andeuten, daß sie krumm waren, wie die Schleichkrüppelchen des
Buxtehuder Swinegels. Kurz und zierlich, ja das waren sie, deshalb
würdigte sie der selbstbewußte Eigentümer auch einer besonderen
Sorgfalt. Auf den Tanzkränzchen der Bürgerressource staunte man nicht
bloß über die Elastizität der Hegelschen Hüpforgane, sondern auch über
ihre patente Bekleidung. Beim Contretanz, den er mit den nasalen Lauten
eines französischen Mäters zu kommandieren pflegte, kokettierte er in
Lackstiefeletten, während er sonst gelbe Promenadenschuhe trug, die
Beinkleider stutzerhaft aufgeschlagen. Sein Ideal war eine Mischung von
Landrat und Friseur, emeritiertem Hauptmann und Tanzmeister.
Sein rastloser Ehrgeiz hatte ihn ins Fritzenwalder Amt befördert.
Anfangs hatte er nur als Pensionär am Müggelsee leben wollen, als
passionierter Angler, Tänzer und sonstiger Lebenskünstler. Dann in den
Gemeinderat gewählt, fühlte er immer bestimmter, sein Genie sei noch
lange nicht welk, vielmehr zu erneuter Karriere berufen. Damals fügte
es sich, daß ein Friedrichshagener Amtsvorsteher, der sonst so tüchtige
Herr Drachholz, wegen seines plötzlich gesteigerten Asthmaleidens auf
Urlaub nach Ägypten gehn mußte, und nun war ein stellvertretender
Amtsvorsteher nötig. Durch geschicktes Aufgebot all seiner Gönnerinnen
gelang es dem Jungen Fritz, seinem gefährlichen Mitbewerber, dem
reichen Klempnermeister Kuhlicke, viele Stimmen abspenstig zu machen.
Nunmehr provisorischer Regent der „Kolonie“, hoffte er, dem Herrn
Landrat und „den Herren da oben“ ebenso wie den Spießern bald zeigen zu
können, daß Rat Hegel ein ganzer Kerl und Preuße sei, zum definitiven
Amtsvorsteher fraglos vorherbestimmt.
Wenn der kleine Gernegroß den eleganten und gebildeten Weltmann
herauszubeißen suchte, so kamen auch Entgleisungen vor, die dem
Bierbankgelächter willkommene Nahrung boten. Als Beispiel mag eine
Begebenheit dienen, die nach Errichtung einer biologischen Station für
Binnenfischerei am Gestade des Müggelsees vorfiel. Ein fremdländisch
aussehender Herr war von Berlin auf dem Bahnhof Friedrichshagen
angelangt, als er in sichtlicher Ratlosigkeit, an einen Bahnbeamten
gewandt, in gebrochenem Deutsch stammelte: „Wo ist biologische
Station?“ -- „Hier ist Station Friedrichshagen“, lautete die Antwort.
Der Ausländer blieb bei seiner Formel: „Ich will zu biologische
Station.“ -- „Ach, Sie meinen wohl Station Zoologischer Garten?“
Der Ausländer protestierte: „Nicht zo -- sondern bi, bi!“ Dies
Zwiegespräch hatte Rat Hegel mit angehört, und um seine weltmännische
Gewandtheit darzutun, schüttelte er vornehm mitleidig das Haupt über
des Bahnschaffners unbeholfene Art: „Aber Mann! Erraten Sie denn gar
nicht, was dieser Pariser will, hä?“ Und er blinzelte den Fremdling
an: „Oui oui, monsieur, je comprends! Kommen Sie!“ Vertraulich seinen
Arm ergreifend, führte er ihn nach jenem Bretterhäuschen, das von den
Reisenden der wenig komfortablen Vorortzüge oft mit sehnsüchtiger Hast
erstrebt wird. „Ici bibi! Ici biologische Station!“ Mit einem Blick der
Entrüstung wandte sich der Fremdling ab; Rat Hegel, über solche Wirkung
seines Ratschlags verdutzt, ratschlagte hin und her, ob er es an Takt
habe fehlen lassen, oder ob dieser Pariser doch etwas anderes gemeint
habe.
