kehrte einen der Stühle um, so daß man das untergeklebte Siegel sah.
Schäffer wurde schweigsam und schien die Schlacht bereits aufzugeben.
Da entstand durch mein Verhalten eine Verwicklung. „Ich muß Ihnen
allerdings gestehen, daß Herr Streitmüller, der die Sachen gestern
versiegeln ließ, schon alles wieder freigegeben hat. Bloß diese
Uhr und ein Gemälde hat er behalten, und darüber haben wir einen
Leihkontrakt; hier ist er.“ -- „So?“ meinte Schäffer gedehnt und las
das Schriftstück. „Darf ick mal de Uhr sehn?“ Ich zeigte das Siegel
im Innern. „Nu bitte det Jemälde!“ Als ich vor meinem Schreibtisch
auf das „Abendmahl“ wies, nicht ohne Befriedigung über die treffliche
Wiedergabe des Meisterwerkes, zeigte er gar kein Interesse für die
Kunst, nahm das Bild von der Wand und suchte nach dem Siegel. Doch
sieh, ein Siegel war hier gar nicht vorhanden -- der Gerichtsvollzieher
hatte es vergessen oder das Bild allzu gering geschätzt.
Schäffer blickte spitz: „Denn muß ick det Bild +fänden+, un nu
wollen wir ooch mal die übrijen Sachen untasuchen.“ Er lehnte das Bild
an die Wand, und los ging ein Durchschnüffeln der ganzen Wohnung. Unter
die Tische kroch er, um die Siegel zu finden. Sofa und Diwan mußte er
hochkippen, weil sein Vorgänger aus Cöpenick in zarter Rücksicht seine
Zettelchen +versteckt+ angebracht hatte. Ob der ungewohnten Arbeit
schnaufte der ältliche Amtsdiener. Als meine Frau ihr Lachen nicht
verhalten konnte, gab er weitere Bemühungen auf und begnügte sich, von
den reichlich mitgebrachten Siegeln des Amtes Friedrichshagen eins
hinten auf das Bild zu kleben. Nachdem er sein Protokoll aufgenommen,
verabschiedete er sich kühl und ergriff das Bild. Ich protestierte:
„Sie haben kein Recht, zu nehmen, was nicht mir gehört, sondern Herrn
Streitmüller.“ Und Schäffer: „Wenn Herr Streitmüller anfechten will, so
ist det eene Jerichtssache zwischen ihn un det Amt Friedrichshagen.“
Resolut setzte er die Amtsmütze auf und zog mit dem Bilde ab.
Ich hatte Mühe, unsern Terrier Schuftel, der ein Vorurteil gegen
Uniform-Menschen hatte, von Angriffen auf die Staatsgewalt
zurückzuhalten. Als ich den Köter eingesperrt hatte, vernahm ich einen
Wortwechsel auf dem Hofe: unsere treue Schaffnerin Frau Pape redete auf
den Amtsdiener ein. Aus dem Fenster beobachtete ich, wie sie ihm ein
Paar olle Stiebel hinhielt und spöttisch antrug, auch die mitzunehmen.
Keine halbe Stunde nach diesem Auftritt, und Schuftel, den ich wieder
freigelassen, verriet durch Straßengekläff, daß er abermals Händel
habe. Die scheltende Menschenstimme gehörte dem Amtsdiener Schäffer.
