Der Amtsdiener trat in strammer Haltung ein: „Bolle, der Herr ist Ihr

Arrestant!“ Noch einen wehleidigen Blick gab mir der Amtsvorsteher

mit auf den Weg und wimmerte: „Daß +mir+ so was passieren muß

-- ausgerechnet +mir+!“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht

erwehren: „Sie tun ja, als wären +Sie+ der Arrestant!“ -- „Oh!

Lachen Sie nicht! oh!“ stöhnte der Amtsvorsteher. „+Kennen+ Sie

unser Gefängnis? Zu meinem Leidwesen sei’s gestanden, das ist verflucht

unbequem!“

Ich wehrte mit der Hand ab: „Als ich Militärsoldat war, hab ich auf

der Wachtstube eine harte Holzpritsche zum Schlummern gehabt -- hab

auf Manöver in Scheunen und Ställen gepennt -- und beim nächtlichen

Biwakieren war’s kalt und naß, war +auch+ verflucht unangenehm.

Und doch hab ich’s mit guter Laune hingenommen. Jetzt bin ich abermals

Soldat und auf dem Manöver -- es handelt sich gar um einen Dienst, den

ich mir selbst, meinem Gewissen leiste -- also los, Herr Bolle!“

„Noch eins, Herr Doktor! Sie können jederzeit wieder raus -- sobald Sie

mir erklären, daß Sie Zahlung leisten ... Nicht wahr, Sie kommen recht

bald!“ Mich verbeugend, begegnete ich noch einmal seinem flehenden

Blick; dann sagte er achselzuckend, verdrossen kalt: „Also, Bolle! Der

Herr Doktor ist Ihr Arrestant -- führen Sie ihn ab!“

Als ich mit dem Amtsdiener an der Kirche vorbeiging -- damals war sie

noch das altmodische Dorfkirchlein -- und als wir in die Müggelstraße

einbogen, war mir leicht zu Sinn. Die Sache war ja nun endlich

entschieden und im reinen. Ich empfand etwas von der Neugierde eines

Kindes, das vor dem Theatervorhang sitzt und sich ausmalt, was jetzt

für seltsame Bilder und Geschicke kommen sollen. Als ich halblaut vor

mich hinlachte, warf mir Bolle von der Seite einen verdutzten Blick zu.

„Nu sagen Se bloß, Herr Dokta, wat soll +nu+ werden! Ick muß Ihnen

int Hotel inhaftieren. Wenn’t wenijstens int Vordahaus jinge, bei Onkel

Pofken -- aber nee, daderzu will der Herr Amtsvorsteha keene Erlaubnis

nich erteilen -- det kennte man ihn iebel nehmen.“ -- „Was für ein

Hotel und Vorderhaus meinen Sie denn?“ -- „Na aber! Sie haben Ihnen

noch nicht mal informiert über det Lokal, wo wir Ihnen unterbringen

duhn? Nee so wat!“ -- „Keine Ahnung!“ -- „Und kennen woll noch nich

mal den Preißischen Adler? Ach du meine Jiete! Det is doch der Jasthof

von Onkel Pofken. Int Vordahaus is de Kneipe un der Jasthof jarnie --

wenn mal Loschierjäste kommen. Ick un Onkel, wir wohnen selbstmurmelnd

ooch int Vordahaus. Wat nu aber der Hof is, da ha’ mer so’n kleenen

Bau -- erst war et Waschkiche un Heiboden -- aus die Waschkiche hat

man die drei Arrestzellen jemacht -- un det nennen se nu spaßhaft det

Hotel. Oben uf’n Heiboden is de Herberje -- wissen Se, fier reisende

Sonnenbrieder un wat sonst keene bessere Penne berappen kann.“

„Ich komme also in eine der Arrestzellen? Und wer haust in den andern?“

-- „Momentan keene Katze! Iberhaupt ha’ mer selten Arrestanten -- meist

bloß so’n Fechtbruda oder ne Tippelschickse, wo sich von den Schandarm

hat fischen lassen.“ -- „So! hm! Aber ich -- Sie wissen doch, daß ich

Anspruch auf Selbstbeköstigung habe?“ -- „Aber feste! Mein Onkel,

der Hoteljeh, liefert Sie, wat Küche un Keller halten.“ -- „~À la

bonheur!~ Das Essen wird mir natürlich von meiner Frau geliefert --

die gewohnte Hausmannskost, wissen Sie, ist immer das Bekömmlichste.

