Man sah dem Amtsdiener an, daß er etwas Angenehmes bringe. „Mahlzeit,

Herr Dokta un Frau Doktan! Na scheeneken! det jeht hier allens wie

jeschmiert. Ihr Jesuch, Herr Dokta, is nu ooch jenehmigt!“ -- „Ich kann

also spazieren gehn?“ -- „Der Herr Amtsvorsteha is keen Spielverderber

nich. Ick muß natierlich dabei sind.“ -- „Wieviel Stunden?“ -- „Na,

sagen wir mal een bis zwee Stunden!“ -- „Zwei bis drei Stunden

mindestens muß man bei sitzender Lebensweise laufen, um nicht krank zu

werden. Schon den vierten Tag bin ich ohne Bewegung. Warum hat man mich

so lange warten lassen?“ -- „Aber Herr Dokta! Der Herr Amtsvorsteher

mußte doch erst an Herrn Landrat berichten -- und der bei die

Provinzial-Schulkollejen anfragen -- un die wieder kriejen Bescheid von

den jeistlichen un Medezin-Minister. Hinter den Rücken des Staates kann

det Amt Friedrichshagen doch nich erlauben, det Sie als Staatsjefangena

hier in de Müjjelhaide den Freischitz spielen -- durch die Wälder,

durch die Auen .... Allens mit Takt!“ -- „Wieso mit Takt?“ -- „Sie

sollen mit Takt spazieren gehen -- un ooch Besuche sollen Se immer mit

Takt empfangen. Dadruf ha’k zu halten!“ -- „Sie sollen auf Takt halten?

Sind Sie Musikus gewesen beim Militär, Tambourmajor oder so was?“ --

Pikiert gab Bolle zurück: „Se brauchen mir nich zu vakohlen. Der Herr

Amtsvorsteha saacht: Machen ma den Dokta seine Haft leicht -- seien ma

menschlich. Bolle, saacht e’, jenehmigen Se nach Menschenmeechlichkeit

jede Vajinstijung -- aber bloß det wir keene Nackenschläge nich

riskieren. Ma wer’n beobachtet, Herr Dokta! Janz Balin hält de Oogen uf

Friedrichshagen jeheftet. Ick sage Sie, den janzen Tach bimmelt unser

Tellefong uffs Amt. Bald frächt ne Zeitung, bald ’n Reporta, bald ’n

Neijierijer: Wie jeht’s Ihren Jefangenen? Stimmt et, Herr Amtsvorsteha,

det er in een Hotel unterjebracht is? Weil ma nu so umlauat sinn,

heeßt et hier: Takt halten! Tu du mich nischt, ick tue dich ooch

nischt! Aber haust du meinem Juden, denn hau ick deinem erst recht!

Solange wie Se keenen Radau in de Presse schlagen, Herr Dokta, über

det hiesige Jefängniswesen, drücken ma jern een Ooge zu.“ -- „Habe ich

keinen Anlaß, so brauche ich meine Zuflucht nicht zur Presse nehmen.

Bloß ein Flugblatt gegen die Verfügungen des Kultusministers lasse ich

los -- hab’s eben fertig geschrieben, da liegt es!“ Mit einem scheuen

Seitenblick auf das Manuskript schrak Bolle zusammen: „Haste Töne? Det

is jejen meinem Takt! Ick habe nischt jeheert -- ick weeß von nischt!“

„Also gut, Sie wissen von nichts, Ihr Name is Hase! Übrigens geht Sie

gar nichts an, was ich hier schreibe! Sie sind ein Philister, Bolle!

Aber das geht wieder mich nichts an. Nur +ein+ Punkt interessiert

mich noch, den Sie erwähnt haben: Ich soll mit Takt Besuche empfangen?

