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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1914 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke und Passagen in Dialekt wurden nicht
korrigiert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden nur teilweise als deren
Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Zur Vereinheitlichung wurden
letztere in der vorliegenden Bearbeitung in die ansonten überwiegend
verwendeten Umlaute umgewandelt.
Der Übersichtlichkeit halber wurde das Inhaltsverzeichnis vom
Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration:
Bartels W. Bölsche Julius Hart Zwei Pennbrüder
Bruno Wille im Gefängnis]
Bruno Wille
Das Gefängnis zum
Preußischen Adler
Eine selbsterlebte Schildbürgerei
Mit einem Bild des Gefängnisses
[Illustration]
Erstes bis fünftes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1914
Kapitelverzeichnis
Seite
Blüh auf, gefrorner Christ 1
Vom Löweneckerchen 5
Anno dunnemals 14
Der Igel 22
Die Vernehmung 31
Der innere Feind 43
Brotkorb und Maulkorb 50
Milderung des Sittenklimas 55
Die olle Konservenkiste 59
Pfändung der Habe 70
Der Tierkreis 77
Verhaftet 82
Robinson richtet sich häuslich ein 90
Der Kreispfiffikus 98
Doktor fürs Vieh 106
Das Flugblatt 109
Die Grille im Käfig 116
Die Pennbrüder 121
Der Gefangene wildert Grünlinge 124
Das Preußenherz 135
Der Biedermaxe 141
Einsamkeit 151
Italienische Nacht 163
Herbstnachtigall 172
Von Badewannen und Müggelpiraten 177
Schwedische Schüssel mit Konfusionen 184
Goldmacherei und Strindbergs Koffer 191
Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel 193
Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels 197
Aschenputtel und der Lizentiat 203
Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger 211
Dreck--Speck--Zweck überhaupt 219
Was der Teelöffel anstiftete 224
So leb denn wohl 230
Kartoffelkomödie 233
Gedruckt in der Frommannschen Buchdruckerei in Jena
Blüh auf gefrorner Christ
Ostersonne, welch sanftes Feuer in deinem Kusse! Strahlenselig
blinkerst du im feinen Wellenspiel hier vorn beim gelben Ufersande.
Weiterhin glatt die mächtige Wasserfläche, blau spiegelt sich darin
die Himmelswölbung. Wie blitzende Schneeflocken schweben ein paar
Federwölkchen. Am jenseitigen Ufer hingedehnt eine Hügelkette mit
Kiefernwald. Veilchenfarbene Schleier sind diese Massen, zart wie
Duft ... O Zaubermacht der Ferne, wie weißt du zu verklären! Harte,
schwere Körper lösest du auf in stoffloses Leuchten. Und Erlebnisse,
die einst peinlich berührten wie kreischendes Geräusch, läutern sich
zu friedlich heitrer Stimmung. Osterfeier der Seele -- am Grabe, wo
ein hingemarterter Erdensohn in Todesbanden gelegen, lächelt der
weißgekleidete Himmelsbote: „Er hat sein Gefängnis verlassen!“
„Blüh auf, gefrorner Christ!“ So klingt es in mir, ein verschollenes
Gedicht -- und immer muß ich hinlauschen. Weiß nicht, wie es weiter
geht; etwas zärtlich Schönes muß es wohl sein -- etwas wie dies laue
Sonnenküssen und dies lichtgrüne Gras, bei dem ich im Ufersande lagre.
Durch die blaue Luft flattern Träume von blühendem Schlehdorn, von
goldigen Himmelschlüsselchen ... Und wieder jubelt es in mir: „Blüh
auf, gefrorner Christ!“
Wer ist es doch, der diese Weise sang? Sie mahnt an alte Frömmigkeit,
an einen Heiland, der innen aufersteht. Und deutlicher wird sie mir:
ein Auftakt ist sie vom „Cherubinischen Wandersmann“. Schon ein viertel
Jahrtausend, seit diesem Poeten seine frommen Sprüche aufgingen. Doch
jung bleibt solche Gottseligkeit, jung wie Sonne und Erde, die mir
immer wie große Kinder vorkommen. „Blüh auf, gefrorner Christ ...“ Und
weiter? Ich weiß nur, daß es in den Versen wie Lerchenlaut zwitschert
-- und eben fällt mir noch ein, daß der Frühling den gefrornen Christen
ermahnt, die winterliche Erstarrung aufzugeben.
Ja, so hat es hier der weitgedehnte See gemacht, an dessen Ufer ich in
molliger Aprilsonne schauend schwelge. Vom Tauwind ward seine Eisdecke
zermürbt, zerschmolzen, und nun „blüht“ der See. Heiter leuchten die
sanften Farben seines Spiegels. Dort in der schilfigen Bucht wimmelt
es von verliebtem Wassergeflügel. In das Schnarren der Teichhühner,
Haubentaucher und Gänseseeger mischt sich schüchternes Koaksen von
Fröschen, glockenhaftes Unken von Kröten.
Auch in mir blüht etwas auf, wie ich mich so dem Frühling hingebe. Ein
erster gelber Falter taumelt dahin, trunken von Sonne und lauer Luft.
Gänseblümchen lächelt ihm zu -- wie ein Bauernkind ist es in seiner
gesunden Frische und einfältigen Lieblichkeit. Neben ihm Jungvolk
von Grashalmen -- ich lehne meine Wange ans zarte Grün. Da sind auch
Huflattichs gelbe Sterne und die Milchtropfen des Hungerblümchens.
Das Erlengezweig am sumpfigen Ufer ganz lila -- das machen die
Blütenkätzchen, rötlichen Raupen ähnlich. Von den walzenförmigen Blüten
der Haselnußstaude stäubt gelber Puder.
Und sieh doch, am Saume des Kiefernwaldes bei den Baumwurzeln
glimmert’s wie blankes Kupfer: blühendes Moos! Das ernste Dunkelgrün
der Moospolster hat einen zarten Flaum zur Sonne emporgetrieben, lauter
goldbraune Fäserchen. Und jedes Fäserchen eine Blüte, selig, voller
Leben und Zukunft -- jedes Blütenfäserchen ein schimmerndes Kunstwerk.
Und der Ufersand, sieh, welch Glitzern und Flirren! Jedes Körnchen
ein blitzendes Edelgestein -- Goldpunkte ohne Zahl -- Lichtstaub der
Milchstraße -- Wunder wie Sand am Meer! „Klein das Große -- groß das
Kleine.“ Wie das Hehrste, das wir uns vorstellen können, klein ist vor
der Unendlichkeit, so bedeutet andrerseits jede Winzigkeit eine ganze
Welt -- und die Holdseligkeit dieses Frühlingsbildes ist gar nicht
auszuschöpfen, sofern du den Sinn öffnest für die Fülle der Schöpfung
... „Blüh auf, gefrorner Christ!“ Der goldige Baldur ist da, ist neu
erstanden aus Finsternis und Eis. Baldur ist nicht bloß der Lenz, die
Jahreszeit; ich meine zugleich jene erweckende Macht, die aus trübem
Geschick dem Herzen, das vom Frost auftaut, Auferstehung bereitet und
Himmelfahrt. Und nun erinnere ich mich, wie der Vers weiter geht: „Blüh
auf, gefrorner Christ -- der Mai ist vor der Tür!“
Sieh doch, ein Silberfunke sprüht vom Seespiegel ins blaue Luftreich!