Mit raschem Griff hatte ich den Teppichklopfer, der mir gerade in die
Quere kam, und eilte die Treppe hinab. Fürchterlich anzusehen, wie
der Amtsdiener sich des Hundes erwehrte. Mit seinen glotzenden Augen
und dem weißgezahnten Rachen gemahnte das Vieh an den Haifisch meines
Traumes, wie er nach dem retirierenden Aktengespenst schnappte: „Hacke
hacke!“ Der olle Schäffer, die Augen starr auf den Feind, nahm sich
zusammen, um keinen Biß abzukriegen, und teilte fortwährend Fußtritte
in der Richtung des Schnappenden aus. Ich staunte über die Gelenkigkeit
der ältlichen Oberlehrerbeine. Da, mit einem Schwupp, hatte sich der
Köter am Absatz des Amtsdieners festgebissen, daß dieser nicht loskam
und auf einem Beine hüpfte, wobei er jämmerlich schrie. Sofort traf
mein Teppichklopfer die Bestie, daß sie losließ und sich fletschend
trollte. An den Gartenzaun gelehnt, hielt der Amtsdiener sein Bein
hoch und betrachtete den Stiefel. „Hat er durchgebissen?“ fragte ich
bestürzt. „Det nich, aber der Stiebel is kaputt.“ -- „Bedaure sehr,
Herr Schäffer, doch Hauptsache, daß Sie keine blutige Wunde haben.
Den Stiefelschaden ersetze ich. Na, und was führt Sie denn nochmals
zu mir?“ -- „Ick habe mir eenen Schwupper zu schulden kommen lassen.“
-- „So? Na denn kommen Se man wieder rauf!“ Oben spendierte ich dem
Polizeimann einen herzstärkenden Trank, und nun gab er folgende
Erklärung: „Ick habe also den Herrn Rat allens berichtet. Da wird
e’ janz wild: Aber Schäffer, Mensch! Sie bringen so’n wertlosen
Trödelkram? Wat soll ick mit det +Bild+? Man schleunigst retur,
un bessere Stücke versiejelt. Ja, sehen Se, Herr Dokter, so leid et
mich duht, den Schwupper muß ick nu wieder jut machen.“ Und nochmals
durchmusterte er die Wohnung, nochmals mußte er Sofa und Diwan
hochkippen und unter die Tische kriechen, seine Zettelchen anzubringen.
Zu solchen Scherereien gesellten sich andere, die schon verdrießlicher
waren. Hin und wieder sah ich meiner Frau an, daß sie sich mit Sorgen
trug, und auf mein Zureden gab sie den Bescheid: „Sowas ist doch keine
Kleinigkeit! Wir haben noch nie mit Polizei und gar Gerichtsvollzieher
zu tun gehabt -- da kommen nu Männer mit Amtsmütze un blamieren einen
im ganzen Ort. Die Nachbarn schwatzen, warum hier wohl versiegelt wäre,
un nächstens soll ich in Cöpenick schwören -- und weiß gar nicht, wie
man das macht.“
Der Tierkreis
In diesen Tagen des ersten Frühlings wurde unsere Unruhe durch
Stimmungen geheilt, wie sie der Natur eines märkischen Dörfchens eigen
sind. Über den Kiefernforst kam lauer Brausewind geflogen, und die
Sonne schien auf die sprießende Wintersaat der schmalen Feldstücke,
auf die Obst- und Blumengärtchen, wo an molliger Stelle Veilchen
blühten. Drüben im verwilderten Laubpark schlüpfte die schwarze Amsel
am Erdboden hin, Nahrung mit dem gelben Schnabel pickend. Zufrieden saß
sie abends auf der Spitze einer Pappel, von wo sie das Frühlingsreich
überschaute, ihre Pfiffe in den gelben Himmel jauchzend. Wenn wir
über die Feldlandschaft spazierten, so sahen wir hin und wieder einen
Kleinbürger, der nach getaner Berufsarbeit seinen Kartoffelacker umgrub.
Bei dieser Tätigkeit fanden wir am ersten April nach Feierabend unsern
Hauswirt Krause. In dem Häuschen, wo er wohnte (die zwei anderen
Häuser, die er besaß, dienten ihm lediglich zum Vermieten), hatte ich
ihn nicht angetroffen, als ich die Miete zahlen wollte. „N’Abend, Herr
Krause! Ich möchte bei Ihnen mein Geld los werden.“ Mit latschigen
Schritten kam Krause heran und reichte mir schweigend die Arbeitshand.