Wie ist das gemeint? Wenn Besucher kommen -- oft in wichtiger

Angelegenheit -- na, so müssen Sie doch zu mir +herein+!“ --

„Selbstmurmelnd! Nu aber versetzen Se Ihnen mal in mein Amt! Ick muß

Ihnen doch inschließen! Na also! Nu aber, wie soll ’ck det mit Ihre

Besuchers halten? Soll ’ck etwa jedesmal warten, bis die fertig sinn

mit ihr Anliejen? Meine Zeit ha’k +ooch+ nich jestohlen! Oder

soll ’ck det Jefängnis ufflassen? ohne jede Uffsicht? Oder aber soll

ick Ihre Besuchers mit Sie inschließen? Un denn denungziert mir een

Besucher von wejen Freiheitsberaubijung! Na ick danke! Wat sagen Se

+nu+? Wat is hier Takt?“ -- „Wenn Sie mir nicht trauen, können

Sie meine Besucher ruhig +mit+ mir einschließen. Keiner wird

was dagegen einwenden. Und das sollen Sie sogar schriftlich haben.

Ich verfasse eine Urkunde: Die gehorsamst Unterzeichneten erklären

hiermit, daß sie auf ihr ausdrückliches Verlangen in das Amtsgefängnis

zu Friedrichshagen eingeschlossen sind, daß also in bezug auf ihre

Person keine Freiheitsberaubung vorliegt. Das muß jeder Besucher

unterschreiben. Das sichert Sie, Bolle! Seh’n Sie, das nenne ich

Takt!“ -- Der Amtsdiener war es zufrieden. -- „Abgemacht, Bolle! Wir

werden uns schon vertragen. Und nicht wahr, heute Nachmittag ziehn wir

mitsammen in den Wald!“ -- „Heite schon? Heite kann ick bei’n besten

Willen nich -- Amtsjeschäfte!“ -- „Ich +muß+ spazieren!“ -- Nun

eiferte auch meine Frau: „Ja wahrhaftig, Herr Bolle! Er kränkelt schon!

Ich laufe sofort zu Doktor Jacoby -- der wird auftrumpfen.“ -- „Und

ich schlage Radau in der Presse!“ drohte ich, -- „morgen früh steht’s

im Tageblatt und gar im Vorwärts.“ Bolle schlug die Hände zusammen:

„Heeren Se uff! Die Sache is erledigt: Wenn +ick+ heite nich mit

Sie jehe, denn muß mir Onkel Pofke vatreten. +Der+ kann mit Sie

in de Heide.“ -- „Sie meinen den Gastwirt drüben?“ -- „Jewiß doch!

Frieher is er +ooch+ Amtsdiener gewesen -- un seine Dienstmitze

hat er noch, die kann er uffsetzen, denn sieht die Kiste doch amtlich

aus. Iebrigens duhn Se jut, einsame Waldweje zu jehn ...“ -- „Das eben

will ich ja! Ich möchte mit meiner Frau Pilze suchen ...“ Meine Frau

unterbrach mich: „Heute? Ich habe ja die Schneiderin!“ -- „Nu fang du

auch noch an!“ gab ich vorwurfsvoll zurück. „Aber natürlich, wenn’s

nicht anders ist. Herr Pofke soll mir recht sein. Hauptsache, daß ich

in den Wald komme. Pilze will ich suchen, Grünlinge, Kremplinge.“ --

„Abends brate ich sie dir!“ begütigte meine Frau.

Mögen Schützen und Angler ihre Weidmannslust preisen, die einzige

Jagd, für die +mein+ Herz schlägt, ist die Pilzjagd. Gemeinsam

mit aller Jägerei hat sie die versunkene Hingabe an das heimliche

Weben im Freien, die Reize des Umherstreifens, Suchens, Erbeutens.

Dabei ist meine Jagd unschuldig -- weh tut sie den Pilzen schwerlich

-- die bluten nicht, mit Ausnahme des Blutreizkers -- schreien oder

zucken tun sie erst gar nicht. Das Unrecht, das der Pilzjäger begeht,

beschränkt sich höchstens darauf, daß er unterlassen hat, einen

Sammelschein zu lösen -- oder daß er durch eine Schonung streift -- wo

es ~notabene~ die allerbesten Pilze gibt!