Hüpft die leuchtende Schönheit des Wassers in lenzlichem Übermut? --
Nur ein Hecht war’s -- der Hungrige hat sein Opfer verschlungen.
Und eine Möve kommt geschwebt. Zierlich wiegt sie sich, wie Schnee
blitzt die Schwinge über der stahlblauen Flut. Mit sachtem Flattern
sinkt sie auf den Wasserspiegel und tunkt den Schnabel hinein, leicht
und zierlich. So umgaukelt ein Schmetterling zum Kusse seine blaue
Blume ... Nicht doch! Die sanfte Bewegung des weißen Gefieders, dies
scheinbare Kosen der Flut ist tatsächlich ein mörderischer Überfall;
den zappelnden Fisch im Schnabel strebt schwerfälligen Flügelschlags
der Raubvogel zum schlammigen Strande, die Beute zu verzehren.
Sirene Natur! Raubtier in lockender Schönheit! Doch ich klage nicht an
-- bin selber ja Natur. Ich lächle -- und mag Wehmut im meinem Lächeln
sein, so doch kein Weh. Seelenruhe hält mich umfangen, keine Wolke soll
Trübung bringen. Mag lieber das graue Gewölk sich verklären zu goldenem
Dufte!
Sonne, leuchtende Sonne, du freilich tust not zum Verklären. In den
trüben Dunst der Gewöhnlichkeit muß etwas rinnen aus jenem Born, dem
das ewige Licht entquillt. So erfüllt sich die Verheißung: „Wisset
ihr nicht, daß ihr Götter seid.“ -- Ach, wie oft wissen wir’s nicht!
Und das sind die Winterzeiten der Seele -- da wähnen wir uns nichts
Besseres als trüben Erdenkloß, chaotisch zusammengeklumpt für ein
Weilchen -- darauf angewiesen, mit Angst und Gier dies knappe Dasein
zu behaupten ... „Der Mai ist vor der Tür!“ O Frühling, der du alles
verklärst, wecke mir stets aufs neue zur Heiterkeit den Sinn, daß er
aus den Gefängnissen aller Art Ausblicke finde zur Fülle des Lebens. Wo
man sonst, weil Staub das Auge trübt, nur garstiges Chaos sieht, nur
Zufall und blind tappendes Geschick, wo man sich aufregt über „Glück“
und „Unglück“, wo man grollt und verdammt, von schmeichelnder Hoffnung
umgaukelt oder verstört von Sorge, -- da sieht der Erweckte in allem,
was die Zeiten bringen, den Bezug zum Unendlichen. Und über sein Gemüt
kommt eine Stille, daß er sein Schicksal heiter beschaut, wie dieser
See Ufer und Himmel spiegelt.
Das ist die „geistige Gottesliebe“, wie Spinoza sagt, ist die „Schau
der Ewigkeit“. Tief klingt es und schwer -- und ist doch etwas
Schwebendes, Hohes, ist ein seliger Überblick, wie er sogar dem Vöglein
ein wenig gelingen mag -- der Lerche, die dort von der Ackerscholle des
Forsthauses jubilierend emporsteigt.
O lausche doch!
Ein schmiegt sich die süße Melodie in die Symphonie des All-Lebens!
Schwinge dich auf! Sammle die Kraft zum Emporstieg -- aus deinem
Innern schöpfe sie! Forme zur Macht, was dich niederdrücken will! Sein
geheimer Beruf ist, deinen Widerstand zu wecken. Des Winters Mission
und der tiefe Sinn aller Trübsal heißt Baldur. Sei du ein Auftauen der
Eisscholle! Sei du einer, der aus dem Gefängnis ins Freie geht. Sei du
Knospe, die aus enger Hülle ihr Sonnenkindlein entwickelt, mündend in
unermeßliche Nachkommenschaften. Sei du Frühlingslerche, von Andacht
emporgetragen über die dunkle Ackerfurche, hingegeben dem Lichte, dem
Klange!
Mag doch eine Strecke deines Lebens finster und öde aussehn -- es
kommt ein Lenzen, da glimmert es dir auf wie blühendes Moos, da bricht
der Lerchentriller hervor, und der bisher verborgene Zusammenhang der
Dinge erschließt sich. Mit staunender Andacht erschaust du: ein elendes
Stück Dasein, roh und ungefüge, Staub und Schlamm, ordnet sich ins
unendliche Leben, wie Dissonanzen in die Symphonie, und hat auf einmal
Sinn, Stimmung, Schönheit, gütige Heiterkeit und Weisheit.
Und nun fällt mir ein, wie der ganze Frühlingsspruch lautet:
„Blüh auf, gefrorner Christ!
Der Mai ist vor der Tür;
Und ewig bleibst du tot,
Blühst du nicht jetzt und hier!“
Vom Löweneckerchen
Mit Entzücken lauschte ich -- zurückgelehnt in den molligen Ufersand,
so daß mir Halme die Schläfen umschmeichelten. Ich lausche der Lerche,
die bei ihrem Taumeln durch den Äther vom Ostwind herübergetrieben
wurde. Nicht mehr über dem Forsthaus-Acker stand sie, sondern senkrecht
über mir. Deutlich sah ich ihre Flügelchen den Takt wirbeln zum
Trillern der kleinen Kehle; die sprudelte wie ein singender Quell.
Einen schönen Namen, Lerche, haben dir die Lateiner gegeben:
~Alauda~ -- das heißt: „Lobe aufwärts!“ Dieselbe Bedeutung hat
wohl auch dein deutscher Name. Meine niedersächsischen Landsleute
nennen dich Lewerken, Löwarke oder Lauberchen, und ich denke, das soll
heißen: „Loberchen“. In Hessen sagt man „Löweneckerchen“.
Dies Wort hat nichts zu tun mit dem König der Wüste. Allerdings erzählt
das hessische Märchen von einem Löweneckerchen, das, auf der Spitze
eines Baumes trillernd, von einem Löwen bewacht wird; indessen ist hier
der Löwe kein Raubtier, sondern ein verzauberter Königssohn ...
Doch zunächst wäre ja wohl der Anfang der Geschichte zu berichten.
Also: es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor, und beim
Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle.
Da begehrte die Älteste Perlen, die Zweite Diamanten, die Jüngste aber
sprach: „Ach lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes
Löweneckerchen!“
Mit dieser Tochter nun bin ich, der Chronist, von Herzen einverstanden,
wie ich es überhaupt in den Märchen alleweil mit der dritten Tochter
halte, ebenso mit dem jüngsten Königssohne -- die Jüngsten sind des
Märchens Lieblinge (wohl weil sie noch ihre Kindlichkeit haben). Auch
ich bin von Kindesbeinen an dem singenden, springenden Löweneckerchen
überaus hold gewesen.
