Ich saß im Souffleurkasten des Theaters, Papchen neben mir auf der

Hutschachtel. Über die Bühne polterten Kulissenschieber, und da gingen

Schauspieler in Unterhosen, vom Garderobenmeister hatten sie eben

ihr Kostüm erhalten. „Wo ist denn bloß das Regiebuch?“ fragte ich

beunruhigt. „Ich suche immerfort -- weiß nicht mal, was für’n Stück

gespielt wird.“ -- „Die olle Konservenkiste wird gespielt,“ erwiderte

Papchen. -- „Da brauchen wir eine Kiste! Inspizient Lehmann! Die Kiste

haben Sie bereit? Nun rasch eine Tafel zusammengebaut, grünes Tuch

drüber! Der Kultusminister wird gleich erscheinen, hat mit seinen Räten

eine Sitzung am grünen Tisch.“ Stutzig erwiderte der Inspizient: „Der

Kultusminister? Er hat ja telephonisch abgesagt!“ -- „Ei verflucht!“

plapperte Papchen. Unwirsch ich: „Ach was telephonisch! Hat er ein

Zeugnis vom Theaterarzt? Keine Drückebergerei!“ -- „Theaterarzt?“ Und

der Inspizient schüttelte den Kopf: „Wissen Sie nicht aus der Zeitung,

daß der Kultusminister den Kaiser nach Posen begleitet hat?“ -- „Ganz

egal!“ schnauzte ich. „Ich habe meine Zeit +auch+ nicht gestohlen.

Müßte eigentlich schlafen; -- aber ich bin doch zur Stelle. Sagen Sie

dem Kultusminister, es gibt Abzüge von seiner Gage. Ja, aber was fangen

wir nun an? Wer soll die Sitzung am grünen Tisch leiten?“ Papchen wußte

Rat: „Der Ministerialdirektor muß ihn vertreten.“ Blödsinn! Doch es

schrillte die Glocke, das Spiel begann.

Um den grünen Tisch standen würdige Herren in etwas abgeschabten

schwarzen Röcken. Sie hatten Glatzen oder graue Haare, vornehm

rasierte Gesichter oder hochgesträubte Schnurrbärte, manche auch weiße

Vollbärte. Die Gestalten waren teils behäbig, teils vertrocknet, teils

lang, teils kurz und dick. Aus den zwanglosen Gruppen kam brockenweise

ihr Geplauder. „Sein Burgunder delikat!“ -- „Zum nächsten Kegelabend

pünktlicher!“ Plötzlich rief einer: „Der Olle kommt!“ Und wie

Schuljungen hasteten sie auf ihre Plätze. Frei blieben zwei Armsessel

an den Kopfenden der Tafel. Durch die von Lakaien aufgerissene Tür

traten zwei Herren. Eine spindeldürre Gardefigur in schwarzem Gehrock,

Monokel ins knochige Gesicht geklemmt, Orden im Knopfloch. Mit

gezierter Höflichkeit führte er seinen Begleiter zu einem der Armsessel

und stellte ihn den Beamten vor, die sich ehrerbietig verneigten. „Der

Herr Hofprediger gibt uns die Ehre, unserer Sitzung beizuwohnen. Seien

Sie uns willkommen, Hochwürdigster, und geruhen Sie, Platz zu nehmen.“

Über des Hofpredigers Gesicht, das bis auf zwei Reste von Backenbart

rasiert war, glitt ein stolzes Lächeln ...

Hier hielt ich es für angemessen, das Spiel zu unterbrechen: „Halt!

Ihre Maske, Hofprediger, könnte feiner sein. Den Jesuitismus sollten

Sie ein wenig mildern, dafür muß die Lutherpose deutlicher heraus.

Bedenken Sie, daß Sie nicht bloß Hofprediger sind, sondern dabei

auch Volksmann. Das Lächeln mehr gewinnend! Gut so! Weiter!“ -- Wie

nun die Beamtenschaft am grünen Tische die Ohren spitzte, sprach der

Hofprediger, die Hände gefaltet: „Geliebte in Christoph Columbus!

