Fahrwasser!“ Und als ich schwieg, suchte er zu ermuntern: „Na ja, mit
dem dreieinigen Gott -- das ist naturgemäß so ’ne Sache. Katechismus
war nie meine Stärke, und auch ich bin Freigeist genug, um zum Beispiel
... Wie soll ich sagen, hä?“ -- Ich half ihm: „Nun, im Katechismus
heißt es zum Beispiel: Auferstehung des Fleisches. Die Ebenbilder
Gottes, im Grabe endlich zu Staub geworden, kristallisieren sich beim
Schall der Posaune wieder zum alten Adam, aus den Grüften schlüpft
Fleisch und Bein ... Nun denken Sie mal, Herr Rat, Ihr Liebling, der
Philosoph auf dem Preußenthron -- Taufe und Katechismus mußte er schon
über sich ergehen lassen -- aber geglaubt hat er so was doch nicht! Sie
kennen die Geschichte vom Küster, der abgesetzt werden sollte, weil er
nicht an die Auferstehung des Fleisches glaubte? Der alte Fritz versah
das Aktenstück mit der Randbemerkung: Der Küster +bleibt+, und
wenn er nicht an Auferstehung des Fleisches glauben will, kann er ja
liegen bleiben am jüngsten Tage.“ Beifällig schmunzelte Hegel, und ich
fuhr fort: „Na also, Herr Rat! Aber wo ist heute der friderizianische
Geist? In der Kirche sicher nicht! Sie wissen doch, da bekennt
jeden Sonntag der Pastor im Namen der Gemeinde: Ich glaube an die
Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben, Amen!“
„Das sind Ammenmärchen!“ platzte mein Gegenüber hochtrabend heraus
-- die Rolle des Freigeistes hatte ihn hingerissen, daß er den
Amtsvorsteher vergaß. Er merkte zwar an meinem spöttischen Gesicht,
daß er zu weit gegangen, und suchte einzuschränken: „Das heißt
naturgemäß -- mißverstehen Sie mich nicht ...“ -- „Aber nein! Sie haben
ganz deutlich gesprochen. Und warum sollten Sie Ihr Bekenntnis auch
verhehlen? Selbst im heutigen Preußen darf man schließlich nach seiner
Fasson selig werden, -- wofern man seine Freigeisterei für sich im
Geheimkabinett behält.“
Wenn in der Nähe eines ländlichen Gehöftes ein Swinegel vom Kater
überrascht wird, rollt er sich zur Kugel zusammen -- krallt nun der
Kater nach der Kugel, so piken ihn die Swinegelstacheln in die Pfote.
Auch der Amts-Igel zog sich auf seine borstige Schutzstellung zurück.
Nach mißtrauischem Lauern bemerkte er gereizt: „Aber erlauben Sie
mal, Herr Doktor! +Mein+ Glaube kommt hier ganz und gar nicht im
Betracht! Was ich in meinem Boudoir denke -- Gedanken sind naturgemäß
zollfrei! Vorausgesetzt -- und darauf kommt’s an --, daß man sie nicht
ins Volk trägt! Davor muß man sich hüten! Sie protestieren? Sehen
Sie -- das ist eben unsere Meinungsverschiedenheit. Sie haben Ihre
Freigeisterei ins Volk getragen -- tun es grundsätzlich -- na also!
Und eben diesen Mißgriff verübelt man Ihnen oben. Die Regierung steht
naturgemäß auf dem Standpunkte, daß die unteren Schichten des Volkes
nicht reif sind für Freigeisterei. Was versteht auch der Proletarier
von Kaviar, hä? Dies Bedenken hat schon der große König gehegt -- und
dem möchte ich mich auch in dieser Hinsicht anschließen!“
Ich nickte lächelnd. In der Tat, es war, wie ich vermutet hatte: Auch
das Betreten seiner Waldkirche gestattet dieser aufgeklärte Despot
von Fritzenwalde nur mit geschlossener Tabakspfeife. Ja, ja! So sind
die Philister-Freigeister! Für sich nehmen sie die Zollfreiheit der
Gedanken in Anspruch -- sie gereicht ihrer religiösen Gleichgültigkeit
zum Lotterbett. Aber die Freigeisterei soll beileibe nicht ins Volk
getragen werden!