Vom Löwen, wenn es nicht gerade ein verwunschener Königssohn ist,
halt’ ich nicht viel und gebe mich lieber der Vermutung hin: das
Löweneckerchen hat seinen Namen von: Loben Äckerchen -- weil es lobt
sein Äckerchen. Das Äckerchen, dem solch trillerndes Loben behagt,
läßt dafür seine Pflanzenkinder hübsch gedeihen: Zum Mittsommerfeste
wimmeln die blonden Ähren im Reigen, und Junker Mohn im roten
Staatsrock führt zum Tanze Jungfer Kornblum mit dem Krinolinenkleid
aus blauer Seide. Während dann Löweneckerchen droben trillert, lauscht
von der Ackerscholle sein Weibchen empor. Im Halmenneste brütet es; da
platzen die graugesprenkelten Hüllen, und aus jeder schlüpft ein neues
Löweneckerchen -- wenn es auch nicht gleich so singen und springen kann
wie Väterchen in blauer Himmelsaue.
Nun soll ich wohl noch mehr verraten vom Märchen, das so spannend
anhebt? Aber haltet euch lieber an die Brüder Grimm, die so manche
schöne Heimlichkeit dem Volksmunde abgelauscht haben; dort kann man die
Geschichte lesen.
Meinerseits habe ich vom Löweneckerchen nur aus dem Grunde angefangen,
weil es sozusagen in meinem Herzen ein Nest hat, also zu den
Wunderlichkeiten des Mannes gehört, der dies Gedenkbuch schreibt und
dabei von seinem Vogel ähnlich beeinflußt wird, wie der Acker vom
Lerchenliede.
Nach allem, was ich berichtet habe, wird es nicht wunder nehmen, daß
der fliegende Sänger, der am Seegestade über mir trillerte, allmählich
niedersank, bis er kurz über meinem Kopfe verstummte und sich fallen
ließ. Gerade in meinen offenen Mund hinein. Das war ja nun keine Taube,
wie sie den Bewohnern des Schlaraffenlandes gebraten ins Maul fliegt,
kam mir aber nicht minder alltäglich und selbstverständlich vor. In
mich hinein gehörte ja mein Vogel. Ich fühlte denn auch, daß er sofort
in mein Herz geschlüpft war und nun ruhig brütend da saß ...
Doch ich wittere, daß meine Leser unruhig geworden. Auf natürliche
Weise geht es nach ihrer Ansicht nicht zu, daß in einem Menschenherzen
ein Vogel nistet. Drum muß ich wohl noch etliche Züge verraten aus der
Naturgeschichte meines singenden, springenden Löweneckerchens.
Daß ich solch ein Ding beherberge, stellte sich zum ersten Male heraus,
als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Ich fand es noch nicht
unter meiner Würde, auf einem hochbeinigen Stühlchen zu thronen, --
vorn hatte es eine Schranke, um Kindchen vor dem Hinuntergleiten zu
bewahren und zugleich als eine Art Tisch zu dienen für Spielzeug oder
Blechbecherlein.
In diesem Käfigstühlchen also saß ich am Familientisch bei Vater,
Mutter, Bruder. Neben der Kaffeekanne, über die eine gemütliche
Wollmütze zum Warmhalten gestülpt war, lagen im Gebäckkorbe
Martinihörnchen. So nannten wir Magdeburger ein Gebäck in Form eines
Hornes oder richtiger Hufeisens, von alters her am Tage Martini
gebacken, zu Ehren eines Heiligen, der -- wie ich später erfuhr --
nichts Geringeres ist als der höchste Gott der alten Deutschen; wegen
seines martialischen Berufes ist er dann von den christlichen Priestern
zum heiligen Martin umgedeutet worden, der ein Reitersmann gewesen wie
Wotan und bis in unsre Zeit in Gestalt jener Martinihörnchen einen
Bezug auf das Hufeisen des Wotanrosses bewahrt hat.
Während mir mein Martinihörnchen mundete, blickte mein Vater
träumerisch durchs Fenster und sagte auf einmal lebhaft: „Da kommt
Sankt Martin auf dem Schimmel geritten!“ Diese Redensart wandte
der Volksmund an, wenn am Martinstage, der in den November fällt,
Schneeflocken stöbern.
Hier regte sich auf einmal mein singendes, springendes Löweneckerchen:
Ich sah nicht bloß die Flocken, die draußen vom grauen Himmel in
den engen Hof des städtischen Mietshauses wirbelten, sondern sah in
leibhaftiger Wahrheit ein weißes Roß und den rotbärtigen Reiter mit
Schlapphut und Mantel, schwertumgürtet -- so wie ich Sankt Martin aus
einem Bilderbuche kannte. Gleich darauf war er vorübergesprengt, und
nun war alles wieder wie sonst: eine bekalkte Wand, ein Ziegeldach,
eine blecherne Dachrinne. „Hast du gesehen?“ fragte mein Vater
geheimnisvoll, ich nickte sprachlos.
Noch ganz erfüllt von dem Abenteuer, tat ich in der Küche unserm
Dienstmädchen Bericht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, und wie ich
nunmehr behauptete, ganz deutlich hätte sich der Schimmel vor der
Dachrinne gebäumt und hui, einen gewaltigen Satz übers Dach gemacht, da
lachte mir Marie ins Gesicht und tippte mit dem Finger auf ihre Stirn:
„Junge, du hast’n Vogel!“
Damals merkte ich, daß es eine Mißachtung sein soll, wenn gewöhnliche
Leute so was von jemand sagen. Als ich in die Schule ging, wendeten
meine Mitschüler des öfteren diese Unhöflichkeit an, und ich sprach
sie gelegentlich wohl nach, obwohl mir die Ahnung schon dämmerte, daß
solch ein Vogel manchmal eine Gottesgabe ist, die einer, so sich drauf
versteht, lieber mag als Perlen und Diamanten.
Unser Hauswirt, der einen Ladenhandel mit Kolonialwaren hatte,
vergnügte sich an einer Landwirtschaft im kleinen; auf seinem Hofe gab
es Tauben, Hühner, sogar einen Ziegenstall, und die Ziege war meine
Freundin. Einst las ich ihr aus meinem Märchenbuche vom Wolf und den
sieben jungen Geißlein vor, während sie gemütlich aus ihrer Raufe
knupperte -- es war ihr Leckerbissen, grüne Erbsenstauden, daran hingen
sogar noch etliche Schoten. Auf einmal hinter mir höhnisches Lachen,
und August, der Sohn des Hauswirtes, machte die bekannte Gebärde: „Du
hast’n Vogel!“ Damals war ich dumm genug, mich darob zu schämen. Es
dauerte aber nicht lange, so ging mir ein Licht auf.
August, dem ich mein Märchenbuch anpries, wurde neugierig, und ich lieh
es ihm. Als ich etwas später fragte, wie ihm das Buch gefalle, meinte
er gleichgültig, er habe bloß darin geblättert. Bald darauf brachte er
mir das Buch zurück und sah mich mit einem Blicke an, kalt wie eine
Hundeschnauze: „Is ja allens jelogen!“
Gelogen? Verdutzt war ich, ganz bestürzt. Meine lieben Märchen und
gelogen? Lügen ist doch was Häßliches, Niedriges; meine Märchen
aber sind schöne, edle Prinzessinnen! Ich fühlte, wie ich bei ihnen
ordentlich was Besseres wurde. Nun aber August! Spürte er denn gar
nichts von all der Herrlichkeit? Nein, wie dumm!