Aus der Müggelstraße unbeobachtet in den Wald gelangt, ging ich mit

Onkel Pofke über Moos und Adlerfarn. Er hatte richtig seine alte

Dienstmütze auf und sah komisch aus. Auf meine Frage, ob er Bolles

richtiger Onkel sei, gab er den Bescheid: „Von die +Frau+ bin’k

der Onkel -- ha! det Bolle ihr jenommen, war for ihm een feinet

Jeschäft: weil se eene Waise war, hat er seine Schwiejereltern

+kalt+ jenossen. Onkel Pofke aber is keen Unmensch -- det werden

ooch Sie schonstens wittern, wah’ Herr Dokta?“

In einer Lichtung des Forstes liegt die Försterei Krummendamm, eine

Wagenspur leitet durch feuchtes Wiesenland. An schwarzen Wasseradern

kauern Weiden, Haselbüsche; vergilbte Blätter rieseln nieder, während

an hohen Erlen das Laub noch dunkelgrün hängt. Vereinzelte Kiefern

auf Wiesenhügeln. Ausladend das Astwerk, buschig die Nadelwipfel. Mit

ihrem Goldschimmer leiht ihnen die Nachmittags-Sonne ein braunes Grün,

indessen Borke und Zweige erglühen. Wolkenlos darüber der mattblaue

Himmel. Einförmig zirpen letzte Grillen. Wie Träumen alles, die Zeit

steht still.

Nun kommt das Wehr, von dem das Fließ zu einem Mühlteich gestaut wird.

Mit leisem Rauschen schießt das überlaufende Wasser ins untere Bett.

Der Teich, auf dem die breiten Blätter der Seerose schwimmen, ist von

dunklen Binsen und verblichenem Rohr umkränzt. Es schläft die alte

Wassermühle. Dahinter andere Wirtschaftsgebäude, zum Rittergut des

Herrn von Beeskow gehörig. Um bäuerische Häuschen trippeln Hühner und

Enten, aus Stallungen muhen Kühe. Ein Storchnest krönt das Strohdach

der großen Scheune. Vor dem Verwalterhaus, das an einer Uhr zu erkennen

ist, prangt die Goldgrube aller Landwirtschaft, der Misthaufen.

Als wir beim Backofen waren, trat der Förster von Krummendamm hinter

Akazienbüschen vor. Nicht weidmännisch gerüstet, sondern eine

Wagenpeitsche in der Hand. Sein schwitzendes Gesicht hatte etwas

Unsicheres. Pustend stand er vor uns, fuhr mit dem roten Taschentuch

über seine Stirn und meinte kleinlaut: „Haben Se meinen Jänter nich

jesehn?“ Fragend blickte ich auf den Onkel: „Jänter? Was ist das?“ Der

erfahrene Onkel versetzte: „Seinen Jänserich meint er! Wat +is+

denn mit Ihren Jänter, Forstmeester?“ -- „Wechjelaufen is das Biest!

Das is so seine Manier -- allemal entwischt er über de Moorwiese rüber

und pussiert mit de Heidemühlschen Jänse. Nu such ich schon eine

jeschlagene Stunde, aber nischt zu finden. Keene Katze hat’n jesehn.

Bei Heidemühle sind bloß’n paar Kinder un olle Weibsleite -- da weiß

keener wat von mein’ Jänter. Haben +Sie+ denn nischt jesehn?“ --

„Keen Watschelbeen!“ erwiderte der Onkel, und ich fügte hinzu: „Bloß

Enten!“ -- „Na, entschullijen die Herren!“ Und weiter suchte der

sorgenvolle Grünrock nach seinem Federvieh.