„Na also! Und nun wollen wir darüber unser Protokollchen aufnehmen, hä?
Sie machen keinen Hehl daraus, daß Sie Atheist sind -- mündlich haben
Sie das ja auch schon zugegeben, hä?“ -- Nun wurde mir die Geschichte
doch zu bunt, und ich trumpfte auf: „Na hören Sie mal! Zugegeben? +Wer+
hat hier was zugegeben? +Sie+, Herr Rat, haben zugegeben!“ Er starrte
mich betroffen an: „Na, da hört doch alles auf! Ich soll Sie hier
vernehmen als Ihr amtlich Vorgesetzter, -- und Sie versuchen, den Spieß
umzukehren? Bin +ich+ etwa hier der Atheist, oder sind +Sie+ es, hä?“
„Atheist? Ah, ich verstehe! +Das+ ist des Pudels Kern! Um
+dies+ Thema also dreht sich die Vernehmung!“ Er wehrte ab und
suchte mildere Saiten anzuschlagen: „Aber verehrter Herr Doktor!
Veruneinigen wir uns doch nicht! Wie können Sie denn sagen, ich hätte
hier was zugegeben. Auf +meinen+ Standpunkt kommt es doch gar
nicht an.“
„Sie selber haben ihn geltend gemacht.“
„Na ja doch!“ begütigte er. „Aber das war unter +uns+ gesagt --
rein menschlich! Lassen wir das doch beiseite! Amtlich bin ich hier nur
der Vernehmende. Und zu meiner Amtspflicht gehört das Protokoll -- ich
will nur objektiv protokollieren ...“ -- „Nette Objektivität!“ -- „Ich
kenne Sie nicht wieder, Herr Doktor! Sie sind sonst ein freimütiger
Bekenner! Daß Sie Atheist sind, na das ist doch einfach notorisch!“
„Wenn’s notorisch ist, was soll dann noch Vernehmung und Protokoll?“
-- „Über die Vernehmung habe ich dem Provinzial-Schulkollegium zu
berichten!“ -- „Berichten Sie immerzu! Aber wenn Sie protokollieren
wollen, hier sei irgend etwas eingestanden worden, wie Sie sich
ausdrücken -- als wären Sie hier Untersuchungsrichter -- und ich
Angeklagter -- so vergessen Sie wenigstens nicht, +wer+ hier
eingestanden hat!“
„Eingestanden?“ Hegel wurde blaß. „Ich doch etwa nicht?“ -- „Wer
denn sonst? Haben Sie nicht gesagt, auch Sie seien im Grunde Ihres
Herzens Freigeist? Ihre Kirche sei der Wald? Und schließlich noch,
Auferstehung des Fleisches und so weiter seien Ammenmärchen? Wissen
Sie, wenn +ich+ hier so etwas gesagt hätte, +mir+ wäre man
mit Paragraph 166 gekommen!“ Das war kein Igel mehr, das war eine sich
bäumende, zischelnde Viper. Er war aufgesprungen und machte heftige
Armbewegungen. Es war die Wut der Angst. Doch er kämpfte sie nieder,
ließ sich geknickt in seinen Sessel fallen und raunte heiser: „Sie
werden mich doch nicht denunzieren wollen?“ -- „Denunzieren? Dummes
Zeug! Ich denunziere nicht! Aber Sie, Sie möchten den Herren da oben
helfen, mich zu verketzern.“
Ächzend wiegte der Swinegel seine Perücke hin und her: „Mein Gott ja!
Das ist nun so ein stellvertretender Amtsvorsteher! Da bilden sich
die mißgünstigen Herren vom Gemeinderat ein, ich lebe hier wie der
große Friedrich in Sanssouci, mein Amt sei eine Sinecure. Hat sich
was mit Sinecure! Die Verhältnisse hier werden immer komplizierter!
