und zog ihn in meine Zelle.

Als narre ihn ein Traum, sah er sich um und schüttelte empört den

Kopf: „Wa--was sind denn das für +Zustände+!“ -- „Was haben Sie,

Friederici? Dieser grollende Blick? Zunächst nehmen Se mal Platz -- un

schönguten Morgen!“ Zerstreut erwiderte er den Gruß, setzte sich aber

nicht und fuhr fort zu eifern: „Sie wundern sich noch? Na ich danke!

Sie werden doch zugeben, sowas sind keine geordneten Verhältnisse!“

„Ah so! In den Höfen der Gefängnisanstalt Moabit habe ich Posten

gestanden als Einjähriger. Man muß scharf aufpassen, sogar auf

Schießen gefaßt sein. Unerlaubtes Geplauder streng verboten. Daran

dachten Sie wohl, Friederici? Na, leugnen Sie nicht! Als Sie mir

abwinkten, besorgten Sie, von einem Posten eine blaue Bohne in den Leib

zu kriegen. Keine Bange! Wir sind hier nicht in Moabit, mein verwöhnter

Berliner! Hier sind Sie auf dem Dorfe!“ -- „Aber doch in Preußen!“

trumpfte er auf. -- „O natürlich! Unter den Fittichen des Preußischen

Adlers. Aber was wollen Sie? Die Verhältnisse hier sind simpel. Hier

gibts keine Ablösung für den Gefängniswärter. Das ist ein einziger

Amtsdiener, und der hat noch sonst eine Menge Geschäfte. Und ist doch

schließlich +auch+ ’n Mensch, der mal seinen Sonntag haben will ...“

„Er darf aber seinen Gefangenen nicht allein lassen“ -- bullerte

Friederici -- „bei offener Tür! Da hört doch die Weltjeschichte auf!“

-- „Sagen wir lieber: die Preußengeschichte! Seien Sie friedlich!

Der Amtsdiener ist mit Frau und Kindern nach Berlin -- seine Tante

hat Geburtstag, die ganze Familie ist zu Mittag eingeladen. Rührt

Sie das nicht? Sie sind doch +auch+ verheirateter Mann mit Frau

und Kindern. Na, und nun lächeln Se mal, Sie strenger Cato! Sie

Preußenherz!“ -- „Ach was, Preußenherz! Auf das Preußentum poche

ich bloß insofern, als es auf straffe Ordnung hält.“ -- „O Sanktus

Bürokratius!“ entgegnete ich mit Augenaufschlag, „nun geht dein

Gespenst gar bei den Freireligiösen um!“ Friederici verwahrte sich:

„Die Freireligiösen lassen Sie lieber aus dem Spiel! Die sollten hier

mal Zeuge sein! Gestern Abend hatten wir Sitzung. Ein Andrang, sage ich

Ihnen -- und alles in wilder Bewegung. Über den Kultusminister ging es

her, daß ich schon dachte: jetzt bauen sie in der Rosenthalerstraße

eine Barrikade! Oh da hätten Sie hören sollen, wie alles Sie bedauerte!

Wie man die trostlose Lage des Gefangenen ausmalte! Im düstern,

feuchten Kerker sitzt er, hinter Eisensprossen, dicken Riegeln ...“

-- Ich unterbrach ihn: „Wollen Sie sich gefälligst überzeugen? hier

sind in der Tat Eisensprossen -- und den dicken Riegel haben Sie

bemerken können, als ich aufriegelte ...“ -- „Ja aufriegelte!“ spottete

Friederici -- „wenn +das+ unsere Freireligiösen wüßten! Die

haben mir noch auf die Seele gebunden, daß ich vor keinem Hindernis

zurückschrecken soll, um nur ja Zutritt zum armen Gefangenen zu finden.

Man bildet sich ein, Sie schmachten in grausamer Verlassenheit. Der

gefühlvolle Papa Falk hat sogar das Lied angestimmt: Zu Mantua in

Banden ...“ Scherzhaft zog ich das Taschentuch: „Ach Jotte doch!

Ich bin aufrichtig -- muß bloß lächeln, weil hier wieder mal die

Wirklichkeit abweicht von der Phantasieschablone. Aber nun trösten

Sie die mitleidigen Seelen! Erzählen Sie, wie Sie mich gefunden haben

...“ -- „Niemals!“ protestierte Friederici, „wenn ich ihnen +das+

erzähle, gibt es einen kalten Wasserstrahl auf die Begeisterung. Man

steinigt mich -- Ihrer kann man ja nicht habhaft werden.“ -- „Aber was

hat man denn gegen mich?“ -- „Na, ich danke, einen Märtyrer stellt

man sich doch anders vor!“ -- „Ach so! Sie möchten einen Märtyrer

haben? Im Sinne der düsteren Kulissenromantik! Und nun enttäusche

ich Sie. Bin eben kein blutender Glaubensheld, kein Giordano Bruno!

