Wie darf diese Behörde behaupten, zur Religion gehöre der Glaube

an einen Gott, an einen persönlichen und außerweltlichen? Der

Buddhismus, der dem Christentum an Zahl überlegen ist und -- wie selbst

Kirchenchristen zugeben -- an sittlichem Werte schwerlich nachsteht,

läßt keinen Gott gelten. Unter den ernsten Religionsforschern rechnet

kein einziger den Gottglauben zum Wesen der Religion.

Und an +welchen+ Gott müßte man glauben, um Religion zu haben? Ist

nicht das Wort Gott unendlich vieldeutig? Welches ist der +rechte+

Gott?

Als man den Philosophen Fichte wegen seines Atheismus maßregelte, sagte

der Theologe Schleiermacher, es drohe gefährlich zu werden, über die

Gottheit zu reden, bevor eine Begriffs-Bestimmung von Gott ans Licht

gebracht und im Staate sanktioniert sei. Man solle doch vom Kurfürsten

von Sachsen eine zu Recht bestehende Definition von Gott und dessen

Dasein verlangen. Die amtliche Formel, die Schleiermacher spöttisch

vermißte, ist immer noch nicht erfolgt, auch nicht in Preußen, dem

Musterstaate des Verordnungswesens. Wie kann also der brave Untertan

wissen, an +welchen+ Gott er glauben soll?

Schleiermacher war kein sogenannter Atheist wie Fichte, war ein heller

Stern der Landeskirche, auf den sie stolz sein kann. Die Gläubigen

aller Bekenntnisse mahnt Schleiermacher daran, das ganze Gebiet der

Religion sei ein unendliches und könne die verschiedensten Gestalten

annehmen. Wahre Religiosität sei nicht unduldsam. Nur die Anhänger

des toten Buchstabens haben die Welt mit dem Geschrei und Getümmel

der Religionsstreitigkeiten erfüllt; die wahren Beschauer des Ewigen

waren immer ruhige Seelen, allein mit sich und dem Unendlichen, und

wenn sie sich umsahen, jedem seine eigene Art gerne gönnend. Religion

haben, heißt das Universum anschauen. Die Religion ist keine bestimmte

Lehre, also nicht etwa der Glaube an einen persönlichen Gott oder an

Unsterblichkeit, an Wunder und Offenbarungen. Sie dreht sich nicht um

Begriffe, sondern ist eine Gemütsrichtung. Schleiermacher gesteht

geradezu, eine Religion +ohne+ Gott könne +besser+ sein

als eine andere +mit+ Gott, und erteilt den Gott-Fanatikern

den Denkzettel: ‚Auch gab es unter wahrhaft religiösen Menschen nie

Eiferer, Enthusiasten oder Schwärmer für das Dasein Gottes; denn Gott

ist nicht alles in der Religion -- und das Universum ist mehr.‘

Trotz alledem erklärt mich die preußische Regierung für religionslos

und setzt mich ins Gefängnis, der ich im Bewußtsein verfassungsmäßigen

Rechts, in Ausübung der verbürgten Religions- und Gewissensfreiheit,

meine Überzeugung meinen freireligiösen Konfirmanden vermittelt habe.

Das Provinzial-Schulkollegium -- so schrieb mir der Kultusminister

Bosse -- sei befugt, die Aufsicht über das gesamte Schulwesen in Berlin

zu führen und nach § 11 der Regierungs-Instruktion vom 23. Oktober 1817

‚instruktionsmäßig berechtigt, seinen Verfügungen durch Zwangsmaßregeln

Nachdruck zu verleihen.‘ Die ministerielle Auffassung wäre kaum der

Rede wert, träte sie nicht mit dem Anspruch auf, einer Entscheidung der

Streitfrage durch ein Gericht nicht zu bedürfen. Den obrigkeitlichen

Verfügungen alter, beim Volke nicht gut beleumdeter Zeiten, nämlich

der Jahre 1808 und 1817, entnimmt die Unterrichtsbehörde die Befugnis,

nicht nur Klägerin, sondern gleichzeitig Richterin und Rächerin zu

sein. Da sie das darf, ohne daß Gericht und Volksvertretung Einspruch

erheben, so haben wir im ‚Rechtsstaat‘ Preußen Zustände, die gewissen

russischen ähneln und die knappe Bezeichnung rechtfertigen: +Sibirien

in Preußen+.