Wir überquerten einen brachen Sandacker, wo Unkraut stand, struppige

Königskerzen mit Samenkolben, betraten dann den moosbedeckten

Waldboden. Kiefern von Mittelwuchs, streckenweise niedrige Schonungen.

Das Netz, das ich zum Einsammeln der Pilze mitgenommen, befestigte ich

am Rockknopf, mein Taschenmesser klappte ich auf. Schon sah ich die

erste Beute -- bückte mich und stach einen speckigen Grünling los. Von

der graugrünen Kappe hob sich grell das Grüngelb der Fächer ab. Dem

Onkel zeigte ich das schöne Exemplar, ihn zum Mitsuchen zu reizen.

„Fier unsereens paßt besser ’ne +Zieh+jarre!“ -- „Ich will Ihnen

eine geben. Verboten ist das Rauchen hier allerdings. Sogar das

Betreten dieses Forstes. Doch bewährt ist die Losung: Tun darf man’s

-- darf sich bloß nicht erwischen lassen!“ Mit Seelenruhe steckte

sich der Onkel den Glimmstengel ins Gesicht und qualmte: „Heite

bin ick uff Landpartie -- un der Beeskowsche Forstmeester, wenn

er nu wirklich käme, der sieht nischt -- ick bin doch schließlich

+ooch+ ’n Uniformkolleje.“ -- „Sie meinen, eine Krähe hackt der

andern die Augen nicht aus? Aber wenn nu Herr von Beeskow in eigener

Person käme? Er reitet hier öfter.“ -- „Ick bin heite amtlich --

bejleite eenen Staatsjefangenen.“ -- „Bei Herrn von Beeskow kommen Sie

damit nicht durch, der ist schneidig. Wissen Sie, wie er gegen die

Weibsleute verfährt, die sein Förster beim Holzsammeln abfaßt? Die

müssen die Strafe abarbeiten. Nu denken Sie mal, wenn er uns fischte,

und wir müßten dann Forstarbeit tun.“ -- „Ick bin schon zu steif

fier Forstarbeet!“ meinte der Onkel mit Seelenruhe; „un ieberhaupt,

Herr Dokta, ick habe det Marschieren nu dicke! Ick strecke mer hier

zu Mutter Jrien -- un passe Achtung, det keen Beeskow kommt. Un Sie

stechen derweile Ihre Jrienlinge ab.“ Und der Leichtsinn warf seine

Amtsmütze hin und saß im Moose, den Rücken an eine Kiefer gelehnt.

Behaglich qualmte er.

Eine Schonung von doppelter Manneshöhe. „Da ist gute Jagd, und da bin

ich auch verborgen.“ Und ich schlüpfte hinein. Die armdicken Kiefern

standen so gedrängt, daß ich mühsam zwischendurch konnte. Weiterhin

wurde das Dickicht gangbar, obwohl ich nur geduckt vorwärts kam.

Spinnefäden umwoben mich, eine Kreuzspinne kroch über mein Gesicht. Es

knackten dürre Äste, die ich von den Bäumen streifte. Fernes Schnarren

ziehender Wildgänse. Eine Gruppe von Grünlingen! Ich kauerte nieder und

sammelte ein. Dann fand ich Kremplinge -- mit ihrer schmutzig braunen

Hutkrempe sehen sie reizlos aus, machen auch die Finger braun, als

hätte man Nüsse ausgepahlt -- aber würzig sind sie. Rehpilze waren auch

da, oben borkig, unten wie Rehfell.

Schwer bereits von Beute war mein Netz, doch mit immer neuem Eifer

strichen die Blicke durch die schmalen Gassen zwischen den braunen

Stämmen. Der ganze Mensch war verloren in den Reiz des Suchens. Da

mahnte Onkel Pofkes Stimme: „Herr -- Dok -- ta? Et is Zeit!“ -- Noch

dies eine Grünlingsvolk wollte ich einheimsen und kauerte nieder. „Herr

-- Dok -- ta?“ Ich schwieg und lächelte vor mich hin, aus Jägerglück.