Aber +freuen+ wir uns doch, daß unser Sittenklima milder ist als

dazumal! Ein Mensch fühlt das hier, ein lebendiger! Und lächelt über

das Ansinnen, daß er sich foltern lassen soll, damit seine Partei einen

Märtyrer hat ...“

„So ist es nicht gemeint!“ versetzte Friederici versöhnlich. „Ich

wollte bloß sagen: unsere Gemeinde war gestern noch stolz auf Ihr

Martyrium -- und nun soll sie morgen lange Gesichter machen? Darin

liegt doch was Fatales!“ -- „Fatal für solche, die nicht Humor genug

haben -- und die nicht in erster Linie das Leben gelten lassen,

sondern ihre Schablone vom Leben. Die Schablone ist ein Gefängnis, das

sich die Menschen selber zurecht machen. Schon des Kindes Innenleben

wächst in lauter Käfige ein. Kein Wunder, wenn später alles Denken,

Fühlen, Handeln Schablone bleibt. +Ich+ habe wenigstens den

+Schlüssel+ zu meinem Gefängnis und spaziere gemütlich hinaus.

Aber der Gefängnisphilister wird +verwirrt+, wenn er ausschlüpfen

darf -- wie ein Kanarienvogel, der immer nur im Käfig steckte und sich

eingewöhnt hat.“ -- „Überheben Sie sich nicht!“ meinte verdrossen mein

Besucher. -- „Fällt mir nicht ein!“ gab ich zurück. „Auch ich gehöre

ja der großen Zivilisationsfabrik an. Meine ganze Überhebung besteht

darin, daß ich gewisse Dinge überschaue. Und nun schauen auch Sie,

guter Freund! Schauen Sie hier das Leben! Es ist +immer+ anders

als unsere Schablone -- ist immer einzig. Es spottet jeden Käfigs.

Der Zivilisationsphilister glaubt nicht an das Leben, er glaubt an

sein Reglement. Hier könnten die Vertreter des Reglements was lernen!

Der Kultusminister und seine Räte. Und auch Sie, braves Preußenherz.

Kränken Sie sich nicht, weil ich Sie so nenne! Ich weiß, wie

pflichttreu Sie sind! Aber nun lassen Sie’s gut sein! Mäßigen Sie mal

Ihren Korrektheitseifer! Schon schlüpft ein schüchternes Lächeln durch

die Eisensprossen Ihres Ernstes. Jetzt gefallen Sie mir. Und jetzt

lassen Sie uns fidel sein im fidelen Gefängnis! Tun Sie mir mit einem

Gläschen Bescheid! Mein Amtsdiener delektiert sich an Pfefferberger

Bier. Halten wir uns an diese Pulle Wermut! Bittersüß ist der Trank --

wie mein Gefängnis! Bittersüß, wie der Humor -- und wie eigentlich das

ganze Leben.“

Der Biedermaxe

Der freireligiöse Führer hatte sich verabschiedet. Auf dem Hofe

erschien meine Frau nebst Frau Pape, die den Korb mit meinem

Mittagessen trug. Lachend wurde ich begrüßt, wie ich so ganz ohne

Aufseher auf den Hof trat. Die Seltsamkeit meines Gefängnisses wurde

schon wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen. Beim Verzehren des

Sonntagsbratens kündete ich an, wir würden heute einen Waldspaziergang

machen.