Ohne den kalten Zigarrenstummel von den Lippen zu tun, nuschelte er:
„Jeben Sie det Jeld man meine +Frau+!“ -- „Die ist nicht zu
Hause. Und was man +doch+ zahlen muß, wird man gern +rasch+
los; sonst kommt wohl gar über Nacht ein Spitzbube.“ -- „Zu Sie
kommt keener,“ lächelte Krause. -- „Aber vielleicht wieder mal der
Amtsdiener!“ -- „Ach so! +Denn+ man +her+ mit den Draht!“
Ich zählte das Geld auf das Quittungsbuch, er sackte ein, ich reichte
ihm den Tintenstift zum Unterschreiben. Er machte drei seltsam
gekritzelte Kreuze. „Soll das Krause heißen?“ -- „Anders ha’k nich
jelernt; aber die Kreize haben et +in+ sich. Ibrijens brauchen
ma nischt Schriftlichet! Wat +wir+ zwee beede sinn, da heest et
eenfach: Topp!“
Daß Mangel an Schulbildung das Heil der Seele nicht immer
beeinträchtigt, dafür bildet mein Hauswirt ein leuchtendes Beispiel.
Sein bienenhafter Fleiß, seine Rechtschaffenheit und Friedfertigkeit
waren jedem Kenner wert. Obwohl sein Vermögen mit sechs Ziffern
geschrieben wurde, war seine Lebenshaltung die eines Tagelöhners.
Beifall verdient sein Verhalten in meiner Pfändungsangelegenheit.
Wie prophezeit war, erschien am zweiten April vormittags bei mir ein
Amtsdiener -- diesmal war es der Jüngste Leutnant. Nicht exekutieren
wollte er -- brachte bloß eine Vorladung aufs Amt, wo ich vernommen
werden sollte. Als ich hinging und an Krauses Häuschen vorüberkam,
trat dieser heraus. Sonst wie der ärmlichste Landarbeiter gekleidet,
trug er diesmal seinen schwarzen Sonntagsanzug und einen altmodischen
Zylinder. Den lüftete er in seiner gemessenen Art: „Moo--arn!“ -- „Na,
Herr Krause?“ fragte ich munter, „wo soll es denn hingehn?“ -- „Nach
de Breestpromenade,“ antwortete er kurz. „Doch nicht etwa aufs Amt?“
Schweigend nickte er. Mir schwante, er werde in meiner Angelegenheit
vorgeladen sein. Und richtig! Als mich nach dem üblichen Warten im
Vorderbüro der Schreiber ins Budoar des Herrn Rat lud, fügte er hinzu:
„Un Sie, Herr Krause, jehn Se man jleich mit!“
Rat Hegel empfing uns mit kühlem Kopfnicken, ohne sich vom Sessel
zu erheben. Dann zwinkerte er mit den Igelaugen: „Zu diesem Verhör,
Herr Dokter, habe ich Ihren Hauswirt geladen, um Sie beide zu
konfrontieren.“ -- „Nanu?“ gab ich zurück. -- „Und jetzt, Herr Krause
(dabei blickte er gebieterisch), sagen Sie frei heraus: Gehört das
Mobiliar in der Wohnung des Herrn Dokter +ihm+ -- oder seiner
+Frau+?“ Krause hielt den Amtsblick aus und zuckte die Achsel:
„Weeß ’k nich!“
Um Igels schmale Lippen huschte spöttische Pfiffigkeit: „Das wissen
Sie nicht? P! Denn geben Sie mal den Mietskontrakt her! Sie haben ihn
doch mitgebracht, hä?“ Krause schüttelte den Kopf. „+Nicht+ mit?