Wie ein Wilderer kam ich mir vor, einer von jenen Söhnen der Einöde,

die nicht dulden, daß sich zwischen sie und ihren geliebten Wald

eine Papierverordnung schiebe. Hier kauerte ich, umwoben von Bäumen,

unter leuchtendem Äther, ein Freibeuter, ein gottverlassener Ketzer,

verdonnert vom Minister. Und er nebst seinen Geheimräten glaubte mich

hinter Schloß und Riegel. Auf meine Hand blickte ich, die das Messer

hielt -- ihre fünf Finger waren fünf Sünden. Erstens sammelte ich

Pilze, ohne durch Sammelschein berechtigt zu sein. Zweitens war ich

in verbotener Schonung. Drittens war ich Staatsgefangener und sollte

eigentlich hinter Schloß und Riegel hocken. Viertens hatte ich meinen

Aufseher zur Mitschuld verleitet. Fünftens ihn mit der gefährlichen

Zigarre traktiert. Die hergezählten Sünden kostete ich, als wären es

lachende Äpfel vom verbotenen Baum. Endlich steckte ich mein Messer

ein, zog das Netz zu -- es war prall und schwer, und nahm die Richtung

zum Onkel, von dem ich nichts weiter vernommen hatte. Eben wollte ich

aus der Schonung schlüpfen, als ich sah, wie hinter Onkel Pofke, der

noch immer qualmend im Moose saß, ein Mann in Jägertracht geschlichen

kam. Kuckuck, war das nicht Herr von Beeskow? Wenn man vom Teufel

spricht, dann kommt er!

Jetzt hatte auch Onkel Pofke was gemerkt und sprang auf. Die

Erinnerung an seine Soldatenzeit beherrschte ihn automatisch, daß er

seine Amtsmütze aufstülpte und stramm stand vor Herrn von Beeskow,

der eine Jagdflinte hielt, während sein Hund den Onkel verächtlich

beschnupperte. „Wer sind Sie?“ fragte streng der Herr des Waldes.

„Ick heiße Pofke, Jastwirt zur Preißischen Krone -- un heite vatret

ick den Amtsdiena Bolle von’t Amt Friedrichshagen.“ -- „Und was

machen Sie in meinem Forst?“ fuhr scharf der Herr fort -- „was? Sie

qualmen gar? Das kann ja Waldbrand stiften!“ -- „Enschullejen Herr

Baron! Aus Jesundheitsricksichten -- ick neije zu Fieba, wenn mir die

Micken stechen!“ -- „Dummes Zeug! Wie kommen Sie mir vor? Was führt

Sie hierher?“ -- „Ick habe eenen Staatsjefangenen!“ -- „Wo denn?“ --

Verlegen sah sich der Onkel um, und wie ihn der Grundherr anfuhr:

„Keine Flausen!“, rief er kläglich zur Schonung herüber: „Herr -- Dok

-- ta?“

Zwischen Farnen und Kuscheln hielt ich mich gut versteckt. „Wo haben

Sie Ihren Staatsgefangenen?“ -- „Ach, der sucht sich bloß een Jericht

Jrienlinge -- die eßt er so jerne.“ -- „Mensch, Sie sind wohl nicht

ganz richtig, wie?“ -- Und von neuem rief der Onkel: „Herr -- Dok --

ta? Ein Herr -- fracht -- nach Sie!“ -- „Warum rufen Sie immer nach dem

Doktor?“ meinte Herr von Beeskow; und etwas milder: „Fühlen Sie sich

krank?“ -- „Det is keen Dokta fier Krankheiten,“ belehrte der Onkel

-- „det is ’n Villesoff!“ -- „+Sie+ scheinen mir ein Villesoff

zu sein!“ -- „Nee doch, Herr Baron! Et hat allens seine Richtigkeet

-- wat meine Dochta is, die meent freilich, et wäre een Dokta fier’s

Vieh -- aber det stimmt nich -- er is ’n Doktavillesoff von die

freie Jemeinde -- det sollen allens Rote sind.“ -- „Na und weshalb

ist er Staatsgefangener?“ -- „Uff Befehl des Herrn Kultesministas

fier Medizinanjelejenheeten.“ -- „Ach, quatschen Se nich!“ -- „Jewiß

doch, Herr Baron! Der Doktavillesoff jloobt an keen’ dreieinichten

Jott nich!“ -- Herr von Beeskow war fassungslos: „Ja was bedeutet das

alles? Treiben sich hier in meinem Wald entsprungene Narrenhäusler rum,

was? Holen Sie mal Ihren Doktorphilosophen! Ist hier wirklich jemand

versteckt? Doch nicht in der Schonung? Na das fehlte noch!“

Jetzt durfte ich nicht mehr in der Nähe bleiben -- der Hund hätte mich

ausgespürt. Ich tat einige Schritte rückwärts, ging dann geschwinder,

das Knacken von Ästen vermeidend. Als ich die Schonung durchquert

hatte, wandte ich mich nach Heidemühle und war, den Kiefernforst

verlassend, wieder auf dem brachen Acker mit den Königskerzen.

Da auf einmal Peitschenknall und Gänseschrei. Ich dachte gleich:

der Förster hat seinen Jänter! Und richtig! Bei Gänsen, die unter

Flügelschlagen enteilten, balgte sich der Förster mit dem Gänserich.

Die Linke hielt einen Jänterflügel an den äußersten Federn, die Rechte

schwang die Peitsche. Der starke Jänter schlug kreischend mit dem

andern Flügel, und die Aufgeregten drehten sich umeinander wie ein

tanzendes Paar. „Helfen Sie!“ schrie der Förster, als ich herzulief.

„Den andern Flügel packen!“ Ich bekam einen Hieb ans Bein, packte aber

zu und hielt nun den andern Flügel. Der Förster schimpfte: „Kreatur!

Karnalje! Komm du bloß nach Haus! Halten Se feste, Herr!“ Der Jänter

rannte und suchte uns die Fittiche zu entreißen. Wir aber hielten

fest, als ob wir einen störrischen Gassenjungen, der ausgerissen,

heim zu transportieren hätten. Mit empörtem Gickgack schwebte der

Widerspenstige zwischen uns beiden, die wir seine ausgebreiteten

Fittiche straff zogen. So schleiften wir den Verhafteten im Eilschritt

nach Heidemühle.

Ein wunderliches Bild. Und das zog nun auf einmal vor Herrn von Beeskow

vorüber und vor dem Onkel. Am Waldessaum standen sie, Pofke riß Mund

und Augen auf, Herr von Beeskow krümmte sich vor Lachen. Unbeirrt

deichselten wir das Federvieh an der Mühle und am Wehr vorbei. Wie wir

auf der Moorwiese waren, sagte der Förster: „Nu lassen Se man los,

Herr! Nu kann er nich mehr entwischen, un mürbe is er ooch!“ Ja, mürbe

waren wir alle drei; schnaufend blieben wir Männer stehen und wischten

den Schweiß. Der losgelassene Jänter torkelte verwirrt. „Nu haben wir

jewonnen -- nu folcht er schon de Peitsche! Un nu kommen Se man mit int

Forsthaus, Herr! Trinken wir ne Weiße auf die dolle Jachd.“ Den nunmehr

kirren Gänserich trieb er vor sich her -- ich ging mit.

Eine Strecke hinter mir kam Onkel Pofke -- Herr von Beeskow war

zurückgeblieben. „Herr Dok -- -- ta!“ Ich erwartete ihn. Mit dem

Ausdruck der Bestürzung sah er mich an: „Wat nu?“ -- „Wieso denn? Das

ist doch kein Beinbruch, und schön war’s über alle Maßen -- sehn Sie

mal meine Grünlinge!“ -- „Teier sinn die erkooft!“ seufzte der Onkel

-- „meine Schank-Konzession steht uffs Spiel!“ -- „Ach was! Wegen der

Zigarre stellt dieser konservative Mann keinen Träger einer Amtsmütze

bloß.

