und Spott behauptete. Auch schätzten wir seine stete Bereitschaft, in
seine harte, oft grämliche Berufsarbeit ein Viertelstündchen Scherz
einzuschalten. Wenn er Patientenbesuche machte und sein Wagen im
Sande der Dorfstraße einem von uns begegnete, schwenkte er grüßend
seinen Schlapphut und ließ anhalten, um dem willigen Opfer einen
Kalauer zu versetzen. „Hurra, da kommt der Kurierzug!“ sagte mal ein
Freund, als der Doktorwagen nahte. In anderer Weise uns zu kurieren,
war kaum Gelegenheit -- die literarische Kolonie bestand damals aus
lauter blühenden Männern und Frauen, und wohl nur, wo Elternfreuden
in Aussicht standen oder das bereits vorhandene Kleine Leibschmerzen
hatte, wurde Jacoby zitiert. Nicht als ärztliche Autorität trat er dann
auf, sondern als ein Naturdeuter und freundschaftlicher Seelsorger.
Eine Beruhigung, die schon etwas Heilendes hatte, ging von ihm aus,
wenn er beim Fühlen des Pulses gemütlich vor sich hinlächelte, so daß
man erraten konnte: Jetzt wird er kein Gift, sondern einen Trunk aus
dem Humorquell reichen, der schon zu Zeiten des lachenden Demokrit
als ein ebenso wirksames wie angenehmes Mittel galt, üble Dämonen aus
Leib und Seele zu scheuchen. In allerlei Verhältnisse hatte dieser
Physikus des Kreises Niederbarnim hineingeleuchtet -- weswegen wir
ihn den Kreispfiffikus nannten -- und mephistophelisch dürfte man
seine Kenntnis der Männlein und Weiblein nennen, wäre nicht Güte dabei
gewesen! Er belachte menschliche Schwächen, weil er sie verstand; wo
aber Entschuldigung nicht am Platze schien, hielt er sein Strafgericht
bloß als Spötter, nie als Eiferer: „Menschen, Menschen sein mir alle“
-- dies geflügelte Karnevalswort trällerte er gern, wenn er mit
schalkhaftem Blinzeln und diskreter Dämpfung der Stimme ein Stückchen
aus dem Schatze seiner Lebenskunde zum besten gegeben. Was unsere
literarische Kolonie mit ihrem sozialen Sinn an Jacoby besonders
verehrte, war eben die gütige Menschlichkeit. Aus dem Herzen kam ihm
sein Beruf, und so widmete er ihn weniger den zahlungsfähigen Kreisen
der Bürgerressource, als denen, die für Arzt und Apotheker nichts
andres haben als ihre Bedürftigkeit. Nicht bloß, daß er unbemittelte
Patienten unentgeltlich behandelte, er schenkte ihnen auch noch Binden
und Pflaster und stärkenden Rotwein. Seine Gutmütigkeit suchte er in
verschämter Weise zu rechtfertigen, indem er auf die Apothekerpreise
schimpfte. „So ’ne Pulle, für die man zwei Mark zahlen soll, is keene
drei Sechser wert. Un diese Jiftmischer sollen wir noch reicher machen?“
Daß mir besagter Menschenfreund höchst gelegen kam, als er die Glocke
beim Amtsdiener zog, hatte noch einen besondern Grund, und auch für
den paßte das Wort: „Menschen, Menschen sein mir alle.“ In plötzlicher
Erleuchtung nämlich sah ich, wie dieser Arzt eine Rolle zu meinem
Gunsten spielen könne. Als der Amtsdiener zum Fenster heraus fragte,
wer da sei, antwortete Jacobys joviale Stimme: „Kommen Se man, Bolle
-- und bringen Se jleich den Schlüssel mit! Den Schlüssel zu Ihrem
Inferno, zu Ihrer Besserungsanstalt. Möchte mal inspizieren.“ Unten
erschien der Amtsdiener mit Laterne und rasselndem Schlüsselbund. Das
Kerkerschloß ächzte, und nun reichte mir der wackere Doktor die Hand
-- -- ein Fünfziger, noch stramm, doch zu behaglicher Fülle geneigt;
den alten Korpsstudenten sah man ihm an. Mit seinem langen, ergrauenden
Bart und üppigem Haupthaar, den markigen Zügen, der kräftigen Nase
und den klugen, gütigen Augen unter kühn geschwungenen, buschigen
Braunen hatte er etwas von einem Patriarchen, besonders wenn er das
melancholische Gesicht aufsetzte. Das behauptete sich freilich selten
und wurde auch diesmal bald aufgehellt.