Wenn ich aber eines Tages die Karre hinschmeiße -- naturgemäß, wofern
das so weiter geht -- so werden die Herren vom Gemeinderat noch
einsehen, +wen+ sie verloren haben. Von denen ist keiner den
hiesigen Anforderungen gewachsen! Ein gewisser Herr Blechschmidt,
vulgo Klempnermeister, erst gar nicht! Mein Nachfolger müßte schon
ein studierter Jurist sein. Ob sie den aber kriegen? Allenfalls einen
durchgefallenen Referendar! Aber der schon wird andere Ansprüche machen
als ich! Und das werdet Ihr Steuerzahler merken, naturgemäß -- na
wartet man!“
„Nun muß ich aber ernstlich ersuchen: zur Sache, Herr Amtsvorsteher!
Was hat denn mein Fall mit Ihrer Abdankung zu tun? Wenn Ihnen das Amt
verleidet ist, so legen Sie’s doch einfach nieder!“ -- „Ach, ich denke
ja gar nicht daran, niederzulegen, freiwillig nicht! Aber gewisse Leute
lauern drauf, daß ich mir einen Schwupper zuschulden kommen lasse.“ --
„Na, ich gehöre nicht zu denen -- von mir aus bleiben Sie ungeschoren
-- keine Sorge, kein Lamento! Zur Sache endlich! Bitte, teilen Sie
mir ohne Umschweife mit, worüber Sie mich vernehmen sollen! Will das
Provinzial-Schulkollegium in der Tat wissen, ob ich Atheist bin? Kaum
glaublich!“
„Ja -- in der Tat!“ sagte der Igel erleichtert. „Darauf kommt es an.
Und nun bitte, äußern Sie sich!“ -- „So mag die Behörde doch einfach
meine Schriften lesen -- oder zu mir in meine Vorträge kommen! Und
wenn Sie mich schon für einen notorischen Atheisten hält, na gut --
wozu dann noch die Umstände? Atheist! Solch ein Schlagwort paßt mir
überhaupt nicht, ist ja rein negativ und inhaltlos!“ Kleinlaut bemerkte
mein Gegenüber: „Ich werde also schreiben, daß Sie zur Kennzeichnung
Ihres Standpunktes auf Ihre Schriften verweisen, hä?“
Ich murrte weiter: „Amt Friedrichshagen ist doch kein Inquisitionsamt!
Und was versteht ein Amtsvorsteher überhaupt von Theologie? Ebensowenig
wie von Biologie!“ Der Igel keuchte, als ob ihn ein Schlaganfall
bedrohe, und brauchte eine Weile, um sich halbwegs zu fassen. Dann
ergriff er mit zittriger Hand die Feder und kritzelte die Worte, die er
mir vorlas: „Der Vorgeladene verweigert die Aussage.“ -- „Na wissen
Sie,“ erwiderte ich, „+dies+ Ergebnis hätten Sie rascher erzielen
können -- und gemütlicher!“
Er sah mir tückisch ins Gesicht, reichte mir die eingetunkte Feder
und wies die Stelle, wo ich unterschreiben sollte. Ich lehnte ab:
„Bilden Sie sich etwa ein, daß ich etwas Unrichtiges unterschreiben
soll?“ -- „Aber Sie verweigern doch die Aussage!“ -- „Umgekehrt, Herr
Rat! +Sie+ verweigern die Aussage! Ich frage ja in +einem+
fort: Was +will+ eigentlich das Provinzial-Schulkollegium?