Ein Versuch, meine Angelegenheit beim Oberverwaltungsgerichte anhängig

zu machen, wurde abgewiesen mit der Begründung: ‚Verfügungen, wie

die den Gegenstand des Klageangriffs bildende, unterliegen nicht

der Anfechtung mit den (im Gesetz über die Landesverwaltung vom

30. Juli 1883) vorgesehenen Rechtsbehelfen und sind auch nirgendwo

sonst der Kontrolle des Verwaltungsgerichts unterstellt. Das

Verwaltungsstreitverfahren findet lediglich statt, soweit es durch

besondere gesetzliche Bestimmungen zugelassen ist.‘ Also das Gericht

erklärt, in meinem Falle sei es +nicht zuständig+!

Ich habe mich der Haft unterzogen, um in eindrucksvoller Weise

zu zeigen, was für Zustände wir haben. Wenn die Herren oben sich

herbeilassen sollen, Wünsche des Volkes zu erfüllen, so muß dieses eine

laute Sprache reden, muß seinen Willen in einem Sturme öffentlicher

Meinung kundgeben ...“

Nun warf ich die Feder hin und sprang auf. Umherlaufen wollt’ ich,

hätte mich gern ein wenig ausgetobt. Doch mein Fuß stieß an -- seit ich

die Zelle mit dem Tischchen und Stuhl teilte, konnte ich nicht mal die

drei Schritte tun, die mir gestern den Spaziertrab eines Käfigtiers

vergönnt hatten. Stutzig über die eingekeilte Enge, ergab ich mich ins

Unvermeidliche und nahm seufzend wieder Platz.

Verrückte Welt! Warum sitze ich hier im Käfig, eingesperrt wie ein

wildes Tier? Als ob nicht auch mein Atheismus lediglich darin bestände,

daß ich meinen Verstand behalten will! Das ist doch so natürlich, so

gesund, wie das Saugen der jungen Katze an der Mutterbrust. Und daß ich

meine Überzeugung nicht aufgebe, darf nicht strafbar sein, ist vielmehr

so rechtschaffen, wie die Anhänglichkeit der Mutterkatze an ihr Junges.

Aber freilich, kaum werden die Bengels der Katzen ansichtig, so geht’s

hinter ihr drein: „Hetz, hetz!“ Ihr blöden Tapse! Höret auf, einen

heiligen Trieb zu stören!

Angenommen, meine Überzeugung wäre ein Irrtum. Dann bin ich immerhin

ein Sucher der Wahrheit. Ist es recht, mich dafür zu bestrafen? Was

soll dieser Appell an meine Scheu vor Unbequemlichkeit, an meinen

Egoismus? Gesetzt, er habe den Erfolg, daß der Ketzer zu Kreuze

kriecht, o pfui! dann erstickt man in ihm die Religion; die ist ja

nichts anderes als Ehrfurcht vor der Überzeugung, vor dem nach Wahrheit

strebenden Selbst! Ist aber solches Ersticken seiner Wahrhaftigkeit

euer „Sieg“, ihr Perücken von Schilda, so habt ihr in der Person des

Ketzers, der ja vom innern „Gott“ zu seiner Überzeugung bevollmächtigt

wurde, Gott selber bestraft!

Lagen diese Zusammenhänge auch klar wie der sonnige Tag vor meinen

Augen, so war doch zweifelhaft, ob die Volksgenossen denken würden wie

ich. Die Regierung dachte +nicht+ wie ich. Es fehlte am richtigen

Unterscheidungsvermögen.

Doch halt! wie stand es mit +meinem+ Unterscheidungsvermögen?

Wenn ich nun hier Ideal mit Wirklichkeit verwechselte? Wenn ich Perlen

vor die Säue würfe? Und mit Weltanschauung von Fichte, Schleiermacher,

mit all der hohen Philosophie schließlich doch nur so etwas wäre wie

ein Doktor fürs Vieh? O Kerker der Selbsttäuschung! Bin ich von dir

umgittert? Ist mein Heiligstes Illusion? Das wäre die furchtbarste

Gefangenschaft!

Ich, dem der Katechismusgott zur Fabel geworden, glaubte an die

unmittelbare Macht des Rechts. Vertraute dem Feldgeschrei, von dem sich

Leutehaufen hinreißen lassen -- vertraute auch etwas dem Schlagwort,

mit dem das seelische Beharrungsvermögen überwunden werden sollte.