Meine Hand haltend, blickte der Kreispfiffikus zunächst kondolierend
wie ein Leichenbitter: „Nicht bloß als Freund bin ich hier, sondern
zugleich in meiner Eigenschaft als Amtsarzt. In dies Gefängnis sind
Sie eingeliefert -- ob mit Recht oder Unrecht, habe ich nicht zu
verantworten, mein Gewissen bezieht sich lediglich auf die sanitäre
Seite der Angelegenheit. Also, womit kann ich Ihnen dienen? Haben Sie
irgendwelche Wünsche, die zu erfüllen in meiner Macht steht? Wie ist
das Befinden?“ Gewohnheitsmäßig fühlte er mir den Puls, ließ sich sogar
die Zunge zeigen. „Appetit?“ -- „Bedeutend!“ antwortete ich. „Geradezu
krankhafte Gelüste spüre ich nach Kempinskis Speisekarte. Aber die
Gattin, die teure, die bald kommen wird, beschert mir vielleicht zur
Feier des Tages einen Knalleffekt ihrer Kochkunst.“ -- „Potztausend!
Was denn zum Beispiel?“ fragte er mit ungeheuchelter Teilnahme, setzte
aber gleich wieder die Amtsmiene auf: „Das heißt, Freundchen, Sie
dürfen sich hier nicht auf eine Mastkur verlegen! Bei Ihrer Anlage zur
Korpulenz, in dieser scheußlich engen Zelle ...“ Bedenklich musterte
er die vier Wände und schüttelte den Kopf. Dann lachte er schalkhaft
und wandte sich an den Amtsdiener, der bei der offenen Zellentür im
schmalen Flur stand: „Na, wissen Se, Bolle -- Ihr Jefängniswesen
scheint mir nich jrade den Bedürfnissen der Neuzeit zu entsprechen --
das können Sie dem Amtsvorsteher dreist wiedersagen.“ -- Der Amtsdiener
zuckte die Achseln: „Uff bessere Herrschaften is unser Hotel nich
injericht.“
„Wenn das Hotel nicht drauf eingerichtet ist“ -- nahm ich pikiert
das Wort -- „so soll es sich so ’ne Sache lieber nicht zutrauen --
oder aber es muß die Konsequenzen tragen.“ Der Kreispfiffikus prüfte
meine Miene, ob sich darin nicht Spaßmacherei verrate. Ernsthaft fuhr
ich fort: „Glauben Sie etwa, ich soll mir gefallen lassen, daß ich
in so eine Kiste gesperrt werde? Da is ja kaum ein Luftloch -- nur
eine bibelgroße Klappe ...“ -- „Bibelgroß is gut!“ schmunzelte der
Kreispfiffikus, „auf diese Weise wird dem Ketzer das Buch der Bücher
mahnend vor die gottlose Seele gehalten. Doch Scherz bei Seite,
was soll nach Ihrer Ansicht hier geschehen? Möchten Sie vielleicht
lieber nach Cöpenick ins Amtsgericht? Ich warne Sie -- man spricht
von Insekten ...“ „Die Keepenicker nehmen den Herrn Dokter nich“ --
erlaubte sich der Amtsdiener zu bemerken -- „det jinge nicht, saacht
der Herr Amtsvorsteher, weil doch eben keen Jerichtsurteil vorliecht.“
-- „Bleibt nichts übrig, als daß man in Friedrichshagen eigens für Sie
ein Lokal baut“ -- und des Arztes Bäuchlein wackelte -- „oder daß Sie
hier vorlieb nehmen.“
„Wenn’s nicht ein Drittes gäbe!“ wandte ich ein. „Und das wäre?“
-- „Ha, wenn dies Lokal nicht meiner Lebensweise angepaßt ist, so
muß meine Lebensweise den Rahmen solch scheußlicher Verhältnisse
sprengen. Die frische Luft und die Bewegung, die in dieser drangvoll
fürchterlichen Enge fehlen, will ich mir draußen verschaffen. Eine
gewisse sanitäre Fürsorge gehört selbst für den Gefangenen zu den
Menschenrechten.