Sie aber weichen einer deutlichen Antwort aus. Ich kann doch nicht
glauben, daß diese Behörde Ihrer Mitwirkung bedarf, um meinen Atheismus
festzustellen! Die Sache hängt offenbar anders zusammen. Das Schreiben
des Provinzial-Schulkollegiums wird ja meine religiösen Meinungen
berühren -- ich glaubs schon. Es kann aber unmöglich anordnen,
daß Sie mich darüber vernehmen sollen. Machen wir die Probe, Herr
Amtsvorsteher! Lassen Sie mich das Schreiben einfach lesen! Sie wollen
nicht? Das ist bezeichnend, da haben wir’s! Die Untersuchung über
meinen Atheismus -- das ist eine Aufgabe, die Sie +selber+ sich
gestellt haben. Aus Anlaß einer Anfrage des Provinzial-Schulkollegiums.
Sie möchten sich hervortun, möchten bald definitiv Amtsvorsteher sein
... Albernes Zeug! Ich gebe mich nicht her für solche Manöver!“
Da ich mich erhob, um zu gehen, klappte Hegel die Akten zusammen
und schmiß sie wütend hin. In Kassandras hohlem Tone sprach er,
warnend die Hand erhoben: „Passen Sie auf, Herr Doktor! Das
Provinzial-Schulkollegium ist Ihre vorgesetzte Behörde -- die wird
Ihnen den +Brotkorb+ höher hängen!“ --
Als ich das amtliche Haus verlassen hatte und das Vorgärtchen
durchschritt, wurde mein Auge gefesselt durch die „zur Zier“ zwischen
Rosen aufgestellte Spiegelkugel. Betroffen sah ich hier mein
Spiegelbild ins Groteske verzerrt -- ich war kurz und breit, die Backen
waren wie Buttertonnen, ich sah wie ein Nilpferd aus. Hm! Auf die Art
des Sehens kommt alles an, und die ist oft putzig verschieden. Was ist
Schein, was ist Sein? -- Spöttisch klang es mir in den Ohren: „Und es
schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde, zum Bilde Gottes schuf
er ihn.“ Ei ja, Ihr Persönlichkeits-Karikaturen! Es paßt Euch in den
Kram, die eigene Kläglichkeit zu beschönigen durch den Hinweis auf das
schöpferische Urbild.
Dann fiel mir das Goethewort ein:
„Wie einer ist, so ist sein Gott.
Darum ward Gott so oft zum Spott.“
Ich dachte auch an die Geschichte vom Swinegel un sine Fru, die am
andern Ende der Ackerfurche duckmäuserisch saß, ihm zum Verwechseln
ähnlich. Ei natürlich! Ist der Mensch ein Swinegel, so hockt drüben im
Jenseits sein Konterfei und echot herüber: „Ick bün all hier!“
In solcher Zwickmühle könnte fürwahr dem stolzen Fortschrittshasen die
Puste ausgehn. Es ist nur gut, daß er vom Buxtehuder Hasen lediglich
die flotten Beine hat, nicht den Dummkopf. Na und so geht’s halt doch
vorwärts, oft freilich auf Hasenfüßen. Schließlich haben die Swinegel
jeglicher Sorte nur noch die eine Bedeutung, daß man über sie lacht --
und das ist der Humor davon.
Damit dieser Humor nicht zu bitter werde, führt der Chronist aus
seinem Tagebuch von damals folgende Notiz an: Mein Spiegelbild in der
Glaskugel hat mich milde gestimmt, fast demütig ... Sind wir Menschlein
nicht alle Zerrbilder? Mit irdischen Augen gesehn, kommen wir einander
recht zoologisch vor. Ich bin für das Provinzial-Schulkollegium ein
gefährlicher Wauwau. Und der Amtsvorsteher deucht mir ein Igel. -- Mag
er doch! Mag der Duckmäuser schleichen! Es ist seine Natur!
Übrigens leitet ihn jener Diensteifer, der im Staatsleben, zumal in
Preußen, grassiert: Es gibt Beamtenseelen, zur Unterordnung unter
Vorgesetzte in einer Weise hergerichtet, daß sie die Vorschrift von
oben schlechthin für höchste Pflicht halten und daneben kein eigenes
Gewissen spüren. Man soll sie nicht gleich verdammen, weil ihnen
Überzeugung und freie Selbstbestimmung verdächtig fremd vorkommen.