Beharrungsvermögen oder, wie es der Mechaniker ebenfalls nennt,

Trägheitsmoment! Ein Menschenkenner hat das Wort geprägt: „Öffentliche

Meinungen -- private Faulheiten.“ Und ich -- rief die öffentliche

Meinung an!

Aufs Papier hatte ich noch das Schlagwort geworfen: Sibirien in

Preußen. Nun ja, es stimmte. Wehmütig bekennt freilich der Chronist

neuerdings: Das Feuer der Märzrevolution, das damals in mir aufloderte,

hat außen nur die Friedrichshagener Handlaterne zu entzünden vermocht,

mit der ein Menschensucher, für manchen komisch wie Diogenes, in

allerlei staubigen Kram hineinleuchtete.

Hier hätte auch das Schlagwort gepaßt: Preußen in Schilda. Und es paßt

noch immer; heute noch ist in Preußen möglich, was damals geschah!

Die Grille im Käfig

Eine noch unverblichene Laubkrone hob der Akazienbaum des Nachbarhofes

in den Sonnenschein. Reglos träumten die Zweige in der stillen Luft,

und wenn am Nachmittag die Sonne rötlich schimmerte, hoben sich vom

Dunkelgrün der schattigen Massen die verklärten Blättergruppen ab,

deren gefiederte Laubform hervortrat. Auf dem Baume zirpte noch immer

die Grille. In ihre wunschlose Beschaulichkeit zu versinken, war mir

wehmütiges Glück.

Die Besucherglocke läutete, und da stand mein Freund Eckehart, der

schlanke Germane mit dem Christusbarte. Er winkte mir freundlich zu.

Frau Bolle brachte den Schlüssel, und auf ihre Frage, wie lange der

Herr bleiben wolle, gab er den Bescheid: „Muß gleich wieder fort.

Nach Berlin auf die Bibliothek. Wollte Ihnen bloß was bringen.“ Und

einen Gegenstand, in Papier eingeschlagen, enthüllte er vorsichtig.

Eine Pappschachtel von der Größe eines Vogelbauers. Die eine Wand

herausgeschnitten und durch Netzgewebe ersetzt. Oben ein Türchen zum

Aufklappen. In diesem Käfig hockte bei Blättern von Runkelrübe eine

Grille.

„Uh!“ meinte Frau Bolle in einer Mischung von Bewunderung und Abscheu

-- „nu kiek doch eener, so’n Biest.“ Ein stattliches Exemplar, fast

daumengroß, bräunlich grün. Beine und Silberflügel unverletzt. „Uh!

Wie e’ jlotzt mit sein Ferdekopp!“ Altklug sah mich die Grille an, mit

ihren niedlichen Augenperlen. Sie tat mir leid, fragend blickte ich auf

Eckehart. „Damit Sie doch lebendige Gesellschaft in Ihrem Gefängnis

haben, und weil Sie ein besonderer Freund der Heuschrecke sind.“

Also gut! die Grille ward aufgenommen. Den Faden der Schachtel

befestigte ich am Wandteppich, nahe dem Fenster. „Freitag“ nannte

Robinson seinen freitags gefundenen Gesellschafter. Heute war erst

Donnerstag; aber auch dieser Tag paßte zur Benamsung des grünen

Insekts. Ich brachte mein Gesicht an das Gittergewebe und schäkerte:

„Wo ist denn mein Grüner Donnerstag?“ Mit Glotzen antwortete er -- das

war ja seine Natur. Da er mit Futter versehen war, blieb mir nichts

übrig, als ihm Ruhe zu gönnen. Zunächst war der Grüne Donnerstag

mäuschenstill -- er schien sich zu orientieren im neuen Heim. --

Indessen dachte ich zurück an zauberische Septembertage, die ich

jüngst genossen. Dachte an die edle Grillenjägerei mit Eckehart auf

seinem „Rittergute“. Nicht als ob Eckehart Rittergutsbesitzer gewesen.