Jedes preußische Gefängnis muß doch einen anständigen Hof haben, wo der
Gefangene spazieren gehen kann. Sie erwähnen meine Anlage zur Korpulenz
-- also muß ich Bewegung haben, viel Bewegung -- ein paar Stunden
täglich laufen -- im Walde ’rum -- oder rudern -- auf dem See ’rum
...“ Mit großen Augen sah mich der Kreispfiffikus an und echote: „Auf
dem See ’rum? Sie sind wohl ein Anhänger der neuen Serum-Therapie?“
Mein Gesicht verzerrte sich bei diesem Kalauer; er aber fuhr fort: „Nu
verstehe ich die Konsequenzen, von denen Sie sprechen. Na ja, Bewegung
müssen Sie haben -- keine Behörde darf Ihnen zumuten, daß Sie sich hier
ein Fettherz anhocken ... Der Sache wollen wir mal gleich auf den Grund
spüren. Bitte, machen Se mal Ihre Weste auf.“ Und der eifrige Arzt zog
sein Stethoskop hervor.
„Vata“ -- es war der Knabe des Amtsdieners -- „Mutta saacht, de
Bratkartoffeln werden kalt.“ -- „Quatsch keen Kaleika!“ antwortete
Bolle -- „saach Muttern, ick komme jleich!“ Mit Interesse hatte
sich der Kreispfiffikus dieser Szene zugewandt, nun betrachtete er
den Amtsdiener von oben bis unten: „Wieso jleich? Was berechtigt
Sie zu der Annahme, daß Sie jleich abkommen?“ Der Amtsdiener geriet
in Verlegenheit: „Ick dachte man bloß, Herr Dokta!“ -- „So so! Sie
dachten! Dieser ungewöhnliche Fall legt mir die Frage nahe: +was+
dachten Sie denn? Dachten Sie vielleicht, ich solle meine Inspektion
übers Knie brechen? bloß damit Ihnen Ihre Bratkartoffeln nicht
erkalten? Menschlich zwar entbehrt Ihr Wunsch nicht einer gewissen
Berechtigung. Menschen, Menschen sein mir alle! Unser verehrter Herr
Arrestant gebrauchte den Ausdruck: Menschenrechte. Ob nun freilich
das warme Abendessen gerade zu den Menschenrechten gehört, bleibe
dahingestellt. Jedenfalls bin ich kein Unmensch, drum entscheid’
ich: Begeben Sie sich in den Kreis Ihrer Lieben, zur warmen Atzung!
Wir legen auf Ihre Anwesenheit nicht den mindesten Wert.“ -- Der
Amtsdiener stutzte: „Aber ick muß doch zuschließen! Darf man denn eenen
Inhaftierten bei offene Türe lassen?“ -- „Man darf es!“ erwiderte
der Kreispfiffikus gewichtig. „Oder bilden Sie sich etwa ein, dieser
Häftling wird Ihnen ausreißen? Der +wollte+ ja hier hinein! Ist
geflissentlich hierher gekommen und hat dafür seine respektablen
Gründe. Ihm könnten Sie dauernd seinen Kerkerschlüssel anvertrauen, er
wird kein Ausreißer. Übrigens übernehme ich, eine Amtsperson, für ihn
die Bürgschaft. Wissen Sie, wie es in Schillers Bürgschaft heißt? So
laß mich -- als Freund -- für ihn bürgen! Mich magst du -- entrinnt er
-- erwürgen ...“
In diesem Moment erschien Frau Bolle mit einem Dorfjungen, der die
Backe verbunden hatte. „Himmel!“ klagte der Arzt, „hat man nich mal in
dieser Klause Ruhe vor Patienten? Frau Bolle, das war nich woljetan,
mir noch mehr leidende Menschheit aufzuhalsen.“ -- „Ick kann nischt
dafier! Eben is der Junge jekommen -- hat stundenlang int Sprechzimmer
bei Sie jewartet, un jetzt hält er’t vor Zahnschmerz nich mehr aus.