P! Das ist stark! Ich habe Ihnen doch sagen lassen, Sie sollen ihn
vorlegen. Was steht denn drin? Sie haben doch wohl das Formular des
Hausbesitzervereins? Darin heißt es: Mieter versichert, daß die von ihm
eingebrachten Möbel sein ausschließliches Eigentum sind. Wer hat denn
nu Ihren Mietsvertrag unter+zeichnet+ hä? Etwa die +Frau+
Doktor Wille? +Er+ doch natürlich! hä? Raus mit der Sprache!“
Krause blickte mit unerschütterlicher Gelassenheit. Als er schweigend
den Kopf schüttelte, krähte Rat Hegel voreilig: „Aha! Also +nicht+ Ihre
+Frau+, Herr Doktor! +Sie+ haben unterschrieben! Haben sich also als
Eigentümer des Mobiliars bekannt. Ihre Frau kann gegen die Exekution
nichts machen, basta! Oder wollen Sie etwa +leugnen+, daß Sie den
Kontrakt unterschrieben haben? Ich könnte ja sofort eine Haussuchung
anordnen, damit der Kontrakt beschafft wird. Also +nu+, was sagen Sie
+nu+, hä?“
Ich war etwas verwirrt, wußte nicht, was im Mietskontrakt stand.
„Kontrakt hebben ma ieberhaupt keenen!“ wandte Krause mit Seelenruhe
ein. Der Igel stutzte und knurrte mißtrauisch: „Überhaupt keinen? Na,
das wäre eine dolle Wirtschaft! Sie, Eigentümer zweier Mietshäuser,
wollen mir einreden, daß Ihr Mieter nichts Schriftliches mit Ihnen
ausgemacht hat, hä?“ -- „Det is so!“ nickte Krause. Jetzt wurde der
Igel wild und fuchtelte mit den Armen: „Aber Mann! was machen Sie
für Streiche! Sie vermieten an den Herrn da -- und haben nichts
Schriftliches von ihm, hä? wissen nicht mal, ob die Möbel ihm gehören
oder wem sonst, hä? Das ist ein Unrecht! ein Unrecht gegen Ihr Kapital
-- gegen die guten Sitten!“ Mein Hauswirt, bockig geworden, trumpfte
auf: „Det jeht Ihnen +jar+ nischt an! Se wollen mich woll’n
+Loch+ in’n Kopp reden?“ -- „Das heißt,“ gab der Igel streng
zurück, „Sie dürfen nicht vergessen, daß ich Sie amtlich vernehme. Also
geht mich die Sache +wohl+ an! Hier liegt bei Ihnen ein gewisser
Leichtsinn vor. Wenn Ihnen nun dieser Mieter keine Miete zahlt? Sein
Mobiliar liegt bereits unter Siegel. Da ist er Ihnen ja nicht mehr
sicher!“ -- „+Der is+ mich sicher! Bei +uns+ zwee beede heeßt
et: Topp, een Mann, een Wort! Un nu will ’ck man +jehn+! Ick habe
keine +Zeit+ for hier mit Sie zu brabbeln!“ Und er stand auf, nahm
den Zigarrenstummel und nickte seinen Gruß. „Halt!“ rief der Igel, in
seiner höhnischen Kälte an den Landvogt Geßler gemahnend, „erst müssen
Sie Protokollchen unterschreiben, hä?“ -- „Nischt unterschreib’ ick --
hechstens mach ’ck drei +Kreize+!“ -- „Ah so!“ staunte Rat Hegel
und lächelte hochmütig. „+Sie+ also sind der letzte Analphabet
in der Kolonie des großen Friedrich? Na, denn +gehn+ Se man! Wir
kommen zurecht auch +ohne+ Kreuzelschreiber.“ So rief er ihm nach
und bemerkte unter spöttischem Zwinkern seiner Schweineritzen: „Wer
ohne Kopf geboren is, bleibt zeitlebens ein Krüppel -- hä?“