„Da ist wer! Vielleicht Besuch für dich!“ Durchs Fenster sah ich einen

kurzen Mann; nach der Kleidung hätte man ihn für einen Liebhaber des

Segelsports halten können; doch das fahle Gesicht, die schwammige

Gestalt verriet den Stuben- und Wirtshaushocker. Sein marineblauer

Anzug und die Seemannsmütze waren wohl Renommisterei. In die Brust

geworfen, den Kopf hoch, die Augen rollend, den dicken Schnurrbart

forsch gesträubt, suchte er sich das Ansehen eines Kapitäns oder

ehemaligen Militärs zu geben. Etwas lächerlich Widerwärtiges war an

ihm, als wäre er die Karikatur eines Feldwebels, der Kasernenstuben

inspiziert und seine Augen wie ein Luchs umhergehen läßt,

Unregelmäßigkeiten zu entdecken. Der Mann mit der Kapitänsmütze wandte

sich bald hier-, bald dorthin, drehte den Kopf zur Amtsdienerglocke,

zur Regentonne, ging hastigen Schrittes zur Kegelbahn, wieder zur

Pumpe. Alles geschah mit ruckartigen Bewegungen und einer hochmütig

strengen Miene. Sein Aufmerken war nun mißtrauisch auf den Gefängnisbau

gerichtet. Hinter den Eisensprossen mußte er zwei Gesichter bemerkt

haben; denn plötzlich starrte er durchbohrenden Auges und tat ein paar

stramme Schritte nach meinem Fenster. Wie er die Glotzaugen aufriß, um

seinem Gesicht einen majestätischen Ausdruck zu geben, erinnerte er an

den Frosch der Fabel, der sich aufblies, bis er platzte.

Der Mann mit der Kapitänsmütze platzte nun freilich nicht, doch

explodierte seine Geschwollenheit in einem Hohngelächter: „Hohoho!“

Und wie man jemand verächtlich von Kopf bis zu den Füßen mißt, wandte

er das Gesicht schadenfroh vom Kerkerfenster niederwärts zur Müllgrube

und spie herausfordernd aus: „Pfui Deibel!“ Auf dem Absatz umgewendet,

stolzierte er, wie nach einer Heldentat, zur Straßenpforte. Ehe er sie

hinter sich zumachte, wiederholte er sein hohles Gelächter.

Was war das? Mit dieser stummen Frage blickte ich meine Frau an, sie

mich. „Das muß ja ein niederträchtiger Kerl sein,“ sagte sie, „er

wollte dich verhöhnen.“ Ich wiegte langsam den Kopf: „Was es doch für

Menschen gibt! Das heißt, Menschen sollte man sie gar nicht nennen,

sondern Leute.“ -- „Kennst du ihn?“ forschte meine Frau, „hast du ihm

was getan?“ -- „Nicht daß ich wüßte! Keine Ahnung, wer er ist! Wohl ein

Spießer, der im Käseblättchen gelesen hat, daß ich hier Gefangener bin.

Aus Neugier schnüffelt er nun hier herum -- oder will sich dicke tun

-- weil er nicht ist, wie so ein Lump hinter Schloß und Riegel. Aber

lassen wir den aufgeblasenen Frosch! Wir wollen lieber den wundervollen

Herbsttag genießen. Ich strecke mich noch ein Stündchen hin und lese im

Chamisso. Du könntest derweilen zu Spornreutters gehn und sie einladen,

den Spaziergang mitzumachen. Aber pünktlich drei Uhr hier sein!“

Meine Frau ging -- ich versank in Nachdenken über die menschliche

Natur. O Mensch, du kleiner Gernegroß! Wie komisch, wenn du neben

deinesgleichen das Figürchen um Strohhalms Breite höher recken

möchtest! Und wie häßlich, wenn du den andern duckst, bloß damit du

dir groß vorkommen kannst, und wenn du ihn unter deine Füße zwingen

möchtest. Schadenfreude ist des Menschen schlimmste Blamage.

Sieh da, die Familie Bolle war zurück! Ich verließ mein Gefängnis

und wiederholte dem Amtsdiener, daß ich nun den Spaziergang machen

möchte. Er murrte, er sei müde vom Geburtstag, müsse mindestens eine

Stunde schlafen. „Aber Mann!“ wandte Frau Bolle ein, „denn is ja die

scheene Sonne wech!“ Borstig erwiderte er: „Komm du mich nich mang die

Amtsjeschäfte! Ick nehme eich ieberhaupt nich mit.“ -- „Friedlich, Herr

Bolle! Ich mache Ihnen das Zugeständnis, Sie legen sich jetzt aufs Ohr,

aber nur eine halbe Stunde! Schlummern Se mal etwas rascher als sonst,

hernach sind Sie besser ausgeruht, als nach langem Schnarchen. Bedenken

Sie: Frische Pfannkuchen zum Kaffee!“ Es blieb ihm nichts übrig, als

sich zu fügen, zumal seine Frau energisch geltend machte, bei dem

milden Wetter müsse sie mit den Kindern ins Freie.