Aha! jetzt wußte ich auf einmal, was mir im Herzen nistete; und ich
sprach zu August: „Du sagst immer, ich habe ’nen Vogel. Hab’ ich auch!
Aber weißt du, was für einer das ist? Ein singendes, springendes
Löweneckerchen! Dein Vogel -- na ja, der muß wohl ganz was andres
sein!“ -- „Meiner?“ entgegnete August dummstolz -- „ick habe keenen
Vogel!“ -- „Es hat jeder seinen!“ gab ich zurück.
Und an dieser Überzeugung hab’ ich festgehalten. Ich behaupte auch
jetzt noch: jeder hat seinen! Nur freilich merkt es nicht jeder -- oder
ist nicht ehrlich genug, es einzugestehen. Schämt sich seines Vogels --
und mag in diesem Gefühl nicht immer ganz unrecht haben.
„Aber was soll der Vogel?“ fragt ungeduldig, wenn nicht gar pikiert
mancher Leser. „Was hat der Vogel mit der Chronik zu tun, um die es
sich hier handelt? Von der seltsamen Gefangenschaft will ich hören!“
-- Gemach! Eins nach dem andern! Ein gewissenhafter Chronist greift
an die Wurzeln der Dinge und entwickelt daraus die ganze Geschichte.
Um es rund herauszusagen: Der Vogel war’s, der mich in mein Gefängnis
zum Preußischen Adler brachte; mit seinen Launen hat er alles
heraufbeschworen. Ich meine freilich nicht bloß +meinen+ Vogel,
sondern zugleich den Vogel andrer Leute. Ich meine die Vogelhaftigkeit
unsres guten Vaterlandes Schilda, -- und ich meine letzten Endes die
Vogelhaftigkeit des Weltalls. Weil also die Naturgeschichte des Vogels
durchaus zur Sache gehört, so darf ich wohl noch ein bißchen davon
plaudern. Aus dem Kapitel meiner Kindheit, das nun einmal aufgeblättert
ist, teile ich zwei weitere Erlebnisse mit. Sie sollen dartun, was für
ein launischer Kauz der Vogel des Verfassers ist. Man muß beizeiten
wissen, was man von ihm zu erwarten hat.
Wenn ich an Sommersonntagen mit meinen Eltern nach dem Dörfchen Krakau
spaziert war, wo man in einem Garten an der Elbe Kaffee trank, wenn
wir dann bei Sonnenuntergang nach der Stadt heimkehrten, kamen wir
vor Eintritt in den Festungsgürtel an einem Häuschen vorbei, das von
der Landstraße zurückgezogen in einem Obst- und Blumengarten lag. An
seiner Mauer blühten Rosen und Malven, zum traulichen Giebelfenster
hinan rankte Wein mit richtigen Trauben. Was mich am allermeisten
entzückte, war das rote Gleißen der Fensterscheiben. „Mit diesem Haus
muß es eine abenteuerliche Bewandtnis haben, weil doch Gold und Purpur
aus seinem Innern strahlt, und weil mir dann immer ein süßes Klingen im
Herzen anhebt. Da muß eine Fee hausen!“ Diese Vermutung hatte ich dem
August nicht verhohlen. Er trat an einem Ferientage zu mir: „Kommste
mit? Vater hat jeschäftlich zu duhn -- un weißte wo? Da, wo deine Fee
haust!“ Natürlich war ich bereit und war höchst gespannt.
Diesmal aber machte das rätselhafte Haus einen völlig andern Eindruck
-- schon deshalb, weil wir keine Abendsonne, sondern nebeliges
Herbstwetter hatten. Blätterlos hing das Gerank am Giebel, hinter
trüben Fenstern lauerte es unheimlich. Der Besitzer des Hauses kam uns
entgegen, ein hagerer, ältlicher Mann in Schlafrock und Wollmütze.
Er hatte stechend schwarze Augen und einen pfeifenden Atem. Augusts
Vater zog tief seinen Hut, und auch August benahm sich unterwürfig
vor dem Mann. Es hieß, wir dürften uns im Garten umsehn, und Augusts
Vater ging mit dem Manne ins Haus. Im Garten war ja nun diesmal nichts
Hübsches -- die Obstbäume standen kahl, welk lag unten das Laub, die
Himbeersträucher häkelten mit ihren Dornen, auf den Beeten moderten die
Strunke abgeschnittener Kohlhäupter. Ich fühlte mich erleichtert, als
Augusts Vater wiederkam. Und dann gingen wir.
„Was ist das für einer?“ fragte ich scheu. Verächtlich lautete die
Antwort: „Der Olle? Ein Halsabschneider!“ Es überlief mich kalt,
und ich dachte zuerst an einen Menschenfresser, wie sie im Märchen
vorkommen. Dann zog ich in Erwägung, daß August, der später die
Handlung seines Vaters übernehmen wollte, den Ausdruck wohl im
kaufmännischen Sinne meinte, und so viel wußte ich ja bereits, daß ein
Halsabschneider ein böser Mensch war. „Aber warum habt ihr dann solche
Bücklinge vor ihm gemacht?“ -- August zuckte die Achsel: „Jeschäft is
Jeschäft!“
Bedrückt schwieg ich, und damals in meiner ärgerlichen Enttäuschung war
ich schlecht auf meinen Vogel zu sprechen, der mir vorgefaselt hatte,
das Haus sei ein Feenschloß. Doch der Vogel verteidigte sich: „Kann
etwa das Haus dafür, daß einer drin wohnt, dem sie Garstiges nachsagen?
Jedenfalls sind die Blumen und Weinranken im Sommer wundervoll, und der
Goldglanz, der zuweilen aus der Giebelstube strahlt, er ist und bleibt
feenhaft, mögen auch die Leute sagen, es sei ja bloß die Abendsonne.“
Und wieder zufrieden war ich: „Schon recht, mein singendes, springendes
Löweneckerchen!“
Voll ernster Bedenken schüttelte mancher den Kopf, als Löweneckerchen
folgendes anstiftete: Unser Dienstmädchen hatte von meiner Mutter
Urlaub bekommen, um ihrem bäuerlichen Vater bei der Getreideernte
zu helfen, und da meine Sommerferien waren, durfte ich mit in das
Ackerbürgerstädtchen. Bald war ich mit den Bauerjungen bekannt genug,
um sie aufs Feld zu begleiten oder abends zur Pferdeschwemme. Einmal
umschwärmten sie einen betrunkenen Mann und johlten:
„Allzuviel is unjesund,
Jakade is ’n Schweinehund!“
Etliche Tage später ging das Gerücht, Jakade, in ewigem Hader mit
seiner Frau, habe sich aufgehängt -- wo, wisse man freilich nicht. Mit
einem Trupp Jungen kehrte ich von einem Nachbardorfe zurück, und da wir
an einem Kiefernwäldchen vorbeikamen, das sie den Hankebusch nannten,
streiften wir hinein, nach Pfefferlingen zu suchen. Es dämmerte schon
und war lauschig still. Meine Aufmerksamkeit wurde durch eine dunkle
Masse im Wipfel einer Kiefer gefesselt, und obwohl das nichts anderes
war als ein sogenannter Hexenbesen, täuschte mich die Ähnlichkeit
mit einer menschlichen Gestalt, und ich platzte heraus: „Da hängt
Jakade!“ Wie eine scheue Schafherde rannten auf einmal die Jungen aus
dem unheimlichen Hankebusch, ich ihnen nach. Auf der Landstraße wollte
jeder den Jakade deutlich erkannt haben, es hieß sogar, sein Gesicht
sei ganz blau und gelb gewesen.