Ei sprich doch selber, Bengel!“ Die Augen des Jungen füllten sich
mit Tränen, er hielt die Hände an die Backe gepreßt. „Na, zeich mal,
Jungeken,“ meinte der Kreispfiffikus gutmütig und suchte die Hände
von der Backe wegzuziehen. „Dummer Lümmel, halt still! Sonst laß ick
dir von de Pollezei festhalten. Dir wer’k uff’n Zopp spucken!“ Der
Junge wußte nicht, soll er retirieren oder bleiben. Nun griff der
Kreispfiffikus in seine Tasche. „Na, komm her! Zeichste’n Zahn, so
kriste’n Jroschen.“ Der Junge hielt eine Seite seines Gesichtes hin.
„Still gehalten, törichter Affe! Mund auf! Ich tue dir nischt -- bin
doch kein Dentist -- oder hälst du mich für einen Dentisten, he? Der
Schafskopp weiß nich mal, was das ist, ein Dentist. Auf Dentist reimt
sich Hinterlist. Det is einer, wo schon de Zange heimlich in der Hand
hält! Junge, zeich die Wange! Hab man keene Bange -- ick habe keene
Zange! Laute +adlige+ Reime! sind nämlich +von+ Jacoby ...“
„Au!“ schrie der Junge und spie Blut, während der Kreispfiffikus
triumphierend ein weißes Zähnchen zwischen den Fingern hielt. „Na,
siehste, Jungeken, da is er schon! Und nu bin ick wohl +doch’n+
Dentist -- wie? Der Bengel is janz wild!“ Allerdings lohte der
Junge vor Empörung: „Jemeinheit“, brüllte er, „Ihnen kennen ma!“
Der Kreispfiffikus lachte und zog sein Portemonnaie: „Verjiß deinen
Jroschen nich! Der is für de Kur -- und hier is noch’n zweeter Jroschen
-- für’t Schimpfen! Nu kannste nach Kempinski’n jehn! Aber keen
Zuckerwerk koofen! Sonst wird auch die andere Backe dick -- un denn
komm mir ja nich wieder!“ -- Der Junge hielt seine Beute in die Hand
geklammert und wischte mit der anderen die Tränen: „Danke ooch scheen!“
Während er forteilte, wandte sich der Kreispfiffikus an mich und
schlenkerte seine Hand in der Luft, die Melodie vom guten Kameraden
trällernd: „Kann dir die Hand nicht geben -- der Bengel hat sie im Maul
gehabt. Amtsdiener kommen Sie mal zur Pumpe, ich will mir die Hände in
Unschuld waschen ... Und was tun denn Sie noch hier, Frau Bolle? Na
ja, die Weiblichkeit sieht jern zu bei Jrausamkeiten!“ Und er ging mit
dem Amtsdiener zur Pumpe, als sei diese Form der Reinigung ganz in der
Ordnung. Die Frau Amtsdiener eilte nach einem Handtuch. Wie sich der
Kreispfiffikus abgetrocknet hatte, schob er den Amtsdiener und seine
Frau ab; mich wies er mit scherzender Drohung in meinen Kerker, wie man
ein Huhn in den Stall scheucht.
Meine Einladung, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, lehnte er ab und holte
sein Stethoskop heraus. -- „Sie wollen mich wirklich untersuchen?“ --
„Selbstverständlich!“ Und er behorchte, beklopfte meinen Brustkasten:
„Eine Lunge wie eine Kirchenorgel. Dieser Vergleich berührt Sie
hoffentlich nicht peinlich, was? Auch das Herz ist gesund -- obwohl
ihm tüchtige Bewegung, womöglich schwere Körperarbeit, not täte.