Das Protokoll, das der Igel nun aufsetzte, ging einfach dahin,
daß ein schriftlicher Mietsvertrag nicht vorhanden und keinerlei
Erklärung darüber erfolgt sei, +wem+ das Mobiliar gehöre. Als ich
unterschrieben hatte, bemerkte ich mein Bild, das an der Wand lehnte
und sein Siegel zeigte. „Bei dieser Gelegenheit,“ sagte ich, „möchte
ich Sie ersuchen, Herr Rat, daß mir das Bild da zurückgegeben wird. Das
Amt hat kein Recht darauf; es ist Eigentum des Herrn Streitmüller, und
ich habe es zur Verwahrung erhalten. Ich wünsche, daß das Bild baldigst
wieder an die alte Stelle kommt -- über meinen Schreibtisch; sonst
komme ich nicht in Stimmung und bin bei der Arbeit gestört.“
Neugierig erhob sich der Igel: „Was Sie sagen! Lassen Se das Dings
mal besehn!“ und lehnte das Bild an einen Stuhl, so daß es vom Fenster
beleuchtet war. Beim Betrachten feixte er spöttisch: „P! Ein Atheist,
un so’n Kirchenbild! Sie wollen mir einreden, daß Sie diese Schilderung
des Abendmahls zu Ihrer Erbauung benötigen? Glauben Sie denn überhaupt
an Christus, hä?“ -- „Wenn Sie wieder ein Religionsgespräch belieben,
so will ich Ihnen verraten: Wer den Christusgeist +betätigt+, der
allein glaubt an ihn! Ob Christus der geschichtlichen Wirklichkeit
angehört, kommt dabei nicht in Betracht ...“
Der Swinegel unterbrach mich mit staunender Heiterkeit: „Also Sie
halten es für möglich, daß Christus gar nicht mal gelebt hat, hä?“ --
„Für mich +lebt+ er -- ist das bessere Selbst, das Licht der Welt,
die geistige Sonne in der Menschheit wie im All. Im Bilde der Sonne
hat man ihn schon damals verehrt als die Mythe von den zwölf Jüngern
entstand. Die Zwölf bedeuten die Himmelszonen, die der Sonnenlauf in
den einzelnen Monaten berührt -- die zwölf Tierzeichen des Kalenders.“
Hier lachte der Igel krähend: „Tierzeichen ist gut! Ein Tier also ist
Sankt Peter, hä? ein Tier Sankt Johannes und so weiter! Ein Tier,
wie’s im Kalender steht: Widder, Stier, Krebs, Skorpion ... hehehe!
Diese Viecher empfehle ich ganz besonders Ihrer atheistischen Andacht.
Und Sie können an Ihrem Schreibtisch nicht produzieren, nicht wahr,
wenn Sie nicht Ihren Tierkreis betrachten, hihihi! Na ich fühle ein
menschliches Rühren, Sie sollen Ihren Willen haben. Das Bild hat ja
auch keinen Wert. Ich habe meinem Amtsdiener gleich gesagt: Da haben
Se sich schön anschmieren lassen! Kommt der Mann angepustet mit
einem Bild, das auf der Auktion nicht einen Taler bringt. Wer kauft
denn bei uns Heiligenbilder un so ’n frommen Kram, hä? Also Ihren
Tierkreis lasse ich Ihnen noch heute bringen! P! Zum Dank könnten Sie
mir verraten, welche Tiere mit den einzelnen Jüngern Christi gemeint
sind. Wer ist denn hier der Widder, hä? Wer ist der Stier? hihihi!“ Er
glaubte mich vernichtet zu haben und lachte mir schadenfroh ins Gesicht.