Die Schnecke kann nicht dafür, daß ihr auf dem Rücken ein Gehäuse
festgewachsen ist. Sie kann sich nicht vorstellen, wie man ohne solchen
Käfig lebt. Putziger Igel! Erhaben dünkst du dich über die Sünder wider
den heiligen Amtsgeist -- brächtest sie gern hinter Schloß und Riegel.
Und ahnst nicht, daß du selber in einem Gefängnis steckst: in der Enge
deines Banausentums.
Der innere Feind
Seltsames Summen, melodisch: eine Glocke. Hallt sie aus der
Wassertiefe? Liegt im See ein Kloster versunken? Von Rahnsdorf her
kommt das Geläute, sanft gleitend über den Wasserspiegel. Vielleicht
tragen sie drüben einen Toten zu Grabe -- oder sie hochzeiten ...
Rahnsdorf, trautes Wassernest! Im Geiste seh ich deine niedrigen
Häuschen ums alte Kirchlein. Buchsbaumgärtchen mit Wacholder und
Flieder, an den Fenstern der Wohnstübchen rote Geranienblüten.
Rohrgedeckte Ställe und Gerümpel. Ziegen auf einem Rasenfleck.
Misthaufen mit scharrenden Hühnern. Bunte Enten auf der strömenden
Spree. Die alte Kneipe am Wasser, wo gern die Ruderer einkehren. Tische
mit Weißbiernäpfen. Dorfjungen angeln bei bunt bemalten Kähnen. Über
Stangen sind Fischernetze gebreitet. Eine Zille streift vorüber, schön
wölbt sich das Segel, die Schiffersfrau steuert, neben sich einen
kläffenden Spitz. Über die Sumpfwiesen, die weithin das Dorf umlagern,
weben sich Dünste. Wie Hexen kauern knorrige, struppige Weiden. In den
Schilfwildnissen unermüdlich schwatzende Rohrsperlinge. Aus dunklen
Binsen gleitet ein weißer Schwan.
So ungefähr hatte ich einem Gaste, der mit mir spazieren ging,
Rahnsdorf geschildert, es aus der Ferne betrachtend, vom Forsthaus
Müggelsee. Hier bietet sich ein besonders hübscher Blick auf das
Dörfchen. Man sieht allerdings kaum mehr als den Kirchturm hinter
dem Röhrichtgürtel des Seeufers hervorlugen. Doch gerade dies Ferne,
Verhüllte hat einen eigenen Reiz: Rührend unschuldig sieht das Dorf
aus, -- und ich fühlte es meinem Gaste nach, wie er, ein passionierter
Schwärmer und Seelsorger, ehemals Pfarrer in der Schweiz, die Arme
breitete und trunkenen Blickes meinte: „Da möcht ich Pfarrer sein!“
Mit seinem Pathos sprachs der Hüne, andächtig den Kalabreser vom
Lockenhaupt gezogen. Bühnenhaft klängen seine Worte, wären sie nicht
aus einer echten Schwyzerkehle gekommen.
„Kein übler Wunsch,“ gab ich zur Antwort, „und doch muß ich lächeln.
Sie Sohn der himmelstürmenden Alpen möchten hier Pfarrer sein? In der
norddeutschen Ebene, in einem Sumpfneste der Mark? Die Rahnsdorfer
Mücken haben Sie noch nicht genossen -- und das saure Weißbier -- und
die rasseechten Söhne der alten wendischen Wasserräuber.“ -- „Halloh!