Privatgelehrter war er, ein faustischer Sinnierer. Als Naturschwärmer

hatte er sich im verwilderten Laubpark des Gutes Rahnsdorf, hinter dem

Dorfe, ein Plätzchen für den Sommer gemietet und zu einer Laubenwohnung

hergerichtet. Köstlich abgeschieden liegt das Gut, versteckt zwischen

Kiefern und Akazien. Im Westen und Osten unpassierbare Sumpfwiesen mit

wallendem Rohr; auf der Nordseite des Laubparks fließt die Spree. Im

Wirtschaftsgebäude, das schon verfallen, haust eine friedliche alte

Frau, von ihren Bekannten Großmutter genannt. Sie hat eine Enkelin,

ein auffallend schönes Mädchen. Eckehart nennt sie „Diotima“ und

schwärmt für sie, wie Hölderlein für seine schöne Helena und Madonna.

An Sommerabenden hört der Wandrer aus dem verwilderten Park den

Zaubergesang einer weiblichen Stimme mit Flötenbegleitung.

Die Bewirtschaftung des Gutes beschränkt sich auf Gemüsebau, Heuernte

und eine kleine Molkerei, -- zehn, zwölf Kühe, ein paar Ziegen.

Ungestörtes Behagen ist der Herde beschieden, die auf der fetten

Moorwiese grast und wiederkäuend unter Erlen lagert.

Eckeharts Tuskulum liegt auf einer Erhebung des Ufers unter einer

mächtigen Eiche. Aus Balken und Brettern ist es zimmert, grün

gestrichen, von wildem Wein umwoben. Durch Tür und Fensterlein sieht

man ein Gärtchen, Unkraut, bunte Blumen, dann die Spree, Schilf, blaue

Waldhügel.

Als ich diese Gemütlichkeit bewunderte, sagte Eckehart: „Auch auf

Daches Zinnen kann ich steigen wie weiland der glückstrunkene

Inselkönig. Mittels dieser Leiter erklimmt der Fürst bei gutem Wetter

das pappene Dach, sein Reich zu überschauen. In der Hängematte am

wagerecht übergereckten Eichenast lauscht er der Windharmonika, die in

der Eichenkrone summt. Ach, und jetzt im Herbst die Heuschrecken!“ --

„Sie sind ein Lebenskünstler, Eckehart,“ hatte ich geantwortet. „Aber

tun Sie mir den einzigen Gefallen und sagen Sie nicht Heuschrecke.

Ich finde den Namen gräßlich! Er stammt gewiß von einer zimperlichen

Stadtmamsell, die in idyllischer Anwandlung einen Heuhaufen zum

Sessel erkor, um kreischend emporzufahren, die Augen starr gerichtet

auf unsern unschuldigen Insektendäumling im grünen Frack. Als wäre

er ein Ungetüm! Dummes Zeug! Ein liebes Tierchen! Ich nenne es nicht

Heuschrecke, sondern Grille. Eine Art Zirpen klingt in diesem Namen.“

„Kommen Sie!“ sagte Eckehart. „Ich will Sie in meinen herbstlichen

Jagdsport einführen. Kennen Sie die Tierschutz-Flinte? Ein

Tierschutz-Verein hat sie erfunden. Man zielt damit auf das Tier,

das man beschleicht, und drückt los. Die Flinte knipst bloß -- im

Kolben sitzt eine photographische Platte, und als Beute hat man das

Momentbild.“ -- „Und Sie haben so’n Dings?“ -- „Nein, ich ziele nicht

mit dem Auge, sondern mit dem Ohr. Es ist gar nicht so einfach, die

Stelle zu treffen, wo eine Grille geigt. Kommen Sie -- wir wollen

mal Grillen beschleichen.“ Eckehart wies mit der Hand auf eine

Kartoffelstaude. „Scharf mit dem Ohre aufpassen!“ Ich drauf los. Aber

nun verstummt das Tierchen, mäuschenstill bleibt es minutenlang. Wieder

beruhigt durch mein Stillstehen, zirpt es von neuem. Ich horche und

spähe hin. Da zittert was Grünes, nun kann ich drauf losgehen; und

jetzt fortzufliegen, ist nicht Grillenart.

Das war die Grillenjägerei, die wir vor vierzehn Tage betrieben

hatten. Ich durchlebte sie noch einmal in der Erinnerung. Dachte auch

an Diotimas Stimme, als sie auf meinen Wunsch Beethovens „Adelaide“

gesungen, begleitet von Eckeharts Flöten und dem Grillengezirp.

