War aber Czinka wirklich heimwehkrank? -- Sie wußte es selbst nicht. Sie

fühlte nur, daß sie gern sterben würde wenn sie noch einmal den Wald von

Zircz über ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu hätte

spielen hören dürfen. Der böse Anthony -- wo war er nur, und warum war er

davon gelaufen? Tagtäglich dachte sie ja an ihn und alljährlich suchte sie

ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, -- und bis zur Stunde

hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war

-- er hatte ihn so treulich suchen helfen -- er hatte sein Versprechen

gehalten! -- Und wenn sie den Flüchtling endlich wirklich finden würde? Was

dann? -- Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken -- sie dachte nur daran,

daß er dann alle die wilden köstlichen Melodien spielen und sie -- _tanzen_

dürfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach _seiner_ Geige, -- das war

die heimliche glühende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschloß sie sich

in ihrem Schlafzimmer und öffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der

zu Häupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bündel von Kleidern

ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr

schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lächelnd wie ein Kind auf ihre

Füße, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen

und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blüthe, hin und her. Nach einer

Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drückte sie an

die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschloß sie ihre Kleinodien

sorgsam wieder und ihre gewöhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth,

wenn sie die Thür öffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thränen.

Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frühjahr hin, sah sich der Graf

genöthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark

abzureisen. Auf seinem schönen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner

Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebäude

zerstört worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das

Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rückkunft wollte dann das

Paar eine längstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte

sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste größere Trennung

von ihr, und als er sie an einem kalten trüben Märzmorgen zum Abschied

in seinen Armen hielt, lag das Vorgefühl eines ungeheuren Wehs auf seiner

Brust.

»Sei heiter, Czinka,« bat er, »zerstreue Dich und schließe Dich nicht ab

-- in vier Wochen spätestens bin ich bei Dir und dann, -- Du weißt es ja,

_dann suchen wir ihn wieder_! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst.«

Sie sah ihn gerührt an: »Wie gut Du bist!« antwortete sie leise, »tausend

Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du

bliebest hier!«

Er küßte sie noch einmal zärtlich, der Wagen fuhr vor, er ging -- sie

neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gruß

nach. Der Wagen rollte dahin. -- Als die Gräfin dann die großen Räume

durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strömte plötzlich

das Gefühl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie

eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet,

die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und

weinte bitterlich.

* * * * *

Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Gräfin seit längerer

Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des

Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glänzendsten Gesellschaft vor,

und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Gräfin vor

der Thür des Saldernschen Hauses und man konnte später die schöne

Frau, meistens in Weiß gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug,

in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren

dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll

abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet

angekündigt, und beim Beginn der Vorstellung saß Czinka Saldern einsam in

ihrer Loge, mit jenem schweren träumerischen Blick und jener nachlässigen

Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzückte.

Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren

zierlichen Fingern, sie wußte nicht was er ankündigte, das Lesen war so

mühsam! Die Marquise d'Anville hütete heute eines kleinen Unwohlseins

halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewöhnlich gefüllt. Die

Logennachbarin der schönen Frau, die alte Herzogin M., erzählte ihr daß

heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf --

die Gräfin zuckte zusammen. Alles Blut drängte sich nach ihrem Herzen. --

Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Männer und

Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand

über dem Walde. Da tönte der erste Accord einer fremden Musik -- er

übertönte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl großes Aufsehen gemacht

haben würde, denn er kam aus dem Munde der schönen gefeierten Gräfin

Saldern. -- Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka

glaubte zu träumen. Das war ja jener hüpfende, hinreißende Tact, das waren

jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmäßige Herzschlag der

punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen

und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender

Athem bei dem Worte: »ich liebe Dich!« -- Sie starrte in wilder Erregung

auf die Bühne. Zwölf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten

sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene

Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt

einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie

von einem Zauber befangen lauschte? -- Niemand wußte es, denn sein Name

stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich

seinen Namen, Eine hing an seinen Zügen mit leuchtenden Augen, -- aber

diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach

als der Geiger geendet. Man war entzückt, fast verwirrt von der seltsamen

Schönheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berühmtesten

Geigenvirtuosen _so_ toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten

Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif

geschnürten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nämlich,

und begannen einen kunstvollen Tanz nach der plötzlich voll losbrechenden

Zigeunermusik. -- Da glitt die Gräfin geräuschlos aus der Loge -- da

lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen

pfeilgeschwind durch die Straßen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin

die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen

geheimnißvollen Schrein hervor, schloß ihn auf, warf ihre Kleider ab in

fieberhafter Hast, -- und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde

tief vermummt wieder fort, an dem Kammermädchen und dem Portier vorüber,

die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als daß sie jene

vorüberhuschende Gestalt bemerken konnten. -- Im Theater war eben der

erste Theil des Ballets vorüber, lebhafter Beifall lohnte den erschöpften

Ballerinas. Plötzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue

Ueberraschung enthüllte sich. -- Durch die Reihen der Tänzerinnen brach

sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock

mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschließendes Mieder,

kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing

in schweren Flechten herab. Wie schön war sie! Wie fremdartig schön! Und

doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo?

-- Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: »=Huzdra Czigány!=«

(Spiel auf, Zigeuner!) -- Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt

des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren

Höhlen, er regte sich nicht -- wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie

trat dicht an ihn heran -- jetzt selber so bleich wie er, -- und sagte mit

der Miene einer Königin: »=Huzdra, Anthony Czermak!=« Ihr Blick der nicht

von ihm ließ, belebte allmählich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der

Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte -- in Worten ließ sichs

nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwüle Wolken zog

es über die Häupter der Hörer hin, wie ein glühendheißer Sommerabend voll

schweren betäubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte

sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehört. Wer konnte

sagen, wo die gewaltigste Schönheit: im Ton, in der Bogenführung, in der

Composition? -- Und zu diesem hinreißenden Spiel tanzte die fremde Tänzerin

wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem

Spiel gehörte -- oder war das Spiel für diesen Tanz gemacht? -- Die

reizende keusche Beweglichkeit der Glieder -- der tolle Jubel und die

schmerzliche Lust dieses Tanzes entzückte und erschütterte jedes Herz:

-- wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmärchen von der

todtbringenden Königin zitterte es durch den Saal -- wie ein Traum lag

es auf Aller Augen. -- Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die

Zaubergeige längst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend

ein. Die Ballettänzerinnen sprangen höher und kunstvoller denn je -- die

Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tänzerin waren verschwunden!

* * * * *

Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern'schen Gartens lag Anthony

Czermak zu den Füßen Czinka's, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische,

die Läden der Fenster waren geschlossen. Die Gräfin trug aber nicht mehr

jenes Zigeunercostüm, das sie während des tollen Tanzes getragen, sie hatte

sich in ein weites dunkles Hauskleid gehüllt und einen Mantel fröstelnd um

die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschöpft aus, und ihre

Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der

vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige

Haar aus der Stirn:

»Du siehst so fremd und wild aus,« sagte sie in weichem Ungarisch

träumerisch.

»Sage lieber verloren und untergegangen,« antwortete er düster.

»Daß Du mich verloren ist ja Deine Schuld, -- Du hast es selbst gestanden,

Anthony!«

»Ich _konnte_ nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn

an Stirn mit _ihm_ sah, -- aber ich wunderte mich, daß ich Euch Beide nicht

niederstieß damals.«

»Es wäre vielleicht besser gewesen für uns Alle.«

»Wie Du das traurig sagst -- wie Du traurig blickst, Czinka, und wir haben

uns doch wieder gefunden, wir sind doch wieder bei einander, Du wirst mir

folgen und alles Leid wird vergessen sein!«

»Ich gehe nicht _heimlich_ von ihm fort, ich wiederhole es Dir -- er ist zu

gut! Es würde ihm das Herz brechen!«

»Mag es doch -- hast Du nicht das meinige tausendfach gebrochen?«

»Aber Du hast es so gewollt in blinder Eifersucht und Du hattest einen

Trost: _Deine Geige_ -- _er_ hat keinen Trost wenn ich ihn verlasse.«

Er schwieg eine Weile und sah finster zu Boden. Dann fragte er hart:

»Und wann willst Du kommen?«

»Wenn ich ihm Alles gestanden -- wenn er wieder bei mir ist.«

»Laß mich rechnen: -- in etwa vierzehn Tagen wird er zurückkehren. Dann

wirst Du in der Stunde des Wiedersehens noch mit ihm reden, hörst Du?« Sie

neigte bejahend das Haupt. »Ich erwarte Dich dann hier an dieser Stelle,

oder einen Brief von Dir,« fuhr er fort, »der mir die Stunde unserer

Vereinigung angiebt. -- Du wirst mich nicht warten lassen Czinka, ich weiß

es!«

Er stand auf.

»Ich werde kommen,« flüsterte sie, »ich werde ihm in der ersten Stunde

unseres Beisammenseins Alles, Alles sagen, Anthony, und er wird mich

freigeben, -- und sollte ich zögern aus Muthlosigkeit oder aus Mitleid, so

komm mit Deiner Geige unter mein Fenster und rufe mich, -- Deiner Geige muß

ich folgen ohne Wahl. Du bist ein Dämon mit Deinem Spiel! Ich glaube, es

risse mich in die Hölle!«

»Ich hätte vielleicht wie die Engel im Himmel geigen gelernt wenn Du bei

mir geblieben.«

»Sprich nicht so, Du thust mir weh, sag' mir lieber wer Dich so spielen

lehrte?«

»Mein verzweifeltes zertretenes Herz!«

»Armer Anthony!«

»Laß mich -- reiche mir nicht die Hand hin -- das sieht aus wie ein

Almosen! Ich will kein Almosen, ich will Dich -- _Dich_ mit Leib und Seele

-- geh weg mit Deiner Hand und laß Deinen mitleidsvollen Blick von mir!