Stützen von Thron und Altar! Die alte Schlange, die schon im Paradies

die Menschen verführte -- sie erhebt wieder mal ihr Haupt, zischelt

und speit Gift. Die Masse des Volkes soll unserer evangelischen

Landeskirche abspenstig gemacht werden. Die roten Demagogen brauchen

den Unglauben, um den Umsturz alles Bestehenden vorzubereiten. Unsern

deutschen Michel, sonst ein leidlich folgsames Tier, reizen sie mit

ihrem roten Lappen, daß er die Hörner senkt gegen die göttliche

Weltordnung. Auf deren Trümmern möchten die Dämonen der Finsternis

triumphieren. Das sind natürlich ...“ -- „Vor allem die Juden,“

plapperte Papchen, und gereizt griff der Hofprediger das Wort auf:

„Ja wohl, +die+ stecken hinter jeder Rebellion! Auch hinter

dem Getriebe, über das ich ein ernstes Wort mit Ihnen reden will --

ich meine die Freireligiöse Gemeinde! Und das sage ich Ihnen, meine

Herren, wenn Sie nicht energisch aufräumen mit diesem glaubenslosen

Gesindel, dann sollen Sie mal sehen ...“ Ein Schlag mit der flachen

Hand knallte auf den grünen Tisch, so daß der Ministerialdirektor

drüben zusammenfuhr und seine Beamten in sich zusammenkrochen, wie wenn

eine Schnecke einen Nasenstüber bekommt und die Fühlhörner einzieht.

Grimmig nickend musterte der Hofprediger die Versammlung: „Sie

schweigen? Antworten Sie klipp und klar: Warum geht der ketzerische

Jugendunterricht ganz gemütlich weiter? Warum lassen Sie diesen

frechen Bruno Wille nicht einfach durch den Schutzmann abführen,

he? Polizei ist doch zum Zugreifen da! Der Minister soll einfach

verfügen! Ihre Kanzlei muß doch eine Fundgrube sein für Verordnungen,

die sich zu unsern Gunsten ausnutzen lassen! Ausgraben, ausgraben!

Kabinettsbefehle, Ministerialerlasse, Instruktionen von Anno Toback. Wo

haben Sie denn Ihre Kiste? Warum steht die fromme Kiste nicht auf dem

Tisch, he?“

Auf ein Zeichen des bestürzten Ministerialdirektors hastet der Geheime

expedierende Sekretär hinaus. Bittend lächelt der Ministerialdirektor:

„Die Kiste war beim Faßbinder, ein paar eiserne Reifen mußten drum!

Übrigens horch, man bringt sie schon! Platz in der Mitte, Platz für

unsere altpreußische Regierungskiste!“ Und mit Gepolter geht die Tür

auf -- vier Leichendiener, umflorte Zylinder auf, schleppen auf einer

Bahre die Kiste herbei. Wie sie auf dem grünen Tische steht, gleich

einer Bundeslade, nähert sich mit der Ehrfurcht eines Altardieners

der Geheime expedierende Sekretär, nimmt den Deckel behutsam ab und

reicht ihn den Leichendienern. Nachdem er seinen Rock ausgezogen,

krempelt er die Hemdsärmel auf und reckt hagere Arme wie eine Spinne.

Die krallenartigen Finger sind mit Tinte befleckt. Eifrig greift er

in die Kiste, daß Staub aufwirbelt. Schmunzelndes Nicken im Kreise

der Bürokraten: „Alte feine Jahrgänge! Wie duften diese Weinchen! Je

staubiger, desto adliger!“ Triumphierend hebt der Geheime expedierende

Sekretär eine Urkunde heraus: „Allerhöchste Kabinettsordre vom 1.

Dezember 1825!“ Alles blickt ehrerbietig. Der Ministerialdirektor:

„Oha, wir haben noch ältere!“ Und der Sekretär setzt seine Wühlarbeit

fort. Ein neues Dokument hält er: „Dienstinstruktion für die

Provinzial-Schulkollegien vom 23. Oktober 1813 -- und hier vom gleichen

Tage die Geschäftsinstruktion für die Königlichen Regierungen. Noch

weiter haben wir da eine gute alte Kabinettsordre vom Jahre 1808.“

„Gleich nach der Schlacht bei Jena war das also -- wo Preußen seine

Kloppe bekam, weil es aus der ollen Konservenkiste rejiert wurde.“ Ich

kannte diese Stimme und war ebenso verblüfft wie die Beamtenschaft, als

hinter den Leichendienern, die an der Türe harrten, in einer Gruppe von

eingedrungenem Volk, Männern im Arbeitskittel, ärmlichen Frauen und

Kindern, mein freireligiöser Gesinnungsgenosse Adolf Hoffmann stand. Er

war’s, der die Worte gesprochen. Wie Stahl blitzten seine Blicke durch

den Kneifer, die leicht ergrauende Mähne erinnerte an einen grimmen

Löwen. „Zur Jeschäftsordnung!“ fährt er fort. „Hat denn nich der olle

Fritze auch so’n biedern Erlaß herausjebracht? Ich meine, darin heißt

es, jeder könne nach seiner Fasson selig werden. Aber den Herren vom

jrünen Tisch paßt die Zeit um Jena rum besser. Daß unsere Obrigkeit

auf Jahrgänge zurückjreift, die nich jrade jut beleumundet sind, ist

ein Zeichen der Zeit.“ Empört eifert der lungenkräftige Hofprediger:

„Was redet er von Zeichen der Zeit? Diese böse und verkehrte Art suchet

ein Zeichen und soll ihr kein Zeichen gegeben werden, denn das Zeichen

des Propheten Jona.“ Hohles Gelächter bei der Volksmenge, die sich

durch Nachdrängende vergrößert. Und Hoffmann: „Er redet vom Propheten

Jonas. Von dem berichtet die göttliche Offenbarung, er sei vom Walfisch

verschlungen und nach drei Tagen lebendig ausgespien. Proste Mahlzeit!

Da möcht ich mir mal die Frage erlauben, wie der Jonas denn eijentlich

in den Bauch dieses Viechs jelangen konnte -- da doch der Walfisch, wie

jedes Kind in der Naturkunde lernt, eine auffallend enge Speiseröhre

hat.“

Der Hofprediger, nicht ohne Verwirrung: „Bei Gott ist kein Ding

unmöglich. Übrigens gibt’s einen Fisch, dessen Schlund weit genug

ist, einen Menschen hinunterzuschlucken. Der Fisch, der den Jonas

verschlang, war ein Haifisch!“ -- „Hoho!“ johlt die Menge, und Hoffmann

triumphiert: „Haifisch! Na ich danke! Der Schlund des Haifisches

is ja jespickt mit dolchscharfen Zähnen. Ehe da der arme Prophet

hinunterrutschen konnte in den Haifischbauch, war er sicherlich

Hackebraten!“ Hatten die Räte bisher wie versteinert gesessen, so

sprangen sie jetzt auf, und aus ihrer brausenden Bewegung, die der

Hofprediger mit fuchtelnden Armen noch wilder machte, kamen Rufe:

„Staatsanwalt!“ -- „Des bin ich Zeuge!“ rief der Hofprediger. „Dieser

Aufwiegler hat Gott gelästert! Ich nehm’s auf meinen Diensteid!“ --

„Diensteid?“ höhnte Hoffmann. „Hoho! Ich habe auch einen Diensteid

geschworen. Der gilt dem Volke! So steht denn Eid gegen Eid. Mag nun

der Herr Hofprediger geltend machen, +sein+ Eid sei so gut wie

+mein+ Eid ...“ Wutschnaubend unterbrach ihn der andere: „Er hat

gesagt +Meineid+!“ -- „Ich sage sojar +Jemeinheit+!“ ruft

Hoffmann unter lustigem Beifall. „Und wenn Sie jlauben, Sie werden im

Zeichen der ollen Konservenkiste siegen, denn passen Se mal auf, wie

wir Ihren verschluckten Propheten herausholen aus dem Walfischbauch!“

Und seinen Künstlerkopf mit dem grauen Henriquatre keck erhoben, die

Rechte drohend geballt, stampft er und singt die Wallfahrerweise:

„O du pfi--pfi--pfi ...

O du pfiffiger Pfaff!

Deinen sau--sau--sau ...

Deinen sauberen Plan

Holt der hei--hei--hei ...

Holt der heilige Hai ...“

Im Takte trampelt dazu die Menge. Nun tritt Hoffmann, während die

Beamten scheu zurückweichen, an ihre Bundeslade und hebt wie ein

Beschwörer die Hände:

„Der Herr der Ratten und der Mäuse,

Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse,

Befiehlt dir, dich hervorzuwagen --

Incubus, Incubus!