Kaum waren wir im Ackerstädtchen angelangt, so flog auch unsere
Botschaft hindurch: „Jakade hängt im Hankebusch!“ Als wir zu Mariens
Vater kamen, der vorm Häuschen auf der Bank sein Pfeifchen schmauchte,
hatte er schon gehört und fragte die Jungen, die bei mir waren: „Wer
hät denn nu Jakaden jesiehn?“ -- „Der da!“ antworteten sie und zeigten
auf mich. -- „Is dat woahr?“ fragte der Landmann, und sein blaues Auge
spähte so durchdringend, daß ich meinte, er müsse in meinem Innern
den Vogel entdecken, an dem ich litt. „Oder is et jelogen?“ fuhr er
streng fort. Und nun fiel mir diese scharfe Unterscheidung aufs Herz:
Wahr oder gelogen! -- Ja, gab es denn nicht wenigstens ein Drittes? --
Kleinlaut klang meine Antwort: „Ich weiß nicht! Ich dachte: da hängt
einer! Und die andern haben ihn doch auch gesehen; sie sagten, er wäre
ganz blau und gelb im Gesicht.“ -- „War’s denn nu wirklich Jakade?“
Verlegen sah ich mich um und schwieg. Der Landmann sagte weiter nichts
als „hm“ -- und paffte seine Pfeife.
Als ich andern Tags durch das Städtchen ging, zeigte man auf mich,
und ich hörte sagen: „Dä is dat -- mit Jakaden!“ Und auf einmal kam
der totgesagte Jakade, wieder angesäuselt, aus einem Hause auf mich
losgetorkelt. Er drohte mit einem Stock: „Vafluchtijer Bengel, wat
häst du jesacht?“ -- Es traf sich gut, daß meine Ferien zu Ende waren,
sonst hätte dieser Jakade mich noch erwischt und am Verleumder ein
Strafgericht vollzogen. Da hatte ich nun den greifbaren Beweis, wie
wenig Verlaß auf meinen Vogel war.
Merkwürdig freilich, daß ein Jahr darauf Marie aus einem Briefe vorlas:
„Nu haben se den Jakade wirklich mit eenen Strick um den Hals dot
jefunden.“ -- „Na ja!“ wird der kritische Leser sagen, „Zufall, weiter
nichts! Jedenfalls läßt sich nicht abstreiten, daß dieser Vogel, wenn
er solche Geschichten macht, ein zweideutiges Viech ist.“
Zweideutig? Der Vogel hat allerdings manchmal seine Mucken. Ich glaube
bemerkt zu haben, daß es nicht gleichgültig ist, an welcher Stelle
meines Innern er sitzt.
Manchmal sitzt er mir auf den Lippen und schnarrt wie ein Starmatz --
das kribbelt dann so, man muß lachen, muß rasch die Lippen bewegen, --
und so gibt es zuweilen ein Geschwätz, aus dem man hinterher selber
nicht mehr klug wird. Auf den Lippen saß er mir gewiß damals, als ich
den Jakade hängen sah.
Des weiteren kann er auch im Kopfe sitzen, dann pfeift er hell und
scharf wie ein geschulter Dompfaff. Dabei ist einem zumute, als hätte
man eine Prise genommen und sich den Verstand so recht klar geniest.
Drittens nistet er, wie schon gesagt, im Herzen. Dann ist es voller
Sonne, die ganze Welt möchte man lieb haben -- wie damals, als ich der
Ziege vorlas und das goldige Feenschloß erschaute.
So recht frei aber fühle ich mich, wenn mein Löweneckerchen das
Allerschönste tut, wozu es der Himmel berufen: wenn es den blauen
Äther durchdringt und durchklingt. Ganz hingegeben sind mir dann
Ohr und Auge, Haupt und Herz; und was Menschenlippen nie singen und
sagen, hier tönts wie fühlende Flöten und Geigen -- als habe sich
Korn und Blumenwiese, Wipfelwogen und Wellenspiel, als habe sich die
ganze Sommerwelt mit all ihrer Sonnenliebe und Lebenstrunkenheit
zusammengefunden in dem einen jauchzenden Seelchen, dem flatternden
Punkte droben.
Anno dunnemals
Wo bin ich?
Ich packe meine Nase und rüttle mit forschem Rucke den Verstandskasten
zurecht. Nun finde ich mich wieder in die wirkliche Welt.
Ja, ja, ja! Die weite Fläche da vor mir ist der Müggelsee, vom Märker
„die Müggel“ genannt. Hat eine Tiefe bis zu acht Metern. Jenseits
blauen die waldigen Müggelberge, ganze fünfundneunzig Meter hoch,
wie ich aus dem „Touristenführer durch das Oberspreegebiet“ behalten
habe. Derselbe Gewährsmann nennt die Müggel den „Bodensee der Mark“.
Vielleicht wegen jener südlichen Hügel, die der Niederdeutsche
natürlich „Berge“ nennt, die er hier wohl gar mit dem Alpenwall am
Bodensee vergleicht. Oder vielleicht, weil die Spree, das Beispiel
des Rheins beherzigend, durch einen See fließt. Links, im Osten, wo
hinter der Rohrwildnis das alte Kirchlein von Rahnsdorf hervorlugt,
tritt die Spree in die Müggel ein. Rechts, weit hinter den roten
Ziegelmauern und Schlöten der Wasserwerke, bei der Friedrichshagener
Brauerei, fließt sie hinaus. In dieser Länge mißt die Wasserfläche fünf
Kilometer, während ihre Breite vom Nordufer, wo ich beobachte, nach den
Müggelbergen hinüber halb so groß ist. Zuweilen kann der See offenes
Meer vortäuschen; bei dunstigem Wetter verschwindet das jenseitige
Ufer, und wenn unter einer Brise Wellen über den Sandstrand spülen, ist
der Anblick ähnlich, wie von einer waldigen Ostseedüne.
Heute bleibt die Müggel auffallend einsam, -- ein Dampfer schleppt
ein paar Zillen, rechts blinkt ein kleines Segel. Noch zu früh ist
die Jahreszeit für Ausflügler. In den Sommerferien geht es hier hoch
her. Nach Zehntausenden zählen dann die Berliner; durch die Waldung
spazieren sie, erquicken sich am Sonnabend und am Freibad Müggelsee
oder belagern als Zuschauer in buntem Gewimmel die Sanddüne. Andere
machen in gemieteten Booten Ruderversuche, elegisch singend: „Still
ruht der See.“ Weht ein guter Wind, so sind die Jachten zur Stelle,
mit ihren ausgebreiteten Segeln gleich Schwänen, dabei wie Schwalben
hurtig. Dorfgänsen ähneln die langen Lastzillen, die trotz geblähten
Segels nicht eben flott vorwärtskommen, so daß der Schiffer mit der
Stoßstange nachhilft. Nun von Rahnsdorf her Vergnügungsdampfer mit
Musik. Kopf an Kopf wimmeln darauf die Ausflügler aus Berlin. Vorbei
geht es an den hübschen Villen, den baumreichen Seegrundstücken von
Friedrichshagen, vorbei an der waldigen Landzunge, wo das Wirtshaus
Müggelschlößchen zur Beschaulichkeit unter säuselnden Birken ladet.