Zum Beispiel Holzsägen, Stubbenzerkleinern ...“ -- „Ach, gehn Sie
nur! Auf diesem ländlichen Hofe Stubben klein machen -- wo Hühner im
Miste scharren und Eier legen und sonst noch was -- da wäre der Sport
denn doch etwas ...“ -- „Etwas zu mystisch, meinen Sie, göttlicher
Atheist!“ -- Ich fuhr fort: „Aber die Kegelbahn haben Sie wohl bemerkt
-- der Gastwirt ließe schon mit sich reden -- -- ich würde gern drauf
abonnieren, -- der Junge des Amtsdieners könnte ja den Kegeljungen
machen.“ Mit zärtlichem Lächeln sah mir der Doktor ins Gesicht: „Dann
schieben wir hier eine Gans aus -- und laden den Amtsvorsteher dazu ein
und Ihr Provinzial-Schulkollegium, wa? Nein, Schäker, die Kegelbahn ist
ebenfalls mystisch, auch darauf klettern die Hühner rum. Aber freilich,
Bewegung müssen Se haben. Täglich zwei Stunden spazieren! Ich spreche
morgen mit dem Amtsvorsteher. Spazierengehen können Se verlangen -- und
natürlich geht das nicht auf diesem Hühnerhof.“
Gerührt schüttelte ich dem Kreispfiffikus die Hand. Mein stiller Plan
war so gut wie gelungen, da dieser Gönner die Rolle, die ich ihm
zugedacht, mit dem Instinkt seiner Menschenfreundlichkeit übernommen
hatte. „Menschen, Menschen sein mir alle!“ -- -- --
Viele Jahre sind seit dieser Szene verflossen, und Jacoby, oder, wie
er in seinen letzten Lebensjahren hieß, der Sanitätsrat, hat noch
manche brave Tat verrichtet, bevor er zum Orkus fuhr. Wenn der Stil des
Chronisten, sonst nicht elegisch, nun etwas Nekrologstimmung annimmt,
so bringt das die Verehrung für diesen Mann mit sich, der wie ein
gutes Pferd in den Sielen starb. Ein hoher Sechziger war er bereits,
als er noch mit eigensinniger Treue seinen Beruf ausübte. Es galt,
die Todesart einer Selbstmörderin festzustellen. Ermüdet und durch
den traurigen Schicksalsfall erschüttert, legte sich Jacoby, um nicht
wieder aufzustehen. Nur aufge+richtet+ hat er sich noch einmal,
als er spürte, daß es zu Ende gehe. „Halte dir feste, Herr Jacoby!“
scherzte er -- und röchelnd sank er zurück.
Bevor er seine letzte Reise antrat, um durch die Flamme bestattet zu
werden, hallte an seiner Bahre glockentief der Akkord dieses tüchtigen
Lebens. Eine Begebenheit, die ihn kennzeichnet, wurde erzählt. Der
schon bejahrte Jacoby wurde in einer Winternacht herausgeklingelt. Ein
Mann aus Rahnsdorf war zu Schlitten über den gefrorenen Müggelsee
gekommen; seine Frau drohte im Wochenbett zu verbluten. Ohne Zögern
machte sich der Arzt fertig, bestieg den Schlitten und wagte die Fahrt
übers Eis. Die Pferde gerieten auf eine Fläche so spiegelblank, daß
die Hufeisen fortwährend ausglitten. Ein Verzug von Minuten konnte der
Wöchnerin den Tod bringen! Doch der treue Arzt ließ sich Schlittschuhe,
die er vorsorglich mitgenommen, an seine Füße schnallen, die doch nicht
mehr die Elastizität der Jugend hatten. Und wagte den einsamen Lauf
durch Nacht und schneidenden Ost. Über glattes Eis, das sich noch weit
erstreckte -- und in der Rahnsdorfer Gegend hatte es, wie gewöhnlich,
offene Stellen. Der Menschenfreund kam knapp zurecht, um die Gattin und
Mutter zu retten.
Diese Tat funkelt als ein Stern in einem ganzen Gewimmel. Wenn es
nachtet, erglimmen die Sterne: So sieht man die Tugenden eines Menschen
in voller Pracht, wenn er gestorben -- am Himmel seiner Verewigung.
-- Im Kurpark zu Friedrichshagen hat Jacoby ein Denkmal -- das erzene
Antlitz verschmilzt die humorvolle Schelmerei Eulenspiegels mit der
Güte und Seelenruhe jenes weisen Nathan, der von den drei Ringen
erzählt.