Als er sein Abenteuer im „Waldhaus“ erzählte, platzte der dicke Wirt
heraus: „Warum haben Se’n denn nich zu +mir+ geschickt, Herr Rat?
Er meinte doch offenbar die +Bier+ologische Station!“ Zufällig
saß auch der Leiter der biologischen Station am Stammtisch, der schlug
die Hände zusammen: „Also Sie, Herr Rat, sind das gewesen? Wissen Sie
denn nicht, was für einen Beruf und Posten ich hier in Friedrichshagen
habe!“ -- „Sie -- hä? Natürlich weiß ich das! Herr Professor sind
Leiter des Instituts für Binnenfischerei am Müggelsee.“ -- „Na das
ist doch die biologische Station!“ War das ein Reinfall für unsern
Igel! War das ein gefundenes Fressen für die auf Ulk erpichten Bürger
des Kreises Niederbarnim! Zu seiner Entschuldigung machte er mit
wehmütigem Lächeln geltend: „Wenn ich bei der Frage des Ausländers
nicht sofort erraten habe, daß Biologie Binnenfischerei bedeutet, so
ist das verzeihlich bei einem Manne, der auf seiner Realschule zwar
ein leidlicher Franzose gewesen, aber natürlich kein Lateiner. Auch
bin ich eben ein schlicht konservativer Patriot, und in meiner bald
vierzigjährigen Amtstätigkeit sind mir immer nur +Preußische+
Formen und Aufgaben vorgekommen, keine kosmopolitischen Probleme.
Übrigens weiß man oben schon, was man an Rat Hegel hat, dem die Kolonie
des Großen Friedrich anvertraut worden -- oder etwa nicht, hä?“
Ein Patriot -- nun ja, das war Rat Hegel -- was mancher Beamte, um
die Gunst seiner Vorgesetzten beflissen, so unter einem Patrioten
versteht. Die politische Gesinnung gehört dabei zum Dienst, wie der
Soldat vorgeschriebene Uniform zu tragen hat und stramm seinen Griff
macht, wenn das Kommando erfolgt „Helm ab zum Gebet!“ Obwohl der Junge
Fritz gelegentlich mit Fridericianischer Aufgeklärtheit kokettierte,
so war er doch auch von jenem Geist erfüllt, der einem Polizeimenschen
zu Anfang der neunziger Jahre, wenigstens einem Preußischen, eigen
war, nachdem man durch das Ausnahmegesetz gegen die gemeingefährlichen
Bestrebungen lange genug zum Unratschnüffeln abgerichtet war. So nahe
beim blutroten Hexenkessel Berlin hatte Rat Hegel ein klein wenig
von dem Grundsatz, den sein Kollege in Erkner, „Wehrhahn“ in Gerhart
Hauptmanns „Biberpelz“, mit den schneidigen Worten verkündet: „Meine
Aufgabe hier ist mustern und säubern. Was hat sich nicht alles für
Kehricht am Orte angesammelt! Dunkle Existenzen, politisch verfehmte,
reichs- und königsfeindliche Elemente. Die Leute sollen zu stöhnen
bekommen.“
So schlimm wie dieser Bramarbas hatte es Rat Hegel nun freilich nicht
vor, dazu liebte er zu sehr seine Ruhe. Ein paarmal raffte er sich
indessen zur hurrapatriotischen Attacke auf gegen die erwähnten dunklen
Existenzen. Nicht geheuer schien ihm jene Gruppe von Schriftstellern,
die in einigen Literaturgeschichten „die Friedrichshagener“ heißen.
Als Menschen, die sich im Punkte der Überzeugung keinerlei Vorschriften
machen ließen, um vielmehr von ihren Ideen oder mindestens ihrer
gutgemeinten Schwärmerei geleitet zu werden, betrachteten sie
Ungebundenheit als ihr Lebenselement und waren in Wort und Werk
verblüffend unpreußisch.