Als das Mondlicht niederfloß, hatte Eckehart seine Diotima in

die Arme geschlossen -- verstohlen, nur von mir bemerkt ... O du

Grillenfänger! --

„Selig bist du, liebe Kleine,

Die du auf der Bäume Zweigen

Von geringem Trank begeistert,

Singend wie ein König lebst ...“

So hat Goethe das Grillenlied Anakreons verdeutscht. Umsonst wartete

ich auf das königliche Singen -- mein Grüner Donnerstag blieb stumm.

Ach ja, Gefangenschaft ist ein bös Ding! Ich ging mit dem Plane um,

meine Grille zu der andern bringen zu lassen, die in der Akazie zirpte.

Da ich aber beobachtete, wie sich der Häftling die geschabte Mohrrübe

munden ließ, dachte ich: „Schmeckt das Essen, wird das Herzchen nicht

gleich vor Trauer brechen.“ Ich zündete den Spiritus meiner Teemaschine

an -- das Wasser summte. Dieser elfenhafte Singsang hat etwas vom

Zirpen der Grille. Meinen Zellengenossen begeisterte er, daß er die

Gefangenschaft vergaß -- und horch, leise begann er zu geigen -- es

klang, als ob ein Flageolett-Ton auf der ~E~-Saite zittere, oder

als ob gläserne Zwergpantöffelchen den Walzer schleifen im Saale von

Kristall.

Bald war der Grasmusikant so zahm, daß er sich beim Fiedeln beobachten

ließ. Die Silberflügel reibt er, sie zittern wie gestrichene Saiten.

Sonst ist das Tierchen schwerfällig. Zwischen Fressen und Singen teilt

es sein Dasein.

Daß es noch ein Drittes gäbe, wurde ich abends gewahr. Die Grille auf

dem Akazienbaum hatte wohl erlauscht, daß eine andere in der Nähe

hause. Als dem warmen Herbsttage eine schier sommerliche Nacht folgte,

ward ihr Lied ein herausforderndes Schmettern. Ich saß bei der Lampe,

über Schreibpapier gebeugt. Notierte Anakreons Lied auf die Grille,

den griechischen Text, den ich mal auswendig gelernt hatte. Und dann

versuchte ich eine Nachdichtung. Durchs offene Gefängnisfensterchen

strömte lau der Nachtodem. Plötzlich tippt was an die Scheibe wie ein

Nachtschmetterling. Dann schwirrt eine Grille herein -- mir gerade aufs

Papier. Die Diotima vom Akazienbaum! Angelockt vom Grünen Donnerstag,

hat sie den Spruch beherzigt: Es ist nicht gut, daß ein Geschöpf

allein sei. Um den angebändelten Roman nach dem beliebten Schema „sie

kriegen sich“ zu enden, packe ich den hergeschwirrten Amor bei seinen

Flügelchen und tue ihn in den Schachtelkäfig. Die beiden Grillen sind

nun stumm. Vor neugieriger Betrachtung kommen sie nicht zum Singen.

Die Grillenpoesie hat mich begeistert, und ich bringe eine

Verdeutschung des anakreontischen Liedes zustande:

Grillchen hoch im Baumgezweige,

Ei du quietschvergnügte Geige!

Diedel diedel zirpt die Fiedel --

König Lustig liebt sein Liedel;

Ist begeistert wie von Sekte,

Weil er Taugeträufel schleckte.

Und nun schau, Herr König, schaue

Stolz vom Laubthron deine Gaue!

Dein ist all die grüne Runde,

Dein ist jede Sommerstunde!

Dir, mein Grillchen, bleibt gewogen,

Wer durchs Feld den Pflug gezogen.

Heilig bist du allen Leuten,

Die sich je der Sonne freuten.

Darum weihten dir den Busen

Gott Apoll und seine Musen;

Und so hast du für das Schöne

Deine süßen Silbertöne.

Niemals rostig, niemals greise,

Ewig jung ertönt die Weise.

Erdenkind! Nein, Mittelwesen,

Halb der Geisterwelt erlesen --

Erdenlust im Dichterherzen,

Aber frei von Erdenschmerzen!

Ohne Fleisch und Blut geboren,

Seelchen, zum Olymp erkoren,

Unschuldsvoll und wonnereich,

Bist du bald den Göttern gleich.