Doktor fürs Vieh
Im Traum war ich Robinson -- aus dem Versteck belauschte ich die
Mahlzeit der Kannibalen -- dicht bei mir briet ein Wilder etwas über
prasselndem Feuer. Ich blinzelte -- und sah nun, daß jemand vor dem
Ofen kniete. Es war die Frau Amtsdienerin, und das Ofenfeuer strahlte
über die Diele meines Gefängnisses. Daß Frau Bolle -- ein gemütlich
rundes, munteres Weibchen -- beflissen war, leise zu hantieren,
berührte mich angenehm; ich fühlte mich wie in meiner Knabenzeit, wenn
in winterlicher Frühe unser Dienstmädchen Feuer machte, während ich
mich in den Kissen noch mal zurechtlegte, weil Ferien waren. Ferien!
Ein Weilchen gab ich mich der Stimmung hin, dann begann ich: „Guten
Morgen, Frau Bolle!“ -- „Scheen juten Morjen, Herr Dokta! Nu ha’k
Ihnen doch woll jesteert? Un ha’m Se denn ooch jut jeschlafen de
erste Nacht?“ -- „Wie’n Stück Holz.“ -- „Det is man scheene!“ Die
Amtsdienerin erhob sich. -- „Ist es denn überhaupt nötig, daß heute
geheizt wird, Frau Bolle? Bei dem milden Wetter, das wir all diese
Tage haben? Ist der Himmel wieder so klar?“ -- „Der Morjenstern hät
scheen jeleicht’, un jetzt is wieder so’n richtijer Olleweibersommer.“
-- „Frau Bolle, heute geht’s aber spazieren! Sagen Sie doch Ihrem
Mann, ich lasse den Amtsvorsteher dringend ersuchen!“ -- „Hm!“
meinte Frau Bolle -- „un wo soll’t denn hinjehn?“ -- „In den Wald
natürlich! Ich werde Grünlinge suchen und Ziegenlippen.“ -- „Wa?
Ziejenlippen, wat is’n det?“ -- „Gelbgraue Pilze, wirklich zart wie
Ziegenlippen. Haben Sie Pilze gern?“ -- „Bloß Feffalinge. Aber ooch
mang de Feffalinge jibt et falsche, wo jiftig sinn. Unsereens kann
se nich sicher unterscheiden. Aber Sie haben woll druf studiert? Und
kennen alle det Jiftzeich? Da machen Se woll Medezin draus?“ -- „Wieso
Medizin? Davon verstehe ich nichts!“ -- „Na, aber Se sind doch’n
Dokta!“ -- „Kein Doktor der Medizin!“ -- „Ach so, drum ebens! Denn
jibt et woll +so’ne+ Doktas und +solche+ Doktas? Ick wundere
mer jestern, wie der Dokta Jacoby Ihnen untersuchen kommt, wo Se
doch +selber’n+ Dokta sind. Denn sind Se also ’ne +andere+
Sorte Dokta? +Wat+ denn fier eener?“ -- „Ich bin Doktor der
Philosophie!“ -- „Ach so, Dokta fiers Vieh! Det ist ooch’n janz jutet
Doktajeschäft!“ -- „Hü-ihi-hih!“
Frau Bolle war gegangen, und ich wollte mich erheben, als sich
draußen die Stimme meiner Frau vernehmen ließ, und dann sagte Frau
Bolle: „Wie niedlich! So’n kleenet Viehzeich!“ Was für Viehzeug sie
meinte, verriet ein helles Stimmchen. Mein Kätzchen mußte das sein!
Richtig, meine Frau trat ein, begleitet von der Mutterkatze Henneken,
die erhobenen Schweifes an ihr empormauzte -- das Katzenkind, unser
Füchschen, hatte meine Frau im Korbe. Sie setzte es mir auf die
Bettdecke, Henneken sprang herzu, und schnurrend vor Behagen räkelten
sich Mutter und Kind auf dem Pfühl. Das Kleine begann zu saugen,
die beiden Frauen sahen zärtlich zu. Bei dieser Szene kam sich der
Gefangene vor, als sei er nicht in Eisen gelegt, sondern in Watte.