Sie haben hoffentlich nicht eingestanden, daß ich in der Schonung

war?“ -- „Ick habe bloß jesacht, det Se so’ne Art Naturdokta sinn uff

Jrienlinge. Nu meente er, Se seien woll nich janz richtich in’n Kopp.“

-- „Recht liebenswürdig! Ihnen hat er übrigens dasselbe zugetraut --

ich habe alles gehört, kauerte ja dicht bei Ihnen, bis er die Schonung

ins Auge faßte. Da freilich dachte ich: jetzt marsch marsch! er hetzt

den Hund!“ -- „Wollt’ er ooch! Un ick hatte bandijen Bammel, wie der

Baron saachte: Wenn Se den Mann in meine Schonung gelassen haben,

denn zeige ick Ihnen an, denn hat’t geschnappt!“ -- „Es hat aber

+nicht+ geschnappt. Die Jäntergeschichte hat ihm doch mein Alibi

nachgewiesen.“ -- „Na ja, det stimmt! Un da war er ja ooch versehnt. Un

wissen Se, weshalb? Weil er vor Lachen bald de Platze jekricht hat --

wie Sie mit den Jänter anjesaust kamen. Ick rufe: det is e’ -- det is

mein Dokta-Villosoff! Der Baron zeicht bloß mit den Finger uff Ihnen

-- wie Se den Jänter so bei’s Schlafittchen halten, un det Vieh hippt

so zappelig zwischen Sie Beede, un trötet so albern durch seine lange

Jurgel, un der Ferster knallt mit de olle Peitsche, un det Netz mit de

Jrienlinge bammelt vor Ihre Beene. Un der Baron wiehert: Dokta fier’s

Vieh! Doktavillesoff ... Et war aber ooch zum Piepen!“

„Na also!“ sagte ich, „da muß der Baron eigentlich noch was ausgeben

für den Spaß. Jedenfalls ist die Geschichte allerseits befriedigend

abgelaufen. Ich habe die prächtige Wilderei -- sehn Sie mal die schwere

Masse! Der Förster hat seinen Jänter! Der Baron den unbezahlbaren Spaß

...“ -- „Un ick?“ meinte Onkel Pofke mit wehmütigem Vorwurf. -- „Sie

haben das schöne Bewußtsein, einem Gefangenen ein paar glückliche

Stunden verschafft zu haben. Das dankt er Ihnen -- und sorgt schon

dafür, daß kein peinliches Nachspiel kommt. Das Nachspiel wird nichts

andres sein, als ein köstlich duftendes Abendessen. Zunächst aber

ein guter Trunk beim Krummendammer Förster. Der hat auf all den

komischen Schrecken zu Weißbier eingeladen -- ich lechze schon nach

diesem märkischen Sekt -- und nun heißt es nicht: Sibirien in Preußen,

sondern: Champagne in der Mark.“

Das Preußenherz

Der anbrechende Sonntag versprach wieder Sonnenwetter, und ich nahm mir

vor, heute in Begleitung meiner Frau und womöglich eines Freundes zu

spazieren.

Aus dem Gasthof kam Onkel Pofke und trug einen Stuhl. Neben die Pumpe

setzte er ihn, nahm Platz und knüpfte ein Tischtuch vor seinen Hals.

„Pechhengst!“ rief er zur Penne herauf. Der Bursche mit der hohen

Stimme, den ich gestern auf der Kegelbahn beobachtet, kam herunter und

machte vor Onkeln einen scherzhaften Bückling. Dann seifte er ihm das

untere Gesicht ein, schwang wie ein Bartkünstler das Rasiermesser,

hielt mit der Linken leicht die Nase des Onkels und schabte Oberlippe

und Wangen. Schließlich wurde Wasser in eine Schüssel gepumpt und der

Rasierte abgewaschen.