Tee und Kaffee bereite ich mir auf dem Spirituskocher -- na, und wenn

ich dann erst gemütlich bei meinen Büchern sitze ...“ -- „Sie wollen

sich also richtig heislich inrichten?“ Und er schüttelte sorgenvoll

sein Haupt mit der Amtsdienermütze.

„Gasthof zum Preußischen Adler“ stand an einem Häuschen, das im

Erdgeschoß Kneipe war und darüber noch ein Stockwerk hatte. Vorn hinein

gingen wir nicht, sondern durch die Tür eines Bretterzauns unmittelbar

in den Hof. Zur Linken befand sich eine Kegelbahn, das Hinterhaus war

offenbar besagtes „Hotel“, denn die drei Fenster des Erdgeschosses

hatten Kerkersprossen. Davor lag ein ländlicher Düngerhaufen in einer

Senkgrube, wo Hühner scharrten.

Bolle rasselte mit Schlüsseln, die er aus seiner Uniform geholt hatte,

und öffnete die Gefängnistür. Wir traten in den schmalen Flur; rechter

Hand lagen die drei Zellen, die mittelste schloß Bolle auf. Da war

nun mein Heim: Ein weißgetünchter Raum, sehr unfreundlich, dumpfig

und dunkel, dazu von ungewöhnlicher Enge -- neben dem Backsteinofen

hatte eine Pritsche nebst einem Stuhle noch eben Platz. Bolle sah die

Unzufriedenheit in meiner Miene. „Ha’ck Ihnen nich jesaacht? Wat dise

drei Zellen sin, uf +die+ war +nich+ det Bibelwort jeminzt:

Hier is jut sind, hier laßt uns Hütten baun. Un ick bleibe dabei,

Herr Dokta -- +duhn+ Se, wat der Herr Amtsvorsteha Sie jeraten

hat -- +zahlen+ Se den Schwindel, +fort+ mit Schaden! un

wir sin die faule Jeschichte +los+. Sonst nimmt die keen jutet

Ende nich.“ -- „Wieso?“ fragte ich verdutzt. -- „Aber, Herr Dokter,

selbstmurmelnd! +Die+ Politik liecht doch nah -- uf +so+ ne

Sache sin +mir+ doch nich injericht -- dafier is doch unser Hotel

nich komfortabel! Det liecht ebens dadran, det wir hier ne andre Art

von Vapackung haben!“ -- „Das sehe ich,“ bemerkte ich unwirsch -- „aber

diese Verpackung lasse ich mir nicht zumuten!“

Nun sah Bolle vollends ratlos aus: „Na da ha’ mer ja de Bescherung! Nu

wird’s Tach in de Bodenluke! Aber, Herr Dokta, duhn Se mich bloß den

eenzichsten Jefallen un -- un -- schlagen Se keenen Lärm nich von wejen

de Lokalletät! Schließlich kommt et noch dahin, det unser Jemeindeamt

een neiet Jefängnis bauen muß.“ -- „+Muß+ es auch!“ trotzte ich

-- „hier fehlt ja jede sanitäre Fürsorge!“ -- Bolle’s Mienenspiel

drückte hilflosen Mißmut aus: „Ja +Sie+, det sagen +Sie+!

Aber ick jebe Sie den juten Rat: wenn Se sich hier durchaus heislich

niederlassen wollen, jut! Wir werden Sie die Haft so behaachlich wie

meechlich machen. Aber man +bloß+ keenen effentlichen Lärm nich

schlagen -- bloß nischt in de Presse bringen! saacht der Amtsvorsteha!