Sanktus Bürokratius!“

Und donnernd trifft sein Fußtritt die Konservenkiste. Da fährt eine

Staubwolke heraus und formt sich zu einem Gespenst, ähnlich einem

schlotternden Aktuarius, grauen hohlwangigen Gesichts, ein Aktenbündel

unter dem Arm. Entsetzt ringt Bürokratius die Hände und flüchtet -- als

aus der Volksmenge ein Haifisch hervorschießt und mit seinem roten,

weißgezahnten Rachen nach dem Aktengespenst schnappt. Dieses wirbelt

auf der Bühne herum, vom gierigen Hai verfolgt. Und grausam höhnisch

hetzt ihn die Menge zum Schnappen:

„Hackepacke hackepacke!

Hacke hacke, hackepacke!“

Im Getümmel und Wirbel, zu dem die Volksmenge samt den Beamten

zusammenwogt, fällt die Kiste mit den Akten um, auch der grüne Tisch.

Schließlich poltern die Kulissen zusammen -- und alles ist eine einzige

aufstöhnende, heulende Staub- und Ideenhose: „Huh--uiii!“

Entsetzen durchschlottert mich, Angstschweiß rinnt mir über die

Stirn, ich stöhne, als drücke mich der Alb. Aber da kommt durch das

schnarrende Geräusch der wirbelnden Ideenhose, wie aus der Ferne, eine

beruhigende Stimme: „Bruno! Mann! träumst du? Das macht wieder mal

dein spätes Nachhausekommen.“ -- „Pa--Pa--Papchen!“ bringe ich mühsam

heraus -- und spüre, wie mein Vogel, der beim Tumult zu mir in den

Souffleurkasten geflattert ist, mausartig in meinen aufgesperrten Mund

schlüpft.

„Du hast furchtbar geschnarcht! Ihr schwatzt so lange in euren

Sitzungen -- dann stöhnst du nachts und träumst!“ sagt meine Frau,

während ich mich auf die andere Seite lege und beruhigt seufze: „Ach ja

-- geträumt!“

Draußen schüchternes Lerchenzwitschern ... --

Daß jene Kabinettsbefehle und Ministerialerlasse, die der Geheime

expedierende Sekretär aus der Konservenkiste hervorgeholt, genau

die Daten trugen, die ich angegeben, vermag der Chronist nicht

zu behaupten. Genug, es ist urkundliche Tatsache, daß meine

Gefangenschaft aus der Konservenkiste kam und auf Kabinettsbefehle und

Ministerialerlasse aus den Jahren 1839, 1813 und 1808 gegründet war.

Obwohl meine verbotene Jugendunterweisung mir keineswegs als

konzessionspflichtiger Unterricht erschien, stellte ich sie doch

in ihrer bisherigen Form ein und begnügte mich, die freireligiösen

Anschauungen durch Erbauungsvorträge zu verbreiten. Da kam eine neue

Verfügung vom Provinzial-Schulkollegium: „Nach Auskunft des Kgl.

Polizei-Präsidiums sammeln Sie allsonntäglich vormittags die Kinder

von Mitgliedern der hiesigen freireligiösen Gemeinde, halten denselben

Vorträge über die Grundsätze der letzteren, lesen aus dem Lehrbuche

für den Jugendunterricht freireligiöser Gemeinden einzelne Sprüche

und Fabeln vor, erläutern dieselben und fordern die Kinder auf, die

besprochenen Stellen zu Hause nachzulesen. Wir machen Ihnen hiermit

bemerklich, daß diese Kinderversammlungen nicht etwa deswegen, weil

sie Sonntags abgehalten werden, als gottesdienstliche Versammlungen

angesehen werden können, da die hiesige freireligiöse Gemeinde, deren

Grundsätze den Kindern gelehrt werden, infolge ihrer Gottesleugnung

eine Religion nicht hat und somit Anhänger dieser Grundsätze

Gottesdienst gar nicht halten können. Ihre obenbeschriebene Tätigkeit

fällt daher lediglich unter den Begriff der Unterrichtserteilung, die

Ihnen durch unsere Verfügung unter Strafandrohung verboten worden

ist. Jede weitere Zuwiderhandlung gegen dies Verbot wird nach Maßgabe

unserer Verfügung geahndet werden.“

Den Widerstand gegen solche behördliche Unterdrückungstaktik

fortzusetzen, war für die freireligiöse Bewegung ein Gebot der

Selbsterhaltung. Auch im Interesse des Volkes überhaupt, dessen Rechts-

und Freiheitssinn bei allen Gelegenheiten belebt werden muß, schien es

mir erforderlich, nicht widerstandslos die Waffen zu strecken. Deswegen

hielt ich im Einverständnis mit meiner Gemeinde die Vorträge weiter.