Das Generalquartier der Friedrichshagener, mit denen es auch allerlei
Berliner Genies hielten, war jahrelang das Haus der Brüder Streitmüller
in der Ahornallee. Zweier Soziologen, die, begeistert von Güte für die
Massen armer Volksgenossen, einem Sozialismus huldigten, der selbst
den Sozialdemokraten zu frei war, daher „Anarchismus“ genannt wurde.
Benno Streitmüller, der jüngere Bruder, verkehrte überdies in Paris und
London mit Leuten wie Réclus und Fürst Krapotkin. Persönlichkeiten, die
man später, als ihre geistige Bedeutung nicht mehr abzuleugnen war, mit
dem entschuldigenden Etikett „Edelanarchisten“ bezeichnet hat, die aber
in den achtziger und neunziger Jahren für den normalen Polizeiverstand
Hochverräter und Bombenwerfer waren. Kein Wunder, daß der Preußische
Statthalter von Friedrichshagen, den auch noch die Berliner Polizei
scharf gemacht hatte, ein Auge auf seine Literatenkolonie hatte.
In diese amtliche Stimmung platzte eines schönen Tages eine Bombe
hinein. Wenigstens ähnlich einer Bombe wirkte eine Postkarte, die
aus London anlangte, adressiert an Herrn Benno Streitmüller in
Friedrichshagen. Auf einem obskuren, doch wohl einfachen Wege war ihr
Inhalt zur Kenntnis des Amtsvorstehers gelangt. Der ging hoch wie
ein gärender Vulkan, als er die Worte las: „Produkt wohlgeraten. Zur
größern Sicherheit läßt Freund die Kiste lieber von Hamburg abgehen;
damit unterwegs nichts passiert, ist Inhalt als leicht zerbrechlich
bezeichnet. Wohl bekomm’s! Dein Krapotkin!“ -- Oh! Da war ja nun die
Bescherung, die längst von dieser Tintenkulibande zu erwarten war. In
der Kiste mußte Dynamit oder so was sein, darauf ließen die Worte wie
die Personen schließen. Vollends verdächtig war folgende Nachschrift
der Postkarte: „Deinen Gruß an Fifi kann ich nicht bestellen. Denke
dir, er hat sich fortgemacht -- vor fünf Tagen fand man seinen Käfig
leer.“ Also ein Verbrecher war ausgebrochen; kein Zweifel, dies
rebellische Gesindel hatte gefährliche Anschläge. Gott sei Dank war
ja nun Rat Hegel rechtzeitig dahinter gekommen, der Himmel hatte ihn
zum Retter auserkoren. Ja, ja! Wer hat jetzt noch die Stirn, den
Amtsvorsteher eines märkischen Dorfes gering zu schätzen? Der Mann
kann ja für den Staat Friedrichs des Großen ähnlich wichtig sein, wie
für das römische Kapitol die Gänse waren, die durch ihr Schnattern
vereitelten, daß es der Feind bei Nacht überrumpelte.
Natürlich überbrachte Rat Hegel seine Entdeckung brühwarm dem Berliner
Polizeipräsidium. Mit dem Erfolge, daß ein Dutzend handfeste Detektivs
in aller Herrgottsfrühe die Friedrichshagener Anarchistenspelunke
umzingelten, und daß der Igel, flankiert von zwei Revolverfritzen, in
das Verbrecherhaus eindrang, sobald die erste Post mit der avisierten
Dynamitkiste zu erwarten war. Streitmüllers Haushälterin wollte eben
mit dem Marktkorb einholen gehn, als ihr der Amtsvorsteher eröffnete,
daß Haussuchung stattfinde. Zuerst wurde der Korb der verblüfften Madam
visitiert, dann hieß es: „Führen Sie uns zu Herrn Benno Streitmüller,
wir wissen, daß er hier ist.“ -- „Ach, der ist ja in Paris!“ --
„Leugnen ist überflüssig -- wenn Sie ihn verborgen halten, werden Sie
ernste Unannehmlichkeiten haben.“ So ging die Untersuchung nach allen
Regeln der Polizeikunst los. Doch kein Benno Streitmüller, nicht einmal
sein Bruder Paul wurde aufgestöbert. Wie dann die Postkiste angelangt
war, fanden sich darin Blechdosen. Das war ja nun bedenklich. Darin
mochten die Dynamitbomben verwahrt sein. Mit größter Behutsamkeit ging
man vor -- konnte doch so’n Dings einem vor der Nase explodieren --
und das Gesicht konfiszieren ... „In Wasser legen!“ krähte Rat Hegel
und retirierte, als ein waghalsiger Polizeier eine der Höllenmaschinen
öffnete ... Huhu brrr! Es waren rätselhafte Kugeln darin, faustgroß und
dunkelrot. Jetzt hatte der heldenhafte Detektiv sein Käsemesser gezogen
und wagte in solch eine Kugel -- höchst schauderbar -- hineinzupieken.