Frau Bolle schwankte, ob sie das Gefängnis auflassen dürfe, und meine
Frau erwiderte naiv: „Die Katze läuft nicht weg!“ -- „Ick frage bloß
von wejen den Herrn Dokta, weil doch der innjespunnt is!“ -- „Läuft
auch nicht weg!“ versicherte ich und meine Frau: „Is ja nich mal
angezogen!“
Die Amtsdienerin ging also, ohne zuzuschließen. „Nu kannst du auch
noch ’n Weilchen liegen bleiben, sonst störst du die Katzen. Ich mache
Tee und leiste dir ein Viertelstündchen Gesellschaft. Dann muß ich
die Katzen wieder nach Hause bringen. Ich habe unterwegs mit ihnen
meine liebe Not gehabt. Füchschen war ja artig im Korbe, aber Henneken
etwas schwierig -- nicht auf meinem Arm zu halten. Da hab ich sie frei
laufen lassen -- ich dachte: wenn sie schon ihrem Frauchen auf der
Straße nachläuft, so tut sie das erst recht, wo ihr Kleines getragen
wird. Und richtig, sie trottet mit. An der Ecke der Müggelstraße aber
spielen Jungens -- die sehen kaum die Katze, so kommt einer gelaufen
-- -- du weißt ja wie solche Bengels sind. Und Henneken geht an mir
hoch wie an einem Baumstamm -- hier am Arm hat sie durchgekrallt. Und
wie sie auf meiner Schulter sitzt, faucht sie den Bengel an. Ich denke:
zanken macht die Sache bloß schlimmer. Da hab ich freundlich gesagt:
Kinderchen, die Katze hat ein Kleines, seht mal hier im Korb! Und habe
Füchschen gezeigt. Da sind die Kinder ganz kirre geworden -- bei denen
hab ich nu gewonnenes Spiel. Wären bloß die Hunde nich!“ -- „Das ist
ja ein ganzer Roman. Auf all den Schrecken mußt du dem guten Hennecken
Milch geben. Weißt du übrigens wie ich mir mit dem anhänglichen
Viehzeug vorkomme. Wie’n Doktor fürs Vieh.“ Und ich erzählte meiner
Frau von der Meinung der Amtsdienerin. -- „Hü-ihi!“
Dann nahmen die gestreichelten Katzen dankbar schnurrend Abschied,
Füchschen kam wieder in den Korb, und meine Frau zog los. Die
Mutterkatze zögerte ein Weilchen und spähte geduckt umher; dann trollte
sie meiner Frau mauzend nach, zur geöffneten Hoftür hinaus.
Das Flugblatt
Nun aber aus den Federn! Es war an der Zeit, was Ernstes zu tun! Mein
Gefängnis ließ sich ja ziemlich fidel an, doch blieb es immer ein
Gefängnis, und ich saß ohne Richterspruch! Dagegen galt es aufzutreten!
Als ich Toilette gemacht, kam die Amtsdienerin mit der vom Briefträger
gebrachten Post. Übrigens wollte Frau Bolle mein Gefängnis in Ordnung
bringen. Während sie säuberte und frische Luft durch Zelle und Flur
ziehen ließ, ging ich im Hof umher und besah die Post -- es waren
Zeitungen, auffallend viel Karten und Briefe. Auch eine Broschüre
war dabei: Fichtes Appellation an das Publikum gegen die Anklage des
Atheismus.
Auf der Kegelbahn spazierend, vertiefte ich mich in die Schrift,
die vom Herausgeber mit interessanten Anmerkungen über den
Gottglauben versehen war. Fichte, eine tief religiöse Natur,
versteht unter der Gottheit kein persönliches Wesen, hält den
Glauben an seine Persönlichkeit vielmehr für eine Verengung Gottes.