-- Ick muß Ihnen jetzt einsam lassen, Herr Dokta! Aber nu vasprechen Se

mich det -- nehmen Se Rücksicht, un so weiter!“

Seine Eröffnungen kamen mir gelegen, diese Verhältnisse ließen sich

dazu benutzen, meine Haft zu erleichtern. „Will mir’s überlegen,“

antwortete ich. -- „Ja, duhn Se det! ick vertraue uf Ihre Bildung! Na,

un wenn Se wat winschen -- oder wenn Se in Freiheit jelangen mechten

-- denn rufen Se man aus et Fenster -- int Vordahaus is immer wer,

wo Ihnen heert.“ -- „Gibt es hier keine Klingel?“ Er lächelte über

meine Naivetät. -- „Aber wenn nu bei Nacht ... wenn zum Beispiel Feuer

ausbricht ...“ -- „Hier +bricht+ keen Feia aus! Zu Ihre Sicherheit

aber bleibt Ihre Türe nach’n Korridor uff -- un draußen steht ’n Emmer

-- un fier det Feia ’n jroßer Kruch mit Wassa ... Haben Se man keene

Bange! Ma sin’ ja nich in Rußland! Aber nu muß ’ck fiers erste jehn --

adchee also, Herr Dokta, adchee!“

Er ging, klappte die Tür zum Korridor zu -- dann hörte ich, wie die

rasselnden Schlüssel die Haupttür verschlossen. Ich war allein --

nachdenklich saß ich auf meiner Pritsche.

Robinson richtet sich häuslich ein

In diesem Loche Monate zuzubringen, war eine grämliche Aussicht. Keine

vier Schritte konnte ich tun, und an Luft mangelte es. Das Fenster

reichte mir von der Brust bis zum Scheitel und war draußen mit vier

Eisensprossen versichert. Der Scheibenrahmen hatte nur eine Klappe zum

Lüften.

Vor dem Fenster eine Müllgrube, wo Hühner scharrten. Damit nicht jemand

nachts hineintappte, war um diesen landwirtschaftlichen Bezirk ein

Lattengehege. Daneben die Wasserpumpe, ein Kübel für Hühnerfutter,

ein Hackeklotz mit Stubben, die zerkleinert werden sollten. Die

Hinterfront des Gasthofs hatte zwei Türen mit ein paar Seitenfenstern,

darüber eine Fensterreihe. Da war auch eine Glocke -- sie erinnerte

an die Hofglocke meiner Klippschule; auf dem Blechschild stand „zum

Amtsdiener“. Nebenher führte die Dachrinne ins Regenfaß. Die Straße war

abgesperrt durch eine hohe Bretterplanke mit eingefügter Tür. Etwas

angenehmer blickte man nach rechts: längs der Hofmauer eine Kegelbahn,

der Stand für die Kegel war beim Eingang zu meinem Gefängnis. An

den Borden der Kegelbahn sproß Rasen; wilder Wein umrankte die

Laube, von wo geschoben wurde. Über die Mauer lugte der Giebel des

Nachbarhäuschens und ein Akazienbaum -- aus seinem noch dunkelgrünen

Wipfel zitterte das späte Zirpen einer Heuschrecke.

Abermals musterte ich meine Klause -- aber da gab es nichts als

Pritsche, Ofen, vier kahle, weißgetünchte Wände. Darauf Inschriften und

Zeichnungen, mit Bleistift gekritzelt. Meine Vorgänger hatten sich mit

Namen verewigt, auch durch Darstellungen, wie sie ein roher Geschmack

auf Wänden anbringt. Da war eine Prügelei; ein Gendarm mit Helm und

Säbel wurde verhauen von einem Kerl mit ungeheurer Faust; darunter die

Verse:

ihr kricht mir doch nich unter

vafluchtichte Blechkopp-Limmel,

ick halte mir mit Fechten munter

un drinke Rum mit Kimmel.

Neben solcher heroischen Kunst gab es auch komische. Wiederholt kam ein

Mann mit Amtsmütze, verschmitzten Äugelchen und einer Kartoffelnase

vor. Viel von dem Gekritzel behandelte Gefühle der Minne. Eine

Tippelschickse hatte das sentimentale Bekenntnis abgelegt:

In Hamburg, da bin ich gewesen

In Sammet und Seide gehüllt -- --

Meinen Namen, den darf ich nicht nennen,

Denn ich bin nur ein Mädchen für Geld.