„Det sieht ja aus wie Paradiesäppel!“ meinte er schnüffelnd -- „Jotte
doch, richtije Paradiesäppel, wo neierdings Tomaten heeßen. Wat
will die Bande mit Obst?“ Nun bestätigte die Haushälterin, in den
Blechdosen seien eingemachte Tomaten, und als man ihr den Inhalt der
Postkarte mitteilte, gab sie unter Gelächter die Aufklärung: Fürst
Krapotkin, ein passionierter Tomatenzüchter, habe Benno Streitmüller
für seine Züchtungsmethode interessieren wollen. Und Fifi, der aus dem
Käfig Ausgebrochene, war ein Kanarienvogel Krapotkins -- in seiner
Unerfahrenheit hatte das Tierchen sein Freiheitsideal außerhalb des
Vogelbauers, im wüsten London gesucht.
Nicht ganz so harmlos wie die geschilderte Begebenheit, doch ebenso
charakteristisch, verlief jene andere, die mich persönlich mit dem
Igel aneinander brachte. Es mochte ihm bekannt sein, wer seinen
zoologischen Spitznamen geprägt hatte, der ihn ebenso wurmte, wie der
„Junge Fritz“ eine Schmeichelei bedeutete. Vollends gehörte ich zu
der Literatursippe und war einer der Schlimmsten. Genug, ich witterte
längst, daß er mir nicht grün; ja von Anfang an hatte mich der lauernde
Zug in den Schweinsäugelchen ahnen lassen, dieser Igel werde mal einen
listigen Gang mit mir tun und trage sich mit dem Vorsatz: „Warte nur,
frecher Langbein, ich werde dich noch zur Strecke bringen, wie mein
Namensvetter von Buxtehude!“
Na ja, an Diensteifer ließ er ’s nicht fehlen, als die Reiberei
losging. Die Einleitung war ein Schriftstück, das vom Amtsdiener Bolle
in meine Wohnung gebracht, mich „zur Vernehmung“ aufs Amt lud. Mein
erster Gedanke war: Du hast wohl was Impertinentes in einer Rede gesagt
oder durch Druck veröffentlicht? und nun will dir der Staatsanwalt zu
Leibe? Aber nein doch! Wohl nur als Zeuge sollst du vernommen werden;
vielleicht auch wollen diese Büropedanten einfach das Personalregister
berichtigen. Sei’s, wie es sei -- wir werden ja sehen!
Die Vernehmung
Das Fritzenwalder „Amt“ war einstalliert in einem gemieteten
Landhäuschen, das nur ein Erdgeschoß mit einem großen Zimmer und ein
paar kleinen hatte. Längs der Wände lagen die Akten aufgestapelt,
in den Fächern hölzerner Gestelle ohne Verschluß, dem Staube,
der Vergilbung, den Motten preisgegeben. All diesen Akten hing
gewissermaßen die Zunge zum Halse heraus, und diese Aktenzunge war
gelb, grün, blau, rot, ein Kennzettel, um Rede zu stehen über den
Inhalt des Schriftstückes. Ein paar Schreiberseelen hockten an Pulten,
und wenn sie nicht frühstückten, rauchten oder plauderten, hörte man
ihre Federn kritzeln, dazu im Sommer den ländlichen Fliegenschwarm
summen und beim Nachbar die Hühner gackeln.