Gott ist die sittliche Weltordnung. Fichte wurde deshalb von einer
rückschrittlichen Regierungspartei des Atheismus beschuldigt. In
seiner Verteidigungsschrift führt er aus: In seiner unmittelbaren
Beziehung auf die Welt des Guten hat der Mensch Gott; wozu soll er ein
Sein Gottes noch außer dieser Beziehung annehmen? Von seinen Anklägern,
die sich Gott als den Geber alles Genusses und Verhänger des Unglückes,
als Belohner und Bestrafer denken, sagt er: „Wer Genuß will, ist ein
fleischlicher Mensch, der keine Religion hat, ja keiner Religion
fähig ist. Die erste wahrhaft religiöse Empfindung tötet in uns die
egoistische Begierde. Ein Gott, der dem Egoismus dienen soll, ist ein
verächtliches Wesen; denn er unterstützt, er verewigt das menschliche
Verderben und die Herabwürdigung der Vernunft. Ein solcher Gott ist
ganz eigentlich der Fürst dieser Welt, der schon längst durch den Mund
der Wahrheit gerichtet ist. Was sie Gott nennen, ist mir ein Götze; sie
sind die wahren Atheisten ... Mein Atheismus besteht lediglich darin,
daß ich meinen Verstand behalten will.“
Während ich philosophierte, von Hühnern umgackert, fühlte ich den
Drang, die Arme zu regen, die Fäuste. Dazu war ja nun die Kegelbahn
gut. Ich stellte die Kegel auf und packte eine Kugel. Zuerst schob ich
einen Versager, dann forsch alle Neune. Als ich abermals aufstellte,
kam Frau Bolle: das Gefängnis wäre fertig. „Un Sie +beklagen+
Ihnen noch ieber disen Hof? Aber +lassen+ Se man lieber det
Kejeln! Von wejen de Nachbarsleite! Die klatschen un kujenieren zu
ville -- und wat so’n Amtsdiena is, uff den hacken se alle los.“ Ich
sah mir die Nachbarschaft an. „Wer wohnt denn drüben in der kleinen
Giebelstube?“ -- „Ach, der tut nischt! Det is der olle Kuschel, wo
morjens immer de Kiehe zusammentuten tut.“ -- „Von Ansehen kenne
ich ihn, natürlich auch von seiner Tuterei. Wie ich noch neu in
Friedrichshagen war, dachte ich, Soldaten wären hier einquartiert.“
-- „Der Kuschel war bei’s Milletär Hornist, ebens dadrum tut er immer
det Signal tuten: Habt ihr denn noch nich jenuch jeschlaa--feen! Un
denn kommen de Kiehe heidi von selber aus’n Stall; un abends trotten
se wieda rinn ... Aber nu, Herr Dokta, nu hat et jeschnappt, und Sie
missen +ooch+ wieder rinn!“
Im Gefängnis nahm ich meine Post vor. Eine Reihe von Freunden und
Gesinnungsgenossen drückte Teilnahme aus, sowie Empörung über
das Vorgehen der Behörde. Ich beschloß, aus meinem Gefängnis die
öffentliche Meinung anzurufen -- ein Flugblatt wollte ich loslassen.
Und schrieb folgende Notizen in mein Tagebuch:
„Das Rechtsgefühl unseres Volkes verlangt, daß jede vom Staate
verhängte Strafe einen Richterspruch zur Grundlage hat. Wo man sich
herausnimmt, zu bestrafen, ohne dem Angeklagten ein über den Parteien
stehendes Gericht einzuräumen, da liegt für unser Fühlen und Denken
eine Ungeheuerlichkeit vor. Mit Entrüstung lesen wir von jener
unumschränkten Fürstenherrschaft, die einen Schubart, einen Trenck und
andere im Kerker verschwinden ließ, ohne daß ein Gericht entschieden
hatte. Und der Inbegriff des Knutenregiments liegt in der Formel: Auf
administrativem Weg nach Sibirien verschickt.
So was kommt bei uns nicht vor! denkt der preußische Staatsbürger. Aber
ich bin im Gefängnis infolge einer administrativen Verfügung, ohne
richterliche Entscheidung.
Und was habe ich verbrochen? Ich habe in sonntäglichen, polizeilich
gestatteten Versammlungen, die jedermann zugänglich waren und auch
von Minderjährigen auf Wunsch ihrer Eltern besucht wurden, über die
freireligiösen Grundsätze Vortrag gehalten. Nicht wird mir zur Last
gelegt, etwas Ungesetzliches gesagt zu haben. Doch es behauptet die
Behörde, die Anwesenheit minderjähriger Personen verwandle meine
Vorträge in Jugendunterricht. Einen solchen zu erteilen, verbietet mir
das Provinzial-Schulkollegium, weil ich ‚das Dasein Gottes leugne‘ und
daher nach Ansicht der Behörde überhaupt keine Religion habe.