Hier verläßt die Spree den Müggelsee. Dann kommen die Gartenhäuser
von Hirschgarten, der Dampfer gleitet unter einer Brücke hindurch
zur alten Stadt Cöpenick. Vorbei an ihrem Schloß und dem verwilderten
Park, durch die Wuhlhaide zum großen Volkshain von Treptow. Vorbei an
Lagerplätzen und Schuppen, in die Riesenstadt hinein ...
Doch lieber nicht gedacht an den brodelnden Hexenkessel Berlin. Im
Naturfrieden an der Müggel weilt es sich köstlicher -- zumal heute die
Störer fehlen und, wofern ich nicht nach den Wasserwerken blicke, mein
singendes, springendes Löweneckerchen mir den Traum heraufzaubert, die
Weltgeschichte sei noch um ein Vierteljahrhundert zurück.
„Anno dunnemals“, wie der olle krumme Kuschel, der Gemeinde-Kuhhirt, zu
sagen pflegte -- war Friedrichshagen noch einfältig hübsch. Seitdem hat
sich die Jungfer vom Lande städtisch zurechtgemacht -- wetteifert fast
mit Rixdorf. Ja ich vermute, wäre Friedrichshagen nicht nach seinem
Gründer, dem großen Friedrich, genannt, sondern mit einem ländlich
klingenden Namen, es wäre auch wohl der Versuchung erlegen, sich
umzutaufen, wie’s Emporkömmlinge zuweilen tun. Hat sich nicht Rixdorf
umgetauft in Neukölln? Und Kiekemal in Königstal?
Jedenfalls war das alte Friedrichshagen oder -- wie die Eingeweihten es
im Gegensatz zu heute nennen -- „Fritzenwalde“ noch ein richtiges Dorf.
Die Friedrichstraße, vom Bahnhof zur Brauerei erstreckt, eine breite,
sandige Dorfstraße. Ihre alten Maulbeerbäume, in vier Reihen gepflanzt,
legten Zeugnis ab von der Seidenzucht, die auf Befehl des alten Fritz
von den Kolonisten neben ihrer kleinen Landwirtschaft und Handwerkerei
betrieben wurde. Die Zucht der Seidenraupe ließ sich allerdings nicht
lohnend gestalten. Aber die Maulbeere wurde vorteilhaft nach Berlin
verkauft. Desgleichen die Sauerkirsche, in den sonnigen Hintergärten
herangereift und am Hügel der holländischen Windmühle, von wo man im
April einen Blick auf all die Blüten hatte. Obwohl zu meiner Zeit
die Maulbeerbäume nur noch streckenweise standen, bildeten sie
ein ehrwürdiges Wahrzeichen des Ortes, und es gab ein malerisches
Idyll, wenn gegen ihre knorrigen Stämme und dunkelgrünen Laubmassen
rotgolden die Abendsonne schien. Zwischen den gebuchteten Blättern
wie gelbe Perlen die Maulbeeren. Mit Steinen und Knütteln sucht sie
ein Kinderschwarm herabzuholen. Auch schwarze Beeren gibt’s; sind sie
gefallen und versehentlich zertreten, so sehen sie auf dem Kiesboden
wie Tintenkleckse aus; das Gesicht der schleckenden Kinder ist davon
fleckig.
Der urwüchsige Sandboden von Wagen gefurcht, an feuchten Stellen
mit Gras bewachsen. Die Kühe, die soeben mit dem Gemeindehirten
von der Waldwiese heimkehren, rupfen sich vor dem Stall noch einen
grünen Happen. Den Hintergrund des Gemäldes bilden die einstöckigen
Landhäuschen. Auf ihren Rohrdächern Moos. Vor den niedrigen Fenstern
Georginen und Sonnenblumen. Buchsbaum umrahmt die Beete, in der Mitte
ragt ein Wacholderbusch. Dazu gehören noch watschelnde Gänse, trinkend
aus der Pfütze vom nächtlichen Platzregen. An der Gartenpforte seines
Häuschens steht ein weißbärtiger Handwerker in brauner Wolljacke,
pfeifeschmauchend genießt er den Feierabend.
Das schlichte, weißgetünchte Kirchlein mit dem kurzen, breiten Turm
wurde unter Friedrich Wilhelm dem Dritten aus den kargen Überschüssen
der Spinnerei erbaut. Der Turm sieht den Kindern zu, die um das
Kriegerdenkmal spielen. Und zweimal in der Woche schaut er auf ein
kleines, nettes Markttreiben, auf Salat, Spinat und Eier in Körben, auf
Kartoffeln und was sonst die derben Landweiber mit den sonnverbrannten
Gesichtern feilbieten, während die Madamkens die Reihen durchmustern.
Sonst sorgt für den Bedarf der Hausfrau ein Gemüsewagen, dessen Inhaber
mit gröhlender Marktschreierstimme seine Ware preist: „Äppeläppeläppel!
Jurken, Jurken! Pflaumen wie de Puteneier! Jrienä jrienä Heringä!
Flundern, Flundern, Flundern -- wer kooft, der wird sich wundern!“ Eine
andre Gestalt der sandigen Straße ist der lahme Lumpensammler, der
seinen magern Karrengaul immer eine kurze Strecke ziehen läßt, um dann
zu halten, ob ihm nicht alte Kleider und Stiefel, Papier, Lumpen und
Knochen angeboten werden. Um seine Kunden anzulocken, trillert er auf
einer Blechflöte; dann ruft ihm wohl ein Spötter „Rejenwurm“ zu, und
Rejenwurm ist so dumm, sich jedesmal zu entrüsten über den Spitznamen,
der auf sein im Staube wühlendes Gewerbe anspielt.
Neben Hahnenkraht und Huhngegackel waren solche Laute ziemlich der
einzige Lärm, der im alten Friedrichshagen erscholl, -- es sei
denn, daß dumpfe Tuterohre, blökende „Feuerkälber“, wie sie genannt
wurden, die Freiwillige Feuerwehr zu einem Brande herbeiriefen, öfter
natürlich bloß zur harmlosen Übung mit nachfolgendem Biertrunke. Nur
Sonntagabends ging es etwas lebhaft zu, auf der Friedrichstraße, wenn
die Berliner truppweise von einer Landpartie heimkehrten -- zuweilen
in bekränzten „Kremsern“, wie ein mit Dach versehenes Fuhrwerk hieß,
wo elf bis siebzehn Menschen, dicke und dünne, männliche, weibliche
und sächliche, quietschvergnügt (oder richtiger: quetschvergnügt)
stundenlang ihre diversen Gebeine durcheinander rütteln und
vom Chausseestaub bepudern ließen. Den Sommertag hatten sie im
Müggelschlößchen verbracht oder in einem andern Gartenlokal, zu dem die
beliebte Aufschrift lockte:
„Der alte Brauch wird nicht gebrochen:
Hier können Familien Kaffee kochen.“
Abends verzehrten die Familien ihre mitgebrachten Stullen zur „Großen
Weißen“, die kommunistisch aus ungeheurem Glasnapf getrunken wurde,
unter Beigabe einer „Strippe“: eines Glases Kümmel oder Korn.