Die Pennbrüder

Es dunkelte, die Gaststube drüben war erleuchtet, und es lärmten die

zum Bier erschienenen Gäste. Was in ihren Taschen klimperte, mußte ja

wohl vertan werden. Jetzt trat aus dem Hause, eine brennende Laterne in

der Hand, Onkel Pofke -- so nannte man den Gastwirt, dem der Preußische

Adler gehörte nebst dem als Gefängnis an das Amt vermieteten Bau. Der

niedrige Dachraum über den drei Zellen war von Onkel Pofke zu einer

Herberge für Reisende hergerichtet -- zwei Groschen die Schlafstelle.

Hatten die Pennbrüder bei Tage ihren Draht zusammengeholt, so ließen

sie abends was draufgehn.

Besagter Onkel also kam drüben aus dem Gasthause mit brennender

Laterne und ging zur Kegelbahn, die neben meinem Gefängnisse war. Da

sein Gesicht beleuchtet war, konnte ich ihn beobachten. Der Graukopf

mochte ein Sechziger sein, war aber noch kräftig und behende. Sein

glattrasiertes, faltiges Gesicht hatte einen biedern und gemütlichen

Ausdruck, seine Nase war rot, eine sogenannte Tulpe, listig waren die

Schweinsäugelchen. Die Laterne an einen Haken der Kegellaube gehängt,

betrachtete er einen Gegenstand, den er zwischen den Fingern hielt. Als

ein Gast aus der Kneipe zu ihm trat und vertraulich raunte, antwortete

der Onkel abweisend: „Wenn ick doch sage, der Stein is unecht! Det

bisken Jold lohnt nich. Eene Mark achtzig will ’ck uff deine Zeche

anrechnen.“ -- „Wat?“ entgegnete der Pennbruder patzig. „Eens achtzig

for so’n teiret Andenken? -- an meine verflossene Braut? Nich in de

Hand!“

Jetzt kamen johlend drei andere Gäste nebst dem ältesten Jungen des

Amtsdieners: „Also los, der Ring wird ausjeschoben! Flott, Bengel!

Kejel uff! Un hinten de Laterne anjestochen!“ Wie nun die Kegelbahn

hell genug war und Onkel Pofke mehrere Glasnäpfe mit Weißbier

hergeschafft hatte, trat der erste Kegler vor, ein Bursche mit einer

hohen, etwas glucksenden Stimme. Die Kegelkugel in der Hand wiegend,

streckte er das linke Bein vor, knickte mit dem rechten ein und holte

zum Wurf aus. Forsch rollte die Kugel, die Kegel prasselten, der Junge

rief: „Achte +um+!“ Der König war allein stehn geblieben, das war

ein guter Wurf. „Hurra!“ johlten die Kegelbrüder, und der Erfolgreiche

trällerte im Fisteltenor:

„Det Fechten is ’ne edle Sa--ache;

Luft is fier alle Menscher frei.“

Dann stärkte er sich aus dem kommunistischen Weißbiernapfe so tief, daß

man rief: „Verheirate dir man nich drin!“ Nun donnerte Wurf um Wurf,

und immer lauter wurde die Gesellschaft. „Das wird ja nett!“ seufzte

ich, „die Kerle kriegen fertig, bis Mitternacht zu skandalieren. Aber

es muß doch auch hier sowas wie Polizeistunde geben. Sonst, bei Gott,

wende ich mich an den Amtsvorsteher, zum Donnerwetter!“ Indessen

blieb das Donnerwetter auf der andern Seite, bei diesen hahnebüchenen

Sprößlingen des deutschen Michel, der wohl schon zu Zeiten des alten

Donnergottes gekegelt haben mag und im Grollen des Wolkenwetters das

Kegelschieben Donars belauschte. Jedesmal, wenn einer alle Neune

geworfen hatte, wurde von den Pennbrüdern im Chor ein „Versch“ gesungen:

„Ick walze meinen Schlendrian

Und drinke meinen Korn,

Und wat ick nicht berappen kann,

Det hat der Wirt verlor’n.