Bald kam meine Frau mit dem jungen Ehepaar Spornreutter, das in

Friedrichshagen wohnte. Spornreutter, Herausgeber einer Zeitschrift,

hatte viel Sinn für Landschaft, für Kunst und künstlerische

Volksbildung, wie er denn in der Volksbühne mein wackerer Helfer

war. Seine Frau, stillvergnügt, eine zierliche Blondine von der

Waterkant. Im Hofe richtete Frau Bolle nebst dem Knaben Anton den

Kinderwagen für den Einjährig-Freiwilligen her. Als der Amtsdiener

seine Verschlafenheit überwunden hatte, zog unsere Karawane los. Ich

mit Spornreutter voran, dann unsere Frauen, drittens Anton, der den

Kinderwagen schob, zuletzt das Ehepaar Bolle.

Der Herbstnachmittag war goldig und süß wie ein vollkommener Apfel.

Nach Westen gesunken, hauchte die Sonne noch warm über Stoppelfeld

und vergilbtes Kartoffelkraut. Ein Herbstfaden schwamm wie blitzendes

Silber in der stillen Luft. Nun tauchten wir in den Kiefernforst,

der sich meilenweit erstreckt. Auf verschwiegenen Gestellwegen ging

es gemächlich, zuweilen pfadlos über Moospolster. Weite Strecken

waren von Adlerfarn bedeckt, die gefiederten Blattwedel vergilbt.

Teppiche von Preißelbeerkraut, wildverrankte Brombeerhecken. Hin und

wieder leuchtete aus dem Moose ein roter Fliegenpilz. „Au kuck mal,

Rehe!“ rief Anton. Die geschmeidigen Tiere hüpften mit langen Sätzen

über die Farne, zwischen den Stämmen blinkte der weiße Fleck am

hellbraunen Hinterteil, dann waren sie entschwunden. Nun raschelt’s

an einer Kiefer: Eichhörnchen rennt fauchend die Baumborke hinan,

hüpft von Wipfel zu Wipfel. Der Wald lichtet sich -- eine Schonung.

Über die niedrigen Nadelbüsche ragen vereinzelte Riesen, knorrig, die

Wipfel gebreitet. Schon verklärt sich der Himmel, und rötlichgolden

fließt der Sonnenduft schräg über den Forst. Kiefernäste erglühen.

Hoch im Äther zieht drohende Kreise der Habicht -- in der Schonung

hat er eine Kaninchensippe erspäht. Auf das Kreischen des Räubers

antwortet zankend der Häher. Dann trommelt ein Specht mit dem Schnabel

seinen Borkenwirbel. Sonstige Vogelstimmen sind selten, nur daß

schleppenden Flugs eine Krähe krächzt oder winzige Meisen, um die roten

Beerendolden der Eberesche schlüpfend, wie Mäuschen piepen. Entferntem

Meeresrauschen ähnlich, wogt ein Seufzen durch die Nadelwipfel,

die sich kaum regen. So recht für Träumer ist dieser märkische

Kiefernforst. In Grübelei versinkt der Wanderer, seine ernste Stimmung

wird durch die einförmige Öde zusammengehalten.

Erst als wir auf dem üblichen Wege nach Rawenstein waren, wo noch

andere Leute spazierten, kamen wir ins Geplauder. Ich erzählte von dem

sonderbaren Gast, der heute den Gefängnishof besucht hatte, und dann

blieben wir stehn, um Bolle darüber zu befragen. Gar nicht erbaut von

meinem Bericht, wiegte er den Kopf: „Au Backe, det war der Biedamaxe!“

Wir lachten über den Namen. „Erzählen Se, Bolle, was für einer das

ist!“ -- „Kommissionär schimpft e’ sich, un eene Baustelle hat er am

See, wo die Holzbaracke steht. Dadrinne lauert e’ uff Kooflustije, wo

e’ rinlejen kann. Leben dut e’ von’t Jeldjeschäft. Wissen Se, meine

Herren, wenn ick heite, un hätte +Kapetal+, ick machte +ooch+

Jeldjeschäfte. Det Jeldjeschäft ...“ -- „Schon gut! Aber weshalb nennen

Sie Ihren Kommissionär Biedermaxe?“ -- „Den Namen hat e’, weil er immer

den Biedermann rausbeißen dut. Wie se mal Kaisers Jeburtstach in de

Brauerei jefeiert haben, erhebt sich unsa Maxe un redet uff de deitsche

Treie, un zum Schluß hebt e’ drei Finger der rechten Hand zum Schwur,

rollte seine Jlotzoogen un jröblt:

„Der Schwur erschallt, de Woge rinnt,

De Fahnens flattahn hoch im Wind,

Der Deitsche, bieda, fromm un stark,

Beschirmt de heilje Landesmark.“

Wir lachten: „Aha, seitdem nennen Sie ihn Biedermaxe.“ -- „Ja, un wer

ihm kennt, hat nich jern wat zu dun mit ihn. Wenn er heite unsan Hof

inspiziert hat, is det bloß, weil e’ wat ausschniffeln will, um Ihnen

zu denungzian oder mir. Im Denungzian is der Biedamaxe stark. Den

Briefdräjer hat er denungziat, weil der den Briefkasten mal etwas zu

frieh abjeholen hat; un eenen Bahnschaffner, weil der vajessen hatte,

ihn det Billet abzunehmen. Dabei jeheert sich doch Nachsicht fier

Beamte, wo ohnehin ihr Dienst schwer jenuch is. Un wissen Se, wat der

Biedamaxe saacht, wenn man ihm zur Rede stellt? Denn wirft e’ sich in

de Brust un schnauzt: Jeder deitsche Mann von Bildung hat darieber

zu wachen, det die unterjeordneten Orjane in jebührende Ordnung

funksjenian.“ -- „Und ist das aufrichtig gemeint?“ -- Bolle antwortete:

„Bei seine Jeldgeschäfte sind die jebührende Ordnung zwanzig Prozent.

Selbstmurmelnd!“

Eine Moorwiese durchquerte den Kiefernforst. Einst mußte hier ein See

gewesen sein, der Wasserrest schlich als Fließ durch ein schwarzes

Bett. Zum Teiche gestaut, hatte das Wasser die Rawensteiner Mühle

getrieben; seit aber das Mühlrad nichts mehr einbrachte, hatte sich der

Pächter auf die Gastwirtschaft verlegt. Ein Garten mit alten Erlen,

Kuhställe, eine Scheune mit Storchnest, Taubenhaus und gurrende Tauben,

Hühner und Enten, schilfumkränzt der Mühlteich, ein Ausblick auf

Moorwiesen und Kiefern.

Da es bei dem aufsteigenden Abenddunst nicht ratsam schien, im

Freien zu sitzen, begaben wir uns in die große Gaststube. Nur noch

ein Mitteltisch war frei, und hier nahmen wir Platz, obwohl es nicht

angenehm war, so auf dem Präsentierteller zu sitzen. Bald stand vor uns

eine gewaltige Kaffeekanne und eine Schüssel mit Pfannkuchen. Meine

Frau füllte die Tassen und lud ein, zuzugreifen. War nun das nicht

ein gemütliches Bild? Der Gefangene mit seinem Kerkermeister Kaffee

schlürfend im ländlichen Wirtshause? Die Frauen schmausen Kuchen,

der Polizeisprößling im Kinderwagen saugt an seiner Milchflasche. Wir

plaudern harmlos, als ob es in der Welt nichts Schlimmes gäbe, nichts

Verbotenes und keine Strafen! Als wäre das Friedensreich gekommen, wo

neben dem Löwen das Lamm ruht.

Je argloser wir uns gaben, desto mehr wurden die Blicke der übrigen

Gäste kalt und finster. Die Frau eines Drogenhändlers, nebst Töchtern

und Schwiegersöhnen wie eine Gluckhenne, musterte entrüstet unsern

Tisch und war im Einvernehmen mit einem Sattlermeister, der den Kopf

schüttelte, als wolle er mit Hebbels Meister Anton sagen: „Ich verstehe

die Welt nicht mehr!“ Wäre die spiritistische Lehre, daß konzentrierte

Seelenkräfte auch im Schweigen die Menschen bestimmen und sogar Tische

rücken können, zutreffend gewesen, das einmütige Aufbegehren der

Spießergesellschaft hätte den frechen Gefangenen und seinen frivolen

Kerkermeister nebst dem ganzen Mitteltische jählings hinausbefördert.