„Wer mit den Tieren gemeint ist, müssen Sie sich schon selber
herausdividieren, Herr Rechnungsrat -- machen Sie sich nach Belieben
Ihre Gedanken über den Widder und den Stier. Das sind übrigens
respektable Wesen -- wir haben Grund, bescheiden zu sein den Tieren
gegenüber, die uns oft beschämen durch ihre Unschuld, Gutmütigkeit und
Treue. Wissen Sie, was Schopenhauer zu seinem Pudel sagte, wenn er
ihn schelten wollte? Nicht etwa: du Vieh! Sondern mit durchbohrender
Überzeugung: Du Mensch! Dann kniff der Pudel den Schwanz ein und
versteckte sich.“ -- „Ach so! P!“ höhnte der Igel bösartig, „und
unsereins hat sich eigentlich zu verstecken vor Ihrem verhimmelten
Viehzeug, hä? Naturgemäß! Der Mensch stammt ja vom Affen ab -- lehrt
Ihr atheistischer Affenprofessor! P! Is vielleicht auch der Affe in
Ihrem Tierkreis? hihihi!“ -- „Der Affe? nein! Auch der Igel nicht!
Dieser Duckmäuser paßt nicht in den Sonnenkreis.“ Wütend schlug der
Igel auf den Tisch und keifte: „Beamtenbeleidigung!“
Ich ging. -- Ein Stündchen später brachte mir der jüngste Leutnant
das Bild zurück -- da hing es wieder über meinem Schreibtisch. In dem
Kreuzzug, den die preußische Behörde gegen einen Ketzer unternommen
hatte, war die erste Heldentat die Pfändung eines Christusbildes.
Verhaftet
Dies neue Religionsgespräch war eine der letzten Amtshandlungen
des Rates Hegel. Mochte er nun dem Aufschwunge des Ortes und den
immer verwickelteren Geschäften nicht gewachsen sein, oder mochten
die Fritzenwalder die Wichtigtuerei dieses jungen Fritzen peinlich
empfinden -- genug, am ersten Juli trat er als durchgefallener Kandidat
schmollend wieder in den Stand der Ruhe. In seinem Boote saß er nun
mit der Angelrute, abends in einem Tanzlokal, wo er seinen Lieblingen
zulächelte, gelegentlich sogar das berühmte Tanzbein schwang.
Im Amte war an seine Stelle nicht etwa der Klempnermeister Kuhlicke
getreten, sondern Herr Kloß, dessen ganze Art durchaus anders war,
als die des Vorgängers. Suchte dieser seinem großen Friedrich
gleichzukommen, so schwärmte Kloß für Bismarck -- und an Gestalt war er
ihm nicht unähnlich. Eins freilich hatte Kloß an Bismarck auszusetzen
-- zu barsch sei er immer aufgetreten, während der Diplomat schmiegsam
sein müsse, um sich keine Feinde zu machen.
Mich hat der Amtsvorsteher Kloß stets nach diesem Grundsatze behandelt.
Es fiel ihm nicht ein, mir mit Scherereien zu kommen, und so ließ
er der Interventionsklage meiner Frau ihren glatten Verlauf, ohne
irgendwelche Einrede zu tun. Nicht einmal, daß meine Frau nach Cöpenick
zitiert wurde -- den Schwur besorgte Freund Bartels; er konnte
bestätigen, sie habe das Mobiliar in die Ehe eingebracht. So mußten die
Siegel des Amtes Friedrichshagen wieder abgenommen werden. Begegnete
ich nun auf der Straße Herrn Amtsvorsteher Kloß, so zog er tief den Hut
und blinzelte augurenhaft mit dem grauen Auge, als wolle er anerkennend
sagen: „Bist ein Filou!“
Nun war’s wieder mal Herbst, und es zogen die Wildgänse. Vor
einbrechender Dunkelheit kamen sie in keilförmigen Geschwadern über
den weiten Kiefernforst. Auf den mit Wintersaat bestellten Äckern
nördlich der Wuhlheide hatten sie tagsüber gegrast und kehrten abends
zum Müggelsee zurück, um darauf zu übernachten. Da sie zu Hunderten
dort schwammen und nicht viel Schlaf bedurften, so war in stillen
Nächten ihr Geschnatter weithin vernehmbar. Im Morgengrauen ging es
mit Geschrei wieder fliegend zur Weide. Beim Kommen und Gehen der
Wandervögel hörte man das Gewehr des Försters knallen.