Un hau ick hier det Jlas

In hundertdausend Trimmern,

So hat sich doch keen Mensch,

Keen Mensch dadrum zu kimmern.“

Das Gespräch der Pennbrüder kam wiederholt auf den Ring, und man war

über den Stein geteilter Meinung. Dabei wurden Vorkommnisse erwähnt,

die mir nicht ganz koscher vorkamen, obwohl ich sie fast gar nicht

verstand, weil sie im Rotwelsch der Walz- und Fechtbrüder verhandelt

wurden. Da hörte ich Ausdrücke wie „Schucker“, „dufte Winde“,

„Penneboos“ und „Pickus“. Bei einem Wortwechsel meinte einer patzig:

„Oller Hammelkopp! Wat is zu machen, wenn du keene Flebbe hast! Un

ieberall lauert und luchst de Polente!“ Ein Anderer bemerkte: „Hättest

du bloß nich immer Schandarmen, un een bisken Kurage! Du bist ’n Kerl

wie’n Stücke Wurscht!“ Ein guter Kegelwurf schnitt den Disput ab, und

weiter sang man:

„Ick walze meinen Schlendrian,

Zieh an, wat mich jefällt;

Un wat ick nich mehr dragen kann,

Bei’n Juden kriech ick Jeld!

Und sollte ooch mein Hemd

In dausend Löcher schimmern,

So hat sich doch keen Mensch,

Keen Mensch dadrum zu kimmern.“

Mich um die zerlumpten Hemden dieser Bummler zu kümmern, lag mir fern.

Bloß ihr Radau kümmerte mich, und ich gelobte mir schon, mit der

Beschwerde bis zum Kultusminister zu gehn. Weil aber auch hier der

Himmel hoch und der Zar weit, blieb mir nichts übrig, als zu lachen und

mich in meine Klappe zu verfügen. Gern hätte ich mein Fensterventil

geschlossen, um den Lärm ein wenig zu dämpfen; aber dann hätte ich zu

spüren bekommen, daß unser Kulturstaat hier nicht mal dem bescheidenen

Glaubenssatz des Walzbruders Rechnung trug: „Luft is fier alle Menscher

frei!“ So ließ ich die Ventilklappe auf. Wie ich im Bette lag und

noch ein wenig las, mußte meine Lampe einen von der Kegelbruderschaft

hergelockt haben. Behutsame Schritte vor dem Fenster, und durch die

bibelgroße Klappe nahe bei meinem Kopfe kam, mich zu erschrecken, der

jähe Ausruf: „Puh!“ Ich antwortete nicht -- um die Kerle nicht noch zu

ermuntern -- und auflachend ging der Witzbold wieder zum Kegeln.

Mein Gefängnis, das war begreiflich, mußte den Leuten wunderlich

vorkommen. Hinter den schwarzen Kerkersprossen tat der blutrote

Vorhang, bei Lampe noch greller, nach außen eine abenteuerliche

Wirkung. Dazu kam das Gerede über den sonderbaren Heiligen, der an

keinen Gott glaubte, gewiß auch an keine Hölle. Mit der Hölle schienen

es übrigens selbst die Pennbrüder nicht sonderlich ernst zu nehmen;

denn vor dem Einschlafen hörte ich ihren letzten „Versch“:

„Ick walze meinen Schlendrian,

Bis an mein kühlet Jrab,

Un schlächt mich ooch der Sensenmann

Den Sterbesejen ab,

Ja, sollt ick ooch dereinst

Noch in die Hölle wimmern,

So hat sich doch keen Mensch,

Keen Mensch dadrum zu kimmern.“

Im Halbschlummer kam es mir vor, als wäre unter den Männerstimmen

noch eine weibliche, und dann rief man: „Schmalzjuste!“ Wie ich

später erfuhr, war das eine junge Tippelschickse, die wegen Bettelei

aufgegriffen und fürder dem Onkel in der Gastwirtschaft behilflich war.

Schließlich hörte ich die Pennbrüder über mir im Dachraum trampeln,

zur Ruhe begaben sie sich. Und dann krähten die Hähne. Traulich war

mir der Gedanke, es seien dies dieselben Hähne, die ich daheim in der

Kastanienallee nachts belauschte.

Der Gefangene wildert Grünlinge

„Unerhörte Bummelei! Jetzt aber mucke ich auf! Da hockt man nun

in dieser Enge schon den vierten Tag! Und immerfort das goldigste

Herbstwetter draußen! Ich sehne mich ins Freie -- aber mein Antrag,

Spaziergänge machen zu dürfen, ist immer noch unerledigt. Bitte,

geh’ doch mal zum Kreispfiffikus und melde, daß ich schon anfange,

dahinzusiechen.“ In dieser klagenden Weise hatte ich soeben mein Herz

ausgeschüttet, als meine Frau sagte: „Da kommt ja Bolle -- stell ihn

doch zur Rede.“

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 9 / 19 段