Was haben Ihnen die urwüchsigen Rahnsdorfer getan?“
„Mir nicht das mindeste. Ich lache über die Geschichte. Aber mein
Freund Bartels hat nicht gelacht, als sie ihm passiert ist.“ --
„Erzählen Sie!“
„Bartels, ein passionierter Ruderer, schlägt auf der stürmischen
Müggel um, nicht weit von Rahnsdorf. Da er sich bei dem Wellengange in
Kleidern nicht auf Schwimmen verlassen mag, kriecht er auf das kieloben
treibende Boot -- da sitzt er rittlings, pudelnaß im Novemberwetter,
bebbert und ruft um Hilfe. Am Ufer stehn Rahnsdorfer -- haben Kähne --
doch die Hände in den Hosentaschen, sehen sie der Not meines Freundes
zu.“ -- „Wie? Ohne zu helfen? Ihr Freund wurde doch gerettet?“
„Von einem Dampfer -- nicht von Ihren urwüchsigen Naturkindern.“ --
„Schwefelbande!“
„So sagten auch die Leute, denen mein Freund die Geschichte erzählte.
Ein paar Tage später war’s, auf der Eisenbahn -- und eben hatten sich
die Zuhörer entrüstet, als aus der benachbarten Wagenabteilung ein
Bursche erschien, dunkelrot vor Zorn: „Sie wollen uns Rahnsdorfer
schlecht machen? Na warten Se, Männeken! Ihnen werden wir det besorjen!
Ick war dabei, wie Sie um Hilfe brillten. Ja woll, Herrschaften! Un
wenn Se ooch schimpfen -- wat wissen denn Sie! Und wir Rahnsdorfer duhn
+doch+, wat ma wollen. Die Baliner valangen, det wir ihnen retten
sollen, wenn se uff unsre Müjjel rumjondeln -- un nischt von’t Jondeln
vastehn! Zus Retten is unsereens jut jenuch! Un wahaftijen Jott,
manche Jroßschnouze hatte schon feste Wasser jeschluckt, da hammer ihr
rausjeholt! Aber nu frag ick: Wat hammer ’n davon jehatt? Nich eenen
Dahler! Sehn Se, Herrschaften, so sinn die duslijen Wasserfexe aus
Balin -- ihre olle Jondel schmeißen se um, un wir sollen nu Retter sind
-- un unsre Sonntagsbuxen naß machen! Aber Drinkjeld? nich in de Hand!“
-- „Gemütsmenschen!“ lachte der Altpfarrer, mit dem Finger drohend:
„Jetzt erst recht: Da möcht ich Pfarrer sein!“
Und ich mit einem respektvollen Blick auf seine bärenhafte Tatze:
„Den Rahnsdorfern wäre solch ein Seelsorger ja zu gönnen -- aber
deshalb brauchen Sie nicht gerade in jenes Rohrnest zu kriechen.
Die Rahnsdorfer sind ja kein außergewöhnliches Völkchen -- mit
Rahnsdorfern, wie jener Bursch einer war, ist das Erdenrund bevölkert
-- und im deutschem Vaterlande haben wir deren sattsam: Das Drinkjeld
regiert unsere frumbe Christenheit. Kein Wunder. Wird sie doch
dressiert von Kindesbeinen an, einen Platz zu ergattern an der
himmlischen Freudentafel.“ -- Mit einem ernsten Blicke nickte der
Altpfarrer: „Sonder Zwyfel! Und als junger Theolog hab ich selber
dieser Lohnsucht Vorschub geleistet -- meine Konfirmanden haben an den
himmlischen Papa geglaubt, der in einer Hand die Zuckerdüte, in der
andern die höllische Rute hält. Wenn ich persönlich auch anders dachte,
so war ich doch befangen vom Geschwätz der Amtsbrüder. Die Religion
Goethes, hieß es, sei bloß für die Gebildeten, das gemeine Volk
bedürfe eines gröberen Glaubens, um in Zucht zu bleiben. Was diesen
Christen fehlt, ist der Glaube an den Menschensohn, will sagen an die
Menschenwürde. Man glaubt, nur +einen+ göttlichen Menschen habe es
gegeben, damit basta! Drum betrachtet die herrische Richtung -- in der
Religion wie in der Politik -- das Volk als armselige Proles. Das Volk
wiederum glaubt +auch+ zu wenig an Menschenwürde. Ließe sich sonst
nicht so viel gefallen. Jetzt wieder die Zustände in eurem Preußen!