Wenn nun diese Kleinbürger und Arbeiter mit Kind und Kegel bis in die
Nacht auf die Eisenbahnzüge warteten und im Kupee wie Tonnenheringe
sich drängelten, so läßt sich ermessen, wieviel das Friedrichshagener
Idyll den Berliner Ausflüglern wert sein mußte, da es durch solche
Beschwerden erkauft wurde. Und es war ja auch wundervoll, was das
Müggelgebiet an Naturreizen bot. Träumen durfte man damals noch -- etwa
am Seeranft, auf dem Rasenteppich hinter dem Müggelschlößchen, den
Kiefern und Birken zu Füßen -- oder weiter hinten an der Schilfbucht
unter dem Haargezweige eines Weidenbaumes. Dotterblumen säumen das
Ufer, Binsen und flüsterndes Rohr. Über Stangen gebreitet die Netze
der Fischerinnung. Von der Düne schaut man weit auf einen blauen
Spiegel oder auf schäumendes Gewoge. Rechts die Kiefernhügel mit dem
Aussichtsturm sind die Müggelberge. Drüben das Rahnsdorfer Kirchlein,
ganz hinten die Kranichberge. Vorn im Schutze des Schilfwalls sammeln
sich zur Paarungszeit Schwärme von Teichhühnchen und Haubentauchern,
Enten und Gänseseegern, und ihr verliebtes „Krick“ und „Gork“ mischt
sich ins behagliche Orgeln der Frösche.
Nördlich von diesem Revier, genauer gesagt: vom Lehnschulzengut „Alte
Ziegelscheune“, hatten sich die Kolonisten aus Böhmen und der Pfalz
angesiedelt, denen der Alte Fritz eine halbe Quadratmeile Ödland
abgetreten hatte. Da sie von der Spinnerei allein nicht leben konnten,
rodeten sie Wald aus und beackerten den Boden. Mager gediehen die
Ähren, desto besser die Kartoffeln. Durch die sandigen Ackerstücke zog
sich ein Feldweg, mit Schlehdornbüschen, Akazien, Birken. Da lagen
etliche Granitblöcke, Findlinge aus der Eiszeit. Lieblich prangten die
Feldblumen, besonders auf den Ackerrainen. Allenthalben hingesprüht
flammender Mohn und Kornblumen. Nach Honig duftete das goldig lodernde
Labkraut, und am stillen Sommerabend mischte sich in den harzigen
Kiefernhauch vom nahen Forste der scharfe Ruch gelber Strohblumen. Was
an diesem märkischen Idyll entzückte, war neben dem bunten Unkraut das
Konzert der Lerchen, von denen zur Frühlingszeit immer ein paar im
Äther trillerten ...
„Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!“
Das war mein Gefühl von Kindheit an. Kein Wunder, daß ich als Berliner
Literatur-Novize in den Frieden der märkischen Landschaft flüchtete,
unmittelbar nach meiner Hochzeit mit der Gefährtin, die nächstens mit
mir die Silberhochzeit feiert. Auch Freund Wilhelm Bölsche, mit dem
ich zuvor eine Berliner Wohnung geteilt hatte, siedelte damals nach
Friedrichshagen über. Es schlossen sich noch andere Musenverehrer an,
die entweder von ihrer Feder lebten, oder vom väterlichen Vermögen,
oder endlich von der frischen Luft. Neben seinen Urbewohnern hatte
das alte Friedrichshagen noch ein Paar Fabrikanten, Ärzte, Beamte,
einige hundert Arbeiter, in einer großen Bildgießerei beschäftigt.
Auch manchen Freund des Wassersports, pensionierte Beamte und
Sechsdreierrentiers.
Zu den Straßen, wo die Naturschwärmer wohnten, gehörte die
Kastanienallee mit meiner Mietswohnung. Mir gegenüber ein verwilderter
Laubpark, wo im April die Amsel pfiff, im Fliederbusch Nachtigallen
schlugen. Waren die Bäume entlaubt, so sah man vom Balkon durch das
Gezweige den Bahndamm und die blauschwarze Wand des Forstes. Das
Hinterhaus zeigte Beete mit Blumen und Beeren, Spargel- und Obstgärten.
Aus entfernten Birkengruppen lugten die schlichten Villen der noch
ungepflasterten Nachbarstraße, die den rätselhaft stolzen Namen
„Breestpromenade“ führt. Bis gestern blieb auch die Kastanienallee
ungepflastert. Das ist ja nicht immer angenehm -- wenn zum Beispiel
im Winter auf hartgefrorenem Boden der nasse Schneebrei nicht weichen
will. Doch weil sich Fuhrwerke selten in den Sand meiner Kastanienallee
wagten, hat es ein Sinnierer, mit der Feder arbeitend, hier ein viertel
Jahrhundert ausgehalten ...
Sonst hat sich Friedrichshagen seit Anno dunnemals arg verändert. Am
See, wo Kiefernheide war, ragen die Schlöte und roten Ziegelwände
der Berliner Wasserwerke. An Stelle der dummen Ackerstreifen mit
ihren unrentablen Ähren und nichtsnutzigen Blumen lauter gerade
geschnittene Baustellen, von Stacheldrähten umhegt. Straßendämme, aus
deren Sande schon die Kopfstücke der unterirdischen Kanalisation ragen.
„Aufschwung!“ höre ich ein paar Herren aus Berlin sagen, die sich
offenbar auf Bauspekulation verstehen, und mit Ehrfurcht konstatieren,
was aus der Feldlandschaft geworden. Überall buddelt man den Naturboden
um: jene künstlichen Eingeweide müssen angelegt werden -- abziehen
soll durch sie der viele Unrat, den die funktionierende Kultur mit
sich bringt. Überall bekommt Mutter Erde einen Panzer vor den Busen.
Nicht mehr nach Kuhstall duftet es, sondern nach Benzin; hupende
Autos sausen die Friedrichstraße entlang, und die hat nichts mehr von
der alten Dorfstraße. Der grasige Sandweg verschwunden; gediegenes
Pflaster, Straßenbahnschienen. Keine Vorgärtchen mehr, dafür breite
Bürgersteige. Die ländlichen Häuschen abgelöst durch hohe Mietshäuser
mit Schaufenstern. Die knorrigen Maulbeerbäume verschwunden, ersetzt
durch Bäume von vorschriftsmäßigem Wuchs. Ach, und die holländische
Windmühle hinter Conrads Tanzsaal verschwunden. Gänzlich weggeräumt vom
märkischen Sande, der früher unverwüstlich konservativ erschien. Und
dieser Sand selbst -- wo ist er jetzt? Die Mühle stand doch auf einem
Hügel! Wo blieb der Hügel? Mit Kalk vermischt, ward er in all die rings
emporgewachsenen Mauermeisterstücke vermauert.