So aber blieben wir mit der Seßhaftigkeit materieller Wesen, bis

all das Unsere verzehrt war. Als dann Frau Bolle den Kinderwagen

hinausschob und ihr Mann, die Hand an den blanken Helm gelegt, seinen

Schutzbefohlenen den Vortritt ließ, brach die verhaltene Empörung

hinter uns los: „Nee, so wat! Haste Worte?“ -- „Haben Sie gehört?“

meinte Spornreutter, und ich entgegnete: „Der Biedermaxe geht um!“

Draußen war es dunkel und die Gegend des Moors derart nebelig, daß kaum

noch Dämmerlicht vom Himmel kam. Der Knabe Anton hatte die Führung,

hinter ihm schob der Amtsdiener den Kinderwagen. Ich verbiß mich

mit Spornreutter in ein grimmes Gespräch: „Haben diese Bürgersleute

denn nicht die mindeste Solidarität mit mir? Ich bin doch nicht

gefangen, weil ich ihr Eigentum oder sonst ihre Lebensinteressen

geschädigt habe.“ Spornreutter unterbrach: „Erstens haben Sie das

doch! Ungläubigkeit ärgert die Leute. Zweitens ist es ihnen schnuppe,

aus welchem Grunde Sie dem Gefängnis verfallen sind. Sie sind

jedenfalls ein polizeiwidriges Subjekt, Sie müssen sitzen -- das

genügt! Da Sie also hinter Schloß und Riegel gehören, so geraten

diese Spießer aus dem Häuschen über das Schauspiel, das sich eben

unter ihren Augen abgespielt hat. Statt im Kerker zu büßen, macht der

Gefangene gemütliche Waldspaziergänge nach einem öffentlichen Lokal,

und die Polizei geht mit als Vergnügungsmeister und Lakai. Bezahlt man

+dafür+ seine Steuern, he?“ -- „Aber haben diese Leute denn gar

keinen Sinn für die +lustige+ Seite meines Gefängnisses? Warum hat

kein einziger +geschmunzelt+? Was hat ihre Herzen der Mitfreude so

+verschlossen+?“ -- „Unschuldswurm!“ meinte Spornreutter, „trauen

Sie diesen Leuten solche +Mit+freude zu? +Schaden+freude ist

ihnen eigen! Das haben Sie am Biedermaxe erlebt, der höhnisch über Sie

lachte.“

„Hier ist es ja stockfinster,“ meinte Spornreutter, „passen Sie auf,

wir sind vom Wege ab, hier sind gar Dornen.“ Gleich darauf rief

Anton: „Aua! Et piekt mir!“ Und der Amtsdiener: „Au Backe! Ick habe

mir verheddert -- der Kinderwagen sitzt feste, mang de Brombeean!

Streichhelza hea!“ -- „Ich habe keine!“ versetzte Spornreutter, „nu

sitze ich selber fest. Wille, wo sind Sie?“ Ich war einige Schritte

weiter gegangen und blieb stehen, da auch ich Dornranken spürte. Frau

Spornreutter rief: „Wat is ’n los, Mann?“ -- „Ick wollte, ick wäre

los!“ -- Der Einjährig-Freiwillige brüllte. Ich kicherte. Nun wurde

Bolles Stimme mißtrauisch: „Herr Dokta? Sind Se auch noch +da+?“

Offenbar war er bange, ich könne mich fortgemacht haben. Der Zeitpunkt

wäre ja famos gewählt gewesen. Rings finsterer Wald und hilflos

verheddert die Polizei. Jetzt gerade schwieg ich; auch ich wollte

mal schadenfroh sein. Harmlos freilich war die Rache, die ich an der

Menschennatur nahm. Nur Bolle war das Opfer, seine Stimme drückte Angst

aus: „Herr Dokta? mein Jott, wo +sin+ Se denn? Antworten Se doch!

Herr Spornreutta, wo is mein Arrestant? Is +det+ der Lohn fier

meine Jutmietigkeet? Frau! det is een Unjlicksdag, un du bis schuld!

Du hast zujeredt zu diese Landpartie. Mich schwante schon so wat. Nu

is mein Arrestant futsch, un ick lieje in’ Wurschtkessel!“ -- „Ach

Unsinn!“ antwortete Spornreutter, dann rief er in den Wald: „Wille!

wo stecken Sie denn?“ Auch meine Frau beteiligte sich an dem Rufen:

„Bruno! mach keine Witze!“

Damit nun des grausamen Spiels genug sei, antwortete ich barsch: „Wozu

das Geschrei? Ich bin doch hier, -- habe selber mit den verflixten

Dornen zu tun. Zurück, Herr Bolle, in der Richtung, woher Sie gekommen

sind, Sie verheddern sich sonst noch mehr.“ -- „Ick bin schon wieda

los,“ antwortete er; „aber mein Jott, wie ick mir verschrocken habe!

In sone Finsternis kricht selbst ein Polizeimann grauliche Jedanken.“

Als wir den Weg wiedergefunden hatten, ging es vorsichtig durch die

Dunkelheit. Auf einmal wich der Nebel, auf der Moorwiese lag er nur.

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 11 / 19 段