„Heute früh haben sie wieder arg auf Wildgänse gefeuert,“ sagte ich
zu meiner Frau, als sie den Morgentee einschenkte. „Ja, nicht wahr?“
antwortete sie -- „bei jedem Schuß gibt es mir einen Stich, und am
liebsten möchte ich den Gänsen zurufen: Fliegt doch höher -- daß euch
die Schrotkörner nicht erreichen!“ -- „So ist das Leben! Einer gönnts
dem andern nicht. Haustier muß man sein, um geduldet zu werden. Eine
zahme, dumme Watschelgans, die dem Herrn des Hofes ihre Federn ins
Bett legt -- ihre Jungen in die Bratpfanne. So was nennt sich Kultur!
Regt sich aber irgendwo eine freie Schwinge, gleich geht’s piff paff.“
-- „Ach, laß doch!“ wiederholte meine Frau -- „der Morgen ist so
unschuldig!“
„Das ist er eben +nicht+!“ entgegnete ich -- und in diesem Moment,
gleichsam wie gerufen, kam das Unheil -- schrill ging die Flurklingel,
und Schuftel, unser Terrier, der in der Küche war, begann ein grimmes
Gekläff. „Der Briefträger!“ sagte meine Frau; Schuftel konnte ja keinen
Uniform-Menschen leiden -- eine Ausnahme machte nur der Geldbriefträger
-- und da behaupte einer, Tiere hätten keinen Verstand!
Gleich darauf trat Frau Pape zu uns ein, die haushälterische Stütze
meiner Frau -- sie meldete, der Amtsdiener Bolle wünsche mich zu
sprechen. „Halten Sie den Hund in der Küche, machen Sie ihm zur
Sicherheit den Maulkorb an -- Herrn Bolle lassen Sie eintreten.“
Seinen Namen führte Bolle insofern mit Recht, als seine Statur,
übrigens auch seine Nase, in die Breite geschwollen war wie jenes
Knollengewächs. Gutmütig hätte man sein rundes Gesicht nennen können,
wenn nicht das Mißtrauen des Philisters darin gezwinkert hätte. Als
der Amtsdiener mit seiner schwarzen Aktenmappe eintrat, ließ seine
verdrossene Miene erraten, daß er etwas Peinliches bringe. „Herr
Dokta un Frau Doktan, nu is die Sache doch mies -- Se wissen ja,
von wejen den freireljeesen Unterricht -- wo man die ville Strafe
von Sie verlangt. Dadermit wird’s nu Ernst -- un nu schickt mir der
Herr Amtsvorsteha -- un Se mechten so jut sind -- un wenichstens mal
+wat+ zahlen. Ick soll zweedausend Märker infordern -- wie det
hier anjeordnet is. Aber der Herr Amtsvorsteher saacht: wenn’s ooch
bloß hundert Märker wären, un Se zahlten +die+ wenigstens -- denn
wäre doch der jute Wille erwiesen, un det jenüjte. Denn wissen Se,
die Herren wollen bloß ihren Kopp durchsetzen -- bloß ihren Kopp!“ --
„Glaub’s schon,“ gab ich zur Antwort. „Ich habe aber +auch+ einen
Kopp -- und Geld gibt’s keins -- das habe ich doch schon längst mit
aller Deutlichkeit erklärt.“
„Ja aber um Jottes Willen -- denn soll ’ck Ihnen ja verhaften -- saacht
der Herr Amtsvorsteha -- Jeld soll ’ck bringen oder Ihnen persönlich --
saacht der Herr Amtsvorsteha.“ -- „Ach so! Die Börse oder das Leben!