Die Folgen blieben nicht aus. Das Provinzial-Schulkollegium diktierte

mir eine Strafe nach der anderen zu, und schon kam eine Summe von

zweitausendvierhundert Mark oder zweihundertvierzig Tagen heraus --

abgesehen von den Strafen, die ich durch meine frühere Tätigkeit nach

Art des Konfirmandenunterrichts verwirkt hatte. --

Als nach meinem Traum die Morgensonne zum offenen Kammerfenster

hereinflutete und das Pfeifen der Stare, des Hühnervolkes Gackern,

das Summen geschäftiger Insekten, der Säuselwind in den Apfelbäumen

zu einem einzigen Jubel verschmolz -- da ließ sich „der Weise im

Innern“ über meinen Traum von der ollen Konservenkiste aus: „Wehe euch

Schriftgelehrten und Pharisäern! Ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie

die übertünchten Gräber, die auswendig hübsch scheinen; aber inwendig

sind sie voller Totenbein und Unflat. Den Heiland hat man in eine

Konservenkiste gelegt, hat einen Stein davorgewälzt -- und da modert

der Lebendige für jene, so das Engelwort nicht begreifen: Was sucht ihr

den Lebendigen bei den Toten?“

Pfändung der Habe

Tolstoi hat bemerkt, ein Mensch, der Verse macht, komme ihm vor wie ein

Bauer, der mit Tanzschritten hinter seinem Pfluge hergeht. Aber es gibt

nun mal solche versfüßelnden Käuze, auch ich gehöre dazu. Besonders

in jungen Jahren hielt ich was vom Versemachen -- kam mir vor wie ein

Fischer, der aus vorbeirauschender Strömung Perlen fischen möchte. Bunt

schillert’s in der Flut, eine Perle scheint dem Poeten manches, dem

sein Kinderauge Verklärung leiht. „Sollen all diese Schätze verloren

gehn?“ denkt er mit Wehmut. „Nein! du mußt sie festhalten -- in eine

künstlerische Fassung bringen -- deinen Mitmenschen zur Erquickung

darbieten!“ Mit anderen Worten: der junge Dichter hält es für heiligen

Beruf, seine Verse der Unsterblichkeit zu vermachen. Sein Gedichtbuch

soll eine neue Epoche der Literatur einleiten.

Doch ich will mich nicht einfältiger hinstellen, als ich vor einem

Vierteljahrhundert war. Immerhin hegte ich den heißen Wunsch, mich

als Lyriker gedruckt zu sehen. Da ein paar Verlagsbuchhändler, mit

denen ich verhandelte, nichts als kühle Bedenken vorbrachten und

dann sogar das Ansinnen stellten, ich solle die Druckkosten zahlen,

so wandte ich mich grollend von der ganzen Verlegersippe ab. Eine

Unterhaltung hierüber hatte ich in einem Nachtcafé mit Richard Dehmel,

der damals noch zu den Ungedruckten gehörte. Düster hörte er mir zu.

Struppig war ihm Vollbart und Haarschopf, zergrübelt die Stirn mit

der Studentenschmarre, durch den Kneifer loderte das wilde Auge:

„Zum Kuckuck! Wenn man schon die Druckkosten selber tragen soll, so

möchte man wenigstens dafür den Reinertrag ungeschmälert ernten.

Selbstverlag ist immer noch das beste. Wenn nur die Kritiker nicht

gleich mißtrauisch würden! Lesen sie auf dem Titel: Im Selbstverlage

des Verfassers, Kommissionsbuchhandlung Leipzig, so denken sie: Aha!

wieder so ein grüner Dilettant, der sich seine Eitelkeit etwas kosten

läßt.“ Ich brütete mürrisch -- da kam mir ein Aufleuchten: „Heureka!