Dies Ministerium mit seinem Volksschulgesetzentwurf! Den Pfaffen möcht
es die Jugend, unsere Zukunft, ausliefern. Sie wissen doch, Kollege
Wille, daß dies politische Ereignis mich nach Berlin gezogen und mit
Ihnen bekannt gemacht hat? Ich will die Bewegung studieren, durch
die sich das preußische Volk gegen die einbrechende Reaktion wehrt.
Nächsten Mittwoch besuch ich Ihren freireligiösen Jugendunterricht in
der Rosenthalerstraße, gelt?“
„Die Kinder sind bereits gespannt auf Sie. Um so mehr, als uns vor drei
Wochen eine wunderliche Geschichte passiert ist. Sie kennzeichnet die
preußischen Zustände -- geht übrigens auch Sie persönlich an. Sie haben
nämlich einen Doppelgänger in Berlin. Er war neulich im freireligiösen
Unterricht und ist für Sie gehalten worden. Vor drei Wochen bereits
hatten Sie sich brieflich bei mir angemeldet -- Sie erinnern sich
...“ -- „Ja, mir kam damals was dazwischen, meine Fahrt nach Berlin
verzögerte sich.“ -- „Jedenfalls erwartete ich Sie schon damals und
hatte meinen freireligiösen Zöglingen bei Beginn des Unterrichts
gesagt: Heute kriegen wir Besuch, Herr Pfarrer Konrad kommt aus der
Schweiz, um zu hören, was Ihr gelernt habt. Nun macht der Gemeinde
Ehre! Antwortet besonnen, wenn Ihr gefragt werdet. Sobald der Besucher
eintritt, erhebt sich die ganze Klasse artig von den Plätzen. Ebenso,
wenn er geht. Verstanden, Kinder? Ein kleines Mädchen lächelte und
scheint eine Frage auf dem Herzen zu haben. Na, Emma? Da meinte sie:
Wie sieht denn der Herr aus? Ich antwortete: Gesehen habe ich ihn
selber noch nicht -- bloß aus Briefen kennen wir uns. Aber er soll
ein guter Mann sein, und das ist die Hauptsache. -- Die Kinder waren
natürlich sehr gespannt, ich merkte das an der Unachtsamkeit und dem
ewigen Getuschel. Auf einmal horch, sie stutzen, draußen nähern sich
Schritte der Tür, sie geht auf -- und prompt erhebt sich die Klasse.
Herein tritt ein großer, starker Herr, und ich denke natürlich, Sie
sind das. Überdies glaubte ich bei der Begrüßung deutlich zu hören:
Mein Name ist Konrad! -- Die Kinder erwarten Sie schon -- sage ich --
und wir alle freuen uns, daß Sie gekommen sind, nicht wahr, Kinder?
Einstimmiges Ja! -- Ihr Doppelgänger wird verlegen. Ich biete ihm einen
Stuhl -- er lehnt ab. Etwas schüchtern scheint dieser Konrad zu sein!
Und sieht doch so militärisch aus! -- Wissen Sie, fahre ich fort,
eigentlich sieht man Ihnen gar nicht den Schweizer an! -- Der Mann
stammelt: Woher wissen Sie, daß ich Schweizer war? -- Sie +waren+
es? Haben Sie sich naturalisieren lassen? -- Immer verwirrter wird der
Mann: Ich bin allerdings mal Schweizer gewesen! Haben wir uns damals
vielleicht gesehen? In Pommern, auf dem Rittergute Altfinow -- aber
das war schon vor meiner Militärzeit. -- Ei, was ist das? Schweizer
auf einem pommerschen Rittergut? Das wäre ja ein Kuh-Schweizer! Birgt
dieser Konrad hinter seinem hölzernen Wesen Eulenspiegelei? Oder liegt
hier eine Personen-Verwechselung vor? Von vornherein kam es mir nicht
recht geheuer vor, daß der Altpfarrer aus der Schweiz nach preußischem
Unteroffizier aussah. Nun fällt mir noch auf, daß er Kommißstiefel
trägt; an ihnen konnte man damals den Polizeispitzel erkennen.