Die übrigen Kritzeleien waren garstig, für die Dauer unerträglich;

schon die Kalkflächen hatten etwas Quälendes. An diesem ersten

Gefängnistage habe ich empfunden, was es heißt, in öden vier Wänden zu

hausen -- ohne Bild, ohne Farbigkeit.

So darf das hier nicht bleiben! Ein Häftling hat doch gewisse Rechte

-- die lasse ich mir nicht schmälern! Mein Entschluß stand fest, ich

überlegte, wie sich am zweckmäßigsten vorgehen ließe. Ich wollte nicht

bloß mein eigenes Bett und Selbstbeköstigung fordern, sondern auch

tägliche Spaziergänge und die Erlaubnis, beliebig Besuch zu empfangen.

Und wie Robinson, auf die wilde Insel verschlagen, seine Höhle traulich

ausstattete, indem er vom Wrack des gescheiterten Schiffes allerlei

Kulturdinge einheimste, so wollte ich dies Gefängnis zur fidelen Klause

gestalten. Aus meiner Häuslichkeit sollte meine Frau ...

Ach ja, meine Frau! Aber die wußte ja nicht mal, was aus mir geworden!

Ich mußte sie benachrichtigen. Sah nach der Uhr ... Himmel, waren

die Stunden verflogen! Ich spürte Hunger und Durst. Ob ich mir vom

Gasthause was bringen ließe? Es kam mir wie eine Demütigung vor,

was auszubitten. Zudem hegte ich den Verdacht, Bolle halte sich

geflissentlich fern und werde, im Einverständnis mit dem Amtsvorsteher,

alles aufbieten, mich am ersten Tage mürbe zu machen, damit ich in

+Geld+ die Strafe entrichte. Na wartet, ihr Schlauberger! Ihr

verrechnet euch in mir!

Wieder auf der Pritsche, nahm ich mein Notizbuch und schrieb an meine

Frau: „Nun doch in Haft! Im Hinterhaus des Gasthofs zum Preußischen

Adler, Müggelstraße. Bitte laß auf einem Handwagen folgende Sachen

herschaffen: Mein Bett nebst Matratze. Schreibzeug und Papier.

Goethes Gedichte. Das allgemeine Landrecht, links im Oberfache des

Bücherschranks. Böcklins Bild: Der Einsiedler. Das Ziegenfell aus

meinem Schreibzimmer. Die rote Plüschdecke. Chamissos Gedichte.

Den Wandteppich, mit dem wir mal die Flurtür verkleidet hatten.

Nagelkasten, kleine Eisenringe für den Wandteppich. Bindfaden, Nadel

und Zwirn. Ein Quadratmeter Stoff zu einem Fenstervorhang, recht bunt.

Ein Beefsteak mit Bratkartoffeln und Gemüse. Eine Flasche Weißbier.

Das Tischchen aus Bambusrohr. Meine Zither nebst Noten. Blumentopf vom

Gärtner. Papierampel aus Japan. Eine Flasche Wermut di Torino! Nun

sieh, daß ich bald was zu essen kriege!! Übrigens geht es mir gut.“

Die Blätter, auf die ich den Brief geschrieben, riß ich aus dem

Notizbuch und hüllte sie in ein Zeitungsblatt. Gelegen kam soeben von

der Straße ein Knabe mit einem Schulranzen. Durch die Fensterklappe

rief ich ihn her: „Heda, Junge! Wie heißt du?“ -- „Anton Bolle.“

-- „Ich gebe dir zwei Groschen, wenn du einen Brief zu meiner Frau

bringst.“ -- „Erst muß ’ck zu Mittach essen!“ -- Und Anton verschwand

im Vorderhause. Mit noch kauenden Backen kehrte er zurück und erhielt

den Brief. Kaum war er weg, so fielen mir weitere Wünsche ein, und

ich notierte: „Dringlicher Nachtrag: Meine grüne Studierlampe!!!

Tee nebst Spirituskocher!! Teller, Tassen, Gläser! Grimms Kinder-

und Hausmärchen. Hausschuh und Hausanzug. Handkoffer mit Wäsche.