Bald nach diesem Genrebilde sah ich Pofken im Sonntagsstaat und

überlegte, aus welchem Anlaß er zum schwarzen Bratenrock noch die weiße

Binde angetan habe und gar seinen Zylinder glätte. Auch der Amtsdiener

erschien im vollen Wichs. Mit dem burgunderroten Kragen, den funkelnden

Knöpfen und dem lackierten Extrahelm sah er wie ein Hauptmann außer

Dienst aus, der zu Kaisers Geburtstag den bunten Rock hervorgeholt hat.

„Na, Herr Hauptmann von Bolle?“ sagte ich, wie er schneidig in meine

Zelle trat, „Sie wollen wohl in die Kirche?“ -- „I wo! Nach Balin! Un

ick wollte Ihnen bloß fragen, wann heite Ihr Besuch kommt. Die Sache

is nämlich die: ma missen zu meine Baliner Tante, Jeburtstach hat se

-- un denn will se immer de janze Familie um sich haben, die jute

Seele. Meine Frau muß ooch mit -- un die Kindabagage. Sojar wat der

Eenjährich-Freiwillije is.“ -- So nannte Bolle den „kleenen Matz“, weil

er ein Jahr zählte und -- nach des Vaters mysteriöser Behauptung --

freiwillig gekommen war.

„Na und? Sie lassen Ihren Gefangenen doch nicht hilflos allein? Ihr

Onkel scheint ja auch Ausgehtag zu haben.“ Der Amtsdiener nickte:

„Onkel kommt mit! Um Uhre zehne ziehn ma los. Onkel will in Balin wat

koofen, da muß ick bei sind ...“ -- „Kaufen?“ fragte ich nicht ohne

Neugier. -- „Na ja! Et is nämlich ein Jeldschrank ..“ „Unsinn! Was

braucht ein kleiner Gastwirt einen Geldschrank?“ -- „Onkel is nich

bloß Jastwirt, ooch Pfandleiha un Althändla. Un det Jeschäft floriert

so sachteken. Wat aber Wertsachen sinn, die missen feiasicha vawahrt

werden. Ibrigens is der Jeldschrank een Jelegenheitskoof. Wat der

kost’, kricht Onkel alle Dage mit Kußhand retur.“

„Na, das wären ja Ihre eigenen Angelegenheiten. Mich interessiert bloß,

wer Sie hier vertreten soll. Meine Frau muß doch eingelassen werden,

und Gäste kommen sicher schon vormittags.“ Bolle nickte: „Dadrum ebens

will ick mit Sie reden. Rund heraus, ick weeß keenen, den ick die

Jefängnisschlissel anvertrauen mechte. Denn wat die Schmalzjuste is,

die hat in de Wirtschaft zu duhn, schickt sich woll ooch nich recht

fier den Jefängnisdienst. Wissen denn nu Herr Dokta keenen Auswech

nich?“

Belustigt wies ich nach der offenen Tür: „+Das+ da ist der Ausweg!

Geben Sie doch einfach +mir+ die Gefängnisschlüssel! Mißbrauch

treib ich nicht. Bloß daß ich meine Gäste einlassen kann!“ Prüfend sah

mir Bolle in die Augen; er schwankte zwischen Mißtrauen und Zuversicht:

„Hm! ick ha’ schon selba dran jedacht -- und hab ooch Vertrauen zu Sie.

Denn wenn Se ausreißen +wollten+ ...“ -- „Ausreißen? Wozu denn?

Freiwillig bin ich hergekommen, und es geht mir ja auch leidlich gut

hier.“ Befriedigt nickte Bolle: „Sollt ick ooch meenen! Na abjemacht

und Streisand druf! Die Schlissel bleiben also in Ihren Jewahrsam -- un

nu kann ’k mir woll empfehlen ...“

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 10 / 19 段