-- Hier küsse dies Amulet auf meiner Brust, Czinka, -- Du weißt, daß

Deine Mutter es mir umgehängt, als sie mich zu Deinem künftigen Schützer

bestimmte, und daß Deine berühmte Großmutter, die weise Czinka Panna, es

getragen, küsse es, sage ich und schwöre, daß Du kommen willst!«

Sie berührte den aus einem Stein geschnittenen Stern und schwur.

»So leb' denn wohl, Du geliebte Verlorene! Auf Wiedersehen Czinka, auf

Wiedersehen, zu einem Leben voll toller Lust!« Er neigte sich, nahm

ihr bleiches Antlitz zwischen seine beiden Hände, sah sie mit einem

verzehrenden Blicke an und murmelte: »Ich erwarte Dich, Gräfin Czinka

Saldern! O, Du bist noch schön genug um die Geliebte Anthony Czermaks zu

werden!«

Dann ließ er sie los und ging in die Nacht hinaus.

* * * * *

Zwei Tage später erhielt die Gräfin die entsetzliche Nachricht, daß

ihr Gemahl todtkrank in einem kleinen Dorfe an der Grenze von Tyrol

daniederliege. Auf der Rückreise begriffen war er mit dem Wagen umgeworfen

und schwer verletzt in das Haus des menschenfreundlichen Caplans in B.

getragen worden. »Eilen Sie,« schrieb der würdige Geistliche an die Gräfin,

»dem Sterbenden den letzten Trost ihrer Gegenwart zu bringen, er nennt

Ihren Namen mit dem Ausdruck innigster Sehnsucht.«

Czinka war fast gelähmt vor Schreck und Trauer. Sie ließ sogleich

das Nöthigste packen und reiste wenige Stunden nach Ankunft der

Schreckensbotschaft in Begleitung ihres Hausarztes nach dem Orte des

Unglücks ab. Nach beschwerlicher, unausgesetzter Fahrt von mehreren Tagen,

kam sie gegen Abend in dem lieblichen B. an. Sie ließ sich ohne Aufenthalt

in's Pfarrhaus führen. Es lag wenige Schritte vom Dorfe entfernt in

einem reizenden Garten, und sah aus wie eine Stätte des Friedens, wie ein

Zufluchtsort für müde Wanderer. Der schöne Greis, der ihr grüßend auf

der Schwelle entgegentrat, erschien ihr wie ein gottgeweihter Bote der

Genesung. Sie streckte ihm beide Hände entgegen und brach in Thränen aus,

unfähig zu fragen oder seinen Gruß zu erwiedern.

»Er lebt noch,« war sein erstes ernst-mildes Wort.

Erschöpft sank sie nun auf eine kleine Bank im Hausflur und faltete die

Hände. Die Schwester des Caplans trat jetzt aus einer Seitenthür, eine

freundliche Gestalt mit dem Antlitz einer barmherzigen Schwester, und

führte die Fremde in ein kleines zierliches Zimmer.

»Ruhen Sie eine Stunde hier,« bat sie sanft, auf das blendende Bett

zeigend, »Sie brauchen Kraft seinen Anblick zu ertragen -- der Odem ist

noch in ihm, aber noch ist die Besinnung nicht wiedergekehrt!«

Czinka's Augen füllten sich von Neuem mit heißen Thränen, dann aber warf

sie ihre Reiseumhüllungen ab und sagte entschlossen:

»Wie könnte ich ruhen, ohne ihn gesehen zu haben! Ich bitte, führt mich

sogleich zu ihm!«

Niemand versuchte sie zurückzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge

Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Fülle

der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht

entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tücher

geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes.

Czinka's Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich über ihn, sie nannte

seinen Namen, -- er regte sich nicht -- nur zuweilen öffnete er müde und

schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr.

»Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge,« sagte jetzt die Gräfin

und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen

Schemel.

* * * * *

Tage und Wochen vergingen. Die Gräfin richtete sich in dem einfachen

Pfarrhause ein, der Arzt mußte sich's gefallen lassen in der kleinen

Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken änderte sich wenig. Ein

zweiter Arzt war aus der naheliegenden größern Stadt verschrieben

worden, auch er schüttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach

von Gehirnerschütterung und Rückenmarksverletzung, und prophezeihte im

günstigsten Falle bleibenden Blödsinn. Seine traurige Weissagung schien

sich in der That erfüllen zu wollen, denn die Körperkräfte des Kranken

fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von

Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewußtsein blieb erloschen.

Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male

wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein

unmündiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff

nach den Blumen, um sie entzückt zu betrachten und dann nach einer Weile

seufzend wieder fallen zu lassen. -- Sanft und geduldig war und blieb er

gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mußte Czinka gewahren, daß

er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrüßte als sie

selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, während er sie Therese nannte.

Die Vergangenheit schien für ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit

versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war für

ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglück geschehen,

überfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner

Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zärtlichster Sehnsucht, und

konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen

Kopf an ihre Brust lehnte. Dann saß er still Stunden lang, bis er endlich

heiter lächelnd sagte:

»So -- nun laß mich schlafen gehen!«

Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch

mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben ließ: es leuchtete ja

ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, -- eine

ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lösen sich mühte. In heißem

Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief:

»Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau!«

Czinka's Leben war jetzt völlig ausgefüllt von einer unablässigen Sorge

und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hülfbedürftiges Kind, so waltete sie um

ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewänder, und wer sie so

schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr

begegnete, wie sie ihn stützte und leitete, der hätte sie für eine jener

edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten

müssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo

Noth und Elend ihre Seufzer zum Himmel schicken. -- Schlummerte Alfred, so

saß sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete

auch wohl den würdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergängen, oder

in die Hütten seiner Beichtkinder. -- Trotz dieser, aus strenger

Pflichterfüllung erwachsenden Thätigkeit, fühlte sie sich nicht ruhig und

zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht

zum zweiten Male fluchte, quälte sie oft bis zur Verzweifelung. -- Sie

konnte ihm keine Nachricht von sich geben -- sie wußte ja nicht, wohin er

sich gewendet. Die furchtbare Angst daß er kommen möchte um sie hier --

_hier_ an dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten,

fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch

an Alfred? Fühlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? -- Hatte

sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony's gegenüber, wenn er

jetzt käme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? -- Sie mußte sich

gestehen, daß sie keine hatte -- aber dies Bewußtsein brachte ihr seltsamer

Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an

der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst

als Gatten bestimmt -- Tausendmal gedachte sie schaudernd der dunklen

Prophezeihung der Großmutter -- -- vergebens, -- ein einziger Blick auf

ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lächeln einen Blumenstrauß zerpflückte,

-- oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, genügte um in ihrem

Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf

ewig schlösse. -- -- Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich

dem Andringen der Aerzte, die Rückreise mit dem Grafen anzutreten, sie

fürchtete Wien, sie fürchtete die größere Möglichkeit einer Begegnung mit

Anthony. -- Aber der Herbst kam, der Körperzustand des Kranken war fast

der eines völlig Gesunden, täglich wiederholten die Aerzte ihren Rath,

den Grafen nach Wien zurückzuschaffen, und als man der Gräfin endlich zu

verstehen gab, daß man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die

Rückkehr in bekannte Räume knüpfe, -- da sah sie alle ihre Weigerungsgründe

erschöpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den

Befehl, die Reisewagen zu packen. -- Der Abend, der dem gefürchteten

Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewöhnlich rauh und

traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die

letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wöchnerin

die Abendsuppe hin, die beiden Diener packten, Czinka saß einsam neben dem

Grafen, der, wie gewöhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an

ihre Schulter lehnte. -- Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten

Kastanienbäume seufzten und ächzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um

das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank

sie wie erlöschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es

wehte schon wie Winterhauch durch die Räume, und bei dem scharfen Knistern

des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. -- Czinka

war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von

Zircz -- aber es war heller Frühling und junges Grün wohin sie schaute. Und

sie saß auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern saß neben ihr und wand

schöne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. -- Ihre Augen

leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! -- Da griff

plötzlich eine schlanke braune Hand über ihre Schulter weg nach dem rothen

Schmucke: Anthony zerriß mit häßlichem Lachen die Ketten und die glänzenden

Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie böse war sie ihm da

gewesen! Und wie bald hatte sie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone

seiner seltsamen Geige. Dieser Ton -- wahrlich er konnte Todte erwecken

-- -- und Engel abtrünnig machen!

Czinka war es jetzt als hörte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks

Geige ganz deutlich in weiter Ferne, -- ach, sie _träumte_ ja -- _träumen_

ließ sichs gut von Anthony Czermak -- er durfte nur nicht in Wirklichkeit

da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft!

Horch -- da spielte er die Rackoczy Nota -- wie süß ist's doch so

_deutlich_ zu träumen! -- Langsam und deutlich zog sie daher jene

köstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! -- Aber da -- ewige

Barmherzigkeit -- da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf

und rief fieberhaft erregt: »Czinka, hörst Du nicht -- es ist Anthony, der

da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich -- wir haben ihn endlich

gefunden!« -- Nach diesen Worten sank er ohnmächtig zurück. --

Neue Novellen · 第 11 / 12 段