Rat Hegel saß dann -- vorausgesetzt, daß er nicht am Gestade der Müggel
die Angelrute schwang -- in einer Art Boudoir, das mit Schreibtisch und
Lutherstuhl ausgestattet war, auch mit Teppich, Liegesofa und etlichen
Bildern. Hier pflegte der Igel Amtspflichten zu erfüllen, die er nicht
der Kritik und Indiskretion aussetzen mochte. Wenn zum Beispiel eine
junge Witwe gegen ihre Steuereinschätzung reklamierte, oder wenn die
stattliche Frau Mauermeisterin in einer Bauangelegenheit den Vorteil
ihres Gatten wahrzunehmen suchte, oder wenn ein hübsches Dienstmädchen
... das heißt, ob das Mädchen hübsch, die Meisterin stattlich, die
Witwe jung war, tut eigentlich nichts zur Sache -- lassen wir’s!
Genug, in besagtes Geheimkabinett wurde ich von einem Beamten des
Vorderbureaus, dem ich meine Vorladung gezeigt, nach zeremonieller
Anmeldung geleitet. Der Igel erhob sich von seinem Sessel am
Schreibtisch, zog unter Augenzwinkern den Kopf zwischen die Schultern
-- was eine gemessene Verbeugung sein sollte -- lud mich durch
Handbewegung auf das Sofa und nahm die hochwichtige Schreibarbeit
wieder auf, die mein Eintreten unterbrochen hatte. Als mir sein
Kritzeln zu langweilig wurde, stand ich auf, die Bilder zu betrachten,
mit denen das Boudoir geschmückt war. Das Portrait des greisen Kaisers
in Öldruck war mir nicht ganz neu; wohl aber ein großes Gruppenbild,
das den Amtsvorsteher darstellte, inmitten des Gemeinderats und der
Freiwilligen Feuerwehr.
„Hä?“ grunzte der Igel in etwas mißbilligendem Tone, befremdet
durch meinen Mangel an Befangenheit. „Sie kommen gleich dran. Die
Zeit soll Ihnen nicht lang werden.“ -- „Bitte!“ gab ich im Tone der
Wurstigkeit zurück und vertiefte mich nunmehr in die Photographie des
Landrats. Doch schon hatte er die Feder hingeworfen und ein Aktenstück
aufgeschlagen. Mit nachlässigem Genuschel las er: „Zu vernehmen der
Schriftsteller Dr. Bruno Wille zu Friedrichshagen, Kastanienallee
neun.“ Stechend blinzelten seine Schweinsritzen zu mir herüber: „Das
sind +Sie+ -- hä? Wollen Sie gefälligst wieder Platz nehmen!“
Ich setzte mich, und nachdem er abermals eine spannende Pause gemacht
hatte, indem er die Akten durchblättert, fuhr er fort: „Da ist ’ne --
Sache vom -- Königlichen -- Provinzial -- Schulkollegium -- hä?“ Und
grausam listig fixierten die Äugelchen ihr Opfer.
Ich war nichts weniger als bestürzt. Eine Schulsache? Ich fühlte
mich erleichtert, fast übermütig. War ich doch die beklemmende
Aussicht los, daß mich der Staatsanwalt wegen einer freimütigen
Äußerung belangen wolle. Schule! Kollegium! Na ja, es wird sich um
gestundete Kollegienhonorare handeln -- schon recht! Diese alten
Studentenschulden müssen abgezahlt werden -- und nun will man mich
dringend mahnen. Was könnte ich sonst mit der Schulbehörde zu tun
haben? -- Wie? Oder sollte diese Geschichte den Jugendunterricht
angehen, den ich in der freireligiösen Gemeinde erteile? -- Meine
dämmernde Ahnung wurde rasch zur Wahrscheinlichkeit, getroffen vom
nüchternen Lichte historischer Realität. Gehört doch Friedrichshagen
zu Preußen, und hier, wo der Gesetzentwurf des Ministers von
Zedlitz-Trützschler, eine Verfrommungsattacke auf die Volksschule,
soeben von der öffentlichen Meinung abgewiesen war, schlich nun das
Dunkelmännertum auf Hintertreppen, um durch administrative Verfügungen
Vorteile zu gewinnen.