Gründen wir einen genossenschaftlichen Selbstverlag; er soll Freie

Verlagsanstalt heißen. Zur Genossenschaft werden Verfasser zugelassen,

die ihre Druckkosten zahlen und natürlich einen literarischen Wert

haben.“

Die Freie Verlagsanstalt wäre nicht zustande gekommen, hätte ich nicht

einen Buchdrucker gekannt, der ebenso gutmütig wie rund und massiv

war. Wegen seiner Statur nannten wir ihn den Elephantenwillem, wobei

wir aber auch an den treuen Eifer und die Intelligenz des Elefanten

dachten. Seine schwere Hand hatte der Elefantenwillem auf meine

Schulter gelegt und mit einem freimütigen Blick seiner blauen Augen das

Geständnis getan: „Ick schätze Ihnen, Wille -- Sie sind ’n Aas uf de

Jeije -- un ick stunde Sie de Druckkosten.“ So wurde es möglich, daß

ich wenige Wochen später das berauschende Erlebnis durchkostete, meine

Verse für den Druck herzurichten. Eines schönen Tages kam das Paket

Bücher -- da lag das Werk wie ein neugebackener Kuchen: „Einsiedler und

Genosse ... Freie Verlagsanstalt, Berlin.“

Für meine Chronik kommt der vorliegende Fall insofern in Betracht,

als er bei der Pfändung meines Mobiliars mitspielte. Nachdem mir die

Geldstrafe seit geraumer Zeit aufgebrummt war, ohne daß ich Zahlung

leistete, konnte jeden Tag das Zwangsverfahren eintreten, und ich hatte

mit meiner Frau bereits überlegt, wie wir uns verhalten wollten.

Es klingelte, und gleich dachten wir: „Der Exekutor!“ Es war aber mein

Freund Benno Streitmüller. Sein gutmütiges Lächeln war nicht ohne

Schelmerei, als er seinem Portefeuille ein Schriftstück entnahm und

auf den Frühstückstisch breitete. Da las ich, daß der Elephantenwillem

den Rest seiner Forderung für Druck meines Gedichtbuches an Benno

abgetreten hatte. „Sieh mich an!“ sprach Benno, „ich bin jetzt dein

Gläubiger -- Junge, Junge! Zahl mal sofort vierhundertachtzig Mark.

Ich schicke dir sonst den Gerichtsvollzieher. Mensch, ich presse dich

aus wie eine Zitrone.“ Dabei faßte er mich bei den Schultern. Meine

Frau starrte ihn an, den Mund geöffnet. „Keine Witze!“ stammelte ich.

Benno lächelte grausam: „Witze? Das Fell zieh ich dir über die Ohren.“

-- „Du weißt doch, daß die Wohnungseinrichtung meiner Frau gehört.“

-- „Nicht gänzlich! Zum Beispiel das Gemälde über deinem Schreibtisch

ist +dein+ Eigentum. Diese köstliche Kopie des Abendmahls von

Leonardo hat dir der Maler geschenkt, wie du mir mal erzählt hast.

Auf dies Stück hab ich’s besonders abgesehen. Das lasse ich durch

den Gerichtsvollzieher versiegeln und dazu noch die goldene Uhr, die

du in Bukarest zum Andenken bekommen hast. Das Gemälde ist gut und

gern zweihundert Mark wert, die Uhr ebensoviel. Den Hauptteil meiner

Forderung hab ich dann sicher; sonst kommt mir das Amt Friedrichshagen

zuvor und pfändet Bild und Uhr -- was du leichtsinniger Mensch wohl

nicht bedacht hast -- ja ha ha!“ -- „Ich verstehe dich, Freundchen.“

Lächelnd schüttelten wir einander die Hände, und meine Frau, die jetzt

begriff, meinte kopfschüttelnd: „Hätte ich je gedacht, daß Benno so

grausam pfiffig ist?“

Bald nach diesem Gespräch erhielt ich richtig vom Amtsgericht Cöpenick

den Befehl, vierhundertachtzig Mark an Benno Streitmüller zu zahlen.

Da ich +nicht+ zahlte, kam etliche Tage später der Cöpenicker

Gerichtsvollzieher zu mir, ein freundlicher alter Herr, die Amtsmütze

auf dem Kopfe. Mit bedauerndem Achselzucken kündigte er an, daß er mich

pfänden müsse: „Ich bitte um Ihr Portemonnaie -- und die Uhr da!“ Was

er im Portemonnaie fand, war nicht der Rede wert; die Pariser Ankeruhr

aber besah er mit Hochachtung. Unter den geöffneten Golddeckel klebte

er ein rundes Papiersiegel und reichte mir die zugeklappte Uhr zurück.