Reisetoilette, Seife ...“ Ach, was hat der Kulturmensch doch alles

nötig!

Nicht lange und Anton Bolle war zurück. „Na, was sagte meine Frau?“ --

„Et wäre jut!“ Ich gab ihm seine Groschen. „Du kriegst aber noch zwei,

wenn du nochmals zur Kastanienallee läufst; willst du?“ -- Anton nickte

und bekam den zweiten Brief. Die Stunde, die ich zu warten hatte, bis

meine Frau erschien, dehnte sich, mein Magen auch. Wer hat nicht schon

eine Hyäne bedauert, wenn sie die paar Schritte trottet, die der knappe

Käfig zuläßt, sich dreht, zurücktrottet -- und so fortfährt, ruhelos.

Ähnlich suchte ich meine Ungeduld auszutoben. Schließlich hatte ich

eine Vorstellung von jener Drehwurmkrankheit, die Schafen so scheußlich

wird; schwitzend saß ich auf meiner Pritsche.

Die Hoftür ließ sich vernehmen -- endlich! Meine Frau, einen Korb am

Arm. An der Bretterplanke tat Frau Pape einen Riegel weg, es öffnete

sich eine breite Pforte nach der Straße. Da stand der Handwagen mit

den begehrten Sachen. Durch die Fensterklappe rief ich meiner Frau

einen Gruß zu -- sie erwiderte wehmütig, versunken in den Anblick

meines Gefängnisses. „Drüben klingeln!“ rief ich. Frau Pape zog die

Glocke. Als Bolle den bepackten Wagen sah, war er stutzig. Dann kam er,

das Gefängnis aufzuschließen. Er sah mich groß an. „Ick denke schon,

det wir Ihnen +entlassen+ kennen -- un +Sie+ ... ja wat

wird denn +nu+?“ -- „Entlassen?“ -- „Na Se werden doch endlich

+zahlen+! Oder nee? Himmelkaldaunen! Se wollen Ihnen heislich

inrichten?“

Ich sah ihn fest an: „Was ich Ihnen jetzt sage, Herr Bolle, gilt

dem Amtsvorsteher. Wenn Sie sich einbilden, ich werde mir dies Loch

gefallen lassen, das weder auf Gesundheit noch auf Anstand Rücksicht

nimmt ... Hier fehlt der vorschriftsmäßige Luftgehalt -- fehlt rechte

Ventilation -- fehlt ein anständiger Hof zum Spazierengehen. Dann

diese Senkgrube unmittelbar vor meinem Fenster -- diese Zeichnungen

und Inschriften, -- +der+ Toback ist mir denn doch zu ruppig! Und

wenn nicht umgehend für Anständigkeit meines Gefängnisses gesorgt wird,

richte ich ein Flugblatt an die Öffentlichkeit.“

Und Bolle kleinlaut: „En feinet Jefängnis is et ja +nich+ -- aber

nu sagen Se selbst, wat soll denn hier jescheh’n?“ -- „Das hätten Sie

sich früher überlegen sollen. Warum hat mich das Amt in Haft genommen,

wenn es keine Vorsorge getroffen hat, und dies Lokal in einem so

saumäßigen ...“ -- „Ach nee, Herr Dokta! Keene Amtsbeleidejung!“ --

„Beleidigend sind Ihre Zumutungen.“ -- „Det is ja zum Piepen! Sollen

wir etwa frisch kalken lassen? Un wat fangen ma derweile mit +Sie+

an? Nebenan die beeden Zellen sinn +ooch+ keene Sakristei nich --

un haben nicht mal Heizung. Also wat --?“

„Will ich Ihnen sagen. Auf dem Wagen draußen sind Teppiche, Decken

-- damit werden die Wände bekleidet.“ Bolle machte ein bedenkliches

Gesicht. „Ferner verlange ich Bewegung in freier Luft, täglich zwei

Stunden.“ -- „Hier uff disen Hof? Wat mechten Se denn da anstellen?“

-- „Na zum Beispiel Kegelschieben!“ Schweigend kratzte sich Bolle am

Kinn. „Dann verlange ich, daß Besucher jederzeit eingelassen werden.“

-- „Na ja, scheeneken! Machen Se man een Jesuch an Ihre jemietlichen

Provinzial-Schulkollejen von wejen de Kegelbahne un de Teppiche ...“ --

„Gesuch? Es geht +ohne+ Gesuch, und zwar sofort!“ Und ich ging an

ihm vorbei auf den Hof -- begrüßte meine Frau und sagte zu Frau Pape:

„Danke schön! Nun wollen wir mal gleich die Teppiche anmachen.“ -- „Die

Ringe zum Anhängen haben wir schon angenäht,“ sagte meine Frau. Wir

trugen Teppiche und Decken ins Gefängnis, und los ging das Hantieren.

Bolle schlich hinweg wie ein begossener Pudel.

„Aber Mann!“ wandte meine Frau vorwurfsvoll ein. „Nicht so hastig! Das

Essen wird ja kalt!“ Und wie sie aus dem Korbe auspackte, stieg mir der

Duft von Gebratenem in die Nase.

Nach dem Essen fand ich Anlaß, in einen Winkel des Menschenherzens

hineinzuleuchten: Wir geraten in Verlegenheit, wo wir glauben, die

Achtung der Leute vor uns könne sich verringern, wenn wir uns nicht

nach ihnen richten. Ungezählte Keime tüchtigen Lebens, Wahrheiten und

Reformen, werden erdrosselt durch die Formel: So was sagt man nicht!

so was schickt sich nicht! Und mancher Geist, der sonst selbständig,

gebildet, ja erleuchtet ist, weiß sich nicht freizuhalten von der

Autorität des Üblichen. Besuch’ doch mal eine Abendgesellschaft, wo

alle Herren Frack tragen, während du Gehrock anhast. Oder du willst ein

Kaffeehaus betreten -- und da bemerkst du, daß du den Schlips vergessen

hast -- und kehrst um, wagst nicht einzutreten. Es gibt Träume, die es

darauf abgesehen haben, uns in Verlegenheit zu bringen; hemdärmelig

treten wir zur Prüfung vor das Professorenkollegium; in Unterhosen

müssen wir über die Straße. Wie sich die Leute genieren, wo sie sich

in ihrem Ansehen gefährdet fühlen, kannst du experimentell feststellen:

Hast du in einer Kleinstadt jemand besucht und willst abreisen, und

die Familie oder der Freund hat dich auf den Bahnsteig begleitet,

so steige doch mal, Spaßes halber, in die +vierte+ Klasse ein!

Während deine Begleiter bis zur Abfahrt auf dem Bahnsteig harren, mußt

du vergnügt und recht auffällig zum Fenster raussehen und ein Gespräch

durchhalten. Da kannst du was beobachten! Schamrot wie am Pranger

steht man -- oder man drückt sich schleunigst. Mit einem Menschen, der

vierter Klasse fährt, zu verkehren, ist blamabel! Niedlich ist auch die

Wirkung, wenn du in „guter“ Gesellschaft zu erzählen anhebst: „Es war

im Jahre -- na, ich kam gerade aus dem Gefängnis ...“ Bei diesem Wort,

ich wette, geht ein Engel durchs Zimmer, man räuspert sich und lenkt

rasch von dem heiklen Thema ab -- hem, hem! Frau Pape gehörte nicht

Kreisen an, wo der Reserveoffizier den Ton angibt, ihr Vater war ein

biederer Handwerker. Und doch, im Benehmen dieser Witwe zeigte sich

jene Verlegenheit, deren Art ich geschildert habe. Beim Einrichten

meines neuen Heims vermied diese treue Schafferin, mir gerade ins

Gesicht zu seh’n. Sie schämte sich! Daß ein Mann, in dessen Haushalt

sie Stütze war, im Gefängnis saß, war ein fataler Schein. Was ein

anständiger Mensch sein will, darf sich eben nie so benehmen, daß die

Frau Postsekretär sagen kann: aber so was! Beileibe nicht darf man

irgendwelche Schererei mit der Polizei kriegen! Und wenn einem die

Leute erst nachsagen können, man habe „gesessen“, so gehört man fast

schon zum Abschaum der Gesellschaft.