„Ja und --? Was will denn das Provinzial-Schulkollegium?“ erlaubte ich
mir, mißtrauisch und etwas ungeduldig zu fragen. Wieder in das Dokument
vertieft, wiegte der Rat den Kopf, als wisse er nicht, wie er die
Sache anfassen solle. Da er gemerkt hatte, daß sein Amtsgesicht nicht
imponiere, suchte er mir auf andre Art beizukommen. Schüttelte also
das mit fuchsiger Perücke gezierte Denkerhaupt, als befremde ihn der
Inhalt des Schriftstückes. Aufatmend in den Lutherstuhl zurückgelehnt,
klatschte er die flache Hand auf das Papier: „P! Was soll unsereins
nicht alles! So ’nem Amtsvorsteher werden die schwierigsten Sachen
zugemutet. Gewisse hochgestellte Herren scheinen zu denken, man is so’n
richtiger Packesel -- für ihre diplomatischen Missionen -- hä?“ -- Mein
Lächeln für Beifall nehmend, suchte er diese Stimmung zu begünstigen
und fuhr im Tone einer behaglichen Beschaulichkeit fort: „Unser Großer
Friedrich hat gesagt: In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson
selig werden. Das ist auch mein Grundsatz -- naturgemäß.“ Zustimmend
neigte ich ein wenig den Oberkörper, und es fuhr der Igel fort: „Na
ja! Darin sind wir einig! Nun aber das da! P!“ Und wieder klatschte er
nichtachtend auf das Dokument -- „was soll man +dazu+ sagen, hä?“
„Aber Herr Rat, ich weiß ja noch gar nicht --?“ Beschwichtigend hob
er die Hand: „Lassen Sie mich zuvor bemerken, daß +mich+ hier
keinerlei Schuld trifft -- nicht die mindeste Verantwortung, als Mensch
sozusagen. Auch für mich gilt das Wort jenes englischen Prinzen: Ich
diene!“ -- „Ich zweifle nicht, Herr Rat.“ -- „Ja, nicht wahr? Und
Sie können sich denken, Herr Doktor -- wenn die Herren oben -- Sie
verstehen, wen ich meine! wenn sie vorher bei +mir+ angefragt
hätten, ob die Sache opportun sei ...“ -- „Sie meinen die Sache da vom
Provinzial-Schulkollegium?“ -- „+Ich+ hätte gesagt: +Nicht+
opportun!“ -- „Aber hat sie denn was zu tun mit dem Grundsatz, daß
jeder nach seiner Fasson? Wie? Mit Religion? Ach so, es handelt sich
wohl um die Freireligiöse Gemeinde?“ -- „Naturgemäß! Ja und nun sagen
Sie mal, Herr Doktor, was +wollen+ denn diese Freireligiösen,
hä? Sie möchten wohl ganz ohne Glauben sein? ohne Pastor und ohne
Kirche, hä? Na ja, wissen Sie, so’n +bißchen+ freireligiös -- und
wenn ich auch ein konservativer Mann bin -- im Grunde unseres Herzens
haben wir alle heutzutage so’n Stück Freigeist. Ich selber habe mal im
Gemeinderate -- als es sich um die Waldparzelle für die Wasserwerke
handelte, -- da habe ich unverfroren gesagt: +Meine+ Kirche --
wissen Sie, meine Herren, was +meine+ Kirche ist? Der Wald! --
Ja wohl, Herr Doktor, das hab ich rund heraus gesagt. Sehn Sie, darin
bin ich +auch+ freireligiös ... Wer hat dich, du schöner Wald,
aufgebaut so hoch da droben?“
Es fiel mir nicht leicht, den Schein der Ernsthaftigkeit zu wahren.