Horch, was für ein weltstädtisches Tosen auf der Friedrichshagener
Friedrichstraße? Aus dem Berliner Zuge hat sich ein stampfender,
schwatzender Menschenstrom ergossen. Diese hastenden Arbeiter,
abgespannten Verkäuferinnen und Bürobeamten bringen die dumpfige
Luft ihrer Arbeitskasernen mit und all die andern Segnungen des
Maschinenzeitalters. Elektrische Flammen bestrahlen ein grellbuntes
Plakat. Unter dem Titel eines Theaters hat sich ein Kientopp etabliert,
von Stiergefecht und Detektivromantik flimmern seine Filme. Uff, und
Grammophone lassen ihre Walzen wetteifern! Bei mildem Wetter sind ihre
Besitzer so uneigennützig, die Fenster zu öffnen, damit nur ja die
weite Nachbarschaft lauschen kann dem schelmisch quäkenden Damencouplet
und der Arie eines Baßbuffo, der Stockschnupfen hat oder sich beim
Singen die Nase zuhält. Und wenn auch noch das oberste Luftreich
von der neuen Ära bebt! Wenn vom nahen Flugplatze Johannisthal eine
Rumplertaube in brummenden Kreisen naht oder ein Parseval wie ein
Fabeldrache angeschnoben kommt ... O Himmel, was für einen Aufschwung
hast du über das gute Fritzenwalde verhängt!
Einen andern Aufschwung meinte ich, als die Osterlerche über dem
Forsthaus jubilierte. Doch den will man noch nicht gelten lassen in
Preußisch-Schilda. Nach Gesinnung und Verfassung ist lieb Vaterland so
geblieben wie Anno dunnemals, als es den Chronisten hinter Schloß und
Riegel steckte. -- Ob’s endlich mal anders wird? Ob es Schildbürgern
gelingen wird, die Seelen so fliegen zu lassen wie ihre Maschinen? Ein
Trost, daß es noch singende, springende Löweneckerchen gibt.
Der Igel
Den Igel von der Buxtehuder Heide haben wir als Kinder bejubelt -- wie
er mit dem langbeinigen Junker Hasen um die Wette lief: seine Frau
hatte er am Ziel versteckt, so daß der Hase, als ihm Fru Swinegelin
zurief: „Ick bün all hier!“, meinte, nun sei ihm der krüppelbeinige
Konkurrent doch zuvorgekommen. Im wiederholten Wettlauf ging dem Hasen
die Puste aus, tot streckte er seine Stelzen.
Guter Meister Igel, was bist du trotz deiner Stacheln für ein herziger
Bursche! Nicht nur der Heidebauer jubelt dir zu, weil du verschmitzter
Kerl dir zu helfen gewußt mit deiner wackern Ehehälfte und weil du’s
dem Junker Hochmut gründlich eingetränkt hast, daß er zu spotten
gewagt über den geringen Mann. Glaube nun beileibe nicht, daß ich dich
herabsetzen will, wenn ich deinen Namen einer zweibeinigen Kreatur
gebe, die ihn nicht ganz verdient; denn der menschliche Igel, auf
den ich zu sprechen komme, besaß deinen charaktervollen Schlaukopf
bloß in seiner Einbildung, und seine Ähnlichkeit mit dir erstreckt
sich fast nur auf das duckmäuserische Exterieur. Auch stand ihm keine
Swinegelin zur Seite, sintemalen er bis in sein sechstes Jahrzehnt
den Junggesellenstand beibehalten. Friedrichshagen, wo dieser Igel
hauste und waltete, war damals noch dörflich, hatte an ländlichen
Häuschen mit Rohrdach und Fliedergärtchen nicht Mangel, besaß noch
keine Pflasterung, keine Kanalisation, keinen Kientopp und keinen
Bürgermeister.
„Es ist schon lange her --
Das freut mich um so mehr“ --
-- und zwar besonders aus dem Grunde, weil man nach so viel Zeit eine
Lippe riskieren und ohne Gefahr einer Majestätsbeleidigung verraten
darf, besagter Igel von dunnemals sei eine Respektsperson gewesen,
gewissermaßen der Statthalter des Königs von Preußen am Müggelsee,
nämlich etliche Monde lang stellvertretender Amtsvorsteher von
Friedrichshagen. Sein bürgerlicher Name war Friedrich Hegel, und es
ist nicht ausgeschlossen, daß er irgendwie verwandt war mit jenem
Philosophen, den eines Schwabendichters Loblied wetteifern läßt mit den
Guanovögeln:
„Trotz meinem Landsmann, dem Hegel,
Schafft ihr den vortrefflichsten Mist.“
Um die Kassenführung eines ostelbischen Städtchens war unser Fritz
Hegel so verdient, daß ihn die allgerechte Obrigkeit mit dem
Kronenorden vierter Güte und dem Titulo Rechnungsrat dekoriert hatte.
Anfangs nannten ihn die Fritzenwalder Herr Rechnungsrat. An sein
früheres Rechnen schien er freilich nicht sonderlich gern zu denken; er
hatte auf diese Anrede zunächst einen stechenden Blick, dann näselte
er mit einem Lächeln gemachter Leutseligkeit: „Bitte nennen Se mich
einfach Rat.“ O freilich, Rat Hegel, das klingt vornehm; was ist
dagegen Amtsvorsteher! Vorstehen kann schließlich jeder Bäckermeister.
Aber Rat -- das läßt auf Geist und Bildung schließen; Ratgeber hat
man „oben“ nötig. Der Herr Landrat des Kreises Niederbarnim ist auch
einfach Rat!
Der „Alte Fritz“, Gründer von Friedrichshagen, war Hegels besondere
Schwärmerei und ja auch Friedrich getauft; deshalb nannte den Rat sein
Stammtisch im „Waldhaus“ gern den „Jungen Fritz“. Allerdings war unser
Igel durchaus kein Jüngling mehr; immerhin wäre ja der Große Friedrich,
wenn er jetzt noch lebte, jetzt viel älter als der Amtsvorsteher
Hegel. Übrigens wollte man ein unterscheidendes Merkmal gegenüber
dem Alten Fritz geltend machen. Und schließlich gehörte es zu den
Eigentümlichkeiten des Jungen Fritz, immer noch jugendlich aufzutreten,
zumal der Damenwelt gegenüber, für die er eine nie versiegende
Verehrung empfand.
Auch wie er zu dem Spitznamen Igel kam, will ich nicht verschweigen.
Schon der Name Hegel hat die Anlage, in Egel, Igel umgewandelt zu
werden. Und als ich zum erstenmal mit dem Rate zu tun hatte, ging es
mir durch den Sinn: den mußt du schon mal gesehn haben! Wo denn aber?
Da ward mir auf einmal klar, daß dieser Würdenträger Ähnlichkeit mit
dem wettlaufenden Swinegel hat, wie ihn Ludwig Richter gezeichnet. Hier
war ja dieselbe kurze Gestalt, derselbe kleine Duckmäuserkopf mit den
listigen Schweinsäugelchen, dieselbe rattenhafte Spitzmäuligkeit --
seine schmalen, rasierten Lippen wurden durch ein paar Nagezähne schräg
nach vorn geschoben -- hier war auch der huschende Leisegang des Igels.