Während mir das Essen mundete, stand Frau Pape nachdenklich vor einem

Bilde, das ich herbestellt hatte; es war Böcklins Einsiedler, der

nachts in seiner Klause geigt, von Engelchen belauscht. In meinem

Haushalte hatte die gute Frau sich kaum abgegeben mit Nachdenken über

ein Bild. Nun war, durch meine Verhaftung, ihre Ideenwelt aufgerüttelt.

„Na Frau Pape? Was interessiert Sie denn an dem Einsiedler?“ -- „Ach

’n Einsiedler is det?“ -- „Was dachten +Sie+ denn?“ -- „Na, ick

dachte Sankt Peter.“ -- „Wieso?“ -- „Ick habe in de Schule jelernt,

den Sankt Peter hätten se int Jefängnis injestochen.“ -- „Ach so! Die

Eremitenklause haben Sie für ein Gefängnis angesehen?“ -- „Na ja, eng

jenuch is se schon, un drin is ooch nischt.“ -- „So wie hier!“ -- Frau

Pape nickte bedeutsam: „Un da ha’k mich jesaacht: Wenn se jar den

heiligen Sankt Peter injespunnt haben, ... aber nu +is+ et jar

keen Sankt Peter!“ -- „Ich verstehe, Frau Pape! Wie Sie das Wägelchen

mit meinen Sachen herbrachten, haben die Nachbarinnen getuschelt: ‚De

Papen is bei Dokter Willes, wo se doch den Mann injespunnt haben -- un

kiek mal, jetzt holen se die Betten int Jefängnis!‘ War’s nich so, Frau

Pape? Sie werden ja rot wie’n junges Mädchen. Sie haben sich geniert!

Aber das Geschwätz soll Ihnen nicht nahe gehn. Die Leute halten sich

ans Äußerliche -- denken nicht darüber nach, daß man auch wegen einer

gerechten Sache ins Gefängnis kommen kann.“ Frau Pape nickte bewegt:

„Det ha’ck de Kunzen ooch jesaacht!“ -- „Ach so, die Kunzen war’s; die

Betschwester?“ -- „Ja woll, eene olle Betschwester is se! Die wohnt an

’n Katholschen Bahnhoff jleich links -- un wenn Ochsigkeit weh dähte,

+ihr+ hörte man brillen bis Potsdam!“ -- „Der erzählen Se man vom

Gefängnis Sankt Peters -- Sie können auch daran erinnern, daß Christus

einer war, den sie ins Gefängnis steckten.“ -- „Hurrejott, det is ooch

wahr! Sojar +der+ hat jesessen!“ -- „Weil er nicht glaubte, was

die Pfaffen sagten, und weil er nicht mundtot leben wollte! Hätte die

Kunzen im alten Zion gelebt, die wäre unter der verblendeten Rotte

gewesen, die einen Gerechten anspie. Ach ja, Frau Pape! Die Erde zwar

dreht sich vorwärts. Nur mit dem Fortschritt der Erdenkinder hapert’s

-- sie +trauen+ sich nicht recht vorwärts, wo sie mal aus dem

Herkommen raus sollen. Es gibt zu viel fromme Verlegenheit in der Welt!

Gefängnis von Schilda, dein Bolle heißt Angstmeier!“

Der Kreispfiffikus

Drüben am Vorderhause gellte die Glocke. Wie ich trotz der

einbrechenden Dämmerung erkannte, stand da eine mir willkommene

Persönlichkeit: der Arzt des Ortes. In Friedrichshagen, wo jetzt

mindestens ein halbes Dutzend Jünger Äskulaps wetteifern, praktizierten

damals zwei Ärzte, einer immer besser als der andere. Doch eben aus

diesem Grunde gab es für meinen Freundeskreis nur diesen einen;

sintemalen wir keinen Geschmack fanden an Apothekerei, desto mehr aber

an den Geistes- und Herzensvorzügen des Herrn Doktor Jacoby.

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 7 / 19 段