-- Wie? bemerke ich argwöhnisch, sagten Sie nicht, Ihr Name wäre
Konrad? -- Da antwortet der Mann: Nein, Grunert! -- Ah Grunert! (in
der freireligiösen Gemeinde gab es ein Mitglied dieses Namens). Ach,
Sie sind Herr Grunert! Und wollen wohl Ihr Kind zum Jugendunterricht
anmelden? -- Nun, aber raten Sie, Kollege, was der Kerl entgegnet:
Ich komme vom Königlichen Polizeipräsidium! Ich soll anfragen, ob
Sie einen Unterrichts-Erlaubnis-Schein haben -- dann möchten Sie den
auf Zimmer sechsensiebzig bringen! -- Stellen Sie sich mein Staunen
vor, Kollege! Ich hatte geglaubt, +Sie+ seien es, und nun auf
einmal ist es ein +Polizeimensch+! Und verlangt von mir einen
Unterrichts-Erlaubnis-Schein! Ich wußte nicht mal, was das für’n Dings
ist. Dachte zunächst an ein Universitätsdiplom und entgegnete: Wenn ich
nicht die Befugnis hätte, hier zu unterrichten, würde ich es nicht tun!
Sagen Sie das Ihrem Vorgesetzten! Der Polizei irgendwelche Nachweise
darüber beizubringen, bin ich nicht verpflichtet. -- Der Mann zuckt die
Achseln, steht ein Weilchen unschlüssig -- und verabschiedet sich mit
den Worten: Also nich wahr, Ihren Erlaubnisschein! Präsidium Zimmer
sechsensiebzig! -- Die Verlegenheit des Mannes trat besonders hervor,
als bei seinem Hinausgehen die Kinder sich abermals von den Plätzen
erhoben.“
„Haha! Dieser Doppelgänger ist nicht schmeichelhaft für mich; doch
besteht seine ganze Ähnlichkeit mit mir darin, daß er dort erschien,
wo ich erwartet wurde. Schweizer -- nun ja, das war er auch; aber
Schweizer von der Art dieses abgehalfterten Kuhschweizers, der nun
auf den Pfaden der Reaktion den inneren Feind beschleicht, spielen in
meinem Vaterlande keine Rolle. Bei euch, ihr Preußen mit eurer stolzen
Schneidigkeit, mengt sich die Polizei in alles -- der Kasernengeist
dringt in die Religion.“ -- „Widersprechen kann ich leider kaum; doch,
mein biederer Eidgenosse, Kantönlifreiheit ist +auch+ nicht das
Höchste.“
Lächelnd setzte der Altpfarrer seinen antipreußischen Gedankengang
fort: „Wissen Sie, wer der innere Feind ist? Ein Berliner Leutnant
hat in der Instruktionsstunde seine Rekruten pflichtschuldigst vor
dem inneren Feind gewarnt. Die ausgebildeten Soldaten sollen dem
Regimentskommandeur vorgestellt werden, und der Leutnant will ein
Paradestückli vorbringen. Wie teilt man den Feind ein? fragt er, und
die Antwort erfolgt prompt: In den äußeren Feind und den inneren
Feind! -- Schön! sagt der Oberst. Aber Kinder, wißt ihr denn auch, wer
das ist, der äußere Feind? -- Das ist der Russ’! -- Na meinetwegen,
sagt der Oberst, der könnt’ es ja mal sein! Aber nun die Hauptsache:
Wer ist der innere Feind? Das wißt ihr nicht? Na, ich werde euch
darauf bringen: Der innere Feind muß einer sein, der in Deutschland
wohnt. -- Eisiges Schweigen, alle Lippen wie verrammelt. Ein Kerl
schaut unternehmend drein, ein Pfälzer oder Wackes oder so einer aus
der Gegend da. Nun, mein Sohn? -- Der politische Rekrut antwortet
zuversichtlich: Der innere Feind, das ist der Preuß!“