Seine Erwähnung des Waldes brachte mir eine hölzerne Warnungstafel
in Erinnerung, die damals am Eingang zum Forst angeschlagen war,
unterzeichnet „Amt Friedrichshagen. gez. Hegel.“ Sie enthielt
die monumentalen Worte: „Das Betreten dieses Waldes ist nur mit
geschlossener Pfeife gestattet.“ -- „Sehr verdienstvoll, Herr Rat,“
-- lächelte ich -- „daß Sie in unserm Friedrichshagen etwas von
der friderizianischen Tradition lebendig halten.“ Wie wenn einem
Berliner Weißbierphilister die Kohlensäure prickelnd in die Nase
steigt, so wurden des Igels Nüstern angenehm geschwellt, und vor
Genugtuung funkelten seine Äugelchen. „Aber“ -- so fuhr ich fort --
„darf ich mir die Frage erlauben, inwiefern unser Religionsgespräch,
das mir ja an und für sich interessant ist -- ich meine, inwiefern
es zur Sache gehört -- zu meiner Vernehmung in Angelegenheiten des
Provinzial-Schulkollegiums?“ Er nickte, und mich streifte ein echter
Igelblick -- in dem sich Pfiffigkeit und Mißtrauen mischten. „Zur
Sache gehört das alles -- ganz naturgemäß. Was nun Ihre Anspielung
auf den friderizianischen Geist betrifft, so ehrt sie mich. Indessen
muß ich eine Einschränkung geltend machen. Es hat nämlich der geniale
Friedrich -- bei aller Freigeisterei -- an gewissen Ideen der Religion
festgehalten. Vor allem an der Idee des höchsten Wesens, wissen Sie,
hä?“
„Des höchsten Wesens? Hum! Ja, aber es kommt bloß darauf an, was
man darunter versteht!“ -- „Ja, verstehen denn die Freireligiösen
+überhaupt+ etwas darunter?“ Jetzt begegnete ich dem lauernden
Blick des Anglers, wenn er dem anschwimmenden Fischlein den Köder
hinwirft, mit dem es den Haken verschlucken soll. Da ich schwieg, so
lockte er weiter: „Allerdings, wer unter dem höchsten Wesen einen
weißbärtigen Herrn versteht“ ... Unsicher geworden, verstummte er, ich
aber nahm seinen Gedanken auf: „An den weißbärtigen Herrn glauben Sie
also wohl selber nicht, Herr Rat, wie?“ -- „Immerhin an einen Gott!“
eiferte er mit Salbung -- „an ein höchstes Wesen, das über der Natur
waltet -- als Regent, als Persönlichkeit -- darauf kommt es an -- hä?“
„Ja so! Persönlichkeit! Aber müßte ein höchstes Wesen denn nicht
+erhaben+ sein über jegliche Beschränkung? Persönlichkeit
+ist+ doch Beschränkung!“ Sein Gesicht wurde eisig und simpel,
und er murrte: „Beschränkung? hä? Na, das ist denn doch stark! Da muß
ich doch bitten ... Mögen +gewisse+ Persönlichkeiten -- mögen sie
beschränkt sein -- so gibt es doch andere -- die alles eher, nur nicht
beschränkt sind -- sollte ich meinen -- hä?“ Und seine Äugelchen suchte
er aufzureißen zur gebieterischen Hoheit seines genialen Vorbildes. --
„Aber nein doch!“ beschwichtigte ich -- „eine bestimmte Persönlichkeit
zu verkleinern liegt mir fern -- und Goethe hat ja auch mit Recht
gesagt: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit!“ --
Er wurde wieder friedlich: „Wollt’ ich mir auch ausgebeten haben.“ Dann
schien er über das Rätsel der göttlichen Persönlichkeit zu grübeln --
bis er auf einmal erleuchtet deklamierte: „Gott ist -- ein Geist!“ --
„Und die ihn anbeten,“ zitierte ich weiter, „sollen ihn im Geist und
in der Wahrheit anbeten. Schon recht! Doch weshalb müssen dann unsere
Schulkinder im wörtlichen Sinne glauben, daß Gott den Menschen nach
seinem Ebenbilde geformt, also ebenfalls einen Körper habe? Und daß
er im Garten Eden in der Abendkühle lustwandelte? Und dem Abraham als
dreifältiger Mann erschien? Und mit Mose auf dem Sinai redete? Und bei
Jesu Taufe vom Himmel rief: Dies ist mein lieber Sohn?“