Na also die Börse kriegen Se nich!“ -- „Aber Herr Dokta, nee, nee!
Kränken Se mir doch nich mit Ihre Ausdrucksweise. Ick bin doch keen
Schinderhannes!“ -- „Sie persönlich meine ich nicht, Herr Bolle, und
natürlich auch nicht den Amtsvorsteher und die Herren Geheimräte vom
Provinzial-Schulkollegium; das ganze System meine ich. Na, machen Se
keine Leichenbittermiene, Bolle! Es handelt sich um keinen Beinbruch.
Wenn Sie mich verhaften sollen, ich stehe zu Diensten. Aber erst lassen
Sie mich in Ruhe meinen Tee trinken. Sie nehmen schon so lange Platz --
wie? und frühstücken ein bißchen mit, Herr Bolle!“
Sein Gesicht wurde sonnig, da die Sache eine so gemütliche Wendung
nahm. Meine Frau, die anfangs verdutzt dagestanden, zeigte Fassung. Und
wie nun Frau Pape das Gedeck für den Amtsdiener aufgetragen hatte und
jeder sich Tee mit Buttersemmel munden ließ, hatte die Szene bei aller
Seltsamkeit etwas Anmutendes -- zumal jetzt draußen das Kastanienlaub
in der Morgensonne herbstgolden leuchtete. Zum Abschied küßte ich meine
Frau und meinte zuversichtlich: „Ich werde mal mit dem Amtsvorsteher
sprechen -- vielleicht bin ich schon in einer Stunde wieder zurück.“
Tat also meinen Mantel um und ging mit Bolle aufs Amt. Der kluge
Amtsvorsteher Kloß begrüßte mich mit seiner gewinnenden Höflichkeit.
„Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor? Sie schaffen den peinlichen
Fall aus der Welt -- und beweisen Ihren guten Willen .... Sollte Ihnen
aber für heute oder morgen die Zahlung nicht passen -- na gut, das
macht nichts -- ich berichte einfach an die Behörde, daß Sie willig
sind -- und wer weiß, ob sich damit nicht die ganze Geschichte in
Wohlgefallen auflöst.“ Und die väterliche Güte, die aus dem Antlitz
dieses Amtsvorstehers strahlte, war so verführerisch, daß ich an die
Fabel vom Wanderer dachte, der sich seinen Mantel nicht vom Sturmwind
abtrotzen, aber von der warmen Sonne abschmeicheln ließ.
Indessen bedeutete ich Herrn Kloß: „Sie meinen’s ja freundlich. Aber
Sie könnten sich eigentlich selbst sagen, daß ich die Geschichte nicht
angefangen habe, um bei der Entscheidung umzukippen. I bewahre! hier
ist keine Spur von freiwilliger Unterwerfung. Nichts zahle ich, bin
ganz und gar nicht willig.“ Mit einem Ausdruck von Fassungslosigkeit
starrte er mich an, als zweifle er sacht an meinem Verstande. Nach
einem Seufzer lächelte er süß, legte die Hand auf’s Herz und verbeugte
sich: „Aber mein Verehrtester! Sie bringen mich in die peinlichste
Verlegenheit -- ich müßte Sie ja -- bedenken Sie doch -- verhaften
müßte ich Sie! Tun Sie mir so was nicht an! Bedenken Sie auch, was Sie
Ihrem Stande schuldig sind! Es geht doch nicht, daß Sie ins Gefängnis
spazieren! So was macht man doch mit Geld ab! Und Sie haben ja nicht
mal Kosten davon -- die freireligiöse Gemeinde wird Sie schadlos
halten, selbstverständlich! Also nicht wahr? machen wir’s so! Sie
wollen nicht? wie? ab-so-lut -- nicht? Ja, +dann+ kann ich nicht
helfen! nicht helfen!“ Und aufseufzend berührte er den Knopf der
elektrischen Klingel.