„Na, und? was kann man sonst noch kriegen? Alles nette und leidlich

wertvolle Sachen! Ich darf wohl mal durch die Wohnung gehn?“ -- „Das

können Sie sich sparen,“ versetzte meine Frau, „nahezu alles gehört

mir -- ich hab’s mit in die Ehe gebracht, Gütergemeinschaft ist bei

uns ausgeschlossen. Bloß die Uhr gehört meinem Mann -- und das Gemälde

-- natürlich auch die Bibliothek -- aber die braucht er ja zu seinem

Beruf.“ Der erfahrene Gerichtsvollzieher legte die Hand ans Kinn:

„Glaub’s schon! Aber versiegeln muß ich doch. Es steht Ihnen frei,

zu intervenieren, indem Sie den Nachweis bringen, daß die Sachen Ihr

Eigentum sind.“ Er ging in den sogenannten Salon und klebte mit raschem

Kunstgriff unter die Möbel und Teppiche seine blauen Papiersiegel.

Schließlich nahm er ein Protokoll auf und verabschiedete sich.

Bald kündigte die Flurklingel neuen Besuch an. Benno Streitmüller

war’s; schalkhaft strahlten die blauen Augen des edlen Jünglings. „Eben

bin ich ihm begegnet. Nun wäre ja wohl alles in Ordnung, und du bist

deine letzte Habe los, Jungeken!“ -- „Blutsauger!“ deklamierte ich hohl.

Er amüsierte sich über die angeklebten Papierdinger, da er sowas noch

nie gesehen. „Und nun, Frau Lieschen, lassen Sie ruhig den anderen

Exekutor kommen! Er findet alles bereits versiegelt. Wenn er gleichwohl

glaubt, pfänden zu dürfen, so mag er sich an +Ihre+ Sachen halten.

Dann los mit Ihrer Interventionsklage gegen das Amt Friedrichshagen!

Das kann ja die Kosten tragen.“ Und er kicherte. -- „Aber die Sachen

+sind+ doch schon alle versiegelt,“ wandte ich ein. -- „Macht

nichts,“ versetzte Benno, „ich gebe sie frei, großmütig, wie ich nu

mal bin. Bloß die Uhr und das Gemälde behalte ich, lasse dir aber den

Gebrauch dieser beiden Stücke -- zunächst bis Ende dieses Jahres. Hier

hab ich schon den Leihkontrakt. Kannst gleich unterschreiben. Wenn

dann morgen jemand vom Amte pfänden will, zeig ihm den Kontrakt.“ --

„Morgen schon?“ fragte meine Frau, und Benno erwiderte: „Ich habe

vor zehn Minuten den jüngsten Leutnant getroffen, gleich hinter dem

Gerichtsvollzieher kam er. Na, jüngster Leutnant? hab ich gesagt,

geben Sie man Herrn Rat Hegel einen Wink! sonst kommt ihm der

Cöpenicker Onkel da bei Doktor Wille zuvor. Sie wissen doch? Andere

Leute könnten +früher+ aufstehen als das Amt -- verstehen Sie? So

sagte ich, und nun paßt mal auf, Kinder, der jüngste Leutnant erzählt

die Geschichte brühwarm dem Igel, dann schickt dieser schleunigst

+seinen+ Exekutor.“ Notabene: der jüngste Leutnant war ein

Amtsdiener, der vor wenigen Monaten frisch vom Militär gekommen war und

sich in seiner nagelneuen Uniform benahm wie ein Äh-bäh-Stutzer.

Andern Tages erschien in der Tat in meiner Wohnung ein Amtsdiener, es

war der olle Schäffer, der mit seinem Biedergesicht, seiner Brille und

dem grauen Vollbart an meinen alten Oberlehrer erinnerte. Auch Schäffer

begann seine strenge Rolle durchaus human. Er redete gut zu, ich solle

auf die geforderten Strafgelder doch wenigstens eine Anzahlung machen:

„Denn sehen Se, sonst muß ick Sie Ihre Möbel nehmen.“ -- „Die sind

aber +mein+ Eigentum,“ entgegnete meine Frau. -- „Wenn Sie det

jerichtlich nachweisen können, jut! Aber vorleifich muß ick vasiejeln.“

Das Gefängnis zum Preußischen Adler · 第 5 / 19 段